ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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 Gräffer Franz  1785 - 1852
 

Selbstbiographie eines Buches

Humoristische Erzählungen,
 fantastische Scenereien und Schwänke lyrische
Seifenblasen und sonstige Allotria


“Neben Ernst und Beruf magst du immerhin scherzen,
und Spiele der Phantasie treiben;
 das ist der Gesundheit sehr zuträglich 
Montaigne

 


 

Über mein geistiges Wesen, und ob ich eine Seele gehabt, kann ich nichts genaues berichten; ich ahne nur so halb und halb, dass ich in dieser Hinsicht von einem Fabriksdrucker in wenigen Tagen komponiert, und noch vor meiner Geburt:   “große encyklopädische Blumenlese“ getauft wurde.
Mit diesem imperiösen Namen also erblickte ich in einer finsteren Druckerei das Licht der Welt.

Da wurde ich Anfangsglieder - , oder wie man sagt, bogenweise aufgehängt, um zu trocknen, und lag dann in Gesellschaft von 999 Brüdern ganz ruhig in einem Winkel, bis wir eines Tages allesamt, von unserem jetzigen Eigenthümer, einem reichen Buchbruder, in ein dunkles und feuchtes Maganzingewölb transportiert, und daselbst eingesperrt wurden. Die Gefangenschaft währte nicht lange.

 Ich mit einem meiner Bruder wurde da herausgeholt, in die Uberbleibsel eines unserer Vorfahren, Makulatur genannt, sorgfältig eingewickelt, mit einem Strickchen zusammengebunden und einige Meilen weit zu einem Buchhändler geführt.

Dieser Mann kam mir gleich bei unserer Ankunft sehr wohlwollend vor, denn er befreite uns von unsern genealogischen Reliquien, und schnitt uns die würgenden Stricklein vom Leibe.

Aber wie sehr hatte ich mich getäuscht!
Der Unbarmherzige steckte  uns in ein großes Paket, wo wir wieder zusammen gepresst und umstrickt wurden, und uns in der schlechtesten Gesellschaft befanden.

Kein innerer, kein äußere Rang konnte hier geltend gemacht werden, bloß die eiserne und gemeine Regel des Alphabets entschied, und so kam ich unter den cynischen Blumauer, und mein Bruder auf eine Blutzeugengeschichte zu liegen!

Welche Nachbarschaft und welcher Zustand überhaupt! – Die Situation der Häringe in ihren Tonnen, , der Negersclaven auf ihren Transportschiffen, muß Wohltat gegen die unsrige sein!

Indes blieb ich nicht lange in dieser peinlichen Lage. Eines Abends kam ein Mann mit einem Zeitungsblatt in den Laden, und rief laut meinen Namen aus: Dies war das Signal meiner Befreiung. Der Buchhändler enthob mich meiner Gesellschaft; aber mein Bruder blieb zurück, und ich habe in der Folge weder von seinem, noch von dem Schicksal meiner übrigen 998 Brüder irgend etwas erfahren können.

Der fremde Herr legte einige Stückchen rundes Metall auf den Tisch, nahm mich unter den Mantel, und trug mich fort.

Bald darauf befand ich mich in einem Gemache, das wie eine Möderhölle aussah.
Hier traf ich eine Menge Verwandte an, aber in welchem Zustande? 

Die einen sah ich in einem Meer von flüßigem Leim ersäufen, die anderen auf torturähnlichen Maschinen ausgespannt, und mit spitzigen Werkzeugen durchstochen; wieder andern wurden sengende Brandmale aufgedruckt, vorzüglich dauerte mich einer meiner Verwandten von sehr ansehnlicher Gestalt, dem man mit einem runden Eisen ganze lange Streifen vom Leibe schnitt.

Ich schauderte bei diesem Anblicke, und zitterte für mein eigenes Schicksal. Doch kaum hatte ich recht angefangen zu zittern, als einer dieser Cannibalen mit entkleideten Armen mich faßte, auf den anatomischen Tisch warf, und mich Glied für Glied auseinander zerrte.

Hierauf bog er jedes dieser Glieder dreimal zusammen, und suchte mich bei dieser Operation durch sanftes glattes Streicheln, mit einem flachen weißen Beine zu besänftigen, legte auch meine sämtlichen Glieder in ihre vorherige Ordnung zusammen.

