ARLECCINO
Gebet an Pierrot
An Otto von GrotePierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!
Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
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Onkel Wendel, Onkel
Wendel! Sieh’ nur die große Seifenblase, die wunderschönen Farben! Onkel Wendel saß neben mir im Schatten der hohen Bäume, und unsere Zigarren verbesserten die reine, würzige Luft eines schönen Sommernachmittags.
„ Hm!“ sagte oder
vielmehr brummte Onkel Wendel zu mir gewendet, „Hm, erklär’s ihm doch! Hm!
Verschiedene
Wellenlänge, Streifen decken sich nicht, und so weiter. Wird der Junge
verstehen – hm?“ Erklärung ist ja etwas relatives und muß sich nach dem Standpunkte des Fragenden richten, es heißt nur, die neue Thatsache in einen gewohnten Gedankengang einreihen, mit gewohnten Vorstellungen verknüpft – und da die Formel der mathematischen Physik noch nicht zum gewohnten Gedankengang meines Sprösslings gehören – „
„ Nicht übel, hm!“
nickte Onkel Wendel. Erfahrung des Kindes- ganz andere Welt – giebt Dinge, für die alle Verbindung fehlt. Ist überall so!
Der Wissende muß
schweigen, der Lehrer muß lügen. Oder er kommt ans Kreuz, auf den
Scheiterhaufen, in die Sind noch nicht reif, kein Anknüpfungspunkt, and’re Welt, and’re Welt. Tausend Jahre warten! Lasse die Leute streiten, einer weiß so wenig wie der andere.“
Jetzt hatte er das „
Mikrogen“ entdeckt. Ich weiß nicht recht, war es ein Stoff oder Apparat;
Eine Verkleinerung
nicht etwa bloß für das Auge, wie sie für die Die beiden letzten Worte
murmelte der Onkel nur für sich. Ich hätte sie nicht verstanden, wenn ich
nicht den Namen „ Mikrogen“ schon öfter von ihm gehört hätte. Onkel Wendel hatte schon viele Erfindungen gemacht. Er machte eigentlich nichts als Erfindungen. Seine Wohnung war ein vollständiges Laboratorium, halb Alchymistenwerkstatt, halb modernes physikalisches Kabinett.
Es war eine besondere
Gunst, wenn er jemand gestatte einzutreten. Denn er hielt alle seine
Entdeckungen geheim. Dann staunte ich über die Fülle seiner Kenntnisse, noch mehr über seine tiefe Einsicht in die wissenschaftlichen Methoden und ihre Tragweite, in die ganze Entwicklung des kulturellen Fortschritts.
Aber er war nicht zu
bewegen, mit seinen Ansichten hervorzutreten,
Wenn ich in ihn drang
, diese epochemachende Entdeckung, welche vielleicht geeignet wäre, unsere
sozialen
optische Instrumente
möglich ist, sondern für alle Sinne; die ganze Bewusstseins – Thätigkeit
wurde verändert, so, daß
Menschen bleiben Menschen, ob groß oder klein, sehen nicht über sich hinaus. Wozu erst streiten?“ „ Wie kommst du jetzt auf das Mikrogen?“ fragte ich ihn.
„ Sehr einfach,
lieber Neffe.
Weil aber die
Gelehrten keine Kinder sind und alles zu verstehen beanspruchen, würde es
einen unendlichen Streit geben,
Würden mich auslachen
– hm – Irrenhaus – „ Nur auf diesem Wege sind die Fortschritte der Kultur errungen worden. Bringe deine Beweise.
„ Hm“, sagte der
Onkel, „ wenn aber die Beweise niemand verstehen kann? Habe keine Lust dazu.“
„ Und trotzdem,“
erwiderte ich stolz, „ würde ich die Wahrheit bekennen, wenn ich die
Beweise für mich in der Hand habe.“ Ja? Sieh’ dir mal das Ding an.“
Onkel Wendel zog
einen kleinen Apparat aus der Tasche. Er hielt mir die Röhrchen unter die Nase und begann zu drehen. Ich fühlte, daß ich etwas ungewohntes einatmete.
