ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Salus Hugo  1866 -1929

Das neue Buch
Neue Gedichte von Hugo Salus
Albert Langen München
1912
 

Mein Festpsalm

Du Gott da droben, du von Menschen geschaffener
Gott, den sie brauchen als ihren Helfer,
Als ihrer irdischen Wünsche Erfüller, wenngleich die Wunscherfüllung der einen
Die Wunschvernichtung  der andern bedeutet,
Gott, den sie über die Wolken gesetzt, in ihren Nöten ihn anzuflehen,
Der drum als ihre Schöpfung so Mensch ist wie sie selbst,
Gott mit dem verklärten Angesicht eines Greises mit gütigen und doch strengen Augen,
Mit immerdar schweigenden Lippen, mit der Blitzpeitsche in der Hand,
Daß sie all die Schuldigen strafe, indes die Linke die Frommen streichelt:
Du Gott aller Kleinen, ich juble heute mein Festlied
hoch über dich, hoch in die Lüfte empor,
Das mein Gott, der kein Gott ist, nicht hören wird,
das ich aber juble,
Weil er die zeugende Kraft ist, die durch mich heute
ihr Festlied singen lässt;
Lausche ihm, du Gott der Kleinen, den sie alle als ihren Vater anrufen,
Lausche ihm, um über dich zu lächeln, weil du Menschengeschöpf Milliarden
Menschlein zu lohnen und zu strafen hast,
Der du die Anbeter dieser Glaubensform ebenso schirmst wie die Anbeter jenes
Glaubens,
Die einander und den Gott der anderen hassen,
Um den Milliarden Milliarden Gestorbener aller Glauben sich drängen, daß du sie segnest:
Ich singe meinen gläubig – ungläubigen Psalm aus Kraftbewusstsein, stolz auf meinen klaren
Blick, der keinen Gott braucht
Ihn anzuflehen in Angst und Hilfsbedürfnis -
Ich singe zur Kraft empor, die ewig war und ewig sein wird,
Die sich als Sonne in den Mittelpunkt der Gestirne
gesetzt hat und den Mond als ihr Widerspiel,
Du Kraft, du ewig junge Kraft in ewiger Betätigung.
Werdend im Sein, seiend im Werden, werdend im Vergehen, vergehend im Werden,
Ich bete dich an, ohne mich vor dir niederzuwerfen,
da du kein menschliches Auge hast noch Ohr,
Menschenwinseln zu hören oder dies Lied der jauchzenden Luft, ein Teilchen deiner zu sein,
Seiender, wirkender Kraft, wie das Lichtfluten, Strömerrauschen, Meeresbranden,
Sturmsausen, Wärmeschmeicheln und Frostschauern,
Menschenumarmung und Dolchstoß,
Frühlingsblühen und Winterwarten auf neues Lenz erwachen, Saat und Ernte:
Ich juble fromm und doch lachen ungläubig, weil ich dir keine Menschenaugen noch Hände geben kann,
Nicht Menschenleib noch Menschenwünsche, du flutende Urkraft, die du mein Gott bist!
Drum ist dies Lied auch kein Psalm, es ist du, ist Kraft, wenn auch nur Menschenkraft,
Kraft, die ist und Kraft sein wird auch einst, wenn meine Lippe verstummt, wenn ich sinke ins
Grab, Reif zur Wiederkehr.
Und drum sing’ ich das Lied, wenn es auch bald verklingt,
Denn der Tod ist nicht Tod, er ist Werden und Sein, wirkende Kraft im Zerfall in das
allwirkende All,
Leben, unsterbliche Kraft, wirkende, lachende Kraft!

 

 

 

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Autor; /Salus Hugo 1866 -1929
Bildnachweis; Watteau Antoine 1684 - 1721 L' indifferent
 

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