Der kleine Don Quichote
Erzählung für die Jugend
Nach dem
Französischen der Gräfin Germanie
Verfasserin von
Robinson’ s Enkelin
Berlin Verlag Alexander Duncker
1845
Bilder von Th. Hosemann
Kap. I

Heinrich von Clerval hatte
eben seinen Vater verloren, in dem Alter, wo ein Kind noch so sehr der
Sorgfalt und des Schutzes bedarf, und wo es dennoch im Stande ist, den
Verlust tief zu empfinden, den er erleidet. Heinrich war um so
unglücklicher, als ihm seine Mutter frühzeitig entrissen worden und
weder Bruder, noch Schwester, weder Verwandte, noch aufrichtige Freunde
die Stelle seiner Eltern ersetzen konnten.
Nach dem Tode seiner Frau hatte sich Herr von Clerval in gefährliche
Spekulationen eingelassen, in Folge deren seine Gesundheit und sein
Charakter gelitten hatten, und zuletzt sein Vermögen dergestalt zerrütet
worden war, da ß man, als sein Nachlaß geordnet wurde, anstatt etwas für
den den armen Heinrich zu finden, gezwungen war, den Gläubigen Alles
bis zu den Möbeln und Sachen, die irgend einen Werth hatten, zu
überlassen.
Eine Freistelle in einer Erziehungs – Anstalt, blieb daher
die einzige Hoffnung des armen Waisen. Er war mit Sorgfalt und
selbst in einer Art von Ueberfluß erzogen; denn sein um die Zukunft
unbekümmerter Vater suchte nur die Gegenwart zu genießen, und hatte
selbst in den letzten Jahren einen Aufwand zu machen gewusst, der weit
über seine Mittel ging.
Heinrich war daher auf’ s
höchste erschreckt, als der ernste und strenge Geschäftsmann ihm in
klaren und bestimmten Worten eröffnete, wie er ihn, bei seiner
verlassenen Lage, der öffentlichen Mildthätigkeit überliefern müsse.
Schamröthe
stieg ihm hierbei in’ s Gesicht, und um die Thränen zu verbergen, welche
seine Augen füllten, flüchtete das arme Kind in sein Zimmer, das aber
ach! Fast aller Möbel beraubt, das Bild der Verwüstung zeigte, und eine
eben so schmerzliche Sprache führte, als der Geschäftsmann, dem er sich
hatte entziehen wollen.
Stolzen und empfindlichen
Gemüths eilte Heinrich die Stubenthür zu verriegeln um ungestört weinen
zu können:
Ach! Mein Gott, seufzte er, ist es nicht genug, weise zu sein, meinen
Vater zu verlieren und ihn von finstern und groben Leuten forttragen, in
eine entsetzliche Gruft senken zu sehn, die Erde auf seinen Sarg fallen
zu hören…. Muß ich noch der Gegenstand des Mitleids werden, mich ohne
Hülfsquellen, ohne Freunde sehn… Gott, mein Gott, was soll aus mir
werden?...
Heinrich wiederholte
dieselben Worte und gab sich denselben Betrachtungen hin, bis ein neuer
Gedanke, den er sich wunderte, nicht schon gehabt zu haben, in ihm
aufstieg, und den er mit der ganzen Lebhaftigkeit eines jungen Gemüths
von 13 Jahren, welches leicht von der tiefsten Entmuthigung zur größten
Hoffnung und Zuversicht übergeht, verfolgte.
„ Aber, sagte er sich selber
plötzlich, ich habe ja noch eine Verwandte! ... meine Großtante, der
ich zum Namenstage und zu Neujahr, bei Lebzeiten meiner Mutter, Glück zu
wünschen pflegte, ist gewiß noch nicht todt… ich erinnere mich, daß Papa
ihr vor Kurzem geschrieben hat… freilich hat er ihre Antwort in’ s Feuer
geworfen, indem er sagte, sie sei eine schlechte Verwandte, ein alter
Geizhals.
Sie hat mich aber liebkost’
t, als ich klein war, und wenn sie geizig ist, so bewis’ t dies, daß sie
etwas zu verwahren, daß sie Geld hat. … vielleicht nimmt sie sich meiner
an; ich werde zu ihr gehen … eher Alles thun, als hülfe von Fremden
erbetteln …. Von Geschäftsleuten.“
Dies sagend, fühlt Heinrich
seinen Muth wiederkehren, er bürstet sorgfältig seinen, mit Flor
bezogenen Hut, wirft seinen schwarzen Mantel um und trotz des, in
starken Flocken fallenden Schnees, fängt er mit großen Schritten die
vielen und krummen Straßen zu messen an, welche
ihn vom Stadtteil des „jurdin
des plantes“ trennen, wo seine alte Verwandte ein bescheidenes Quartier,
zwischen Hof und Garten bewohnt, in einer Gasse und einem Hause, welches
Heinrich nicht verfehlen zu können glaubt, so stark ist seinem
jugendlichen Gedächtniß das Andenken daran eingeprägt.
Dennoch, trotz diesem
Schüler – Gedächtniß, geht der arme Heinrich auf und ab, mehrere enge
und finstre Straßen hindurch, in der nähe des „ jardin des plantes“,
ohne die Thür aus altem braunen Holz, mit großen verrosteten Nägeln
wiederfinden zu können welche er sich sehr gut erinnert, in seiner
frühen Jugend überschritten zu haben, um den kleinen Hof des Hauses
seiner Tante zu kommen; umsonst klingelt er an einigen, welche die
meiste Ähnlichkeit mit der gesuchten haben, diese Thüren öffnen sich
nur, um ihn zu überzeugen, daß sie wirklich nicht zur Wohnung der alten
Dame führen, und wenn er zur Entschuldigung zu fragen wagt nach „
Fräulein L’ Espinoh“, so ist die kurze Antwort „ Kenne sie nicht“ oder
die längere, aber noch unangenehmere „ Niemand dieses Namens wohnt hier,
kleiner Einfaltspinsel“, Antworten, die ihn seines Irrthums überführen
und seine getäuschte Hoffnung vermehren.
Heinrich, erschöpft vor
Müdigkeit und Hunger, danebend wünschend, den Augenblick so viel wie
möglich zu verschieben, wo er zurückkehren muß in die traurige Wohnung
seines Vaters, wo Niemand ist, ihn zu empfangen und für ihn Sorge zu
tragen, entschließt sich, bei einem bescheidenen Restaurateur , der ihm
in die Augen fällt, einzukehren, dessen prunkendes Schild, Pasteten,
Braten und Fische gemalt darstellt, welche gewiß niemals wirklich in der
Küche erschienen sind.
