Herr, wenn du gnädig bist, so schütz mich vor Gebreste,
Laß mir den scharfen Blick, die harte Faust,
Und daß ich wie ein Turm auf deiner Erdenveste
Dastehe straff und stark, von keinem Sturm zerzaust!
Denn siehe, so beschaffen ist die arge Brut,
So du aus Adams Samen schufst, daß nur,
Wer Eisen hat in Knochen, Nerv und Blut,
Gefeit ist gegen Hinterhalt und falschen Schwur
Und gegen Pöbelgier und Neid und Wut.
Auch vor den Weibern nimm mich in die Hut,
Die wie die Engel sind im lauen Teich!
Dem Badenden in abendlicher Flut
Schießen sie an, weichen Kristallen gleich,
Und saugen seine Adern leer von Blut.
Auch vor dem Bruder habe für mich acht
Und halt mir volles Herz und Hände zu,
Denn sieh, auch der ist lüstern nach der Macht,
Und hat so viele Zeit und wartet zu
Auf einen Augenblick, der unbewacht.
Du Schlüsselgott, du hast den rechten Bart
Zum Schloß an meinem Herzen - schließ es ein!
Du Schmiedegott, nimm auch den Hammer dein
Und schmiede mich auf deinem Amboß hart!
Wildgans Anton
1881-1932
aus: Anton Wildgans Gedichte
Buch der Gedichte / Die Sonette an Ead /
Sonette aus dem Italienischen / Nachlese
Sonderausgabe aus Anton Wildgans' "Sämtliche Werke".
Herausgegeben unter Mitwirkung von Dr. Otto Rommel
von Lilly Wildgans
Im Gemeinschaftsverlag Bellaria-Verlag Wien /
Verlag Anton Pustet Salzburg 1948
Der arme Narr
betet
Du bist so groß, mein Gott, so stark und gut!
So nimm dich auch des armen Narren an!
Tauge ich nichts, ich bin nicht schuld daran,
Du mischtest selbst mir Mark, Gehirn und Blut.
Den Kopf voll Träumen, eine hohe Welt,
Im Herzen eine tolle Leidenschaft
Und in den Knochen keinen Funken Kraft -
So hast du mich in dieses Sein gestellt.
So treibe ich, ein segelvolles Boot,
Von Wunsch zu Traum, aus Träumen zu Begehr,
Jedes Gefühl wird mir zum Wogenmeer
Und alles Wirken allertiefste Not.
Und was ich tue, scheint mir nicht getan
Und bleibt mir fremd und bringt mir keine Frucht,
Und was ich lasse, wandelt sich zur Sucht
Und blickt mich wild mit geilen Augen an.
Hab' nie von dem, was müd und hungrig macht,
Des Feierabends ausgeruht am Herd,
Schlaf hat mich nie erquickt, und traumversehrt
Bin ich am Morgen hoffnungslos erwacht.
Und möchte doch nur wie die andern sein,
Die alles tun zu klarem Zweck und Ziel,
Was morgen gilt, bedeutet ihnen viel
Und, wo nichts ist, befriedigt sie der Schein.
Mich nehmen alle Dinge meiner Welt
Und zwingen mich, daß ich in ihnen bin,
So muß ich schleppen ihren dunkeln Sinn,
Heiße ein Narr und bin im Grund ein Held!