ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Der kleine Don Quichote

Erzählung für die Jugend

Nach dem Französischen der Gräfin Germanie

Verfasserin von Robinson’ s Enkelin
Berlin Verlag Alexander Duncker
1845
Bilder von Th. Hosemann

Kap. I



Heinrich von Clerval hatte eben seinen Vater verloren, in dem Alter, wo ein Kind noch so sehr der Sorgfalt und des Schutzes bedarf, und wo es dennoch im Stande ist, den Verlust tief zu empfinden, den er erleidet. Heinrich war um  so unglücklicher, als ihm seine Mutter frühzeitig entrissen worden und weder Bruder, noch Schwester, weder Verwandte, noch aufrichtige Freunde die Stelle seiner Eltern ersetzen konnten.

Nach dem Tode seiner Frau hatte sich Herr von Clerval in gefährliche Spekulationen eingelassen, in Folge deren seine Gesundheit und sein Charakter gelitten hatten, und zuletzt sein Vermögen dergestalt zerrütet  worden war, da ß man, als sein Nachlaß geordnet wurde, anstatt etwas für den den armen Heinrich zu finden, gezwungen war, den Gläubigen  Alles bis zu den Möbeln und Sachen, die irgend einen Werth hatten, zu überlassen.

Eine Freistelle in einer Erziehungs – Anstalt, blieb daher die einzige Hoffnung des armen Waisen.  Er war mit Sorgfalt und selbst in einer Art von Ueberfluß erzogen; denn sein um die Zukunft unbekümmerter Vater suchte nur die Gegenwart zu genießen, und hatte selbst in den letzten Jahren einen Aufwand zu machen gewusst, der weit über seine Mittel ging.

Heinrich war daher auf’ s höchste erschreckt, als der ernste und strenge Geschäftsmann ihm in klaren und bestimmten Worten eröffnete, wie er ihn, bei seiner verlassenen Lage, der öffentlichen Mildthätigkeit überliefern müsse.

Schamröthe stieg ihm hierbei in’ s Gesicht, und um die Thränen zu verbergen, welche seine Augen füllten, flüchtete das arme Kind in sein Zimmer, das aber ach! Fast aller Möbel beraubt, das Bild der Verwüstung zeigte, und eine eben so schmerzliche  Sprache führte, als der Geschäftsmann, dem er sich hatte entziehen wollen.

 Stolzen und empfindlichen Gemüths eilte Heinrich die Stubenthür zu verriegeln um ungestört weinen zu können:
Ach! Mein Gott, seufzte er, ist es nicht genug, weise zu sein, meinen Vater zu verlieren und ihn von finstern und groben Leuten forttragen, in eine entsetzliche Gruft senken zu sehn, die Erde auf seinen Sarg fallen zu hören….  Muß ich noch der Gegenstand des Mitleids werden, mich ohne Hülfsquellen, ohne Freunde sehn… Gott, mein Gott, was soll aus mir werden?...

 Heinrich wiederholte dieselben Worte und gab sich denselben Betrachtungen hin, bis ein neuer Gedanke, den er sich wunderte, nicht schon gehabt zu haben, in ihm aufstieg, und den er mit der ganzen Lebhaftigkeit eines jungen Gemüths von 13 Jahren, welches leicht von der tiefsten Entmuthigung zur größten Hoffnung und Zuversicht übergeht, verfolgte.

„ Aber, sagte er sich selber plötzlich, ich habe ja noch eine Verwandte! ...  meine Großtante, der ich zum Namenstage und zu Neujahr, bei Lebzeiten meiner Mutter, Glück zu wünschen pflegte, ist gewiß noch nicht todt… ich erinnere mich, daß Papa ihr vor Kurzem geschrieben hat… freilich hat er ihre Antwort in’ s Feuer geworfen, indem er sagte, sie sei eine schlechte Verwandte, ein alter Geizhals.

 Sie hat mich aber liebkost’ t, als ich klein war, und wenn sie geizig ist, so bewis’ t dies, daß sie etwas zu verwahren, daß sie Geld hat. … vielleicht nimmt sie sich meiner an; ich werde zu ihr gehen … eher Alles thun, als hülfe von Fremden erbetteln …. Von Geschäftsleuten.“

 Dies sagend, fühlt Heinrich seinen Muth wiederkehren, er bürstet sorgfältig seinen, mit Flor bezogenen Hut, wirft seinen schwarzen Mantel um und trotz des, in starken Flocken fallenden Schnees, fängt er mit großen Schritten die vielen und krummen Straßen zu messen an, welche

ihn  vom Stadtteil des „jurdin des plantes“ trennen, wo seine alte Verwandte ein bescheidenes Quartier, zwischen Hof und Garten bewohnt, in einer Gasse und einem Hause, welches Heinrich  nicht verfehlen zu  können glaubt, so stark ist seinem jugendlichen Gedächtniß  das Andenken daran eingeprägt.

 Dennoch, trotz diesem Schüler – Gedächtniß, geht der arme Heinrich auf und ab, mehrere enge und finstre Straßen hindurch, in der nähe des „ jardin des plantes“, ohne die Thür aus altem braunen Holz, mit großen verrosteten Nägeln wiederfinden zu können  welche er sich sehr gut erinnert, in seiner frühen Jugend überschritten zu haben, um den kleinen Hof des Hauses seiner Tante zu kommen; umsonst klingelt er an einigen, welche die meiste Ähnlichkeit mit der gesuchten haben, diese Thüren öffnen sich nur, um ihn zu überzeugen, daß sie wirklich nicht zur Wohnung der alten Dame führen, und wenn er zur Entschuldigung zu fragen wagt nach „ Fräulein L’ Espinoh“, so ist die kurze Antwort „ Kenne sie nicht“ oder die längere, aber noch unangenehmere „ Niemand dieses Namens wohnt hier, kleiner Einfaltspinsel“, Antworten, die ihn seines Irrthums überführen und seine getäuschte Hoffnung vermehren.

 Heinrich, erschöpft vor Müdigkeit und Hunger, danebend wünschend, den Augenblick so viel wie möglich zu verschieben, wo er zurückkehren muß in die traurige Wohnung seines Vaters, wo Niemand ist, ihn zu empfangen und für ihn Sorge zu tragen, entschließt sich, bei einem bescheidenen Restaurateur , der ihm in die Augen fällt, einzukehren, dessen prunkendes Schild, Pasteten, Braten und Fische gemalt darstellt, welche gewiß niemals wirklich in der Küche erschienen sind.

