ARLECCINO
Gebet an Pierrot
An Otto von GrotePierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!
Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
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Der kleine Don Quichote Nach dem Französischen der Gräfin Germanie
Verfasserin von
Robinson’ s Enkelin Kap. IV
Jacquot
konnte seine guten Eigenschaften an diesem Tage genugsam entwickeln;
denn der Wolf erschien nicht, trotz des todten Pferdes, und unser junger
Don Quichote wollte durchaus das Gebäude verlassen, ungeduldig, das
Thier zu treffen.
Paff! Da geht der Schuß hin! Und der Wolf
hat die Kugel im Leib bekommen, denn man sieht ihn sich auf dem todten
Pferde wälzen und recken; - „ rasch Herr, den zweiten Schuß, um ihm den
Garaus zu machen,“ ruft Jacquot; aber unser Don Quichote hört nicht
mehr: von dem Erfolge berauscht und vor Begierde brennend, den Triumph
zu vollenden, indem er der Gefahr entgegengeht und herzhaft mit dem
Feinde kämpft, läuft er nach der Thür, öffnete sie und stürzt auf den
Wolf, um ihn mit dem Dolch zu tödten. Bei dieser Gefahr, welche
sich sein Herr aussetzt, vergisst Jacquot seine gewohnte Vorsicht.
Dieser Wolf, - lange Zeit der Schrecken der Gegend und so lange vergeblich verfolgt - liegt da, leblos hingestreckt neben den beiden Fremden, deren einer das Opfer seiner eignen Tapferkeit gewesen zu sein scheint.
Auch
der Leichnam des Pferdes gab zu sonderbaren Muthmaßungen Anlaß …. Jacquot verlangt, ohne auf alle Fragen antworten zu wollen, welche man an ihn richtet, vor Allem, daß man seinem Herrn Hülfe leiste. Glücklicher Weise war ein Wundarzt im Gefolge des Schlossherrn, welcher den Verwunderten untersucht und ihn Essenzen einathmen lässt. Diese rufen ich’ s Leben zurück, worüber der kleine gefühlvolle Küchenjunge Freudenthränen vergießt. Nachdem sein Herr verbunden war, verkündete er laut dessen Triumph und erzählte, wie Heinrich den Wolf verwundert, mit ihm gekämpft und endlich mit Lebensgefahr das schreckliche Thier niedergestreckt habe. Heinrich wollte sprechen, um dem edelmüthigen Jacquot die Ehre zu geben, welche ihm an dem Kampfe gebührte; aber zu schwach, um verstanden zu werden, konnte er nur einige Worte stottern, welche bloß von Jacquot verstanden wurden, der nicht aufhörte, den Muth seines Herrn bis in den Himmel zu erheben. Heinrich Eitelkeit wurde durch das Lob, welches von allen Seiten erscholl, sehr geschmeichelt und dies war der wirksamste Balsam für seine Wunde. Man verfertigte eine Sänfte aus Baumzweigen, um den jungen Blessierten fortzuschaffen, eine andre für das von ihm erlegte Thier und machte sich nach dem Schlosse auf. Da die Nachricht von dem Tode des gemeinsamen Feindes schon verbreitet war, drängten sich die Leute aus der Nachbarschaft zu dem Zuge hin und wollten den schrecklichen Wolf sehn, indem sie Seegen auf Heinrich herabflehten, welche die Gegend von ihm befreit hatte. Es wäre ein angenehmer Triumph für unsern jungen Don Quichote gewesen und er würde diesen Tag für den schönsten seines Lebens gehalten haben, wenn er nicht dergestalt an seiner Wunde gelitten hätte, daß er fast gefühllos für die Bewunderung war, welche er erregte. Unser kleiner Küchenjunge dagegen genoß dieselbe mit ganzer Seele. Beruhigt über den Zustand seines Herrn konnte er sich jetzt ganz der Freude über den glücklichen Erfolg ihres Unternehmens hingeben, und indem er versicherte, daß die Ehre davon Heinrich allein zukomme, glaubte er die Wahrheit zu sagen, so sehr ließen ihn seine Zuneigung zu seinem Herrn und seine angeborene Bescheidenheit, den entscheidenden Theil vergessen, welchen er an der That gehabt. Wenn unser Held auf die Rathschäge gehört hätte, welche ihm die Vernunft durch Jacquots Stimme gab, wenn er in dem Gebäude geblieben wäre und von da aus den Wolf vollends erlegt hätte, so würde er den nämlichen, ja einen weit rechtmäßigen Triumph verdient haben; denn er hätte ihn dann nicht seinem kleinen Diener geraubt und ihn ungetrübt genießen können, während jetzt sein grausam zerfleischter Arm, das Fieber, welches in seinen Adern tobte, die schreckliche Angst, Zeit Lebens verstümmelt zu bleiben, diesen Triumph in eine Quelle von Leiden und bittern Betrachtungen für unsern armen irrenden Ritter verwandelte, der in diesem Augenblick nur zu sehr dem Ritter von der traurigen Gestalt glich. Bei der Rückkehrt in’ s Schloß behandelte man Heinrich mit aller Sorgfalt; der Wundarzt bot zu seiner Heilung jegliches Mittel seiner Kunst auf, und ein Kammerdiener wachte an seinem Bette, in Gemeinschaft mit Jacquot. Trotz aller dieser Sorgfalt war unser Held vierundzwanzig Stunden lang in der großen Gefahr und die Herren des Schlosses bedauerten schon den Preis, womit der Tod des Wolfs bezahlt werden sollte - den wahrscheinlichen Tod des Besiegers - . Jacquot betete in seiner Verzweiflung beständig zu Gott, da ß er seinen lieben kleinen Herrn retten möchte, er verließ dessen Bett nicht, und wenn man ihn nicht gezwungen hätte, etwas zu sich nehmen, würde er während der vierundzwanzig Stunden, wo Heinrich in Lebensgefahr schwebte, nichts genossen haben. Endlich siegten die Jugend und die gute Natur des Verwundeten; das Fieber ließ nach, die Wunde verlor ihren beängstigenden Charakter, nach acht Tagen begann Heinrichs Genesung und er hatte die Befriedigung, den Wolf ausgestopft im Schlosshofe auf einer Stange zu sehn, welche man dahin gestellt hatte, damit jedermann nach Gefallen diesen einst so gefährlichen Feind betrachten könne. Selbigen Tages kam der Herr des Schlosses, um Heinrich für den Dienst zu danken, welchen er ihm und der ganzen Gegend geleistet und ihm die, dem Besieger des schrecklichen Wolfs versprochnen zweihundert Franken anzubieten. Obgleich unser Held eitel und stolz war, hatte er doch das Herz auf dem rechten Fleck; daher entdeckte er jetzt dem Herrn den ruhmvollen Antheil, welchen Jacquot an der Besiegung des Raubthiers genommen habe, indem er hinzusetzte, daß diesem also auch die Belohnung gebühre. „ - Wollt Ihr mir denn durchaus wehe thun, Herr,“ sagte Jacquot, mit Thränen in den Augen, „ wollt Ihr mich denn betrübt machen!“ … und hiermit wies er erröthend das Geld zurück, indem er versicherte, daß es seinem Herrn zukäme. Der Herr des Schlosses, durch diesen edelmüthigen Streit gerührt und schon sehr von den beiden jungen Abenteurern eingenommen, schlug ihnen vor, in seinem Dienst zu bleiben, in welcher Stellung sie es wünschen möchten; sie können überzeugt sein, daß sie mit ihrer Behandlung zufrieden sein würden. Jacquot sah seinen Herrn mit flehendem Blicke an, daß er ein so vortheilhaftes Anerbieten annähme; aber unser Held hatte noch nicht genug an den Bestandenen Abenteuern und verlangte nach Unabhängigkeit. Er lehnte es also bestimmt, aber höflich ab, und sprach, indem er für alle Güte und Sorgfalt, welche man ihm erwiesen hatte, dankte, seinen Wunsch aus, in Kurzem das Schloß zu verlassen und seine Reise fortzusetzen, welche er, wie er sagte, zu seiner Belehrung unternommen habe. Wirklich brach er, zu Jacquot’ s großer Betrübniß, wenige Tage nach dieser Unterredung auf, die zweihundert Franken, eine schöne goldne Kette, welche ihm der Herr des Schlosses geschenkt hatte und einen neuen Anzug für den, welcher von dem Wolf zerrissen worden war, mit sich nehmend. Jacquot hatte seinerseits eine silberne Uhr und eine kleine Summe erhalten, welche ihn freudetrunken machte. Unsere beiden jungen Abenteurer benutzten einen wagen, welcher leer vom Schlosse abfuhr, um sich bequem nach der Stadt H. zu begeben, wo er einige Personen abholen sollte. Diese Fahrt, in einem guten Wagen, war eine Freudenquelle für Jacquot: alle Augenblick zog er seine Uhr aus der Tasche, um sich zu überzeugen, daß sie noch da war und die Freude zu haben, sie zu sehn; dann ließ er sein Geld in der Tasche klimpern und lächelte vor Seligkeit, sich so reich zu fühlen. So war denn unser kleiner Küchenjunge ganz glücklich und sein Herr würde es auch gewesen sein, wenn ihn nicht die Schwäche, welche ihn die Schwäche, welche ihm von seiner Krankheit geblieben war, belästigt hätte, und sein Arm, obgleich die Wunde daran zugeheilt war, ihn nicht zuweilen noch sehr geschmerzt hätte. Sie kamen Nachmittags in H. an, und Heinrich, welcher keine Ursache hatte, mit seinem Aufenthalt in den Dörfern zufrieden zu sein, wollte einige Zeit in dieser großen und schönen Stadt verweilen. Unsre beiden Helden nahmen ihre Wohnung in einem bescheidnen Gasthof, wo man ihnen zwei kleine niedliche Zimmer gab.