Aber Heinrich hat nicht das Recht, Umstände zu machen, seine Börse ist
wenig mehr gefüllt, als sein Magen; er ist daher mit einem Stück
Kalbsbraten zufrieden, welches ihm ein kleiner pausbäckiger Junge
bringt, der zugleich den Dienst eines Küchenjungen und den eines Dieners
zu verrichten scheint.
Dieser steht unsern Helden
auf eine freundliche Weise an, als er es seit langer Zeit gewohnt
gewesen, und gewinnt dadurch bald dessen Herz, welches neuer Muth
belebt.
Nach eingenommenen
Frühstück, welches auch sein Mittagbrot sein soll, ergreift Heinrich die
Zeitung, um einen Vorwand zum längeren Verweilen beim Speisewirth zu
haben;
seine Augen fallen auf die
Anzeigen von Personen, welche Dienstboten suchen, und Stellen
verschiedner Art anbieten; plötzlich kommt ihm in den Kopf, daß er wohl
darunter eine finden könne, welche für ihn passend wäre und die ihm die
Mittel gäbe, seinen Unterhalt zu sichern: „ ich schreibe, rechne gut,
weiß etwas Latein, ich spiele die Geige nicht allzuschlecht, vielleicht
gebraucht man etwas dieser Art“, sagte er zu sich selbst.
„ Man wünscht eine gute
Amme“ – das ist es nicht – „ man will einen Papagei kaufen“, auch nicht!
– „ Man begehrt einen zuverlässigen Mann“ – Ach! Ich bin noch kein Mann!
– nun, das ist meine Sache…. „ Man wünscht einen jungen, wohlerzogenen
Menschen, welcher eine schöne Handschreibt und der Manuscripte
abschreiben kann“. Ja, ja, das ist es! ….. aber nein, mein Gott! „ er
muß zweihundert Franken niederlegen können, als Caution für die ihm
anvertrauten Manuscripte,“
Wo soll ich die zweihundert Franken hernehmen! seufz Heinrich, und indem
er zu lesen fortfährt, findet er nur Anträge, denen er nicht nachkommen
kann, oder Anerbieten, welche an Leute gerichtet sind, die selbst etwas
bieten können.
Das Blatt mit Bitterkeit
auf den Tisch legend, will er sein bescheidenes Mahl bezahlen, als er an
seinem Platze von dem Lärm zerbrechenden Porzellans festgebannt wird,
einem Lärm, dem alsbald eine Ohrfeige und der Schmerzensruf des
Unglücklichen, welche sie empfing, folgte . . . Heinrich stürzt in die
anstoßende Stube, wo der Lärm herkam, und sieht den dicken Wirth,
hochroth vor Zorn, die Hand noch über dem armen kleinen, an allen
Gliedern zitternden Küchenjungen erhoben, welche beide Augen mit
schrecken auf zwei Tassen richtet, die er so eben fallen ließ und
zerbrochen hat .. .
„
Erbärmlicher taugenichts! Schreit der Wirth, da haben wir wieder deine
Kunststücke … nun ist es aus … du wirst das Haus verlassen … ich jage
dich fort . .du kannst betteln gehen, wo du willst … „ Ach, mein guter
herr, antwortete der kleine Deliquent, mit Thränen in den Augen,
schicken Sie mich nicht fort, ich bitte Sie .. es wird nicht mehr
begegnen … halten Sie mir
den Preis der beiden Tassen auf meine Nahrung zurück .. . „ „ Deine
Nahrung … Nichtsthuer! Verdienst du sie etwa? . . noch dazu isst der
Bube, wie vier . . er würde Vater und Mutter verschlingen!“ - „ Ach
guter Herr, ich habe weder Vater noch Mutter je gehabt ….. Ihr wisst es
ja! Ich bin ein Findelkind . . und wenn Ihr mich fortjagt, muß ich
Hungers sterben! – „ – Das wäre wohl ein großes Unglück, nicht wahr?
Und der große Restaurateur wollte vielleicht eine zweite Ohrfeige auf
die andere Backe des armen Knaben geben, um das Gleichgewicht
herzustellen mit der welche schon unter dem ersten Schlage angelaufen
war, als Heinrich, welcher sich bis jetzt mit Mühe zurückgehalten hatte,
mit hervorstehenden Augen, entflammtem Gesicht, stolzen und drohenden
Geberden, kurz mit dem Ausdruck eines Rächers hervorstürzte . .
Bevor wir weiter gehen, wird
es nöthig sein unsern jungen Lesern und Leserinnen den Hauptcharakterzug
unsers Helden kennen zu lehren, einen Zug, den wir eine edle rührende
Eigenschaft nennen würden, wenn nicht das Uebermaaß in Heinrich zu oft
einen, für ihn und andre gefährlichen Fehler daraus gemacht hätte
Wir sprechen von seinem
Abscheu gegen alle Ungerechtigkeit und von seinem Hang diese alsbald zu
ahnden, sich ohne Ueberlegung einzumischen, so wie ihm die Billigkeit
verletzt scheint und das Recht des Stärkeren die Oberhand behalten will.
Dann färbte sein erhitztes Blut plötzlich seine Wangen hochroth und
seinen Blick belebte ein Feuerstrahl, mit welchem er den Unterdrücker
hätte vernichten mögen. In solcher Aufregung entsprach oftmals seine
zitternde Stimme seinem Zorne wenig, und er ließ nur unterbrochne Laute
hören, anstatt der beredten, niederschmetternden Worte, welche ihm sein
Gesicht eingab . ..
Dies alles vermehrte
gewöhnlich den Schaden, ohne jedoch unsern jungen Hitzkopf abzuhalten,
sich als Don Quichote zu zeigen, wo es nur eine Gelegenheit gab.
Dies hatte denn endlich zur
Folge, daß ihm seine Kameraden diesen Namen beilegten, welchen er
übrigens wie einen Ehrentitel empfing. Zog er sich auch Händel zu, so
machte ihm sein ritterlicher Sinn auch Freunde, und flößte seinen
Gegnern zuweilen Respect ein.
