Ludwig Salomon
1844- 1911
Die
Geschichte einer Geige
Aus der Erinnerung eines alten Schulmeisters
D. C. Heath & CO Publishers
Boston New York Chicago 1911
Ich gehe gerne auf Auktionen.
In meinem langen Leben ist mir keiner fremd geblieben von allem, die um
uns her wohnen; die meisten hab’ ich aufwachsen sehen, und die jetzt nur
noch kleine Zahl von denen, die mit mir jung waren, hat mir nahe
gestanden, in guten und bösen Tagen.
Geht also einer von diesen heim und verkauft man den alten Kram, der mit
ihm durch Leben ging und der nun nichts mehr wert ist in der neuen Zeit,
dann stehe ich dabei, und mir ist, als würde mir schmerzhaft von meinem
Lebensbaume ein Zweig nach dem andern abgeschlagen und als müsste von
mir bald nur noch ein alter, kühler Stamm übrig bleiben, ohne Laub und
ohne Geäst.
Dann wird es mir oft so weh ums Herz, und mir wäre besser gewesen, ich
wäre daheim geblieben.
Und doch zieht es mich stets mit magischer Kraft, ich kann es nicht
versäumen, dem Hausrat eines Freundes gleichsam die Totenwacht zu tun.
Dann trete ich hinzu, wie erst neulich wieder, und sehe einen
Spazierstock an, der an der Hand des Dahingeschiedenen und mit mir so
manche Wanderung machte, dann beschaue ich einen alten Hut, der das
liebe Haupt des Entschlafenen so oft vor Regen und Schnee schützte, ich
gewahre auch den Flecken auf ihm, den, und das fällt mir dann wieder
ganz deutlich ein, den er an einem Sommerabende in der Milchkammer auf
dem Gundelhofe bekam, als sein Besitzer dem schmucken Gundel – Röschen
einen Kuß raubte.
Der war damals so glücklich über den Kuß! -
Auch heute war ich auf einer Auktion; es gab freilich wenig zu kaufen;
es war eine kleine, recht kleine Auktion.
Aber ich habe mir doch etwas erstanden.
Einige junge Leute lachten über mich alten Schulmeister, als ich auf
eine alte Geige noch einige Groschen bot.
Nun ja, wer bekümmert sich wohl noch um eine alte Geige, von der sich
der Resonanzboden auseinandergezogen hat, so daß der ganz berühmte Ton
des Instruments verloren ging; wer weiß noch etwas von dem vertrockneten
Rosenstiel, der noch jetzt durch die Saiten geflochten ist und der
einst, vor manchen Jahren, eine dunkle, prächtige Rose trug!
Freilich die Menschen von heute kümmert’ s nicht, und die es kümmerte,
die haben das Leben hinter sich – außer mir.
Ich weiß nicht, wie mir ist, seit ich die alte Geige nun bei mir habe in
meinem Stübchen. Es kommt mir vor, als wäre ein neuer Farbenglanz über
mein früheres Leben gelegt, als wäre der Staub von den Erinnerungen
längst entschwundener Jahre hinweggewischt, als träten wieder in
lebendigem Lichte und in die dunkleren Schatten die Tage längst
vergangener Zeiten hervor.
Als ich die Geige zum letzten Male hörte, war Sommerszeit im Lande.
Meine Schule hatte noch Ferien, ich war darum am Vormittage im Felde
gewesen, um beim Heumachen zu helfen. Wenn man nicht überall selbst mit
Hand anlegt, so wird einem die Arbeit stets nur halb so ordentlich
gemacht.
Jetzt stand ich um die Mittagszeit in der Stube und zog mich sonntäglich
an, um nachher auf eine Hochzeit nach dem nahen Dorfe Süvershagen zu
gehen, als mir jemand durch das offene Fenster einen guten Tag wünschte.
Es war eine mir wohlbekannte Persönlichkeit, ein Mann mit grauem Haar,
mit einem etwas aufgedunsenen, verfallenen Gesichte und in nicht mehr
sauberem Anzuge.