Nach einer Woche jedoch war Heinrich auf’ s Neue im Stande, auszugehen und von Jacquot unter den Arm gefasst, in der Stadt umherzustreichen und sich genugsam darin umzusehen. Seine zweihundert Franken schienen ihm eine Summe, stark genug, ihm den Besuch der Theater und Kaffehäuser zu erlauben: so brauchte er denn wieder eine Woche vollständig unbekümmert und in Vergnügungen zu, welche ihm der Besuch öffentlicher Lustörter gewährte. Der verständige Jacquot versuchte wohl einige Mal vom Arbeiten zu sprechen, von der Zukunft; aber unser Held, entzückt über sein angenehmes und unabhängiges Leben, brachte durch einige Scherze seinen kleinen Diener zum Schweigen, und dieser war zu ergeben, um damit fortzufahren; er schwieg bald, zufrieden, sich in dem Gasthof , wo man ihn allgemein liebte, nützlich zu machen. Eines Abends sehr spät, als Jacquot seinen Herrn erwartete und schon anfing, über dessen langes Ausbleiben beunruhigt zu werden, kam unser Held mit triumphirender Miene nach Hause und reif seinem kleinen Diener zu: „ eine gute Neuigkeit, Jacquot,“ was ich so lange schon gewünscht habe, ist endlich eingetroffen .. wir werden wirkliche Gefahren bestehen, und einen anderen Ruhm erwerben, als den, einen hässlichen Wolf getödtet zu haben.
…. Ich bin auf dem Kaffehause einem Manne begegnet, welcher das Opfer einer schrecklichen Ungerechtigkeit ist; sein eigener Bruder nämlich hat ihn von seinem Schlosse verjagt und er will nun mit mehreren seiner Freunde in kommender Nacht versuchen, sich mit den Waffen in der Hand wieder in Besitz desselben zu setzten. Er hat mir versprochen, wenn ich ihm einiges Geld und meinen Beistand leihen wollte, mir ein Gut, in der Nähe des seinigen zu schenken . . denke doch, welches Glück! .. nun, was sagst Du dazu?“ …. Jacquot kratzt sich mit den beiden Händen den Kopf; ohne zu wissen, warum gefällt ihm das eben gehörte wenig; er traut dem verjagten Bruder nicht, mit sammt seinen bewaffneten Freunden, und möchte seinen Herrn abhalten, an ihrem Unternehmen Theil zu nehmen. Aber, auf welche Weise? Jacquot hatte das Gefühl des Guten; er hatte die Vorsicht, welche gegen das Schlechte bewahrt; aber er konnte nicht immer die Gründe, welche ihn bewogen, Etwas zu thun, oder zu lassen, in Worte kleiden; und in diesem Augenblick, wo er Heinrich freudetrunken über seinen Plan sieht, fehlt ihm sowohl der Muth, als auch die Fähigkeit, ihm zu widersprechen. Unser bescheidener kleiner Küchenjunge suchte sich also zu überzeugen, daß er selbst Unrecht hätte das Vornehmen seines Herrn zu missbilligen, der mit bei weitem mehr Verstand, als er selbst auch die Welt besser kennen müsse. Er kratzt sich nicht mehr den Kopf, sondern hört ruhig das an, was Heinrich über die bewunderungswürdigen Folgen, welche das Unternehmen haben müsste, vorbringt. Der folgende Tag verging für Heinrich unerträglich langsam; denn er brannte vor Begierde, den Angriff gegen den unnatürliche Bösewicht anfangen zu sehen, welcher seinem Bruder Hab’ und Gut geraubt hatte.
Unterdessen wurde ihm die
Rechnung vorgelegt, welche er in dem Wirthshaus zu bezahlen hatte.
Heinrich war ein wenig über ihren Betrag erschrocken, denn es wurde der
größte Theil von ihm gefordert, was er von seinem Geldvorrath übrig
hatte; aber bei der Erinnerung, daß er auf die Eroberung eines Landgutes
und eines hübschen Vermögens ausgehe, bezahlte er gern. Heinrich behielt den Rest seines Geldes, um ihn, seinem Versprechen gemäß, dem Haupt der Unternehmung beizusteuern und verließ, nachdem er Alles berichtigt und sein Bündel geschnürt hatte, das Wirthshaus, um sich nach dem Ort hinzugeben, wo er die Genossen seines Ruhms vereinigt finden sollte. Sein treuer Jacquot begleitete ihn. Es war ein verlassenes Haus in einer verlassenen Gegend, außerhalb der Stadt gelegen, welches unsere Helden, nachdem sie einen ziemlich langen Weg zurückgelegt hatten, erreichten. Heinrich klopfte dreimal an einen Fensterladen unten, und bald erschien ein großer Mann mit starkem Backen – und Schnautzbart, öffnete die Tür und führte ihn in’ s Haus. Unser unerschrockener Don Quichote war selbst im höchsten Grade erstaunt, bei dem Anblick, welchen die Stube darbot, wo sie eingetreten waren, und Jacquot athmete kaum vor Furcht. An den, durch den Tabackrauch geschwärzten Wänden hingen Pistolen und Flinken; ein halbes Dutzend Menschen, von widerlichem Aussehen und mit groben Kleidern saßen auf der Erde, essend und trinkend, ohne Teller und Glas, indem jeder in die Schüssel griff und aus der Flasche trank, eine Menge verschiedenartiger Gegenstände waren in den Ecken aufgehäuft und mehrere zeigten Suren von Blut. Ueberhaupt trug Alles an diesem Orte ein abschreckendes und finsteres Gepräge und es gehörte die ganze Leichtgläubigkeit unsers Helden dazu, um nicht zu errathen wo, und in welcher Gesellschaft er sich befand. Der schwarze Mann, der angeblich aus seinem Schlosse verjagte Bruder, machte ein freundliches Gesicht beim Anblick der kleinen Summe, welche ihm unser Held einhändigte, als er mit ihm in ein anstoßendes Zimmer gegangen war. Jacquot beeilte sich, um zu folgen; so sehr fürchtete er mit der schrecklichen Gesellschaft von Säufern zusammen zu bleiben. Indem er unsern beiden Helden einen schlechten Strohsack an der Erde zeigte, lud der schwarze Mann sie ein, dort auszuruhen, bis er kommen würde, sie zu rufen, um an dem Angriff auf das Schloß, welches ihm gehörte und ihm durch Verrath genommen war, Theil zu nehmen; darauf verließ er sie, indem er ihnen gute Nacht wünschte und ihnen empfahl, sich um ein Uhr bereit zu halten. „ Lieber Herr, sagte der arme Jacquot, sobald er sich mit Heinrich allein sah, wir sind in einer Diebeshöhle! …. Ich versichere Euch …. Habt Ihr einen kleinen Mann mit rothen Haaren bemerkt, welcher auf der Erde lag? Nun, er hat einem seiner Kameraden etwas gesagt, worauf dieser geantwortet hat: „ halt’ s Maul, Galeerensclave!