Aber Heinrich hat nicht das Recht, Umstände zu machen, seine Börse ist wenig mehr gefüllt, als sein Magen; er ist daher mit einem Stück Kalbsbraten zufrieden, welches ihm ein kleiner pausbäckiger Junge bringt, der zugleich den Dienst eines Küchenjungen und den eines Dieners zu verrichten scheint.

Dieser steht unsern Helden auf eine freundliche Weise an, als er es seit langer Zeit gewohnt gewesen, und gewinnt dadurch bald dessen Herz, welches neuer Muth belebt.

Nach eingenommenen Frühstück, welches auch sein Mittagbrot sein soll, ergreift Heinrich die Zeitung, um einen Vorwand zum längeren Verweilen beim Speisewirth zu haben;

seine Augen fallen auf die Anzeigen von Personen, welche Dienstboten suchen, und Stellen verschiedner Art anbieten;  plötzlich kommt ihm in den Kopf, daß er wohl darunter eine finden könne, welche für ihn passend wäre und die ihm die Mittel gäbe, seinen Unterhalt zu sichern: „ ich schreibe, rechne gut, weiß etwas Latein, ich spiele die Geige nicht allzuschlecht, vielleicht gebraucht man etwas dieser Art“, sagte er zu sich selbst.

„ Man wünscht eine gute Amme“ – das ist es nicht – „ man will einen Papagei kaufen“, auch nicht! – „ Man begehrt einen zuverlässigen Mann“ – Ach! Ich bin noch kein Mann! – nun, das ist meine Sache…. „ Man wünscht einen jungen, wohlerzogenen Menschen, welcher eine schöne Handschreibt und der Manuscripte abschreiben kann“. Ja, ja, das ist es!  ….. aber nein, mein Gott! „ er muß zweihundert Franken niederlegen können, als Caution für die ihm anvertrauten Manuscripte,“
Wo soll ich die zweihundert Franken hernehmen! seufz Heinrich, und indem er zu lesen fortfährt, findet er nur Anträge, denen er nicht nachkommen kann, oder Anerbieten, welche an Leute gerichtet sind, die selbst etwas bieten können.

Das Blatt  mit Bitterkeit auf den Tisch legend, will er sein bescheidenes Mahl bezahlen, als er an seinem Platze von dem Lärm zerbrechenden Porzellans festgebannt wird, einem Lärm, dem alsbald eine Ohrfeige und der Schmerzensruf des Unglücklichen, welche sie empfing, folgte . . . Heinrich stürzt in die anstoßende  Stube, wo der Lärm herkam, und sieht den dicken Wirth, hochroth vor Zorn, die Hand noch über dem armen kleinen, an allen    Gliedern zitternden Küchenjungen erhoben, welche beide Augen mit schrecken auf zwei Tassen richtet, die er so eben fallen ließ  und zerbrochen hat .. .

„ Erbärmlicher taugenichts! Schreit der Wirth, da haben wir wieder deine Kunststücke … nun ist es aus … du wirst das Haus verlassen … ich jage dich fort  . .du kannst betteln gehen, wo du willst … „ Ach, mein guter herr, antwortete der kleine Deliquent, mit Thränen in den Augen, schicken Sie mich nicht fort, ich bitte Sie .. es wird nicht mehr

begegnen … halten Sie mir den Preis der beiden Tassen auf meine Nahrung zurück .. . „ „ Deine Nahrung … Nichtsthuer! Verdienst du sie etwa?  . . noch dazu isst der Bube, wie vier . . er würde Vater und Mutter verschlingen!“  - „ Ach guter Herr, ich habe weder Vater noch Mutter je gehabt  ….. Ihr wisst es ja! Ich bin ein Findelkind . . und wenn Ihr mich fortjagt, muß ich Hungers sterben! – „ – Das wäre wohl ein großes Unglück, nicht wahr?  Und der große Restaurateur wollte vielleicht eine zweite Ohrfeige auf die andere Backe des armen Knaben geben, um das Gleichgewicht herzustellen mit der welche schon unter dem ersten Schlage angelaufen war, als Heinrich, welcher sich bis jetzt mit Mühe zurückgehalten hatte, mit hervorstehenden Augen, entflammtem Gesicht, stolzen und drohenden Geberden, kurz mit dem Ausdruck eines Rächers hervorstürzte . .

Bevor wir weiter gehen, wird es nöthig sein unsern jungen Lesern und Leserinnen den Hauptcharakterzug unsers Helden kennen zu lehren, einen Zug, den wir eine edle rührende Eigenschaft nennen würden, wenn nicht das Uebermaaß in Heinrich zu oft einen, für ihn und andre gefährlichen Fehler daraus gemacht hätte

 Wir sprechen von seinem Abscheu gegen alle Ungerechtigkeit und von seinem Hang diese alsbald zu ahnden, sich ohne Ueberlegung einzumischen, so wie ihm die Billigkeit verletzt scheint und das Recht des Stärkeren die Oberhand behalten will. Dann färbte sein erhitztes Blut plötzlich seine Wangen hochroth und seinen Blick belebte ein Feuerstrahl, mit welchem er den Unterdrücker hätte vernichten mögen. In solcher Aufregung entsprach oftmals seine zitternde Stimme seinem Zorne wenig, und er ließ nur unterbrochne Laute hören, anstatt der beredten, niederschmetternden Worte, welche ihm sein Gesicht eingab . ..

Dies alles vermehrte gewöhnlich den Schaden, ohne jedoch unsern jungen Hitzkopf abzuhalten, sich als Don Quichote zu zeigen, wo es nur eine Gelegenheit gab.

Dies hatte denn endlich zur Folge, daß ihm seine Kameraden diesen Namen beilegten, welchen er übrigens wie einen Ehrentitel empfing.  Zog er sich auch Händel zu, so machte ihm sein ritterlicher Sinn auch Freunde, und flößte seinen Gegnern zuweilen Respect ein.

 Nach den Gefühlen welche wir eben in unserm Heinrich beschrieben, kann man leicht denken, was er empfand, als er Zeuge von dem wurde, was sich zwischen dem unmenschlichen Garkoch und dem jungen Knaben zutrug, der schon durch sein offnes und freundliches Wesen sein Herz gerührt hatte und jetzt, wo er in selbigem ein armes Schlachtopfer sah, der Gegenstand seiner lebhaftesten Theilnahme wurde.