Nach den Gefühlen welche
wir eben in unserm Heinrich beschrieben, kann man leicht denken, was er
empfand, als er Zeuge von dem wurde, was sich zwischen dem
unmenschlichen Garkoch und dem jungen Knaben zutrug, der schon durch
sein offnes und freundliches Wesen sein Herz gerührt hatte und jetzt, wo
er in selbigem ein armes Schlachtopfer sah, der Gegenstand seiner
lebhaftesten Theilnahme wurde.
Auf den Wirth mit tief
gefühltem Unwillen losgehend, redete ihn Heinrich mit einer Heftigkeit
an, welche ihn hinderte seine Worte richtig zu stellen.
Ihr Sinn konnte jedoch nicht
zweifelhaft sein. - „ Was geht das Euch an? – warum mischt Ihr Euch
ein?“ entgegnete der dicke Wirth und würde sicher einige Schimpfnamen
hinzugefügt haben – wenn er nicht, indem er Heinrich von Kopf bis Fuß
betrachtete und den sorgfältigen Anzug bemerkte, welchen dieser noch der
Zeit seines Glückes verdankte, geglaubt hätte, den Ton herabstimmen zu
müssen.
Nun fing er zu erzählen an,
wie ihm Jacquot nur Schaden verursache, als Belohnung für sein Mitleid,
ein Findelkind, wie ihn, aufgenommen zu haben . . einen Taugenichts,
den Fleischtopf abzuschäumen vergäße; alles zerbräche, seine Finger in
die Sausen tauchte, um sie abzulecken, der . … er wollte die Lobrede des
armen Jacquot noch weiter ausschmücken, was ihn gewiß, wie alle zornige
Leute, die man nach Gefallen schwatzen lässt, beruhigt haben würde, als
ihm Heinrich plötzlich in die Rede fiel: „“ Wie könnt Ihr ihm vorwerfen,
ein Findelkind zu sein“, sagte er mit Nachdruck; ist es seine Schuld,
wenn seine Eltern den armen Kleinen in Stich gelassen haben …. Schämt
Ihr Euch nicht, ihn so zu misshandeln! Und nun wirklich beredt gemacht
durch das Mitleid, welches ihm Jacquot einflößte, fuhr Heinrich noch
lange in diesem Tone gegen den Gastwirth fort, obgleich Jacquot, von
seinem ersten Schreck erholt, ihm in’ s Ohr raunte, er möge doch nicht
wieder seinen Herrn in Zorn bringen, alles würde dann gut gehen.
Diesen
Rath würde Heinrich befolgt haben, wäre er vernünftig gewesen, denn der
mürrische Garkoch war mehr zornig, als bösartig, und beruhigte sich
gewöhnlich, wenn er sich über seinen Schaden beklagt hatte; aber
Heinrich, einmal im Zug, wusste sich nicht mehr zurückzuhalten; aus
Liebe zur Gerechtigkeit wurde er ungerecht, indem er wieder Frieden
machen wollte, verursachte er gewöhnlich neuen Streit.
Das geschäh auch dieses
Mal: als der Wirth sich so scharf anreden hörte, kam er wieder ganz in
seine frühere Wuth, und nicht wagend, dieselbe auf den vornehmen jungen
Fremden zu richten, brach er gegen den armen, kleinen Küchenjungen los,
dem er auf’ s neue Befahl, das Haus zu verlassen und nie wieder vor
seine Augen zu treten.
Wäre Heinrich nicht selbst
in einer verlassenen Lage gewesen, hätte sein Vater noch gelebt, so
hätte ihn gewiß seine stolze und heftige Gemüthsart verleitet, die
stürmische Vermittelung fortsetzen, ja er hätte Jacquot mit sich
genommen.
Nun aber bedachte er, daß er
selbst ebenso arm, wie sein kleiner Schützling sei, und diesem nichts
anzubieten habe; so zog Heinrich denn zum ersten Male in seinem Leben in
solcher Lage, die Vernunft zu Rathe und gelangte dahin, genug Herr
seiner selbst zu werden, um mit so viel Ruhe und Sanftmuth zu dem leicht
reizbaren Gastwirth zu sprechen, daß dieser nach einigen Augenblicken
sich erbot, Jacquot zu behalten, wenn man ihm die beiden zerbrochnen
Tassen bezahle.
„ Ich will sie gerne
bezahlen, sagte Heinrich lebhaft; - aber, setzte er verlegen hinzu, ich
fürchte, nicht genug Geld bei mir zu haben.“
Erröthend über ihren
spärlichen Inhalt. Leerte er seine Börse und zählte drei Franken und
etwas kleines Geld, den Reichthum derselben, auf den Tisch.
Der dicke Wirth, sei es aus gutem Herzen, oder, daß die Tassen
wirklich nicht mehr Werth waren, begnügte sich mit dieser Summe, sowohl
für das Frühstück seines edelmüthigen Beschützers und verließ alsbald
die Stube. Kaum sah sich Jacquot mit Heinrich allein, als er, seine
natürliche Lebhaftigkeit wieder findend, welche während des Verlaufs des
vorhergehenden Auftritts, die Furcht und das Erstaunen unterdrückt
hatten, seinen jungen Wohlthäter auf die rührendste Art seine
Dankbarkeit bezeigte, und ihn bat, wenn er seiner je bedürfe, ihn nur
rufen zu lassen; er könne darauf rechnen, da ß er herbeieilen und ihn
Tag und Nacht bedienen würde, ohne ihn um etwas anders, als ein Stück
Brod zu bitten ……
„ Ach! Mein Herr, fügte er,
seine Danksagung beendend, hinzu, und seine großen blauen Augen mit
Zärtlichkeit und Inbrunst auf die Augen Heinrichs heftend, wenn Ihr
einen Bedienten gebraucht? . ….. einen Groomm? . . .ach, wie gerne würde
ich Euch dienen!“ ….
„ - Ach ! mein armer
Freund, antwortete Heinrich, ich kann jetzt nichts für Dich thun, ich
verspreche Dir aber, wenn ich je in der Lage bin, Dir zu helfen, daß ich
Dich mit mir nehmen und Dir etwas anders, als ein Stück Brod geben werde
. …. Jetzt muß ich Dich verlassen, schreibe mir die Nummer dieses Hauses
auf, damit ich Dich wieder finden kann und zeigte mir den Weg, um wieder
nach der Straße von Grenelle zu kommen ….“
Jacquot eilte eine
gedruckte Adresse von seinem Herrn zu holen, welche, nicht wenig
geschmeichelt, daß der vornehme junge Herr sie erbeten, dem kleinen
Küchenjungen gutwillig erlaubte, Heinrich bis zum Platz L’ Estrapade zu
begleiten.
