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Hagedorn
Friedrich von
1708 -1754
Sämmtliche Poetische
Werke
Wien
Gedruckt für Franz Anton Schrämbl
bey Ignaz Alberti 1790
Allgemeines Gebeth
Nach dem Pope

Herr und Vater aller Wesen, aller Himmel, aller Welten,
Aller Zeiten, aller Völker! Ewiger! Herr
Zebaoth!
Die Verehrung schwacher Menschen kann
Dein Wohlthun nicht vergelten,
Gott, dem alle Götter weichen !
Unaussprechlich – großer Gott!
Weise, Heilige, Barbaren fühlen, denken
und bekennen
Dich, Du Ursprung aller Dinge!
Unerforschter Geist der Kraft!
Mein Verständnis ist bekränzet:
nur Dich
gross und gut zu nennen,
Und mich selber blind zu wissen ,
das ist meine Wissenschaft.
Doch, in diesem
dunklen Stande meiner Sinne und Gedanken,
Gabst Du mir zu unterscheiden, was hier gut und übel sey.
Stellte gleich der Arm der Allmacht der Natur gemessne Schranken;
Liess dennoch das freyste Wesen Willen und
Gewissen frey.
Lehre mich das Gute
lieben, lehre mich
das Böse hassen,
Aus dem allerreinsten Triebe dem Gewissen
folgsam seyn;
Wenn es diess zu thun befiehlet, oder das zu unterlassen,
Diess mehr als den Himmel suchen, das mehr
als die Hölle scheun.
Lass mich auf den
Segen achten, dem wir
nur von Dir erlangen,
Auf die Milde Deines Reichthums, auf der
Gaben Überfluss.
Ihm, dem Geber, wird vergolten, wenn wir
Menschen recht empfangen:
Der Gehorchsam, den Er heischet, ist ein fröhlicher Genuss.
Lass mich aber Deine
Güte nicht an unsern
Erdkreis binden:
Herr, sey mir ein Gott der Menschen; doch
der Menschen nicht allein!
Andere Körper und Geschöpfe müssen Deine
Huld empfinden,
Und, in mehr als tausend Welten, Spiegel
Deiner Grösse seyn.
Nimmer werden meine
Hände, bey der
Schwäche so verwegen,
Mit den Waffen Deines Eifers, Deines Keilen, umzugehen.
Und mit donnerndem Verdammen Land und
Volk zu widerlegen,
Die, nach meiner blöden Einsicht, Deiner
Wahrheit widerstehn!
Bin ich auf dem
rechten Wege; so verleihe Deine Gnade,
Diesen Weg nicht zu verlassen, da mein Fortgang Dir gefällt.
Irr’ ich, als ein Kind des Irrthums;
ach! So bringe mich zum Pfade,
Wo die Fülle seltner straucheln, und Dein
Licht die Bahn erhellt.
Schütze mich vor
eitelm Stolze, der sich
Bey dem Gut erhebet,
Das dem sterblichen Besitzer Deine Milde
nur geliehn:
Auch vor rohem Missvergnügen, das um -
- sonst nach Dingen strebet,
Die ihm Deine Macht und Weisheit theils
versagen, theils entziehn.
Bilde selbst mein
Herz, o Vater! Dass es
sich zum Mitleid neige,
Und um andrer Wunden blute, Fehlerdecke,
die es schaut;
Würdige mich des Erbarmens, das ich fremder Noth erzeige,
Froh im Ausfluss des Vermögens, das mein
Gott mir anvertraut.
Zwar bin ich gering und nichtig; doch
wird der gering erfunden,
Den Dein Odem selbst beseelet, Herr der
Jahre, Tag’ und Zeit?
Ordne Du, an diesem Tage, meine Wege,
meine Stunden,
Wie Du willst, zu weiterm Leben, oder auch
zur Ewigkeit.
Ich erbitte mir, auf heute, sonst kein
Theil, als Brodt und Frieden;
Aus der andern Güter
Menge wähle nie mein
eigner Wahn!
Ob sie recht vertheilet worden, sey von
Dir allein entschieden.
Nur Dein Will’, o Herr, geschehe! Was
Du thust, ist wohl gethan.
Dich, dem aller
Welten Kreise, aller
Raum zum Tempel dienen,
Dich besingen alle Wesen, ewig, mit ver -
-eintem Chor!
Und von Erde, Meer und Lüften, als von
Deines Altars Bühnen,
Schwinge sich zu Dir der Weihrauch opfern -
der Natur empor!
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