Auf den Wirth mit tief gefühltem Unwillen losgehend, redete ihn Heinrich mit einer Heftigkeit an, welche ihn hinderte seine Worte richtig zu stellen.

Ihr Sinn konnte jedoch nicht zweifelhaft sein. -  „ Was geht das Euch an? – warum mischt Ihr Euch ein?“ entgegnete der dicke Wirth und würde sicher einige Schimpfnamen hinzugefügt haben – wenn er nicht, indem er Heinrich von Kopf bis Fuß betrachtete und den sorgfältigen Anzug bemerkte, welchen dieser noch der Zeit seines Glückes verdankte, geglaubt hätte, den Ton herabstimmen zu müssen.

 Nun fing er zu erzählen an, wie ihm Jacquot nur Schaden verursache, als Belohnung für sein Mitleid, ein Findelkind, wie ihn, aufgenommen zu haben . . einen Taugenichts, den  Fleischtopf abzuschäumen vergäße; alles zerbräche, seine Finger in die Sausen tauchte, um sie abzulecken, der . … er wollte die Lobrede des armen Jacquot noch weiter ausschmücken, was ihn gewiß, wie alle zornige Leute, die man nach Gefallen schwatzen lässt, beruhigt haben würde, als ihm Heinrich plötzlich in die Rede fiel: „“ Wie könnt Ihr ihm vorwerfen, ein Findelkind zu sein“, sagte er mit Nachdruck; ist es seine Schuld, wenn seine Eltern den armen Kleinen in Stich gelassen haben …. Schämt Ihr Euch nicht, ihn so zu misshandeln! Und nun wirklich  beredt gemacht durch  das Mitleid, welches ihm Jacquot einflößte, fuhr Heinrich noch lange in diesem Tone gegen den Gastwirth fort, obgleich Jacquot, von seinem ersten Schreck erholt, ihm in’ s Ohr raunte, er möge doch nicht wieder seinen Herrn in Zorn bringen, alles würde dann gut gehen.

 Diesen Rath würde Heinrich befolgt haben, wäre er vernünftig gewesen, denn der mürrische Garkoch war mehr zornig, als bösartig, und beruhigte sich gewöhnlich, wenn  er sich über seinen Schaden beklagt hatte; aber Heinrich, einmal im Zug, wusste sich nicht mehr zurückzuhalten; aus Liebe zur Gerechtigkeit wurde er ungerecht, indem er wieder Frieden machen wollte, verursachte er gewöhnlich neuen Streit.

 Das geschäh auch dieses Mal: als der Wirth sich so scharf anreden hörte, kam er wieder ganz in seine frühere Wuth, und nicht wagend, dieselbe auf den vornehmen jungen Fremden zu richten, brach er gegen den armen, kleinen Küchenjungen los, dem er auf’ s neue Befahl, das Haus zu verlassen und nie wieder vor seine Augen zu treten.

  Wäre Heinrich nicht selbst in einer verlassenen Lage gewesen, hätte sein Vater noch gelebt, so hätte ihn gewiß seine stolze und heftige Gemüthsart verleitet, die stürmische Vermittelung fortsetzen, ja er hätte Jacquot mit sich genommen.

Nun aber bedachte er, daß er selbst ebenso arm, wie sein kleiner Schützling sei, und diesem nichts anzubieten habe; so zog Heinrich denn zum ersten Male in seinem Leben in solcher Lage, die Vernunft zu Rathe und gelangte dahin, genug Herr seiner selbst zu werden, um mit so viel Ruhe und Sanftmuth zu dem leicht reizbaren Gastwirth zu sprechen, daß dieser nach einigen Augenblicken sich erbot, Jacquot zu behalten, wenn man ihm die beiden zerbrochnen Tassen bezahle.

 „ Ich will sie gerne bezahlen, sagte Heinrich lebhaft; -  aber, setzte er verlegen hinzu, ich fürchte, nicht genug Geld bei mir zu haben.“

Erröthend über ihren spärlichen Inhalt. Leerte er seine Börse und zählte drei Franken und etwas kleines Geld, den Reichthum derselben, auf den Tisch.
Der dicke Wirth, sei es aus gutem Herzen, oder, daß die  Tassen wirklich nicht mehr Werth waren, begnügte sich mit dieser Summe, sowohl für das Frühstück seines edelmüthigen Beschützers und verließ alsbald die Stube. Kaum sah sich Jacquot mit Heinrich allein, als er, seine natürliche Lebhaftigkeit wieder findend, welche während des Verlaufs des vorhergehenden Auftritts, die Furcht und das Erstaunen unterdrückt hatten, seinen jungen Wohlthäter auf die rührendste Art seine Dankbarkeit bezeigte, und ihn bat, wenn er seiner je bedürfe, ihn nur rufen zu lassen; er könne darauf rechnen, da ß  er herbeieilen und ihn Tag und Nacht bedienen würde, ohne ihn um etwas anders, als ein Stück Brod zu bitten ……

 „ Ach! Mein Herr, fügte er, seine Danksagung beendend, hinzu, und seine großen blauen Augen mit Zärtlichkeit und Inbrunst auf die Augen Heinrichs heftend, wenn Ihr einen Bedienten gebraucht? . ….. einen Groomm? . . .ach, wie gerne würde ich Euch dienen!“ ….

 „  - Ach ! mein armer Freund, antwortete Heinrich, ich kann jetzt nichts für Dich thun, ich verspreche Dir aber, wenn ich je in der Lage bin, Dir zu helfen, daß ich Dich mit mir nehmen und Dir etwas anders, als ein Stück Brod geben werde . …. Jetzt muß ich Dich verlassen, schreibe mir die Nummer dieses Hauses auf, damit ich Dich wieder finden kann und zeigte mir den Weg, um wieder nach der Straße von Grenelle zu kommen ….“

 Jacquot eilte eine gedruckte Adresse von seinem Herrn zu holen, welche, nicht wenig geschmeichelt,  daß der vornehme junge Herr sie erbeten, dem kleinen Küchenjungen gutwillig erlaubte, Heinrich bis zum Platz L’ Estrapade zu begleiten.