Im Umsehn nahm Jacquot seine
Schürze ab, zog seine Sonntags – Jacke an, und erfreut, als ob ihm
nichts Aergerliches begegnet wäre und ein großes Glück ihn erwarte,
führte er Heinrich durch mehrere enge Gassen, welche dieser nicht
gekommen war und die den Weg abkürzten.
Plötzlich bleibt Heinrich
stehn … eine niedrige Thür, aus altem braunen Holz, umgeben von großen
schwarzen, verrosteten Nägeln fällt ihm in die Augen und erweckt alle
seine Erinnerungen .. .wohl ist es diese Thür, welche er am Morgen
vergeblich gesucht hat …. Es ist auch dieselbe gespaltne Mauer, oben mit
Scherben von Flaschen bedeckt, um Diebe am Hinaufklettern zu hindern .
..es ist wohl der dicke eiserne Kloster, ein verzerrtes Gesicht
ungeschickt darstellend, welcher stark tönt, wenn man ihn, um sich
öffnen zu lassen, aufhebt und wieder fallen lässt …. Heinrich kann nicht
mehr zweifeln, er steht dem Hause seiner Tante, Fräulein L’ Espinoh,
gegenüber und verdankt es Jacquot, sie endlich gefunden zu haben.
„ Ich habe hier zu thun,
sagt er zu ihm, Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, indem Du mich
durch diese Straße geführt hast, welche ich heut Morgen nicht finden
konnte . . . so sind wir denn quitt, lieber Jacquot . . aber ich
verspreche Dir doch, meinen Wohlstand mit Dir zu theilen, wenn ich
glücklich werde . . „ – „ nein, nein, lieber Herr, Ihr braucht nicht
erst glücklich zu werden, damit ich mit Euch gehe . . im Gegentheil!
Versprecht mir, daß , wenn Ihr je meine Dienste braucht, Ihr mich
alsbald ruft . . . seht doch, wie es mich betrübt, Euch zu verlassen! .
. .
Wahrlich, setzte das arme
Kind, indem es mit dem Aermel seine Augen trocknete, hinzu . . Niemand
hat jemals so sanft gesprochen, wie Ihr . .ach! das thut wohl!“
Durch die Anhänglichkeit seines jungen Schützlings gerührt, verspricht
ihm Heinrich wiederzukommen, glücklich oder unglücklich; betrübt und
beschämt aber, ihm nichts geben zu können, eilt er, Jacquot zu
entlassen, welcher sich zwanzigmal in der Straße umkehrt, bevor er
verschwindet, um seinen jungen Beschützer nochmals zu sehn und zu
grüßen.
Nachdem Heinrich den guten
kleinen Jacquot aus den Augen verloren hat, fühlt er sich betrübter und
verlassener, als bisher; es fehlt ihm an Muth an die Thür zu klopfen,
welche er so sehr gesucht hat, tausend traurige Gedanken durchkreuzigen
seinen Kopf . . Dennoch rückt die Zeit vor, die Tgae sind kurz, er muß
einen Entschluß fassen.
Endlich hebt Heinrich den
dicken Klopfer auf, sein Herz schlägt bei dem dröhnenden Schalle, den
derselbe verursacht; mit Beklemmung erwartet er, was folgen wird.
Es dauert ziemlich lange,
bevor sich etwas hören lässt, endlich verkünden Tritte und das Geräusch
von Schlüsseln die Annäherung Jemandes, - um aufzumachen. Dennoch öffnet
sich zu seinem großen Erstaunen nicht die Thür, sondern ein in derselben
angebrachter Schieber, dienend, die draußen Stehenden zu erkennen. Ein
altes Gesicht zeigt sich und fragt Heinrich kurz, was er will?
Heinrich nennt seinen Namen
und sein Recht, bei Fräulein L’ Espinoh vorzusprechen; die Alte aber
betrachtet Heinrich mit einem argwöhnlichen Blick, und antwortet, bevor
sie ihn eintreten lasse, müsse sie die Befehle Ihrer Herrin einholen.
Hierauf schließt sie rasch den Schieber und verschwindet, in dem sie
Heinrich, vom ersten Empfang im hause seiner Tante wenig erbaut,
zurücklässt.
Trotzdem lebte die alte Dame
noch, und wohnt noch immer hier, da man ihre Befehle holen will.
Diese Versicherung ist
wenigstens ein Trost für Heinrich, daher will er sich gedulden, obgleich
sein Gefühl für Gerechtigkeit durch die vielen Besorgnisse und den
Argwohn gegen einen ehrlichen Fremden, den man auf der Straße in der
Kälte zu warten zwingt, verletzt ist. Um sich zu zerstreuen ruft er
seine Erinnerungen zurück und sucht sich seine alte Tante vor’ s
Gedächtniß zu führen, um zu errathen, auf welche Art sie ihn empfangen
wird; aber alles, dessen er sich erinnern kann, ist dass sie sehr alt
ist und eine Brille trägt.
Nach einiger Zeit lassen
sich wieder dieselben Schritte, dasselbe Geräusch von Schlüsseln hören,
und anstatt des Schiebers öffnet sich diesmal die Thür selbst, um
Heinrich einzulassen. Seine alte Führerin, Wirtschaftlerin und zugleich
Gesellschaftsdame von Fräulein L’ Espinoh geht Heinrich voran, nachdem
sie mit besonderer Sorgfalt die Hausthür verschlossen, und einen kleinen
düstern Hof überschritten hat, bleibt sie vor einem verfallenen Häuschen
stehn, welchem das mit Moos bedeckte Dach und die vielen geschlossenen
Fensterladen ein noch ärmliches und finstereres Ansehn gebe.
In dieses wird Heinrich
geführt, nachdem die Alte die Thür mit derselben Sorgfalt wie die
erstere zugemacht und eine große Eisenstange vorgeschoben hat.
Nun geht es über einen
dunkeln, eiskalten Flur, an dessen Ende das Zimmer von
Fräulein L’ Espinoh liegt.