“ und dann alle diese Flinten, diese Pistolen .. diese Haufen Kleider, woran Blut klebt! … und dann …. Werdet nicht böse, lieber Herr, der schwarze Herr, dem man sein Schloß weggenommen hat, sieht aus, wie ein Räuber . . Gott! wie sah er Eure goldene Kette an … ich hielt meine Uhr mit beiden Händen fest .. seht, mein lieber kleiner Herr, wenn Ihr mir glauben wollt, so laufen wir gleich davon …. Noch ist es Zeit, das Fenster ist nicht hoch, ich werde ganz leise den Fensterladen aufmachen und wir entspringen, ohne daß uns Jemand hört … „ - „ Du bist verrückt, Jacquot, antwortet Heinrich, welcher es seine Würde für angemessen hielt, einen Muth zu zeigen, der in diesem Augenblick seinem Herzen fremd war, Du hast Furcht und Alles erscheint dir schrecklich. Diese Leute, welche zur Wiedereroberung des Schlosses da sind, aus dem man den wahren Herrn vertrieben hat, sind zwar arm, aber sie können ehrlich sein, und sie gebrauchen ja auch die Pistolen und Flinten, um sich zu schlagen und zu vertheidigen . . was den schwarzen Herrn anbetrifft, wie Du ihn nennst, so sieht er kriegerisch aus, das ist Alles … .er ist das Opfer einer schrecklichen Ungerechtigkeit gewesen, es wäre meiner unwürdig, ihn zu verlassen, nachdem ich ihm versprochen habe, ihn rächen zu helfen .. beruhige Dich nur und schlafe!“ Jacquot kratzt sich in seiner Herzensangst den Kopf und statt zu schlafen, hörte er auf jeden Laut, der im Hause ertönt, fest überzeugt, daß seinen Herrn und ihn ein großes Unglück bedrohe. Es mochte wohl halb zwei Uhr Morgens sein, als der schwarze Mann kam, um Heinrich zu sagen, daß man zum Aufbrechen bereit sei. Jacquot aber wollte er zurücklassen, dieser jedoch erklärte, daß er überall seinem Herrn folgen würde und schritt dann wacker ihm zur Seite. Ein Theil der Bande war vorausgegangen und der nun übrige Haufe bestand aus fünf Mann, unsere beiden Freunde einbegriffen. Nur kurze Zeit blieben sie auf der Landstraße, dann schlugen sie einen Seitenweg ein und gelangten nach einer Stunde Weges, an eine ziemlich niedrige Mauer, welche den Hof eines weitläufigen Gebäudes umschloß. Diejenigen, welche vorausgeeilt waren, hatten schon tüchtig gearbeitet: eine Leiter stand am Fuße der Mauer und der kleine rothe Mann , welcher auf der Lauer gestanden, benachrichtigte die Ankommenden, daß die Hunde nicht bellen würden, da sie die ihnen zugeworfenen vergifteten Fleischklöße gefressen hätten; eine Thür des Hauses, wo die übrigen Kameraden warteten, war bereits gesprengt. - „ Alles schläft noch in dem Hause“ fügte der kleine Mann hinzu, „ und wir müssen damit anfangen, den Pförtner zu erwürgen, bevor man dem Herrn ein gleiches thut …..“ - „ Erwürgen?“ wiederholt Heinrich mit Schrecken und Unmuth, wie so erwürgen . .aber es handelt sich ja nur darum, sich ehrenhaft zu schlagen und den Bruder des Herrn gefangen zu nehmen, was soll das heißen? – „ Du wirst es später erfahren, mein kleiner Unschuldiger,“ antwortet der rothe Mann, höhnisch lachend, „ bis dahin folge uns nur immer und halte Deinen Schnabel, damit Du Dir keine unangenehme Viertelstunde bereitest!“ – „ Beruhigt Euch und schlagt, wenn ich schlage,“ fügte der schwarze Mann hinzu, und Heinrich wird vorwärts gestoßen, genöthigt, die Leite hinaufzusteigen, und in das Haus zu treten, wo die ganze Bande bald mit Vorsicht auf den Steinen des Hausflurs geht. – Jacquot wich nicht von seines Herrn Seite. Plötzlich hört man das Bellen eines im Zimmer eingeschlossenen Hundes und fast im selben Augenblick tritt eine Magd heraus und schreit, als sie die bewaffnete Bande sieht, welche das Haus im Besitz genommen hat, aus Leibeskräften: „ Diebe!“ der schwarze Mann wirft sich auf sie, um sie zum Schweigen zu bringen, denn er fürchtet, daß ihr Geschrei die übrigen Hausbewohner wecken möchte, bald aber ist er hierüber beruhigt, das arme Mädchen, fällt, am ganzen Leibe zitternd, auf die Knie und fleht ihn an, ihr nicht das Leben zu nehmen.
„ Es würde Euch zu Nichts
helfen“ sagt sie mit unsicherer Stimme, „ ich bin mit dem Gärtner allein
im Hause; Alles ist auf drei Tage zur Hochzeit in benachbarten Schlosse
. ….. ich will Euch alle Thüren, alle Schränke aufmachen“ – „ Gut,“
sagt der schwarze Mann, „ Du sollst belohnt werden, aber, wenn Du uns
täuschest … tödte ich Dich, bevor ich die Andern kalt mache . .. fort!
Heinrich und Jacquot sind von Abscheu ergriffen, sich einer wirklichen Diebesbande angeschlossen zu haben, für deren Verbrechen sie mit verantwortlich werden.