Im Umsehn nahm Jacquot seine Schürze ab,  zog seine Sonntags – Jacke an, und erfreut, als ob ihm nichts Aergerliches begegnet wäre und ein großes Glück ihn erwarte, führte er Heinrich durch mehrere enge Gassen, welche dieser nicht gekommen war und die den Weg abkürzten.

 Plötzlich bleibt Heinrich stehn … eine niedrige Thür, aus altem braunen Holz, umgeben von großen schwarzen, verrosteten Nägeln fällt ihm in die Augen und erweckt alle seine Erinnerungen .. .wohl ist es diese Thür, welche er am Morgen vergeblich gesucht hat …. Es ist auch dieselbe gespaltne Mauer, oben mit Scherben von Flaschen bedeckt, um Diebe am Hinaufklettern zu hindern  . ..es ist wohl  der dicke eiserne Kloster, ein verzerrtes Gesicht ungeschickt darstellend, welcher stark tönt, wenn man ihn, um sich öffnen zu lassen, aufhebt und wieder fallen lässt …. Heinrich kann nicht mehr zweifeln, er steht dem Hause seiner Tante, Fräulein L’ Espinoh, gegenüber und verdankt es Jacquot, sie endlich gefunden zu haben.

„ Ich habe hier zu thun, sagt er zu ihm, Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, indem Du mich durch diese Straße geführt hast, welche ich heut Morgen nicht finden konnte . . . so sind wir denn quitt, lieber Jacquot . . aber ich verspreche Dir doch, meinen Wohlstand mit Dir zu theilen, wenn ich  glücklich werde   . . „ – „ nein, nein, lieber Herr, Ihr braucht nicht erst glücklich zu werden, damit ich mit Euch gehe  . .   im Gegentheil! Versprecht mir, daß , wenn Ihr je meine Dienste braucht, Ihr mich alsbald ruft . . . seht doch, wie es mich betrübt, Euch zu verlassen! . . .

Wahrlich, setzte das arme Kind, indem es mit dem Aermel seine Augen trocknete, hinzu  . . Niemand hat jemals so sanft gesprochen, wie Ihr  . .ach! das thut wohl!“   Durch die Anhänglichkeit seines jungen Schützlings gerührt, verspricht ihm Heinrich wiederzukommen, glücklich oder unglücklich; betrübt und beschämt aber, ihm nichts geben zu können, eilt er, Jacquot zu entlassen, welcher sich zwanzigmal in der Straße umkehrt, bevor er verschwindet, um seinen jungen Beschützer nochmals zu sehn und zu grüßen.

Nachdem Heinrich den guten kleinen Jacquot aus den Augen verloren hat, fühlt er sich betrübter und verlassener, als bisher; es fehlt ihm an Muth an die Thür zu klopfen, welche er so sehr gesucht hat, tausend traurige Gedanken durchkreuzigen seinen Kopf . . Dennoch rückt die Zeit vor, die Tgae sind kurz, er muß einen Entschluß fassen.

Endlich   hebt Heinrich den dicken Klopfer auf, sein Herz schlägt bei dem dröhnenden Schalle, den derselbe verursacht; mit Beklemmung erwartet er, was folgen wird.

Es dauert ziemlich lange, bevor sich etwas hören lässt, endlich verkünden Tritte und das Geräusch von Schlüsseln die Annäherung Jemandes, - um aufzumachen. Dennoch öffnet sich zu seinem großen Erstaunen nicht die Thür, sondern ein in derselben angebrachter Schieber, dienend, die draußen Stehenden zu erkennen. Ein altes Gesicht zeigt sich und fragt Heinrich kurz, was er will?

 Heinrich nennt seinen Namen und sein Recht, bei Fräulein L’ Espinoh vorzusprechen; die Alte aber betrachtet Heinrich mit einem argwöhnlichen Blick, und antwortet, bevor sie ihn eintreten lasse, müsse sie die Befehle Ihrer Herrin einholen. Hierauf schließt sie rasch den Schieber und verschwindet, in dem sie Heinrich, vom ersten Empfang im hause seiner Tante wenig erbaut, zurücklässt.

Trotzdem lebte die alte Dame noch, und wohnt noch immer hier, da man ihre Befehle holen will.

Diese Versicherung ist wenigstens ein Trost für Heinrich, daher will er sich gedulden, obgleich sein Gefühl für Gerechtigkeit durch die vielen Besorgnisse und den Argwohn gegen einen ehrlichen Fremden, den man auf der Straße in der Kälte zu warten zwingt, verletzt ist.  Um sich zu zerstreuen ruft er seine Erinnerungen zurück und sucht sich seine alte Tante vor’ s Gedächtniß  zu führen, um zu errathen, auf welche Art sie ihn empfangen wird; aber alles, dessen er sich erinnern kann, ist dass sie sehr alt ist und eine Brille trägt.

Nach einiger Zeit lassen sich wieder dieselben Schritte, dasselbe Geräusch von Schlüsseln hören, und anstatt des Schiebers öffnet sich diesmal die Thür selbst, um Heinrich einzulassen. Seine alte Führerin, Wirtschaftlerin und zugleich Gesellschaftsdame von Fräulein L’ Espinoh  geht Heinrich voran, nachdem sie mit besonderer Sorgfalt die Hausthür verschlossen, und einen kleinen düstern Hof überschritten hat, bleibt sie vor einem verfallenen Häuschen stehn, welchem das mit Moos bedeckte Dach und die vielen geschlossenen Fensterladen ein noch ärmliches und finstereres Ansehn gebe.

In dieses wird Heinrich geführt, nachdem die Alte die Thür mit derselben Sorgfalt wie die erstere  zugemacht und eine große Eisenstange vorgeschoben hat.

Nun geht es über einen dunkeln, eiskalten Flur, an dessen Ende das Zimmer von
Fräulein L’ Espinoh liegt.

Hier ist noch eine Thür auf – und nachher wieder zuzuschliessen. Endlich befindet sich Heinrich in dem Heiligthum und wundert sich, als er die Möbeln betrachtet, über die ausnehmende Sorgfalt, mit welcher man sich vor Dieben schützt. Alles trägt hier das Gepräge des Alters und der Sparsamkeit; das große Zimmer ist kaum erhellt, da nur die Hälfte eines Fensterladens geöffnet ist, gewiß, um gegen die Kälte zu schützen, welche nichtsdestoweniger empfindlich fühlbar ist. Ein alter Sofa und einige alte Lehnstühle tragen die Spuren öfterer Ausbesserung, ein alter Schrank aus Nussholz trägt die der Würmer, welche in seinem Holze unzählige Figuren gebildet haben; der Tisch in der Mitte ist mit einem alten Teppich bedeckt und der Fußboden besteht aus schlecht zusammengefügten Steinplatten, was die Kälte und Aermlichkeit  des Ganzen noch vermehrt.