Hier ist noch eine Thür auf
– und nachher wieder zuzuschliessen. Endlich befindet sich Heinrich in
dem Heiligthum und wundert sich, als er die Möbeln betrachtet, über die
ausnehmende Sorgfalt, mit welcher man sich vor Dieben schützt. Alles
trägt hier das Gepräge des Alters und der Sparsamkeit; das große Zimmer
ist kaum erhellt, da nur die Hälfte eines Fensterladens geöffnet ist,
gewiß, um gegen die Kälte zu schützen, welche nichtsdestoweniger
empfindlich fühlbar ist. Ein alter Sofa und einige alte Lehnstühle
tragen die Spuren öfterer Ausbesserung, ein alter Schrank aus Nussholz
trägt die der Würmer, welche in seinem Holze unzählige Figuren gebildet
haben; der Tisch in der Mitte ist mit einem alten Teppich bedeckt und
der Fußboden besteht aus schlecht zusammengefügten Steinplatten, was die
Kälte und Aermlichkeit des Ganzen noch vermehrt.
Dennoch ist alles reinlich
und ein merkwürdiges Stück, die Hauptzierde des Saals, zieht die Neugier
Heinrichs auf sich; er kann sie nach gefallen befriedigen, da die alte
Wirtschaftlerin ihn von Neuem der Wirthin anmeldet.
Es ist ein alter Rahmen,
groß und tief, aus kunstreich geschnitztem Holz, vor dem Heinrich in
Anschauung versunken steht; er schließt ein Gemälde von Glas in
verschiedenen Farben ein, die Geschichte des guten und schlechten
Reichen darstellend: man sieht den armen Lazarus halbnackt liegend vor
der Thür des mitleidigen Reichen, der ihn unterstützt, während seine
Hunde die Wunden des armen Kranken lecken und ihn liebkosen; von der
andern Seite ist der böse Reiche, bei einer überfüllten Tafel, umgeben
von zahlreichen Dienstboten, ohne an das Elend zu denken, welches er vor
Augen hat.
Mit Interesse betrachtet
Heinrich die Einzelheiten des Gemäldes, aber bald wird er seiner
Anschauung durch die Haushälterin entrissen, welche ihn zu holen kommt,
um ihn endlich Fräulein L’ Espinoh vorzustellen: „ Sprecht leise, sag
sie ihm, und tretet sacht auf!“ So sachte er es auch immer anstellt, um
die Stube von Fräulein L’ Espinoh zu treten, weckt Heinrich doch durch
seine Schritte einen dicken kleinen Mops, auf dem Schoß seiner Herrin
liegend, von wo das hässliche Thier schwerfällig auf die Erde springt,
mit heiserm Gebell und wütend aud den neuen Ankömmling losgeht –
„ Hier Belotte! .. . Belotte
hier!“ ruft Fräulein L’ Espinoh mit schwacher aber zärtlichen Stimme ..
.Belotte aber fährt fort ihre Zähne zu zeigen und noch stärker zu
bellen, bis die Haushälterin sie ergreift und sorgfältig wieder auf die
Knie der alten Dame legt, welche die zärtlichen Worte und Liebkosungen
anwendet, um das hässliche Thier zu beruhigen.
Während dieses Auftritts
hatte Heinrich Zeit, nach Gefallen Fräulein L’ Espinoh und ihre
Umgebung zu betrachten.
Die Stube, welche nach alten Büchern und Schnupftabak roch, war in
derselben altmodischen Art möblirt, wie die, welche Heinrich eben
verlassen hatte. Die Hausfrau schien der Zeit anzugehören, wo ihre
Möbel gemacht wurden, so sehr schien sie selbst alt und verwelkt; auch
ihr Anzug erinnerte an das vorige Jahrhundert.
Nachdem sie, nicht ohne
mühe, Belotte beruhigt hatte, setzte sie auf ihre lange und spitzige
Nase eine Brille, durch die sie unsern Helden lange Zeit anblickte.
„ Ihr gleicht Eurem Vater
nicht, das ist schon etwas, sagte sie endlich, kommt Ihr, mir das Geld
wiederzubringen, das er mir schuldig ist? Das sollte mich freuen.“
„ Ach, antwortete Heinrich,
Sie wissen gewiß nicht, daß mein Vater todt ist und nichts hinterlassen
hat" . . .!- „ Todt! erwiedert die alte Dame, nichts hinterlassen!
…..
Das wundert mich nicht . .
.aber warum kommt Ihr hierher? Was wollt Ihr von mir? . . ich habe kein
Geld . . ich vermag nicht, ich kann Euch nichts geben, ich sage es
Euch vorher . .wenn Ihr glaubt, wie Euer Vater, auf meine Kosten leben
zu können, so täuscht Ihr Euch . . so irrt Ihr Euch sehr! “ . .
Das war zu viel für den
stolzen und empfindlichen Heinrich, roth vor Scham und Zorn, und mit
zitternder Stimme, die er vergeblich kräftiger zu machen sucht, ruft er
aus: „ Gott behüte mich, daß ich je, weder etwas bitte, noch einer
Verwandten verdanke, die mich empfängt, wie Sie . . ich sehe, daß die
Hunde hier besser behandelt werden, als die Menschen .. .. ich sehe,
wie Sie trotz des Bildes unsers Heilandes, welches über Ihren Bette
hängt, eine fühllose Seele für Unglückliche haben, ich sehe“ . . ..
Heinrich wollte noch länger
in diesem Tone fortfahren, aber das alte Fräulein, zuerst erstaunt, dann
erweicht durch diese Worte, unterbrach ihn, indem sie mit dem Ton
inniger Reue ausrief: „ Haltet ein, junger Mensch . . fahrt nicht fort!
. . hört mich an . . ich bin so oft betrogen worden . .seht, Euer Vater
- - „ -„ Mein Vater, schreit Heinrich, außer sich vor Wuth, mein Vater
war besser, als Sie . . beleidigt ihn nicht! . laß mich fortgehn!“ und
ohne der alten Dame weiter Gehör zu geben, welche fortfährt,
besänftigende Worte an ihn zu richten, stürzt sich unser junger
Entrüsteter auf die Thür, stößt sie mit Lärm auf und tritt in das
Vorzimmer.
Der Mops, vor Schrecken aus
dem Schlafe auffahrend, springt herab, verfolgt Heinrich und droht ihn
zu beißen. Unser Held fällt, indem er ihm ausweichen will, gegen das
Gemälde von buntem Glase, der gute und der schlechte Reiche, das in
Stücke fliegt, zum allgemeinen Entsetzen und unter verdoppeltem Gebell
der schrecklichen Belotte.