Unser Held weiß nicht, was
er thun soll; er vermag nichts gegen sechs, bis an die Zähne bewaffnete
Bösewichter das fühlt er wohl; aber sein Abscheu gegen Unterdrückung und
Missbrauch von Gewalt siegt über die Furcht einer möglichen Gefahr: - „
Niederträchtiger,“ schrie er den
Hauptmann der Bande an, „ warum hast Du mich betrogen? Warum hast Du mir
gesagt, Du wolltest ein Verbrechen rächen, während Du selbst es bist,
welcher Verbrechen begehen will?“ - Bei diesen Worten stößt der schwarze Mann Heinrich bei den Schultern in den geräumigen Esssaal, welche die Magd eben geöffnet hat: mehrere Schränke mit Silberzeug sind bald erbrochen und zeigen den Dieben eine prächtige Beute. Diejenigen, welche man als Wache an der Thür zurückgelassen hatte, kommen, durch die Ausbrüche der Freude und Verwunderung herbeigezogen, auch in den Saal. Die Vertheilung der gefundenen Herrlichkeiten beschäftigt unsere Diebe jetzt so sehr und nimmt ihre Aufmerksamkeit so ganz in Anspruch, daß sie nicht mehr auf die Magd Achtung geben, und nicht bemerken, wie sie sich allmälig der Thür genähert hat, durch die sie eingetreten sind. Plötzlich stürzt sie aus dem Zimmer und bevor man sie ergreifen kann, hat sie die Thür hinter sich zugeworfen und man hört sie dieselbe schnell zweimal abschließen. „ Verdammtes Geschöpf,“ schrien Einige, „ sie hat uns eingeschlossen!“ – „ die Fenster haben starke Eisenstangen,“ riefen Andere, „ unmöglich da durchzukommen“ .. – …. „ Warum seid Ihr nicht auf Eurem Posten bei der Thür geblieben?“ schreit der Hauptmann stärker, als Alle und statt der Ausgelassenheit, welche die Diebesbande noch eben belebt hatte, hörte man jetzt nur Verwünschungen und Drohungen von allen Seiten. Heinrich und Jacquot blieben ruhig; sie wussten nicht, ob sie über das, was eben vorgefallen war, erschrecken, oder sich freuen sollten. Indessen hat der schwarze Mann schnell einen Entschluß gefaßt; er leitet die Arbeiten seiner Bande die Thür zu sprengen …. Schnell nehmen sie ihre Messer, um damit in die Spalten zu bringen und das Schloß zu erbrechen …. Aber Alles ist so fest, so gut gemacht, daß sich nichts rührt und sie endlich die Thür verlassen, um sich gegen die Fenster zu wenden und zu versuchen, die Stangen auszubrechen. Lange Zeit waren all diese Versuche vergeblich; endlich fingen nach vieler Mühe und angewendeter Geschicklichkeit die Eisenstangen zu weichen an. Schon ist eine fortgenommen ….eine andere wird schon losgerissen, um der Bande Durchgang zu verschaffen … aber? Welch’ ein Schrecken! Pferdegetrappel lässt sich hören und bei dem Lichte der Morgendämmerung erkennen unsere Diebe ein starkes Biquet Gensdarmen, welches eben in den Hof reitet … Die Magd wird Lärm gemacht und die bewaffnete Macht herbeigeschafft haben … - „ Schnell!“ ruft der Hauptmann seinen Leuten zu, schnell die Waffen zur Hand! Wir wollen unser Leben theuer bezahlt haben!“ Er hatte kaum seine Bande also angeredet, als auch schon die Gensdarmen in den Saal stürzen, wo sie mit Flinten - und Pistolenschüssen empfangen werden …. Ein Einziger von ihnen wird verwundert, die Uebrigen aber, zahlreicher als die Diebe, umzingeln dieselben von allen Seiten, ohne Zeit zu lassen, nochmals zu laden und legen auf sie an … die Bösewichter versuchen noch zu kämpfen, aber bald durch die Mehrzahl bezwungen, müssen sie sich ergeben und knebeln lassen. Heinrich und Jacquot wurden nicht verschont, obgleich unser junge Don Quichote, wüthend über die ihm angethane Beleidigung und die Ungerechtigkeit, mit Räubern verwechselt zu werden, eine Menge Schmähungen ausstößt und zu erklären versucht, wie nur der Zufall ihn mit solcher Gesellschaft zusammengeführt habe. Die Gensdarmen hatten aber weder Zeit, noch Geduld, ihn anzuhören; sie binden ihn nur noch fester, weil er sich sträubt, und er erhält selbst einen Kolbenschlag auf die Schulter, um ihn zum Schweigen und zum Gehorsam zu zwingen. Unser kleiner Küchenjunge hingegen hatte sich binden lassen, ohne zu mücksen; er hatte das Unglück, das sie bedrohte, vorausgesehen und hatte es bei Zeiten von seinem Herrn abzuwenden versucht, jetzt, wo es wirklich hereingebrochen und kein Mittel mehr vorhanden war, sich dagegen zu schützen, unterwarf er sich willig, während er in der Zukunft Trost suchte und einen Plan entwarf, welchen er ganz leise Heinrich mittheilte. Sämmtliche Diebe waren überwunden und geknebelt und gingen nun zwischen den Pferden der Gensdarmen, an welche sie mit Stricken gebunden waren. So brach der traurige Zug auf und bewegte sich langsam der Stadt zu. In diesem Aufzug, wie ein verächtlicher Verbrecher dort anzukommen, war ein Gedanke, welcher Heinrich mehr Schmerzen verursachte, als die Stricke, die ihm die Arme und Beine schnitten. Abscheu, Scham und Verzweiflung erfüllten seine Seele und um seinen Schmerz zu vermehren, konnte er sich des Gedankens nicht entschlagen, daß sein Leichtsinn, seine Leichtgläubigkeit und sein unersättlicher Drang, Abenteuern nachzujagen, ihn in diese schreckliche Lage gestürzt und den klugen, unschuldigen kleinen Jacquot mit hineingezogen hatte! Um seine Herzensangst auf’ s Aeußerste zu treiben, musste er die gemeinen Scherze der Bösewichter und den beißenden Spott des schwarzen Mannes, ihres Hauptmanns, ertragen, der ihn so anredete: „ Nun! Mein kleiner Don Quichote, da begegnet Dir ja ein Abenteuer! Du musst jetzt zufrieden sein …. Und doch ist das nichts, was Du jetzt siehst, gegen einen jahrelangen Aufenthalt, in einem stinkenden Loche ohne Licht, ohne Luft, ohne Feuer …. An Händen und Füßen mit Ketten an die Wand geschmiedet . . ein wenig Schwarzbrod und sumpfiges Wasser, als Nahrung … das ist die Leckerei, das Schöne …. dann können wir auch noch eine Vergnügungsreise nach den Galeeren machen … das ist auch hübsch! - -fragt den Galeerensclaven, der vor Euch geht, er ist zweimal dort gewesen, und entsprungen, um mir zu helfen, mich an meinem Bruder zu rächen … Ihr wisst wohl? …. Um mir zu helfen, mich wieder in Besitz meines Schlosses und meiner Ländereien zu setzten … ach! der herrliche Spaß! … und Du hast das wirklich geglaubt? . .armer Binsel! Das kann Dich einige zwanzig Jahre Zwangsarbeit und ein Brandmal mit glühendem Eisen auf der Schulter kosten! … " Auf diese Weise, quälte der wilde Mensch unsern unglücklichen Helden, welcher abwechselnd über dessen Spottreden vor Wuth erblasste und vor Zorn roth wurde. Am hellen, lichten Tag kam endlich der Zug in der Stadt an. Das Gerücht von dem kostbaren Fang der Gensdarmen in der Umgegend hatte sich schon dort verbreitet und die Straßen waren von Neugierigen vollgepropft, welche diese gebundene Diebesbande vorbeiziehen und in den Kerker bringen sehen wollte. Geschrei, Hohngelächter und Drohungen empfingen sie auf ihrem Durchzug: - „Ach!“ sagten Einige, indem sie auf Heinrich zeigten, „ seht doch den Kleinen in der Mitte …. Der hat nicht lange gewartet, um das Räuberhandwerk zu ergreifen …. Er ist ganz jung, dennoch hat er schon eine schlechte Physiognomie; man sollte ihn schnell enthaupten, damit er nicht ein noch größerer Bösenwicht wird . . „ „ da ist noch ein Kleinerer,“ sagten, auf Jacquot weisend, Andere, „ aber der hat ein ehrliches, sanftes Ansehen …. Armes Geschöpf! irgend ein Taugenichts hat ihn gewiß zum Bösen verleitet … den müsste man begnadigen!“ Diese Bemerkungen, welche Heinrich hörte, schnitten ihm in’ s Herz und er knirschte vor Wuth mit den Zähnen; er musste aber in der Stadt noch mehr dem Aehnliches ertragen und obenein noch die groben Beleidigungen hören, womit die Diebe auf die der Menge antworten. Halbtodt vor Müdigkeit, Schmerz und Scham kam unser armer kleiner Don Quichote in dem Gefängniß an, um mit zweien von den Bösewichtern eingesperrt zu werden, als deren würdiger Genosse er betrachtet wurde. Was ihn aber vollends zur Verzweiflung brachte, war die Trennung von seinem treuen Jacquot und die Unwissenheit über dessen Schicksal. Dies neue Unglück, welches er nicht erwartet hatte, brach seinen Stolz; das arme Kind warf sich auf das Stroh, was ihm zum Lager dienen sollte, und fing bitterlich zu weinen an. Wir wollen ihn seinem Schmerz überlassen und zum guten kleinen Jacquot zurückkehren. Es war für ihn keine geringe Betrübniß gewesen, in einen andern Kerker, als den seines Herrn gesperrt zu werden; aber anstatt hierüber zu verzweifeln, dachte er daran, wie er diese Trennung aufheben und Heinrich nützlich werden könnte. Der Kerkermeister, welchem die Diebe, die mit Jacquot eingeschlossen waren, schon die ärgsten Schimpfworte zugerufen hatten, drohte, sie tüchtig züchtigen zu lassen, indem er hinzufügte, daß der Kleine verschont bleiben solle, weil er allein sich gut aufführte, woraus Jacquot die Hoffnung schöpfte, er werde diesen Mann für sich gewinnen, und, als dieser später wiederkam, den Gefangenen eine Wassersuppe, ein grobes Schwarzbrod und einen Krug Wasser zum Mittagessen zu bringen, machte er es möglich, ihm einige sanfte Worte zu sagen, welche denselben für sein Schicksal einnahmen. Die folgenden Tage vermehrten nur dessen wohlwollende Gefühle und endlich überzeugt, daß Jacquot mehr unglücklich, als schuldig sei, obgleich er sich unter den Räubern befände, erhielt der Kerkermeister von Director des Gefängnisses die Erlaubnis, ihn aus ihrer schrecklichen Gesellschaft zu befreien und unter seine besondere Obhut zu nehmen. Wer war glücklicher, als unser kleiner Jacquot, da er aus diesem Körper – und Seelengrabe und von der Gesellschaft der Verbrecher erlöt’ t war! Er dankte Gott aus dem Grunde seines Herzens und bezeigte dem Kerkermeister seine Dankbarkeit auf eine Weise, welche ihm das Herz diesen braven Mannes noch mehr gewann. Sobald sich unser kleiner Küchenjunge ganz im Besitz seines Vertrauens und Wohlwollens sah, war das Erste , daß er ihm das Versprechen abnahm, folgendes kleine Billet an Heinrich zu bringen. Hier ist es in seiner ganzen grammatischen Richtigkeit:
Lieber Her! Alles get gut, ich bin aus dem Loch heraus und kann euch nützlich sein, ich weiß schon, daß die Madt vom Schlos gesagt hat, sie wollte vor Gericht sagen, da ß Ihr unschuldig weret, daher, quelt Euch nicht.