„ Nun, sieh’ dir mal die Seifenblase an“ sagte Onkel Wendel und drehte weiter.
Mir schien es, als ob
sich die Seifenblase sichtlich vergrößerte. Ich kam ihr näher und näher.
Nur Onkel Wendel
blieb neben mir; sein Röhrchen hatte er in die Tasche gesteckt.
Wir standen auf der
spiegelnden Fläche eines weiten, gefrorenen Sees. Undeutliche Gestalten erhoben sich hie und da über die Fläche. „ Was geht hier vor!“ rief ich erschrocken. „ Wo sind wir? Trägt uns auch das Eis?“
„Auf der Seifenblase
sind wir, “ sagte Onkel Wendel kaltblutig.
Weiß du, wie dick
diese Schicht ist, auf der wir stehen? Nach menschlichem Maße gleich dem
fünftausendsten Teile eines Unwillkürlich zog ich einen Fuß in die Höhe, als könnte ich mich dadurch leichter machen. „ Um Himmelswillen, Onkel, “ rief ich, „ treibe kein leichtsinniges Spiel! Sprichst du die Wahrheit?“
„ Ganz gewiß. Aber
fürchte nichts. Für deine jetzige Größe entspricht dieses Häutchen an
Festigkeit einem Stahlpanzer von Wir haben uns nämlich mit Hilfe des Mikrogens in allen unseren Verhältnissen im Maßstabe von Eins zu hundert Millionen verkleinert.
Das macht, daß die
Seifenblase, welche nach menschlichen Maßen einen Umfang von vierzig
Centimeter besitzt, jetzt für uns
„ Und wie groß sind wir selbst?“ fragte ich zweifelnd.
„ Unsere Höhe beträgt
den sechzigtausendsten Teil eines Millimeters. „ Aber warum sehen wir nicht das Haus, den garten, die Meinigen – die Erde überhaupt?“
„ Sie sind unter
unserm Horizont. Du musst dich nun mit dem begnügen, was es auf der Seifenblase zu sehen giebt, und das ist genug.“
„ Und ich wundere
mich nur, “ fiel ich ein, „ daß wir hier überhaupt etwas sehen, daß unsere
Sinne unter den veränderten Wir sind ja jetzt kleiner als die Länge einer Lichtwelle, die Moleküle und Atome müssen uns jetzt ganz anders beeinflussen.“
„ Hm!“ lachte Onkel
Wendel in seiner Art. Die Empfindung ist das Erste, das Gegebene; Licht, Schall und Druck bleiben unverändert für uns, denn sie sind Qualitäten.
Nur die Quantitäten
ändern sich, und wenn wir jetzt physikalische Messungen anstellen wollten,
so würden wir die
Wir waren inzwischen
auf der Seifenblase weitergewandert und an eine Stelle gekommen, wo
durchsichtige Strahlen
Und was sollte aus mir werden, wenn ich in meiner Kleinheit von ein Sechzigtausendstel Millimeter mein Lebelang bleiben musste?
Was war ich unter den
Menschen? Gulliver in Brobdignat lässt sich
Vielleicht sogen sie
mich mit dem nächsten Atemzuge in ihre Lunge, und während sie meinen
unerklärlichen Verlust beweinten,
„ Schnell, Onkel, nur
schnell!“ rief ich.“ Gieb uns unsere Menschengröße wieder! Die Seifenblase
muß ja sofort platzen!
„ Keine Sorge,“ sagte
Onkel Wendel ungerührt, „ die Blase dauert noch länger, als wir hier
bleiben.