Er trug eine Geige unter dem linken Arm und in der rechten Hand einen
Stock, auf dem er sich, da er etwas gebeugt ging, stützte.
„ Grüß Gott,“ Ulrich! Sagte ich.
“ Willst du auch mit auf die Hochzeit nach Süvershagen gehen?“
“ Ja, ich bin auch mit geladen, “ versetzte er, „ aber aus einem andern
Grunde, wie du.
Doch – wenn du mich mitnehmen willst“ -
“ Mach’ kein Gerede, “ lenkte ich ab.“ Er kam mir so trübe gestimmt vor.
“ Willst du zum Mittag noch einen Imbiß mit mir einnehmen?“ fragte ich,
„ es dauert bei solchen Festen oft lange, ehe man zum Essen kommt.“
„ Und ich komme dann auch immer noch zuletzt an die Reihe, „ sagte er
missmutig.
“ Ja Andreas, ich nehme deine Einladung an.“
Er trat durch die Hausflur in die Stube, und ich reichte ihm die Hand.
„ Ich bin jedoch,“ fuhr er dann fort, „ aus einem andern Grunde erst bei
dir vorgekommen. Ich habe diese Nacht den wachsleinenen Überzug meiner
Geige verloren und möchte deine Frau bitten, mir doch wieder einen
solchen zu besorgen.
Ich komme, es ihr jetzt zu sagen, weil ich bei der Hochzeit sie wohl
nicht belästigen darf.“
“ Du weißt aber doch, Ulrich,“ sagte ich, „ daß wir gern bei dir
nachhelfen.“
“ Ja früher war das wohl angebracht,“ entgegnete er mit schmerzlichem
Lächeln, daß es mir weh durchs Herz schnitt, „ da haben mir auch noch
andere Leute geholfen.“
Ich wusste ihm nicht gleich etwas Passendes zu entgegnen, meine Gedanken
hatten sich vorher mit der Hochzeit beschäftigt, ich konnte mich darum
nicht gleich in diese trübe Stimmung hineinfinden.
Er setzte sich, das Haupt nach vorn gesenkt, die Geige auf seinen Knien.
„Es ist eigentlich lächerlich, “ hob er nach einer Pause leise, wie zu
sich selbst, an, indem er die gläsernen Augen auf das Instrument
heftete, „ daß ich noch immer so an dir hänge, du alte Fiedel, und daß
ich es nicht ertragen kann, wenn du leidest.
Freilig ergrimme ich manchmal, wenn deine süßen Töne in erbärmlicher
Schenke entströmen, dann fahre ich wohl grob über die Saiten, daß es
hell aufkreischt und die Spieler auf der Wirtsbank auflachen und sagen:
Der Ulrich ist schon wieder einmal betrunken! Aber dann ist mir, als
schlüge mich eine dämonische Kraft zu Boden und als läge ich im
Schmutze, um zu verenden. – Es ist langweilig, Andreas, sagte er dann zu
mir und erhob sich, „so auf Freund Hein zu warten.“
Es war mir angenehm, daß meine Frau jetzt eintrat und den
melancholischen Betrachtungen ein Ende machte. Sie hatte mit ihrem
heiteren Temperament stets günstig auf den armen Geiger eingewirkt, sie
begrüßte ihn auch jetzt
freundlich und leitete das Gespräch auf gleichgültige Tagesgeschichten.
Wir aßen dann und machten uns auf den Weg.
Meine Frau und meine älteste Tochter gingen voraus, und ich trug erst
noch den Turmschlüssel zu meinem Nachbar, der an diesem Abend das
Vesperläuten für mich besorgen wollte.
Wir waren dadurch ein kleines Stück hinter den Frauensleuten
zurückgeblieben, und unsere Unterhaltung war aus diesem Grunde wieder
ins Stocken geraten.
Unwillkürlich kam mir, als er so gebeugt neben mir daherschritt und der
Wind mit seinem grauen Haar spielte, unsere Jugendzeit ins Gedächtnis.
Wie war es da doch ganz anders gewesen!
Wie glänzten damals seine großen blauen Augen, wie blickte damals mit
glückseligem Lächeln und so hoffnungsvoll Vater, der auch Lehrer und
mein Vorgänger im Amte war, auf den glänzend begabten Schüler!