Der Kerkermeister,
welcher sehr gut ist, hat mich versprochen, Euch einen guten Bissen und
ein reines Hemd zu geben.
Der treuer Jacquot verschaffte nicht allein seinem Herrn einen guten Bissen und ein reines Hemd, sondern erlangte auch von seinem Freunde, dem Schließer, da ß Heinrich die Fesseln abgenommen und ihm eine Matratze gegeben wurde. Die Lage unsres Helden fing also an, sich zu verbessern und, wenn er denn Rathschlägen Jacquot’ s gefolgt wäre, wenn Geduld gehabt hätte, so wäre kein Zweifel gewesen, daß er bald freigesprochen werden würde, denn die Räuber sollten alsbald gerichtet werden und die Aussage der Magd, welche Zeuge dessen gewesen, was zwischen Heinrich und dem Hauptmann der Bande vorgefallen war, würde gewiß zu seinen Gunsten laute. Unser junge Don Quichote aber, durch den Schmerz und besonders durch die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit erbittert, fand nur wenig Trost in dem Brief und die Sorgfalt seines Dieners. Er mischte vielmehr seine Verwünschungen unter die der beiden, mit ihm eingesperrten Diebe, als diese sie gegen die Obrigkeit richteten und anstatt auf die Billigkeit des bald zu fällenden Urtheils zu vertrauen, zog Heinrich vor, der Gerechtigkeit zu trotzen und zu entweichen. Er nahm also begierig den Plan zur Flucht an, welchen ihm seine beide Genossen vorschlugen und befand sich fast glücklich wieder, als er an das neue Abenteuer, welches er unternehmen sollte und an die damit verknüpfte Gefahr dachte. – „ Wohl sind diese Menschen Banditen,“ sagte sich Heinrich, „ aber ist das ein Grund, sie in diesem scheußlichen Loche eingesperrt zu halten und wie gemeine Thiere zu behandeln, bevor man sie zum Tode verurtheilt hat? .. und ist die Behandlung, welche ich erleide, für mich Unschuldigen nicht eine Schändlichkeit? … Nein! Es giebt keine Gerechtigkeit in der Welt und ich werde nicht in diesem abscheulichen Loche warten, bis man mich herausholt, um mich zu richten .. ich will nicht verurtheilt werden, wie die Andern . .Jacquot ist ein Kind, wenn er anders denkt . . Gott sei Dank! Er ist frei, ist glücklich; er gebracht mich nicht; ich kann mit gutem Gewissen entfliehen.“ Während unser Held sich auf diese Weise immer mehr von der Klugheit des Planes zur Flucht überzeugte, legte er alsbald eifrig Hand an dessen Ausführung. Einer von diesen Dieben hatte den Plan entworfen, da er schon auf dieselbe Weise aus einem Gefängniß entsprungen war.
Seit einigen Tagen hatte man
ihnen grobe wollende Decken gegeben; es handelte sich jetzt darum, sie
in Streifen zu schneiden und mit Hülfe des Strohs von ihrem Lager,
einen langen Strick daraus zu drehen, mit welchem man sich längst der
Mauer des Gefägnisses hinablassen könnte. Mehrere Tage vergingen beim Herausnehmen von Kalk und Steinen aus der Mauer unter dem Fenster, um in die, dadurch entstehenden Vertiefungen bis zum Dachfenster hinauf den Fuß setzen zu können und sich mit den Händen daran anzuhalten.
Als dies beendigt war,
machte der geschickteste von beiden Banditen den ersten Versuch. Er
kletterte an der Mauer hinauf und konnte sich auf den Rand des
Dachfensters setzen, wo er eine Stange durchfeilte. Heinrich bewunderte die Geschicklichkeit der beiden Diebe bei dieser Arbeit und ihre Vorsicht, nur die Hälfte jeder Decke in Streifen zu zerschneiden, damit der Schließer nichts merke. Die ganz gelassene Hälfte sollte nämlich, wie gewöhnlich, auf das Strohlager gelegt und unter diesem der Strick verborgen werden. Alles ging nach Wunsch; der Bindfaden, welcher um die, mit Stroh gefüllten, Wollenstreifen gewickelt war, gab dieser Arbeit Festigkeit und man konnte berechnen, daß er lang genug sein würde, um daran so ziemlich bis zur Erde zu kommen. Die Flucht war auf die folgende Nacht festgesetzt. Unsere drei Gefangenen schliefen daher während dieser nur wenig, in der Erwartung dessen, was kommen sollte.
Gleich bei Tagesanbruch war
der geschickte Bandit wieder auf das Dachfenster gestiegen, wo er die
übrigen Eisenstangen durchfeilte und von der Mauer los machte, indem er
jedoch Sorge trug, eine Fest darin zu lassen, woran er das Hoffnungsseil
binden könnte.