Heinrich selbst durch den
Schaden, welchen er angerichtet hat, erschreckt, glaubt, daß dieses Haus
verwünscht sei, bemächtigt sich des dicken Schlüssels, welchen die
Haushälterin auf den Tisch gelegt hat, öffnet die erste Thür, macht die
Eisenstange, welche die zweite schließt, los, öffnet sie leicht, und den
kleinen Hof im Fluge durcheilend, hat er bald, mit Hülfe des Schliessels,
dessen er sich bemächtigt hat, die Hausthür geöffnet, durch die er aus
allen Kräften flüchtet, wie ein Dieb, von Gensdarmen verfolgt.
In die
traurige Wohnung seines Vaters zurückgekehrt, kommt Heinrich wieder zur
Besinnung und fängt an, sich Alles zu wiederholen, was ihm an diesem
abentheuerlichen Tage begegnet ist:
Der heftige Auftritt
zwischen Jacquot und seinem Herrn ist nichts im Vergleich mit dem,
welchen er mit seiner Tante gehabt hat; er erinnert sich jedes
Umstandes, jedes Wortes; ohne es zu wollen, endigt er damit, es zu
bereuen, dem Fräulein L’Espinoh nicht Zeit gelassen zu haben, das zu
vollenden, was sie in sanftem und geneigtem Tone zu sagen anfing; denn
diese Sprache hatte fast die verletzende Worte, die sie zuerst an ihn
gerichtet, wieder gut gemacht.
Dennoch sucht unser junger
Held, wie alle stolzen und auffahrenden Gemüther, sich zu überzeugen,
daß er recht gehandelt, die Ungerechtigkeit, deren Gegenstand er gewesen
ist, auf der Stelle zu ahnden, und indem er dieses oft wiederholt,
bildet er sich am Ende wirklich ein, daß alles Unrecht auf der andern
Seite sei und er sich nichts vorzuwerfen habe.
Wenn Heinrich, anstatt auf
die Stimme seines Stolzes und seiner Empfindlichkeit zu hören, seinem
ersten Gefühl gefolgt wäre, das ihn seine Heftigkeit bereuen ließ, so
hätte er vielleicht gesucht, sie wieder gut zu machen, indem er zu
Fräulein L’Espinoh zurückgekehrt wäre , um sich bei derselben zu
entschuldigen; aber, wie wir gesagt haben, Heinrich verabscheute die
Ungerechtigkeit gegen Andre und noch mehr gegen sich selbst, und anstatt
zu versuchen, diejenigen, welche sich dieselbe in seinen Augen zu
Schulden kommen ließen, durch Milde und Sanftmuth zu besänftigen, wurde
er heftiger, wie sie selbst und zog vor, sich Todfeinde aus ihnen zu
machen, statt sie durch weises Stillschweigen zu entwaffnen oder sie
durch versöhnende und beschwichtigende Worte zu gewinnen.
So kam es denn, da ß der
junge Mensch, der sich bisher durch sein heftiges Gemüth und seine
falsche Liebe zur Gerechtigkeit, Unannehmlichkeiten zugezogen hatte,
sich dieses Mal eine lange Reihe von Entbehrungen und Mühseligkeiten
bereitete, indem er die einzige Stütze von sich wies, welche ihm noch,
in der Person seiner alten Tante, blieb.
Kaum hatte sich Heinrich in
seinem Entschluß, nicht zu Fräulein L’Espinoh zurückzukehren, bestärkt,
als der Geschäftsmann, welcher am Morgen so hart zu ihm gesprochen, in
die Stube trat und ihn fragte, was er für Pläne für die Zukunft habe:
„Die Freistelle, auf welche Sie in einer Anstalt hoffen, kann noch lange
auf sich warten lassen, sagte er, bis dahin müssen Sie ehrlich zu leben
suchen, die Wohnung ist an Andre vermiethet, übermorgen werden Sie
selbige verlassen müssen .. suchen Sie also ein Unterkommen und eine
Stütze . . .denn ich kann leider nichts für Sie thun,“ . ..“ Ich bitte
Sie auch um nichts, unterbrach ihn Heinrich stolz, übermorgen werde ich
das Haus verlassen haben, Sie können ruhig sein, ich weiß Unterkommen
und Beistand zu finden.“
Der arme Knabe log sehr,
indem er diese Worte sagte, welche ihm sein beleidigter Stolz einflößte;
es gab keine verlassenere Lage, als die seine, aber dies dem
unbarmherzigen Geschäftsmanne anzuvertrauen, wäre in seinen Augen eine
Feigheit gewesen; er wäre lieber gestorben, als daß er seinen Schutz
angesprochen und ihn günstiger für sich gestimmt hätte.
Dennoch bricht, als Heinrich
allein ist, sein Zorn;
er weint bitterlich; aber bald seine Schwäche bekämpfend und Kraft in
dem Gefühle des Unrechts findend, das ihm widerfährt indem alle Welt
ihn verlässt – sagt er bitter: „ Nein, die Menschen verdienen nicht,
daß ich sie anflehe, es lohnt sich nicht zu arbeiten, um eine Stelle zu
gewinnen . .. . überall sehe ich nur böse und Unterdrückter; Leute, die
Kräfte und Macht mißbrauchen gegen Schwache und Unglückliche . .. Es
ist beschlossen! Ich will unabhängig werden, weder Herr noch Beschützer
suchen . .. man nannte mich Don Quichote auf der Schule, nun ja, wie
er will ich auf Abentheuer ausgehn, Schwache und Unterdrückte
beschützen, mich aus allen Kräften der Tyrannei und Ungerechtigkeit
widersetzen .. . darum braucht man noch nicht Schafheerden für Armeen
oder Windmühlen für Riesen zu halten … das ist dummes Zeug! Es ist aber
schön, die Bösen zu fliehn und Armen und Unglücklichen zu helfen . . .
bestimmt, ich will keinen andern Herrn haben, als mich selbst!“
Nach diesem schönen Monolog,
glaubte sich Heinrich in den dritten Himmel erhoben; wie der berühmter
Ritter von La Mancha, hätte er irgend einen schwarzen Tyrannen in seinen
Händen haben mögen, um ihn bezwingen und im Augenblick durchbohren zu
können, so viel Kraft und Entzücken verlieh ihm sein neuer Plan.
Sein Magen, der vor Hunger
knurrte und die Nothwendigkeit, an die Mittel zu denken, seine schönen
Pläne auszuführen, riefen ihn jedoch bald auf diese Welt zurück und eine
Kruste hartes Brod essen, sagte er: „ Laß sehn, welches sind meine
Mittel, meine Reichthümer? . . was das Geld anbetrifft, ich habe wenig;
ich habe aber noch feinen Leinen und schöne Kleider, welche mir, einmal
verkauft, genug verschaffen werden; ich gebrauche nur einen Kittel,
etwas Wäsche und grobe Kleider, um in die weite Welt zu gehen . . meine
Uhr würde, wenn ich sie verkaufe, mir gleich eine beträchtliche Summe
einbringen, aber ich hoffe, das wird nicht nöthig sein; ich werde mich
schon so behelfen.