Dennoch ist alles reinlich und ein merkwürdiges Stück, die Hauptzierde des Saals, zieht die Neugier Heinrichs auf sich;  er kann sie nach gefallen befriedigen, da die alte Wirtschaftlerin ihn von Neuem der Wirthin anmeldet.

Es ist ein alter Rahmen, groß und tief, aus kunstreich geschnitztem Holz, vor dem Heinrich in Anschauung versunken steht; er schließt ein Gemälde von Glas in verschiedenen Farben ein, die Geschichte des guten und schlechten Reichen darstellend: man sieht den armen Lazarus halbnackt liegend vor der Thür des mitleidigen Reichen, der ihn  unterstützt, während seine Hunde die Wunden des armen Kranken lecken und ihn liebkosen; von der andern Seite ist der böse Reiche, bei einer überfüllten Tafel, umgeben von zahlreichen Dienstboten, ohne an das Elend zu denken, welches er vor Augen hat.

 Mit Interesse betrachtet Heinrich die Einzelheiten des Gemäldes,  aber bald wird er seiner Anschauung durch die Haushälterin entrissen, welche ihn zu holen kommt, um ihn endlich Fräulein L’ Espinoh vorzustellen: „ Sprecht leise, sag sie ihm, und tretet sacht auf!“ So sachte er es auch immer anstellt, um die Stube von Fräulein L’ Espinoh zu treten, weckt Heinrich doch durch seine Schritte einen dicken kleinen Mops, auf dem Schoß seiner Herrin liegend, von wo das hässliche Thier schwerfällig auf die Erde springt, mit heiserm Gebell und wütend aud den neuen Ankömmling losgeht –
 

„ Hier Belotte! .. . Belotte hier!“ ruft Fräulein L’ Espinoh mit schwacher aber zärtlichen Stimme .. .Belotte aber fährt fort ihre Zähne zu zeigen und noch stärker zu bellen, bis die Haushälterin sie ergreift und sorgfältig wieder auf die Knie der alten Dame legt, welche die zärtlichen Worte und Liebkosungen anwendet, um das hässliche Thier zu beruhigen.   

Während dieses Auftritts hatte  Heinrich Zeit, nach Gefallen Fräulein L’ Espinoh und ihre Umgebung zu betrachten.
Die Stube, welche nach alten Büchern und Schnupftabak roch, war in derselben altmodischen Art möblirt, wie die, welche Heinrich eben verlassen hatte. Die Hausfrau  schien der Zeit anzugehören, wo ihre Möbel gemacht wurden, so sehr schien sie selbst alt und verwelkt; auch ihr Anzug erinnerte an das vorige Jahrhundert.

 Nachdem sie, nicht ohne mühe, Belotte beruhigt hatte, setzte sie auf ihre lange und spitzige Nase eine Brille, durch die sie unsern Helden lange Zeit anblickte.

„ Ihr gleicht Eurem Vater nicht, das ist schon etwas, sagte sie endlich, kommt Ihr, mir das Geld wiederzubringen, das er mir schuldig ist? Das sollte mich freuen.“

„ Ach, antwortete Heinrich, Sie wissen gewiß nicht, daß mein Vater todt ist und nichts hinterlassen hat" . . .!-  „ Todt! erwiedert die alte Dame, nichts hinterlassen! …..

 

Das wundert mich nicht . . .aber warum kommt Ihr hierher? Was wollt Ihr von mir?  . . ich habe kein Geld   . . ich vermag nicht, ich kann Euch nichts geben, ich sage es Euch vorher  . .wenn Ihr glaubt, wie Euer Vater, auf meine Kosten leben zu können, so täuscht Ihr Euch  . . so irrt Ihr Euch sehr! “ . .

 Das war zu viel für den stolzen und empfindlichen Heinrich, roth vor Scham und Zorn, und mit zitternder Stimme, die er vergeblich kräftiger zu machen sucht, ruft er aus: „ Gott behüte mich, daß ich je, weder etwas bitte, noch einer Verwandten verdanke, die mich empfängt, wie Sie . . ich sehe, daß  die Hunde hier besser behandelt werden, als die Menschen   .. ..  ich sehe, wie Sie trotz des Bildes unsers Heilandes, welches über Ihren Bette hängt, eine fühllose Seele für Unglückliche haben, ich sehe“ . . ..

Heinrich wollte noch länger in diesem Tone fortfahren, aber das alte Fräulein, zuerst erstaunt, dann erweicht durch diese Worte, unterbrach ihn, indem sie mit dem Ton inniger Reue ausrief: „ Haltet ein, junger Mensch . . fahrt nicht fort! . . hört mich an . . ich bin so oft betrogen worden  . .seht, Euer Vater - - „  -„ Mein Vater, schreit Heinrich, außer sich vor Wuth, mein Vater war besser, als Sie . . beleidigt ihn nicht!  . laß mich fortgehn!“ und ohne der alten Dame weiter Gehör zu geben, welche fortfährt, besänftigende Worte an  ihn zu richten, stürzt sich unser junger Entrüsteter auf die Thür, stößt sie mit Lärm auf und tritt in das Vorzimmer.

Der Mops, vor Schrecken aus dem Schlafe auffahrend, springt herab, verfolgt Heinrich und droht ihn zu beißen.  Unser Held fällt, indem er ihm ausweichen will, gegen das Gemälde von buntem Glase, der gute und der schlechte Reiche, das in Stücke fliegt, zum allgemeinen Entsetzen und unter verdoppeltem Gebell der schrecklichen Belotte.

Heinrich selbst durch den Schaden, welchen er angerichtet hat, erschreckt, glaubt, daß dieses Haus verwünscht sei, bemächtigt sich des dicken Schlüssels, welchen die Haushälterin auf den Tisch gelegt hat, öffnet die erste Thür, macht die Eisenstange, welche die zweite schließt, los, öffnet sie leicht, und den kleinen Hof im Fluge durcheilend, hat er bald, mit Hülfe des Schliessels, dessen er sich bemächtigt hat, die Hausthür geöffnet, durch die er aus allen Kräften flüchtet, wie ein Dieb, von Gensdarmen verfolgt.