Was war das für ein Fest, als die schöne Kremoneser Geige ankam und er
dann darauf spielte, daß alle Hörer davon wie bezaubert waren!
Ich stand damals in einem Winkel des Zimmers, man hatte mich zur Seite
gedrängt; ich hatte keine solche glänzenden Gaben.
Am Abend, als ich zum Vesperläuten ging, denn ich unterstützte schon
meinen Vater im Amte, begleitete mich Ulrich und sprach von seinen
Hoffnungen und Plänen. Nach dem Läuten stiegen wir den Turm hinauf, um
die Uhr aufzuziehen, und dann setzten wir uns oben in ein offenes
Schalloch und blickten in das weite, offene Land hinaus, auf das stille
Meer, das von Abendsonnenschein wie vergoldet erschien.
„ Andreas, “ sagte er da und ergriff meine Hand, „ nun gehe ich bald
auf“ die Akademie und dann werde ich erst wirklich eintreten in das
göttliche Reich der Töne!
O Andreas, wie sich meine Brust hebt bei dem beglückenden Gedanken,
alles Schöne und herrliche, was den Menschen erhebt über die niederen
Sorgen des Lebens, was ihn erbaut, veredelt und dem Vorbilde des Gottes
näher führt: Alles das in die Harmonie meines Spieles zu legen!
“ Das ist ein hoher, heiliger Beruf, “ rief ich, und blickte zu dem
Beneidenswerten empor.
Dann wirst du gewiß hoch emporsteigen zu Ruhm und Ehren, und das
Vaterland wird dich preisen als einen seiner besten Söhne!“
Das ist mein Ziel, Andreas, “ versetzte er und erfasste meine Hand. „Ich
will ringen ohne Unterlaß um diesen köstlichsten aller Preise -, und
wenn man mich einst mit Ehren nennt, dann müsst ihr mich alle recht oft
besuchen.
O, was wird das stets für ein großes Fest sein!“
Noch lange sprach er begeistert von diesen Zukunftsbildern, so daß sich
bereits Dämmerung mit tiefen Schatten in die Höfe und in die Gärten
gelegt hatte und wir kaum noch mein Bäschen, Pastors Ernestine, erkennen
konnten, die aus dem Felde in den Pfarrgarten trat.
Wir stiegen nun wieder vom Turme hinab. Nach einer kleinen Strecke, die
wir an einer Hecke entlang geschritten waren, blieb er stehen und sagte
dann: „ Geh einstweilen voraus, Andreas, ich komme sogleich nach!“
Ich blieb verwundert stehen, er aber sprang in einen schmalen Seitenweg,
wo er mir bald zwischen blühenden Holunderbüschen in der Dämmerung
entschwand.
Ich ging langsam weiter, aber er kam nicht wieder.
Am andern Morgen, als er mich bei meinem Vater traf, bat er mich, ich
möchte nicht weiter davon sprechen, daß er gestern weggegangen.
Seine Übersiedelung nach der Residenz fand denn auch bald statt. Sein
Vater hätte er freilich lieber gesehen, schon der stets kränklichen
Tochter wegen, wenn sein Sohn der obendrein der einzige war, das alte
Geschäft der Familie, eine große Böttcherei, die für den Heringsfang
stets bedeutende Bestellungen ausführte, später übernommen hätte.
Mein Vater war damals, bei Ulrichs Abschied, leider schon recht krank,
ich wollte mein Examen machen, musste dabei das Amt meines Vaters
verwalten und hatte daher so viele Sorgen und Arbeiten, daß ich mich
meinem scheidenden Freunde nur wenig widmen konnte. Er schien mit
schwerem Herzen zu gehen.
Nach kaum einem Jahre – ich hatte mittlerweile mit vieler Not und mit
schweren Sorgen zu kämpfen gehabt – kamen denn auch schon Nachrichten
von seinen guten Erfolgen.