Erst am Abend führten sie die Flucht aus: der, mit drei Knoten an der noch festen Stange befestigte Strick wurde mit dem andern Ende in den kleinen Hof hinuntergelassen und der Bandit, der ihn angebunden hatte, kroch durch das Dachfenster, hielt sich an dem Strick fest und rutschte hinunter … Heinrich erwartete ängstlich den Erfolg seiner Reise …. Der zweite Bandit theilte ihm denselben bald mit, indem er seinerseits auf das Fenster kletterte und seinen Kameraden wohlbehalten an der Erde sah, von wo dieser ihm zuwinkte, nachzufolgen …. Das war bald ausgeführt und es war nun an unserm Helden, den Andern zu folgen. Er erstieg, vor Gemüthsbewegung zitternd, mit einiger Mühe die Mauer bis zum Strick und wolle seinen Vorgängern nachahmen .. als er aber den Raum vor sich sah, durch welchen er sich an dem gebrechlichen Seile hinablassen sollte, da schwand sein Muth, und er wäre umgekehrt, wenn nicht sein angeborner Stolz und die Furcht, wegen der Entweichung seiner Genossen bestraft zu werden, ihn davon abgehalten hätten …. Er nahm sich also zusammen, befahl seine Seele dem lieben Gott, ergriff das Seil und ließ sich daran hinunter …. aber ach! Heinrich wird schwindlich . seine Kräfte verlassen ihn und noch in ziemlicher Entfernung vom Ziel, lassen seine Hände das Seil los …. er fällt hart auf die Erde. Unsere Diebe verlieren keine Zeit dabei, ihm zu helfen, als sie ihn ohnmächtig sehen; sie klettern über die kleine Mauer und sind bald auf andern Seite … Eine Schildwacht hat jedoch Lärm gemacht, man verfolgt die Bösenwichter, und der Schließer, welcher bald den Kerker entdeckt, von wo aus die Entweichung geschehen ist, begiebt sich mit einer Laterne in den kleinen Hof, um zu sehen, auf welche Art dieselbe bewerkstelligt worden … Unser kleiner Jacquot, bleich und verzweifelnd, als er hört, daß sein Herr unter der Zahl der Flüchtigen ist, begleitet seinen Beschützer in den Hof und das Erste, was er am Fuße der Mauer sieht, ist unser Don Quichote, mit Blut bedecktem Kopfe und kein Zeichen des Lebens gebend .. . Ach! Diesmal, ist er todt! Denkt Jacquot, und sich auf den Körper seines Herrn stürzend, ruft er ihn mit verzweifelnder Stimme und badet ihn in seinen Thränen. Man hebt Heinrich auf und es findet sich, daß er ein Bein gebrochen und starke Verletzungen hat .. . Er wird nach dem Hospital gebracht und Jacquot erlangt es endlich durch seine Bitten und Thränen, daß er ihm folgen und ihn pflegen kann. Wir verschonen unsere jungen Leser und Leserinnen mit der Erzählung von Heinrich’ s Leiden; es genügt zu sagen, daß man länger, als einen Monat an seinem Aufkommen zweifelte und daß er während dieser Zeit nur auf Augenblicke seiner Besinnung hatte.
Endlich siegten
seine gute Natur und seine Jugend, welche ihn von seiner Krankheit nach
dem Kampf mit dem Wolfe geheilt hatten, nochmals über die Gefahr, und
Jacquot, Dank seiner Sorgfalt und seinem Wachen, sah endlich seinen
armen Herrn ihn wiedererkennen und allmählig zum Leben zurückkehren.
Vergebens versuchte dieser auf alle Weise Heinrich’ s Muth wieder aufzurichten, vergebens stellte er ihm vor, daß, sobald er nur den Gebrauch seiner Beine wieder erlangt haben würde, sie auf’ s Neue in der Welt umher ziehen könnten, wo bessere Abenteuer ihrer warteten .. . . vergebens auch kam Jacquot eines Morgens triumphirend, um seinem Herrn zu melden, daß die Diebe vor Gericht verurtheilt – sie beide aber, als vollkommen unschuldig an ihren Verbrechen, freigesprochen wären – unser armer Don Quichote blieb still verzweifelnd und gerieth endlich in einen Zustand von Hinfälligkeit, eben so gefährlich, wie der, von dem er eben befreit worden war.
Unser kleiner Küchenjunge hatte schon seine liebe silberne Uhr verkauft und Alles ausgegeben, was er besaß, um seinem Herrn einige Erleichterung zu verschaffen; er bat die Krankenwärter, ihm ein besseres Bett zu geben und ihn aus dem gemeinsamen Saal zu schaffen; aber, ohne Geld, ohne Bekanntschaft, mit dem Ruf, unter den Banditen gefangen gewesen zu sein, stößten unsere beiden Helden kein Vertrauen ein und blieben ohne Hülfe. Nachdem sich Jacquot von der Unmöglichkeit, Etwas für seinen Herrn thun zu können, überzeugt hatte, entschloß er sich den Pfarrer der Gemeinde um Mitleid zu bitten.
Er erzählte diesem ihre Geschichte und schilderte ihm ihre verlassene Lage. Dieser eilte sogleich zu dem armen jungen Kranken und nachdem er bald bemerkt, daß dieser mehr unbesonnen als böse und verdorben sei, ließ er ihn in ein besonderes Zimmer bringen, wo ihm ein gutes Bett und eine bessere Kost gesichert wurden. Jacquot ist glücklich, seinen armen Herrn unter dem Schutze eines guten Priesters und mit Sorgfalt gepflegt zu sehen. Nun sinnt er über einen Gedanken nach, der ihm schon öfters in den Kopf gekommen war und den er nun auszuführen beschloß. Als Heinrich ihm seinen Besuch bei Fräulein L’ Espinoh erzählte, hatte er sein Bedauern ausgesprochen, daß er der alten Dame nicht vergönnt habe, das zu vollenden, was sie, ihn zu besänftigen, sagen wollte und daß er durch seinen Zorn und plötzlichen Ausbruch die einzige Verwandte und Beschützerin von sich gestoßen, welche ihm in der Welt noch allein übrig blieb. Jacquot glaubte, daß sie es sei, an die er sich wenden müsse, um seinen Herrn aus seinem abenteuerlichen Leben herauszuziehen und ihm in Zukunft ein glückliches Geschick zu bereiten. Er beschloß, sich unverzüglich nach Paris zu Fräulein L’ Espinoh zu begeben, deren Straße und Haus er sich wohl erinnerte. Dann wollte er ihr auf’ s Rührendste die verzweifelte Lage ihres Neffen schildern und die liebenswürdigen Eigenschaften hervorheben, welche diesen ihrer Verzeihung und ihres Schutzes würdig machen. Eines Morgens also, als unser junge Don Quichote, Dank der Sorgfalt und Edelmüthigkeit des Pfarrers, anfing, sich besser zu fühlen, empfing er, statt, wie gewöhnlich, seinen treuen kleinen Diener eintreten zu sehen, von demselben folgende Zeilen:
Lieber Her!
Da der liebe Gott
erlaubt hat, daß Ihr gute Pflege habt und das der Her Farrer so gut ist,
kann ich Euch einige Zeit verlassen, glaubt nur nicht, das ich fortgehe,
weil Ihr im Spittahl seit, o! nein, ich will aber etwas tuhn, was Euch
helfen sol und ich were, so balt, als möglich, wiederkomm … wir weren
noch recht glücklich sein, mein lieber Her, daher seit nicht mer betrübt
und denkt an
Nachdem er dies Billet geschrieben, hatte sich unser kleiner Küchenjunge auf den Weg gemacht. Sein offenes und redliches Aussehen, seine Sanftmuth und Klugheit gewannen ihm überall Freunde und er machte die Reise bis Paris, auf leichte und glückliche Weise, indem er hier empfangene Wohlthaten durch kleine Gefälligkeiten, dort genossenen Schutz, durch ergebene und höfliche Danksagungen vergalt, welches Alles durch die naive Art, wie er sich benahm, einen eigenen Reiz erhielt. In kurzer Zeit sah sich also Jacquot in der Hauptstadt und verlor keinen Augenblick, sich nach dem Stadtviertel des jardin des plantes zu begeben und an die Thür zu klopfen, welche den Zugang zu der wohlverwahrten Wohnung des Fräulein L’ Espinoh vertheidigte und die an den verrosteten Nägeln kenntlich war. Wir wollen ihn seinen, sich selbst gegebenen Auftrag bei der alten Dame ausrichten lassen und zu unserm bettlägerigen Helden zurückkehren. Trotz der Besuche und der Sorgfalt des Pfarrers war Heinrich dennoch sehr bekümmert über die Abreise seines guten kleinen Dieners, dessen Zärtlichkeit und Geduld gegen ihn, sich immer gleich geblieben waren, ohngeachtet aller Trübsäle, welche er ihm zugezogen hatte.