In die traurige Wohnung seines Vaters zurückgekehrt, kommt Heinrich wieder zur Besinnung und fängt an, sich Alles zu wiederholen, was ihm an diesem  abentheuerlichen Tage begegnet ist:

 Der heftige Auftritt zwischen Jacquot und seinem Herrn ist nichts im Vergleich mit dem, welchen er mit seiner Tante gehabt hat; er erinnert sich jedes Umstandes, jedes Wortes; ohne es zu wollen, endigt er damit, es zu bereuen, dem Fräulein L’Espinoh nicht Zeit gelassen zu haben, das zu vollenden, was sie in sanftem und geneigtem Tone zu sagen anfing; denn diese Sprache hatte fast die verletzende Worte, die sie zuerst an ihn gerichtet,  wieder gut gemacht.

 Dennoch sucht unser junger Held, wie alle stolzen und auffahrenden Gemüther, sich zu überzeugen, daß er recht gehandelt, die Ungerechtigkeit, deren Gegenstand er gewesen ist, auf der Stelle zu ahnden, und indem er dieses oft wiederholt, bildet er sich am Ende wirklich ein, daß alles Unrecht auf der andern Seite sei und er sich nichts vorzuwerfen habe.

Wenn Heinrich, anstatt auf die Stimme seines Stolzes und seiner Empfindlichkeit zu hören, seinem ersten Gefühl gefolgt wäre, das ihn seine Heftigkeit bereuen ließ, so hätte er vielleicht gesucht, sie wieder gut zu machen, indem er zu Fräulein L’Espinoh zurückgekehrt wäre , um sich bei derselben zu entschuldigen; aber, wie wir gesagt haben, Heinrich verabscheute die Ungerechtigkeit gegen Andre und noch mehr gegen sich selbst, und anstatt zu versuchen, diejenigen, welche sich dieselbe in seinen Augen zu Schulden kommen ließen, durch Milde und Sanftmuth zu besänftigen, wurde er heftiger, wie sie selbst und zog vor, sich Todfeinde aus ihnen zu machen, statt sie durch weises Stillschweigen zu entwaffnen oder sie durch versöhnende und beschwichtigende Worte zu gewinnen.

 So kam es denn, da ß der junge Mensch, der sich bisher durch sein heftiges Gemüth und seine falsche Liebe zur Gerechtigkeit, Unannehmlichkeiten zugezogen hatte, sich dieses Mal  eine lange Reihe von Entbehrungen und Mühseligkeiten bereitete, indem er die einzige Stütze von sich wies, welche ihm noch, in der Person seiner alten Tante, blieb.

Kaum hatte sich Heinrich in seinem Entschluß, nicht zu  Fräulein L’Espinoh zurückzukehren, bestärkt, als der Geschäftsmann, welcher am Morgen so hart zu ihm gesprochen, in die Stube trat und ihn fragte, was er für Pläne für die Zukunft habe: „Die Freistelle, auf welche Sie in einer Anstalt hoffen, kann noch lange auf sich warten lassen, sagte er, bis dahin müssen Sie ehrlich zu leben suchen, die Wohnung ist an Andre vermiethet, übermorgen werden Sie selbige verlassen müssen .. suchen Sie also ein Unterkommen und eine Stütze . . .denn ich kann leider nichts für Sie thun,“ . ..“ Ich bitte Sie auch um nichts, unterbrach ihn Heinrich stolz, übermorgen werde ich das Haus verlassen haben, Sie können ruhig sein, ich weiß Unterkommen und Beistand zu finden.“

 Der arme Knabe log sehr, indem er diese Worte sagte, welche ihm sein beleidigter Stolz einflößte; es gab keine verlassenere Lage, als die seine, aber dies dem unbarmherzigen Geschäftsmanne anzuvertrauen, wäre in seinen Augen eine Feigheit gewesen; er wäre lieber gestorben, als daß er seinen Schutz angesprochen und ihn günstiger für sich gestimmt hätte.

Dennoch bricht, als Heinrich allein ist, sein Zorn;
er weint bitterlich; aber bald seine Schwäche bekämpfend und Kraft in dem Gefühle des Unrechts findend, das ihm widerfährt indem alle Welt ihn  verlässt – sagt er bitter: „ Nein, die Menschen verdienen nicht, daß ich  sie anflehe, es lohnt sich nicht zu arbeiten, um eine Stelle zu gewinnen . .. . überall sehe ich nur böse und Unterdrückter; Leute, die Kräfte und Macht mißbrauchen  gegen Schwache und Unglückliche   . .. Es ist beschlossen! Ich will unabhängig werden, weder Herr noch Beschützer  suchen  . ..  man nannte mich Don Quichote auf der Schule, nun ja, wie er will ich auf Abentheuer ausgehn, Schwache und Unterdrückte beschützen, mich aus allen Kräften der Tyrannei und Ungerechtigkeit widersetzen .. . darum braucht man noch nicht Schafheerden für Armeen oder Windmühlen für Riesen zu halten … das ist dummes Zeug! Es ist aber schön, die Bösen zu fliehn und Armen und Unglücklichen zu helfen . . . bestimmt,  ich will keinen andern Herrn haben, als mich selbst!“

Nach diesem schönen Monolog, glaubte sich Heinrich in den dritten Himmel erhoben; wie der berühmter Ritter von La Mancha, hätte er irgend einen schwarzen Tyrannen in seinen Händen haben mögen, um ihn bezwingen und im Augenblick durchbohren zu können, so viel Kraft und Entzücken verlieh ihm sein neuer Plan.

Sein Magen, der vor Hunger knurrte und die Nothwendigkeit, an die Mittel zu denken, seine schönen Pläne auszuführen, riefen ihn jedoch bald auf diese Welt zurück und eine Kruste hartes Brod essen, sagte er: „ Laß sehn, welches sind meine Mittel, meine Reichthümer? . . was das Geld anbetrifft, ich habe wenig; ich habe aber noch feinen Leinen und schöne Kleider, welche mir, einmal verkauft, genug verschaffen werden; ich gebrauche nur einen Kittel, etwas Wäsche und grobe Kleider, um in die weite Welt zu gehen . . meine Uhr würde, wenn ich sie verkaufe, mir gleich eine beträchtliche Summe einbringen, aber ich hoffe, das wird nicht nöthig sein; ich werde mich schon so behelfen.