In der ersten Zeit hatte er manchmal geschrieben und sich dann auch nach
Ernestinen erkundigt. Ich berichtete ihn stets; nach und nach aber kamen
die Briefe seltener, und zuletzt blieben sie ganz aus. Nur hie und da
schickte er ein Zeitungsblatt, in welchem eine Rezension über ein
Konzert des weltberühmten Ulrich West stand.
Dann lasen wir, wie er vor gekrönten Häuptern gespielt hatte, wie man
ihm sein Spiel königlich gelohnt, wie man ihn gefeiert und erhoben
hatte.
Um diese Zeit starb sein Vater; seine Mutter hatte er schon viel früher
verloren, und die Böttcherei wurde verkauft.
Das schrieb ich ihm, und darauf antwortete er mir nach längerer Zeit,
ich möchte ihm seinen Erbschaftsanteil schicken.
Das tat ich auch, es war nach Italien; den Namen der Stadt habe ich
wieder vergessen.
Darauf hörten wir lange nichts von ihm.
Die Ernestine war, nachdem er nicht mehr schrieb, stiller und stiller
geworden. Früher war sie ein heiteres Mädchen gewesen, und wenn sie auch
nie ganz solche Pausbacken wie ihre Gespielinnen aufzuweisen gehabt, so
hatte sie doch immer recht rosig ausgesehen. Nun war sie blässer und
blässer geworden. Einige wollten das Gesicht so feiner, zarter finden,
mir tat sie immer nur leid, wenn ich auch damals noch nicht recht
wusste, was ihr am Herzen nagte, ob ich es gleich ahnte.
Jeden Winter fand sich bei uns nach alter Sitte, die schon mein seliger
Vater gern gepflegt hatte, stets am Mittwoch ein Kreis von Frauen und
Mädchen, unter denen sich auch Ernestine befand, mit ihren Spinnrädern
ein, um unter fröhlichem Geplauder beim schnurrenden Rade den langen
Winter leichter zu überwinden. Nach und nach hatten sich zu diesem
Spinnstubenabenden auch einige Männer eingefunden, auch ein junger
Kollege aus einem Nachbarorte, der ein Auge auf eine hübsche Freundin
meiner Frau geworfen hatte, die er denn auch später glücklich
heimführte.
Er unterhielt uns oft recht angenehm mit Klavierspiel, in welchem er
eine ziemliche Fertigkeit besaß.
An einem dieser Abende bereitete er uns eine Überraschung: er brachte
einen stattlichen Band Noten mit, der den Titel „ Ulrich Wests
gesammelte Kompositionen“ trug.
Es waren Lieder und Tonstücke, welche
wir jedoch früher schon in Einzelausgaben von Ulrich selbst erhalten
hatten.
Der junge Lehrer setzte sich bald ans Klavier und begann gleich mit dem
ersten Liede: „ Der Abschied“.
Die Mehrzahl von uns kannte das Lied sehr wohl, es war die erste
Preiskomposition unseres berühmten Freundes.
Nach den einleitenden Akkorden, die wie ein leises Meeresrauschen
klangen, sang er:
Hebe deine Augen auf,
Deine lieben, treuen, blauen,
Denn ich will dir wonniglicht
Auf den Grund des Herzens schauen.
Heute ruht dein Köpfchen noch
Liebliche mir an meiner Seite,
Morgen zieh’ ich schon hinaus
In die ferne, fremde Welt
Hebe deine Augen auf,
Deine lieben, treuen Augen,
Denn ich muß für lange Zeit
D’ raus mir Lieb’ und Freude saugen.
Schon bei Beginn des Liedes verhüllte Ernestine ihr Gesicht, und als die
letzten Akkorde der überaus lieblichen Musik verklangen, stand sie auf
und ging weinend zum Zimmer hinaus. Sie kam nicht wieder hinein. Am
anderen Tage brachte ihr meine Frau das stehengebliebene Spinnrad, da
hat sie diese wehmütig um Verzeihung für ihr Weggehen gebeten, sie hätte
nicht anders gekonnt. Auch die ferneren Spinnstubenabende besuchte sie
nun nicht mehr; sie fühlte sich nicht wohl, sagte sie nur. Von anderen
Gesellschaftskreisen blieb sie von da ab ebenfalls fern.