Er zerbrach
sich den Kopf um Jacquot’ s Plan bei seiner Entfernung zu errathen und
was er unter etwas, was ihm helfen sollte verstehe. Dies missfiel Heinrich, dessen Neigung zur Unabhängigkeit, so wie seine Liebe zum unsteten Leben und zu Abenteuern auf’ s Neue erwachte, seitdem seine Kräfte wiederzukehren anfingen. – „ Nun, was brauche ich den Herrn dieses Schlosses, “ tobte Heinrich, „ ich will weder ihn, noch einen Andern .. ich habe gelobt, mein eigener Herr zu bleiben, und die Großen und Mächtigen zu fliehen … ich will noch auf Abenteuer ausgehen - endlich werde ich doch wohl glückliche bestehen . . ich will versuchen, zu gehen … „
Aber Heinrich kann sich selbst mit seiner
Krücke nicht aufrecht halten . sein Bein ist, trotz der Sorgfalt des
Arztes, schwach und steif geblieben . . Ein schlechtes Mittel, um
Abenteuern nachzulaufen! . . Unser armer Don Quichote tobt gegen sein
Bein, gegen den Arzt, gegen Jacquot, gegen die ganze Welt … der Pfarrer
überrascht ihn in dieser Erbitterung; er lässt ihn reden,
hört seine Klagen an über die Ungerechtigkeit , welche die Welt
regiert und die Grausamkeiten, welche von denen begangen werden, welche
die Stärke und Macht auf ihrer Seite haben …. Heinrich erzählt dem
Priester seine Geschichte und schwört am Ende auf’ s Neue, keinen
anderen Herrn, als sich selbst anzuerkennen und sich aus allen Kräften
der Tyrannei und Ungerechtigkeit widersetzten zu wollen. Seid Ihr übrigens auch sicher, den Gegenstand Eurer Fürsorge gerettet zu haben? . Das Lamm wird gewiß bald darauf in eben so rohe Hände gefallen sein, als die, woraus Ihr es befreit habt . .
Was soll man
über Eure Dazwischenkunst in der Bude des Seehundes sagen? . . Um einem
Fremden zu helfen, der sich nicht beklagte, habt Ihr Eurem jungen Diener
ein schauderhaftes Loos zugezogen, dem er leicht hätte erliegen können,
und das Kind, das Ihr auf einige Stunden von seinem mühevollen Handwerk
befreit habt, wird gewiß weiter nichts davon gehabt haben, als es
nachher ungleich schwieriger zu finden, indem es die Verachtung und den
Unwillen gesehen hat, den dasselbe Euch Ich will Euch nicht an die schreckliche Geschichte mit den Räubern erinnern; Ihr habt aber gesehen, wie der Hauptmann Eure Neigung, Ungerechtigkeiten zu rächen, benutzt hat, um Euch in seine Stricke zu ziehen, natürlich in der Hoffnung, daß diese Neigung Euch allmählich dahin bringen würde, Mächtige und Reiche zu bestehlen, um die Lage der Schwachen zu verbessern . .
Richtet nicht,
auf daß ihr nicht gerichtet werdet … sagt der Herr . .Wendet Augen
und Gedanken ab von dem Uebel, das Ihr nicht verhindern könnt, und
richtet alle Eure Aufmerksamkeit auf das Gute, das Ihr thun könnt und
sollt …. Gott, in seinem unerforschlichen Willen, erduldet die
Ungerechtigkeiten dieser Welt; sie nehmen sogar oft überhand . Ja, mein Sohn, Sanftmuth vermag mehr über die Menschen, als Gewalt, und ein freidfertiges Herz verbreitet himmlischen Frieden um sich.“ Heinrich fühlte in diesem Augenblicke die Wahrheit dieser letzten Worte tief; der sanfte Friede im Herzen des heiligen Mannes verbreitete sich in dem seinigen und zum ersten Mal in seinem Leben begriff er, welches Glück es gewähren möge, wenn man sich dem Willen Gottes fügt, darauf bedacht ist, Gutes zu thun, ohne sich in Sachen zu mischen, die uns nichts angehen und wenn man anstatt die Fehler Anderer bessern zu wollen, dies an sich selbst versucht. - „ Ach! Mein Vater,“ ergoß er sich gegen den guten Priester, „ lehrt mich noch, das Gute thun, das Ihr mir andeutet … wie soll ich es anfangen in der traurigen Lage, in der ich mich befinde? Ach! Was kann ich da Gutes thun?“ Der wackere Geistlicher rieth ihm, sich eines einfachen und ordentlichen Lebenswandels zu befleißigen, um seinen Hang, Abenteuern nachzujagen, zu besiegen und zu versuchen, sich den Unglücklichen wahrhaft nützlich zu machen, durch die natürlichen Mittel, welche Gott in ihn gelegt habe, anstatt deshalb nach außergewöhnlichen zu suchen. „ So zum Beispiel,“ fügte er hinzu, „ hindert Euch der Zustand Eures Beines noch, thätig zu sein, aber Eurer Erziehung, bei Eurem Verstande könntet Ihr mehreren Kranken sehr nützlich werden, welche Zerstreuung verlangen …. Einige sanft erheiternde Worte dem Einen .. ein ansprechendes Buch dem Andern . und was dergleichen mehr ist.
Das Gute
lernt sich von selbst, indem es ausgeübt wird
. . .
Heinrich hat, mit dem Eifer, den er bei Allen anwandte, was er unternahm, daß man ihn augenblicklich zu diesen armen Kranken hinführen möchte, denen er von einigem Nutzen sein könnte. Hier nun die Rathschläge des Priesters zur Ausführung bringend, lernt er bald Heiterkeit und Trost in das Gemüth der Leidenden zu flößen und selbst eine Befriedigung dabei kennen, welche keine seiner Heldenthaten ihm je verschafft hatte.
Die folgenden Tage, setzte er seine mildthätigen Beschäftigungen fort, indem er sich zugleich mit dem Lesen ernster Schriften unterhielt und den moralischen Unterricht anhörte, welchen ihm der gute Priester gab. Heinrich wunderte sich über das Vergnügen, welches er bei Erfüllung so einfacher Pflichten fand und über die Ruhe, welche sich über seinen, bisher so unruhigen Geist verbreitete.
Auch auf seine Gesundheit hatte sein neuer Gemüthszustand einen wohlthätigen Einfluß und schon vierzehn Tage nach Jacquot’ s Abreise ließ sich eine vollständige Veränderung an unserm Helden bemerken: er hatte jenes sanft zufriedene Aussehen, welches ein ruhiges und nützliches Leben erzeugt und die Merkmale der Gesundheit erschienen wieder auf seinem Gesichte.
Oft jedoch dachte er kummervoll an seinen kleinen Diener und fürchtete dann wohl, daß ihm ein Unglück zugestoßen sein möchte; oft bat er Gott, ihm bald das Wiedersehen dieses guten Kindes gewähren zu wollen ….. Eines Abends, als sich Heinrich, nachdem er mehreren Kranken vorgelesen hatte, auf einer steinernen Bank vor dem Hause ausruhte, sah er einen Wagen vor der Thür halten … Eine alte Frau steigt aus, von einem jungen Buschen begleitet, in welchem, trotz der vortheilhaften Veränderung, welche mit feinem Anzug vorgegangen, Heinrich alsbald seinen Jacquot erkennt … . „ Herr! lieber Herr! Hier bin ich wieder,“ ruft unser kleiner Küchenjunge im großen Jubel … „ ich hatte es Euch wohl gesagt, daß wir noch glücklich werden würden .. seht, hier ist die Haushälterin - des Fräulein L’ Espinoh, welche hierher kommt, um Euch in eine hübsche Stube bei Eurer Tante zu führen … Ihr werdet sehen, es ist prächtig .. . weiße Gardinen, ganz neue Binsenstühle .. seid ruhig, Alles ist vergessen … Eure Tante liebt Euch . .sie liebt mich auch … das Glasgemälde ist ausgebessert .. der Hund ist todt .. ach! Bester Herr wie glücklich werden wir sein“! …
Wirklich hatte Fräulein L’ Espinoh kaum von
Jacquot die verzweifelte Lage, in der sich ihr kleiner Neffe befand,
erfahren, als sie, von Mitleid bewegt und sich vorwerfend ihn verstoßen
und dadurch gezwungen zu haben , ein unstätes Leben zu führen, sich
entschloß, ihr Unrecht wieder gut zu machen, indem sie Heinrich an
Kindesstatt annehme und für seine Erziehung sorge.