Jetzt aber stand mir das schlimmste bevor. Der Barbar ergriff mich, legte mich auf einen von diesen mörderischen Schlägen nahm ich kaum wahr, dass mich dieser Mörder gleichfalls in eine der vielen Torturmaschinen einspannte, bis mich unaufhörliche Nadelstiche wieder zur Besinnung brachten.

 In diesem Zustande sah ich allerhand andere Zubereitungen treffen, die mir wieder etwas tröstlich vorkamen, und deren Resultat darin bestand, dass ich ein artiges blaues Kleid, und sogar einen vergoldeten Rücken erhielt.

So ausgestattet vergaß ich alle meine Leiden, und wurde noch am nähmlichen Tage von denselben Herren wieder abgeholt, welcher mich in diese Bekleidungsanstalt gebracht hatte.

Von nun an schien sich meine Lage merklich zu verbessern.

Der Herr, welcher ein junger Herr war, fand gefallen an mir. Er nahm mich mit auf die Promenade, fuhr mit mir auf' s Land, und beschäftigte sich selbst des Nachts mit mir.
Auch hielt er mir in Gesellschaften manche schmeichelhafte Lobrede, und schrieb sogar zu meinen Gunsten einen langen Aufsatz, der für eine Zeitung bestimmt war.

Plötzlich aber fing ich an, von Haus zu Haus getragen zu werden.
Ich kam zuerst zu einer schönen Putzhändlerinn, dann wieder zu einigen Geliebten, und endlich auch zu einem alten Herrn, der die Putzhändlerinn öfters besucht hatte.

Bei all diesen ging es mir nicht zum Besten.

Einige schimpften über mich, und die meisten gingen auch sonst indiscret mit mir um, so dass ich bald voll Schmutz befunden, und mein schönes blaues Kleid völlig verdorben war.

In diesem Zustande kam ich wieder zu meinem jungen Herrn zurück.
Da stand mir aber ein schmähiges Los bevor. Ich wurde mit einigen Dutzenden meiner Verwandten in einen Korb geworfen, und zu einer Auktion gebracht, wo ich bald wieder meinen Namen rufen hörte, und um eine Bagatelle erstanden wurde.

Mein jetziger Herr war ein sogenannter Antiquar - Buchhändler.
Lange sah er mich gar nicht an, endlich schrieb er meinen Namen auf, setzte einen zehnfach höhern Preis dazu, als um den er mich erkauft hatte, und gesellte mich zu mehreren meiner Ahnen, die halbverfault, in schweinsledernen Kleidern abscheulich stanken, aber von ihrem Eigenthümer  dessen ungeachtet mit viel Wohlwollen beschaut und hoch gehalten wurden.

Einige Tage darauf hörte ich zu einer neuen Auferstehung meinen Namen nennen, und wurde neuerdings von einem alten Herrn fortgetragen, der mich nicht wieder ansah, und in eine große Kiste verschloß, in der es vor Gestank nicht auszuhalten war, den eine Menge meiner Vorfahren, an denen schon die Würmer nagten, um sich verbreiteten.

Ein Glück für mich, dass der alte Herr starb, denn jene Würmer hatten sich schon an mich selbst gemacht.

Kaum war der Leichnam aus dem Hause, als des alten Herrn junge Wirtschaftlerinn die ganze Kiste einer alten Frau überließ.

Diese nahm mich bald aus meinem Gefängnis, und brachte mich in einen kleinen übelriechenden Laden, wo ich, zu meinem Schrecken, viele Glieder meiner Ahnen in Gestalt von Düten erblickte.

In diese Düten sah ich das alte Weib kleine Portionen schwarzen Staubes geben,  und solche bei einem Fenster verschiedenen Leuten hinausreichen, die kleinen Prisen daraus sich in die Nase stopften.

Ich hatte diese Beobachtung nicht lange fortgesetzt, als die Tyranninn sich auch an mich machen wollte. Allein sie schien sich eines Andern zu bedenken, und unterließ das demüthigende Attentat.

Eines Andern besann sie sich wohl, aber nicht eines Bessern.

Schändlich, entehrend, empörend, brandmarkend, leider aber nicht unerhört, was mit mir zuletzt geschah. - 


 

 

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Autor:  / 
Gräffer Franz  1785 - 1852
Bildnachweis: / Gris Juan 1887 - 1927 / Pierrot mit Buch 1924 (????)
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