Wenn die Seifenblase
nur zehn Erdsekunden lang in der Luft fliegt, so macht dies für unsere
jetzige Konstitution ein ganzes
Die Bewohner der
Seifenblase freilich leben wieder noch hunderttausendmal schneller als
gegenwärtig wir“ „ Natürlich hat sie Bewohner, und zwar recht kultivierte.
Nur verläuft ihre
Zeit ungefähr zehnbillionenmal so schnell wie die menschliche, d. h. sie
empfinden, sie leben,
Das bedeutet, drei
Erdsekunden sind so viel wie eine Million Jahre auf der Seifenblase, wenn
auch deren Erdbewohner den
Wenn du nun bedenkst,
daß diese Seifenblase, auf der wir uns befinden, vor mindestes sechs
Sekunden entstand, so musst du
Wenigstens entspricht
dies meinen Erfahrungen auf anderen Seifenblasen, welche alle in ihren
Produkten die Familien – Ähnlichkeit
„ Aber wo sind diese
Bewohner? Ich sehe hier wohl Gegenstände, die ich für Pflanzen halten
möchte, und diese
Während wir jetzt
eine Sekunde vergangen glauben, verleben sie 28 Stunden.
„ Es ist richtig“,
sagte ich, „ ich sehe deutlich, wie hier die Bäume – denn diese
korallenartigen Bildungen sollen ja wohl
„ Die Saponier bauen
daran. In dieser Minute, während welcher wir zuschauen, beobachten wir den
Erfolg von mehr als
Die Arbeiter sehen
wir nicht, weil ihre Bewegungen viel zu schnell für unsere
Wahrnehmungsfähigkeit verlaufen. Hier, rieche noch einmal. Unsere Größe bleibt dieselbe, ich habe nur die Zeitskala verstellt.“ Onkel Wendel brachte aufs neue sein Röhrchen hervor.
Ich roch, und sofort
fand ich mich in einer Stadt, umgeben von zahlreichen, rege beschäftigten
Gestalten, die eine entschiedene Nun schienen sie mir Alle etwas durchsichtig, was wohl von ihrem Ursprunge aus Glycerin und Seife herrühren mochte.
Auch vernahmen wir
ihre Stimmen, ohne daß ich jedoch ihre Sprache verstehen konnte. Die
Pflanzen hatten ihre schnelle
Was uns vorher als
Springbrunnenstrahlen erschienen war, erwies sich als die Blütenstengel
einer schnell wachsenden hohen
Auch die Bewohner der
Seifenblase nahmen uns jetzt wahr und umrigten uns unter vielen Fragen,
welche offenbar
Die Verständigung
fiel sehr schwer, weil ihre Gliedmaßen, welche eine gewisse Ähnlichkeit
mit den Armen von Polypen besaßen,
Indessen nahmen sie
uns durchaus freundlich auf, sie hielten uns, wie wir später erfuhren, für
Bewohner eines andern Teils ihres
Die Nahrung, welche
sie uns anboten, hatte einen stark alkalischen Beigeschmack und mundete
uns nicht besonders; mit der Zeit
Es war überhaupt auf
diesem Weltkörper alles auf den zähen oder gallerartigen Aggregatzustand
eingerichtet, und es war
Die Saponier waren
wirklich intelligente Wesen. Speise Atmung, Bewegung und Ruhe, die
unentbehrliche Bedürfnisse aller lebenden
Da man bereitwillig
für unsere Bedürfnisse sorgte und Onkel Wendel versicherte, daß unsere
Abwesenheit von Hause einen
Ein Wechsel von Tag und Nacht fand
zwar nicht statt, aber es folgten regelmäßige Ruhepausen auf die Arbeit,
welche ungefähr
Zu letzterem
Zwecke reisten wir nach der Hauptstadt, wo wir dem Oberhaupte des
Staates, welches den Titel „ Herr der Denkenden“ führt,
Über die Resultate
unserer Beobachtungen hatte ich sorgfältig Buch geführt und reiches
Material angehäuft, welches ich nach meiner
Leider hatte ich
einen Umstand außer acht gelassen. Bei unserer sehr plötzlich notwendig
werdenden Wiedervergrößerung trug ich meine Aufzeichnungen nicht bei mir,
und so geschah das Unglück, daß sie von den Wirkungen des Mikrogens
ausgeschlossen wurden.