Einige Tage gingen hin mit dem Suchen eines Wagens zu mäßigem Preise, um unsern Helden darin abzuholen; denn Fräulein L ‚ Espinoh vergaß, ohngeachtet ihrer ausgezeichneten Eigenschaften und ihres Wunsches, ihrem Neffen Gutes zu thun, doch niemals ihre Oekonomie, sondern hielt fest an dem Grundsatz, immer so wenig, wie möglich auszugeben. Endlich fand man eine alte, etwas stuckernde Berline und die Haushälterin setzte sich mit Jacquot hinein, der noch vor der Abreise die Freude gehabt hatte, eine niedliche kleine Stube, zum Empfang seines Herrn in Bereitschaft gesetzt zu sehen.
Dieser hörte Jacquot’ s Erzählung mit
Verwunderung an und nur die Gegenwart von Fräulein L’ Espinoh’ s
Haushälterin konnte ihn überzeugen, daß diese Erzählung wirklich wahr
sei und daß die alte Dame, die ihn so schlecht empfangen hatte, ihn
jetzt adoptieren wolle. Er will gewiß, daß Ihr Eure tollen Gedanken vom irrenden, unabhängigen Leben durch einfaches, ordentliches, bei der Dame, welche in der Eigenschaft einer Verwandten auf Euch Rechte hat, wieder gut machen sollt . .Glaubt nur, daß Ergebenheit und liebevolle Fürsorge für diese Dame, nebst Fleiß bei Euren Studien Gott mehr gefallen werden, als Euer Predigen vor Ungläubigen … Muth! Mein Kind, Ergebung in seinen heiligen Willen und Ihr werdet eine Unabhängigkeit kennen lernen, welche derjenige nie kennt, der nur seinen eigenen Willen und seinen Neigungen folgen will … .“ Heinrich war schon würdig, diese Sprache zu hören, denn er hatte angefangen, sich selbst zu überwinden und seinen Willen auf Gegenstände zu richten, die gut und nützlich nicht allein für ihn selbst waren, sondern zugleich für Andere. Er beschloß also die, von dem guten Priester ihm ertheilten Rathschläge pünktlich zu befolgen und sich zu beeifern, die Zuneigung seiner Tante zu gewinnen. Der Gedanke, seinen lieben kleinen Jacquot dadurch ein glückliches Loos zu verschaffen, befestigte ihn in diesem Entschluß, und er eilte, ihm denselben mitzutheilen, indem er vorher wusste, wie viel Vergnügen er ihm dadurch machen würde. Die Abreise nach Paris war auf den folgenden Tag festgesetzt, denn Fräulein L’ Espinoh konnte ihre Haushälterin nicht länger entbehren, auch hatte sie viel Ungeduld gezeigt, ihren Neffen ankommen zu sehen. Der Abschied Heinrich’ s von dem ehrwürdigen Geistlichen war rührend, denn ihm allein verdankt unser Held, der Verzweiflung entgangen zu sein und den wahren Weg zum Glücke kennen gelernt zu haben, indem man seine Wünsche mäßigt und sein Leben nach dem Willen Gottes richtet …. Er nahm also von diesem achtungswerthen Manne Abschied, mit Gefühlen des heißesten Danks und beklagte mit bittern Thränen, ihn verlassen zu müssen …. Nach dem Willen von Fräulein L’ Espinoh und durch die Sorgfalt der Haushälterin anständig gekleidet, stieg Heinrich mit der Letztern und mit Jacquot in die Berline, um seiner neuen Bestimmung zu folgen. Das schöne Wetter, die sanfte Bewegung des Wagens, die Ruhe und die gute Kost in den besten Wirthshäusern, besonders aber Jacquot’ s Heiterkeit, welche sich der alten Haushälterin mittheilte, machte die reise so angenehm, daß unser junger Don Quichote sich gestehen mußte seine Auszüge auf Abenteuer, wären bei Weitem nicht so vergnügt gewesen und die sichere Lage, welche ihm für die Zukunft angeboren war, wiege wohl das unruhige und unstäte Leben, welches er in der letzten Zeit geführt habe, vollkommen auf. Heinrich konnte jedoch nicht ohne Gemüthsbewegung in das Haus seiner Tante treten: Was für Ereignisse hatten sich seit der Zeit begeben, wo er hier zum ersten Mal der Haushälterin gefolgt war .. welche Veränderung auch in den Gedanken und Entschlüssen unsers Helden . . dieses Haus, welches ihm so traurig erschienen war, betrachtete er jetzt, wie einen Hafen des Heil und es gefiel ihm selbst, wegen der Ruhe und Reinlichkeit, die überall hier herrschten. Heinrich und Jacquot wurden in dieselbe Stube eingeführt, wo das berühmte Gemälde vom guten und schlechten Reichen zu sehen war, und welches wirklich, wie es auch Jacquot schon gesagt hatte, keine Spur seines unglücklichen Unfalls mehr an sich trug. Hier kam Fräulein L’ Espinoh ihrem Neffen entgegen und umarmte ihn, ohne ihm Zeit zu lassen, die Entschuldigungen zu vollenden, welche er ihr wegen der Heftigkeit seines Betragens bei seinem ersten Besuche zu machen anfing. – „ Wir haben uns beide an jenem Tage Unrecht vorzuwerfen,“ sagte die alte Dame sanft, „ wir wollen das Vergangene vergessen und in die Zukunft ruhig und freundschaftlich zusammen zu leben suchen. Wirklich auch war, obgleich einfach und ökonomisch, dennoch das Leben, welches Heinrich im Hause seiner Tante führte, weit entfernt, ihm zu missfallen. Er nahm einen Theil des Tages Stunden und verbrachte den andern, indem er mit Jacquot spazieren ging, merkwürdige Gegenstände besah, und dann seiner alten Tante Gesellschaft leistete und sich bemühte, sie durch Vorlesen und Erzählung seiner Abenteuer zu zerstreuen. Allmählig gewann er so sehr ihre Zuneigung, daß sie ihm mehrere Aufträge, in Hinsicht der Angelegenheiten ihres Vermögens, welches bedeutend war, ertheilte und ihn über Alles um Rath fragte. Um Jacquot zu belohnen und Heinrich Freude zu machen, hatte Fräulein L’ Espinoh den Ersten mit gutem Lohn in ihren Dienst genommen, in welchem denn unser ehemaliger Küchenjunge zugleich seine Erziehung vervollkommnete, die noch viel zu wünschen übrig ließ, wie es die Orthographie seiner Briefe uns gezeigt hat. Getreu den Grundsätzen, welche ihm der Geistliche eingeprägt hatte, dem er so viel verdankte, unterdrückte unser Held tapfer jeden Wunsch, welcher ihn verleiten wollte sein stilles und ruhiges Leben zu unterbrechen, um auf’ sNeue die Unabhängigkeit zu versuchen. Er lernte immer mehr das Glück genießen, durch Pflichten gebunden zu sein, und diese auf’ s Beste zu erfüllen, und ergrimmte nicht mehr, wenn er sah, wie nicht Alles in dieser Welt gut gehe. So verlebte Heinrich seine Jugend, und täglich wuchs die Zuneigung seiner Tante für ihn und seine innere Zufriedenheit.
Er war zwanzig Jahre alt, als er den Kummer
hatte, die alte Dame zu verlieren, welche ihn in ihrer letzten Stunde
mit Segenswünschen überhäufte und ihm ihr ganzes Vermögen hinterließ.
Einige Jahre später hatte Jacquot die
Freude, Heinrich von Clerval ein reizendes Fräulein heiraten und den
guten Priester, dessen Bekanntschaft wir gemacht haben, kommen zu sehen,
um die Ehe seines ehemaligen Schülers zu segnen.
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Autor; / Germanie Don Quichote
Bildnachweis ;- Bilder von Th. Hosemann