 Einmal aus dieser abscheulichen Stadt, wird mir vielleicht das Glück entgegenkommen.“ ..

Mit diesen Gedanken beschäftigte sich Heinrich den Rest des Abends, und selbst während der Nacht, denn sie erschienen ihm wieder im Träume, und vermischten sich mit den Gedanken an Jacquot, an Fräulein L’ Espinoh und ihr altes, wie eine Festung verbarrikadiertes Haus.

Frühzeitig wach und aufgestanden, wie alle, welche einen wichtigen Plan am Tage in Ausführung bringen wollen, beginnt Heinrich, von fast allen seinen Kleidern, dem größten Theil seiner Wäsche und einigen Gegenständen von  wenig Werth, welche ihm  noch  blieben, ein Bündel zu machen.

Dies alles legte er in einen Wagen, den er hatte holen lassen, und der Thürsteherin seinen bestimmten Abgang am nächsten Tage anzeigend, weis’ t er dem Kutscher ein Haus im Stadttheil des jardin des plantes an, wo er am Tage zuvor den Laden eines Altkäufers bemerkt hat.

Dort angekommen, setzt der arme Knabe, nicht ohne zu erröthen und stark zu stottern, seinen Wunsch auseinander, die Sachen, welche er mitbrachte, loszuwerden. Lange Zeit verging beim Prüfen jedes Gegenstandes, jeder Sache; der Altkäufer reichte sie seiner Frau, welche die Schätzung erneuerte, indem sie mit den Achseln zuckte, als ob sie sagen wollte, daß alles dies nichts oder doch nur wenig werth sei.

Endlich, nachdem Mann und Frau lange zusammen geflüstert, bot der Gatte Heinrich fünfzig Franken für seine ganze Garderobe an, welche gewiß  viermal so viel werth war, aber unser junger Schwärmer, ungeduldig, sein herumziehendes Leben anzufangen und denkend, daß fünfzig Franken für ihn eine unversiegbare Quelle sei, beeilte sich, den Handel abzuschließen, ohne etwas zu erwiedern, oder zu entgegnen, was wenn die beiden habgierigen Eheleute so sehr befriedigte, da ß die alte Frau, deren Frühstück auf dem Feuer stand, mit liebenswürdiger Miene, Heinrich anbot, eine Tasse Kaffe zu trinken, bevor er sich auf’ s Neue der Kälte eines trüben Märzmorgens aussetze.

Armuth und Hülfslosigkeit demüthigen die stolzesten Gemüther. Heinrich nahm mit Dankbarkeit den Theil des Frühstücks, welchen man ihm anbot, und mit gefüllterer Börse, als er sie je in seinem Leben gehabt, verabschiedete  er sich von dem alten Paar, und trat lustig wieder seinen Weg an, um mehrere, zu dem Leben, welches er führen wollte, nöthige Gegenstände zu kaufen.

Ein Kittel von dunkler Farbe war sein erster Einkauf, er zog ihn über seinen Rock an; tauschte seinen Hut gegen eine mehr bequeme, als elegante Mütze ein und ein kleiner lederner Tornister wurde auf seinen Schultern angeschnallt; dieser sollte seine ganze Habseligkeiten einschließen. Nach beendigten Vorbereitungen, dachte Heinrich daran, daß er dem guten kleinen Jacquot versprochen habe, ihn wieder zu besuchen. Im Paris, vielleicht auf immer, zu verlassen, entschloß er sich, ihm Adieu zu sagen und stand bald vor der Thür des am vorigen Tage so zornigen Garkochs.

Es war jedoch seine Absicht nicht einzutreten; sein bescheidner Anzug von heute glich zu wenig dem eleganten, welcher ihm am vorigen Tage die Achtung des Garkochs erworben hatte, um zu wünschen, sich demselben so zu zeigen.

Heinrich guckte daher verstohlen durch’ s Fenster, in der Hoffnung, Jacquot durch die Scheiben zu sehen, und ihm ein Zeichen geben zu können, heraus zu kommen.

Wirklich war nur kurze Zeit verstrichen, als der kleine Küchenjunge seinen Gönner vor dem Fenster stehen sah, ohne dessen Ruf abzuwarten, aus dem Hause stürzte und ihn dringend nöthigte einzutreten, da sein Herr den ganzen Morgen abwesend sein würde und Niemand in dem Zimmer sei, wo er am vorigen Tage gefrühstückt habe.

Der gute kleine Jacquot wusste nicht, wie er Heinrich seine Freude, ihn so bald wiederzusehen, bezeigen sollte; als er aber erfuhr, daß er gekommen sei, von ihm Abschied zu nehmen, um sich auf immer zu entfernen, fing  das arme Kind bitterlich zu weine an, und bat Heinrich so lange, ihn mitzunehmen, bis dieser beistimmte und den Plan selbst so leicht auszuführen fand, daß er sich wunderte, denselben nicht schon selbst früher gehabt zu haben.

 _ „ Du bist unglücklich und eine Waise, wie ich, sagte er ihm, Du hast nichts zu verlieren, also, wenn Du wirklich mein Schicksal theilen willst, obgleich ich dir nichts anbieten kann, so will ich gern mit Dir in der Welt umherziehen . . .dennoch, überlege es Dir wohl, vielleicht  werden wir ein trauriges Leben führen! ….   -  „ Ach! Meinetwegen! Ein trauriges Leben mit Ihnen,“ ruft Jacquot, „ nicht doch, nicht doch! Ich werde im Gegentheil gewiß glücklich sein, Sie sollen es sehn; ich bin es ja schon!“ und die arme Waise sprang vor Freude in der Stube herum, als wenn er eben in den Dienst eines Prinzen aufgenommen worden wäre.

 Die beiden Leichtsinnigen beriethen sich noch lange über das, was ihnen zu thun übrig blieb, um ihren Plan auszuführen.

Jacquot’s  Gepäck setzte nicht sehr in Verlegenheit; er wollte es in einen, ihm gehörenden, großen Sack stecken; er hatte auch einen Leinwandkittel und eine Tuchmütze.
Das Geld anbelangend hatte er nicht einen rothen Heller, aber Heinrich dachte noch lange für beide genug zu haben.