Wir mochten ungefähr
zwei Jahre unter den Saponiern gelebt haben, als die Spannung zwischen den
unter ihnen hauptsächlich Die Gegner Glaglis stützten sich besonders darauf, daß die neuen Lehren den alten und unumstößlichen Grundgesetzen der „ Denkenden“ widersprächen. Sie verlangten daher, daß Glagli entweder seine Lehre widerrufen oder der auf die Irrlehre gesetzten Straffe verfallen solle.
Namentlich fanden sie
folgende drei Punkte aus der Lehre Glagli’ s für irrtümlich und
verderblich:
Hiergegen
erklärte man, nicht bloß Fett und Alkali, sondern auch Glycerin und
Wasser seien Elemente; dieselben könnten unmöglich von
Da nun Glagli
durchaus nicht widerrufen wollte, so neigte sich die Majorität der
Akademie gegen ihn, und schon schleppten seine eifrigsten
Als ich all das
grundlose Gerede für und wider anhören musste und doch sicher war, daß ich
mich auf einer Seifenblase befand, die mein
„ Begehe keinen
Unsinn, “ flüsterte Onkel Wendel, sich an mich drängend.
Aber ich ließ mich
nicht stören, sondern begann:“ Meine Herren Denkenden“ gestatten Sie mir
einige Bemerkungen, da ich thatsächlich in Aber wie das verschwundene Stückchen Welt, auf dem wir stehen, entstanden ist, das kann ich Ihnen sagen.
Ihre Welt ist in der That hohl und
mit Luft gefüllt, und ihre Schale ist nicht dicker, als Herr Glagli
angiebt. Sie wird allerdings einmal platzen,
„ Ja,“ rief ich
mutig, ohne auf Onkel Wendels Zerren und Zupfen zu achten, „ ja, ihre Welt
ist weiter nichts als eine Seifenblase, die der Mund
„ Unerhört! Blasphemie! Wahnsinn!“ schallte es durcheinander, und Tintenfässer flogen um meinen Kopf.
„ Er ist verrückt!
Die Welt soll eine Seifenblase sein? „Der Wahrheit die Ehre!“ schrie ich.
„ beide Parteien
haben Unrecht. Die Welt hat mein Sohn nicht geschaffen, er hat mir diese
Kugel geblasen, innerhalb der Welt, nach den
Er weiß nichts von
Euch, und Ihr könnt nichts wissen von unserer Welt. Ich bin ein Mensch,
ich bin hundertmillionenmal so groß und Laßt Glagli los! Was streitet Ihr um Dinge, die Ihr nicht entscheiden könnt?“
„ Nieder mit Glagli!
Nieder mit dem Menschen“!
Seugende Glut strömte
mir entgegen. Vergebens setzte ich mich zur Wehr. „ Hinein mit ihm!“
schrie die Menge. Heiße Dämpfe umhüllten, ein brennender Schmerz durchzuckte mich und – Ich saß neben Onkel Wendel am Gartentische. Die Seifenblase schwebte noch an derselben Stelle.
„ Was war das?“ fragte ich erstaunt und erschüttert.
„ Ein
Hunderttausendstel Sekunde! Auf der Erde hat sich noch nichts verändert.
Hab’ noch rechtzeitig meine Skala verschoben, hätten
Hm? Soll ich noch die
Entdeckung des Mikrogens veröffentlichen? Wie?
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Autor: / Laßwitz Kurt 1848 - 1910
Bildnachweis: / Barney Alice Pice 1857 - 1931 / Moon Madness
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