Einmal aus dieser
abscheulichen Stadt, wird mir vielleicht das Glück entgegenkommen.“ ..
Mit diesen Gedanken
beschäftigte sich Heinrich den Rest des Abends, und selbst während der
Nacht, denn sie erschienen ihm wieder im Träume, und vermischten sich
mit den Gedanken an Jacquot, an Fräulein L’ Espinoh und ihr altes, wie
eine Festung verbarrikadiertes Haus.
Frühzeitig wach und
aufgestanden, wie alle, welche einen wichtigen Plan am Tage in
Ausführung bringen wollen, beginnt Heinrich, von fast allen seinen
Kleidern, dem größten Theil seiner Wäsche und einigen Gegenständen von
wenig Werth, welche ihm noch blieben, ein Bündel zu machen.
Dies alles legte er in einen
Wagen, den er hatte holen lassen, und der Thürsteherin seinen bestimmten
Abgang am nächsten Tage anzeigend, weis’ t er dem Kutscher ein Haus im
Stadttheil des jardin des plantes an, wo er am Tage zuvor den Laden
eines Altkäufers bemerkt hat.
Dort angekommen, setzt der
arme Knabe, nicht ohne zu erröthen und stark zu stottern, seinen Wunsch
auseinander, die Sachen, welche er mitbrachte, loszuwerden. Lange Zeit
verging beim Prüfen jedes Gegenstandes, jeder Sache; der Altkäufer
reichte sie seiner Frau, welche die Schätzung erneuerte, indem sie mit
den Achseln zuckte, als ob sie sagen wollte, daß alles dies nichts oder
doch nur wenig werth sei.
Endlich, nachdem Mann und
Frau lange zusammen geflüstert, bot der Gatte Heinrich fünfzig Franken
für seine ganze Garderobe an, welche gewiß viermal so viel werth war,
aber unser junger Schwärmer, ungeduldig, sein herumziehendes Leben
anzufangen und denkend, daß fünfzig Franken für ihn eine unversiegbare
Quelle sei, beeilte sich, den Handel abzuschließen, ohne etwas zu
erwiedern, oder zu entgegnen, was wenn die beiden habgierigen Eheleute
so sehr befriedigte, da ß die alte Frau, deren Frühstück auf dem Feuer
stand, mit liebenswürdiger Miene, Heinrich anbot, eine Tasse Kaffe zu
trinken, bevor er sich auf’ s Neue der Kälte eines trüben Märzmorgens
aussetze.
Armuth und Hülfslosigkeit
demüthigen die stolzesten Gemüther. Heinrich nahm mit Dankbarkeit den
Theil des Frühstücks, welchen man ihm anbot, und mit gefüllterer Börse,
als er sie je in seinem Leben gehabt, verabschiedete er sich von
dem alten Paar, und trat lustig wieder seinen Weg an, um mehrere, zu dem
Leben, welches er führen wollte, nöthige Gegenstände zu kaufen.
Ein Kittel von dunkler Farbe
war sein erster Einkauf, er zog ihn über seinen Rock an; tauschte seinen
Hut gegen eine mehr bequeme, als elegante Mütze ein und ein kleiner
lederner Tornister wurde auf seinen Schultern angeschnallt; dieser
sollte seine ganze Habseligkeiten einschließen. Nach beendigten
Vorbereitungen, dachte Heinrich daran, daß er dem guten kleinen Jacquot
versprochen habe, ihn wieder zu besuchen. Im Paris, vielleicht auf
immer, zu verlassen, entschloß er sich, ihm Adieu zu sagen und stand
bald vor der Thür des am vorigen Tage so zornigen Garkochs.
Es war jedoch seine Absicht
nicht einzutreten; sein bescheidner Anzug von heute glich zu wenig dem
eleganten, welcher ihm am vorigen Tage die Achtung des Garkochs erworben
hatte, um zu wünschen, sich demselben so zu zeigen.
Heinrich guckte daher
verstohlen durch’ s Fenster, in der Hoffnung, Jacquot durch die Scheiben
zu sehen, und ihm ein Zeichen geben zu können, heraus zu kommen.
Wirklich war nur kurze Zeit
verstrichen, als der kleine Küchenjunge seinen Gönner vor dem Fenster
stehen sah, ohne dessen Ruf abzuwarten, aus dem Hause stürzte und ihn
dringend nöthigte einzutreten, da sein Herr den ganzen Morgen abwesend
sein würde und Niemand in dem Zimmer sei, wo er am vorigen Tage
gefrühstückt habe.
Der gute kleine Jacquot
wusste nicht, wie er Heinrich seine Freude, ihn so bald wiederzusehen,
bezeigen sollte; als er aber erfuhr, daß er gekommen sei, von ihm
Abschied zu nehmen, um sich auf immer zu entfernen, fing das arme
Kind bitterlich zu weine an, und bat Heinrich so lange, ihn mitzunehmen,
bis dieser beistimmte und den Plan selbst so leicht auszuführen fand,
daß er sich wunderte, denselben nicht schon selbst früher gehabt zu
haben.
_ „ Du bist unglücklich und
eine Waise, wie ich, sagte er ihm, Du hast nichts zu verlieren, also,
wenn Du wirklich mein Schicksal theilen willst, obgleich ich dir nichts
anbieten kann, so will ich gern mit Dir in der Welt umherziehen . .
.dennoch, überlege es Dir wohl, vielleicht werden wir ein trauriges
Leben führen! …. -
„ Ach!
Meinetwegen! Ein trauriges Leben mit Ihnen,“ ruft Jacquot, „ nicht doch,
nicht doch! Ich werde im Gegentheil gewiß glücklich sein, Sie sollen es
sehn; ich bin es ja schon!“ und die arme Waise sprang vor Freude in der
Stube herum, als wenn er eben in den Dienst eines Prinzen aufgenommen
worden wäre.
Die beiden Leichtsinnigen
beriethen sich noch lange über das, was ihnen zu thun übrig blieb, um
ihren Plan auszuführen.