 Es wurde beschlossen, da ß Jacquot heimlich das Haus des Gastwirths verlassen und am Morgen mit Tagesanbruch Heinrich bei einer Barierre erwarten sollte, welche ihm dieser bezeichnete und von wo aus die beiden jungen Abenteurer ihre Reise antreten wollten. Nachdem er ihm öfters seine Anordnungen wiederholt hatte, verließ  Heinrich Jacquot, dessen freudevolles Aussehen genugsam das Glück zeigte, welches er am folgenden Morgen und in Zukunft von der Gesellschaft seines neuen und liebenswürdigen Herrn erwartete; denn also gefiel es Jacquot Heinrich zu titulieren und der respectvolle Ton, welchen er unausgesetzt gegen ihn annahm, bewies, daß Unglück und Verlassenheit in dem Herzen des verwaistes’ ten  Knaben nicht die ihm angebornen Eigenschaften der Bescheidenheit und des Zartgefühls verwischt hatten.

Wirklich besaß dieses arme Findelkind eine jener glücklichen Naturen, welche das Gute errathen und gegen das Uebel leicht ein Mittel finden. Höflich und bescheiden gegen Jedermann, konnte er keinem Befehl widerstehn, noch weniger einer Bitte abschlagen. Wenn sein gutes und fühlendes Herz keinen Groll gegen diejenigen, welche ihn misshandelten, hegen konnte, so empfand er für die geringste Wohlthat eine übergroße Dankbarkeit und um dieselbe zu bezeigen, hätte er sich gern tausendmal aufgeopfert.

Heiter, mittheilend, von kräftiger Gesundheit, trug Jacquot auf seinem frischen und vollen Gesichte das Gepräge eines Wohlstandes, welche er dennoch nicht gekannt hatte; niemals war in seinem Leben sein Appetit vollständig befriedigt worden;  oft sogar legte er sich hungrig zu Bett, immer aber ohne murren; denn er fand bald tröstende Gedanken, womit er sanft einschlief.

Ein guter Priester, welcher ihn die Grundbegriffe der Religion gelehrt, in der Waisen – Anstalt, wo er bis zum achten Jahre geblieben war, hatte so sehr den Glauben an den Schutz Gottes, wenn  er sich desselben durch sein gutes Betragen würdig mache, in sein Herz geprägt, daß Jacquot bei allem, was ihm Widerwärtiges begegnete, darin Trost fand, überzeugt, daß jener Schutz früh oder spät ein Glück ihm bereiten würde, welches jetzt ihm fehlte.

Verständig und thätig, konnte Jacquot in dem Alter von zwölf Jahren, wo ihn Heinrich kennen lernte, doch nur mittelmäßig lesen und schreiben.

Genöthigt den ganzen Tag zu arbeiten und zu bedienen, behielt das arme Kind fast keine Zeit für sich übrig, außerdem war keiner von denen, welche seine Umgebung ausmachten, im Stande, ihm etwas beizubringen; aber sein Herz, besser gebildet als sein Geist, schrieb ihm gewöhnlich vor, was in schwierigen Verhältnissen das Beste zu thun sei; immer wahr und gut, fehlte ihm doch eine gewisse Pfiffigkeit nicht, um sich oder Andre, wenn sie in Verlegenheit waren, herauszuziehen.

Bei allen diesen guten Eigenschaften, hatte Jacquot den Fehler, sich gar zu leicht durch seine Gefühle fortreisen zu lassen, und jetzt, wo er zum ersten Male einem jungen Menschen von vornehmer Geburt und Erziehung begegnete, welche ihn mit einem Wohlwollen behandelte, an das er nicht gewohnt, haben wir gesehen, wie bereit er war, ihm zu folgen und sein Loos zu theilen, ohne sich um den Zweck und die Mittel der neuen Laufbahn zu bekümmern, welcher sich Heinrich widmen wollte.

Es genügte ihm, sich geliebt zu sehen und zu denken, daß er dem, welcher ihn liebte und beschützt hatte, nützlich werden könne; mehr verlangt Jacquot nicht.

Den folgenden Tag, nach dem Gespräch  zwischen den beiden Freunden, machte also Jacquot seine Reisevorbereitungen: zwei große Hemden und einige wenige andere  Kleider wurden in den großen Sack gesteckt, von welchem er mit Heinrich gesprochen, und sehr wenig andere Gegenstände füllten ihn nur halb, so, daß Jacquot ihn leicht über die Schulter hängen konnte, worauf er sich anschickte, seinem Herrn in folgender Art Adieu zu sagen: “ Mein Herr“ “ Glauben sie nicht, daß ich vortgehe, wegen der Ohrfeige, ich habe aber eine gute Stelle gefunden, und sie werden gewis einen bessern Diener finden, als den armen Jacquot.“

 „ Ich habe die Tassen ausgespült und ihre Sachen gebürstet.“ Um sieben Uhr waren beide Reisegefährten, wie sie verabredet hatten, an der Barierre zusammengekommen.

Als Heinrich den dicken, pausbäckigen kleinen Jacquot durch den Sack, welchen er auf den Schultern trug, noch dicker gemacht sah, konnte er sich dem Gedanken des Lachens nicht enthalten, daß der kleine Dicke nicht schlecht Sancho Pansa, wie er selbst mit seiner hohen und magern Gestalt den Ritter von der traurigen Gestalt, dessen edle Handlungen er nachzuahmen strebte, darstellte.

Anstatt der Lanze jedoch, trug Heinrich einen starken Stock in der Hand und sein Kittel, seine Mütze erinnerten auch wenig an den imposanten Anzug des großen Don Quichote, doch hatte er sich mit einer Art Dolch versehen, welchen er durch seinen Gürtel gesteckt hatte und der, wie er sagte, dienen sollte, ihn gegen jeden Angriff zu vertheidigen und gegen alle Ungerechtigkeit zu schützen.
So ausgestattet traten unsre  beiden Helden Abenteuer und Glück suchend Schritt und fröhlichem Herzen ihre denkwürdige Reise an.

 

 



 

 

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Autor; /  Nach dem Französischen der Gräfin Germanie
Bildnachweis ;-  /  Bilder von Th. Hosemann


 

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