Jacquot’s Gepäck setzte
nicht sehr in Verlegenheit; er wollte es in einen, ihm gehörenden,
großen Sack stecken; er hatte auch einen Leinwandkittel und eine
Tuchmütze.
Das Geld anbelangend hatte er nicht einen rothen Heller, aber Heinrich
dachte noch lange für beide genug zu haben.
Es wurde beschlossen, da ß
Jacquot heimlich das Haus des Gastwirths verlassen und am Morgen mit
Tagesanbruch Heinrich bei einer Barierre erwarten sollte, welche ihm
dieser bezeichnete und von wo aus die beiden jungen Abenteurer ihre
Reise antreten wollten. Nachdem er ihm öfters seine Anordnungen
wiederholt hatte, verließ Heinrich Jacquot, dessen freudevolles
Aussehen genugsam das Glück zeigte, welches er am folgenden Morgen und
in Zukunft von der Gesellschaft seines neuen und liebenswürdigen Herrn
erwartete; denn also gefiel es Jacquot Heinrich zu titulieren und der
respectvolle Ton, welchen er unausgesetzt gegen ihn annahm, bewies, daß
Unglück und Verlassenheit in dem Herzen des verwaistes’ ten Knaben
nicht die ihm angebornen Eigenschaften der Bescheidenheit und des
Zartgefühls verwischt hatten.
Wirklich besaß dieses arme
Findelkind eine jener glücklichen Naturen, welche das Gute errathen und
gegen das Uebel leicht ein Mittel finden. Höflich und bescheiden gegen
Jedermann, konnte er keinem Befehl widerstehn, noch weniger einer Bitte
abschlagen. Wenn sein gutes und fühlendes Herz keinen Groll gegen
diejenigen, welche ihn misshandelten, hegen konnte, so empfand er für
die geringste Wohlthat eine übergroße Dankbarkeit und um dieselbe zu
bezeigen, hätte er sich gern tausendmal aufgeopfert.
Heiter, mittheilend, von
kräftiger Gesundheit, trug Jacquot auf seinem frischen und vollen
Gesichte das Gepräge eines Wohlstandes, welche er dennoch nicht gekannt
hatte; niemals war in seinem Leben sein Appetit vollständig befriedigt
worden; oft sogar legte er sich hungrig zu Bett, immer aber ohne
murren; denn er fand bald tröstende Gedanken, womit er sanft einschlief.
Ein guter Priester, welcher
ihn die Grundbegriffe der Religion gelehrt, in der Waisen – Anstalt, wo
er bis zum achten Jahre geblieben war, hatte so sehr den Glauben an den
Schutz Gottes, wenn er sich desselben durch sein gutes Betragen würdig
mache, in sein Herz geprägt, daß Jacquot bei allem, was ihm
Widerwärtiges begegnete, darin Trost fand, überzeugt, daß jener Schutz
früh oder spät ein Glück ihm bereiten würde, welches jetzt ihm fehlte.
Verständig und thätig,
konnte Jacquot in dem Alter von zwölf Jahren, wo ihn Heinrich kennen
lernte, doch nur mittelmäßig lesen und schreiben.
Genöthigt den ganzen Tag zu
arbeiten und zu bedienen, behielt das arme Kind fast keine Zeit für sich
übrig, außerdem war keiner von denen, welche seine Umgebung ausmachten,
im Stande, ihm etwas beizubringen; aber sein Herz, besser gebildet als
sein Geist, schrieb ihm gewöhnlich vor, was in schwierigen Verhältnissen
das Beste zu thun sei; immer wahr und gut, fehlte ihm doch eine gewisse
Pfiffigkeit nicht, um sich oder Andre, wenn sie in Verlegenheit waren,
herauszuziehen.
Bei allen diesen guten
Eigenschaften, hatte Jacquot den Fehler, sich gar zu leicht durch seine
Gefühle fortreisen zu lassen, und jetzt, wo er zum ersten Male einem
jungen Menschen von vornehmer Geburt und Erziehung begegnete, welche ihn
mit einem Wohlwollen behandelte, an das er nicht gewohnt, haben wir
gesehen, wie bereit er war, ihm zu folgen und sein Loos zu theilen, ohne
sich um den Zweck und die Mittel der neuen Laufbahn zu bekümmern,
welcher sich Heinrich widmen wollte.
Es genügte ihm, sich geliebt
zu sehen und zu denken, daß er dem, welcher ihn liebte und beschützt
hatte, nützlich werden könne; mehr verlangt Jacquot nicht.
Den folgenden Tag, nach dem
Gespräch zwischen den beiden Freunden, machte also Jacquot seine
Reisevorbereitungen: zwei große Hemden und einige wenige andere
Kleider wurden in den großen Sack gesteckt, von welchem er mit Heinrich
gesprochen, und sehr wenig andere Gegenstände füllten ihn nur halb, so,
daß Jacquot ihn leicht über die Schulter hängen konnte, worauf er sich
anschickte, seinem Herrn in folgender Art Adieu zu sagen: “ Mein Herr“ “
Glauben sie nicht, daß ich vortgehe, wegen der Ohrfeige, ich habe aber
eine gute Stelle gefunden, und sie werden gewis einen bessern Diener
finden, als den armen Jacquot.“
„ Ich habe die Tassen
ausgespült und ihre Sachen gebürstet.“ Um sieben Uhr waren beide
Reisegefährten, wie sie verabredet hatten, an der Barierre
zusammengekommen.
Als Heinrich den dicken,
pausbäckigen kleinen Jacquot durch den Sack, welchen er auf den
Schultern trug, noch dicker gemacht sah, konnte er sich dem Gedanken des
Lachens nicht enthalten, daß der kleine Dicke nicht schlecht Sancho
Pansa, wie er selbst mit seiner hohen und magern Gestalt den Ritter von
der traurigen Gestalt, dessen edle Handlungen er nachzuahmen strebte,
darstellte.
Anstatt der Lanze jedoch,
trug Heinrich einen starken Stock in der Hand und sein Kittel, seine
Mütze erinnerten auch wenig an den imposanten Anzug des großen Don
Quichote, doch hatte er sich mit einer Art Dolch versehen, welchen er
durch seinen Gürtel gesteckt hatte und der, wie er sagte, dienen sollte,
ihn gegen jeden Angriff zu vertheidigen und gegen alle Ungerechtigkeit
zu schützen.
So ausgestattet traten unsre beiden Helden Abenteuer und Glück suchend
Schritt und fröhlichem Herzen ihre denkwürdige Reise an.