Nur noch einmal besuchte sie ein Fest, es war die Hochzeit der
Henriette, einer Gespielin von ihr.
Ich erinnere mich noch recht wohl. Es steht mir noch deutlich vor der
Seele, wie ich ihr bei Tische gegenüber saß.
Ein Blumenstrauß stand zwischen uns auf der Tafel, und ich sah durch das
frische Grün und zwischen den dunklen purpurnen Rosen das bleiche
Gesichtchen schimmern.
Da fragte ein behäbiger Bierbrauer von der andern Seite laut herüber; „
Nun, Ernestinchen, von dir hört man ja gar nicht mehr; wie steht’s denn
mit dir? Hattest du nicht so eine stille Liebe mit dem Geiger, dem
Ulrich?
Der Vagabund wird doch nicht liederlich geworden sein.“ Am Ende wäre
er besser bei seinen Herringstonnen geblieben!“
Das hätte ich um alles in der Welt nicht fragen mögen.
Besorg blickte ich zu ihr hinüber.
O, ich sehe es noch heute, wie sie bleich wurde, noch bleicher, als sie
sonst schon war.
Sie wollte lächeln, aber das gelang ihr nicht, der Mund sah nur wie
schmerzhaft verzogen aus.
„ O, das haben die Leute so gesagt,“ entgegnete sie, „ aber wie hätte
ich einen so berühmten Mann - -„
Das Wort erstarb ihr auf den weißen Lippen, ihre Gabel klappte auf den
Teller, und sie wandte zur Seite.
Erschrocken sprang ich auf; ihr Vater, der beim Brautpaar gesessen,
eilte herzu und benetzte ihr mit zitternder Hand die Schläfe mit kaltem
Wasser.
Aber sie konnte sich nicht so schnell von ihrer Ohnmacht erholen, sie
musste hinausgetragen werden und kam nicht wieder.
Seit jener Zeit ist sie nicht ausgegangen.
Am St. Gallustage, gerade drei Wochen nach dem Tode meines seligen
Vaters, ist sie dann an der Schwindsucht gestorben. Ich hatte sie als
erste Leiche ins Kirchenbuch zu schreiben. Das war recht einfach, in die
Rubrik „ Ursache des Todes“: „ Schwindsucht“ zu setzten.
Ich selbst hatte auch damals noch keinen so rechten Begriff von ihren
überstandenen Leiden. Ich hatte auch so viel mit mir selber zu tun, daß
ich scher mich um anderer Leute Verhältnisse kümmern konnte.
Mit meinen Geschwistern hatte ich mich betreffs unserer kleinen
Erbschaft auseinanderzusetzen.
Dann sollte eine Dammregulierung bei dem zu unserem Dorfe gehörigen
Strande vorgenommen werden, der sich viele Grundbesitzer widersetzten,
und diese Starrköpfe sollte ich auf den Wunsch eines Herrn
Geheimenrates der Regierung von der Vortrefflichkeit dieses Umbaues
überzeugen.
Ich hatte viel Lauferei und Schwatzerei.
Ob übrigens die Dammregulierung wirklich eine so vortreffliche Neuerung
ist weiß ich doch nicht.
Zu alledem kam auch noch eine hohe Verordnung, das Taktschreiben
einzuführen, eine Methode, die mir gar nicht zweckmäßig erschien und
deren Anwendung mir viel Mühe und Ärger machte.
Das Taktschreiben ist denn auch bald wieder abgeschafft worden.
Alle diese Umstände brachten mir eine solche Arbeitslast, daß die arme
Ernestine bald in den Hintergrund zurückgetreten war.
Dann kamen auch häusliche Sorgen und Unruhen, dabei schwand ein Jahr
nach dem anderen, die Kinder wuchsen heran und mit ihnen die Sorgen: bei
den kleinen hatte ich kleine Sorgen, bei den großen hatte ich große
Sorgen.
Eines Abends sitze ich mit meiner Familie kurz nach Neujahr am Ofen, es
war bitterkalt, und lese aus dem neuen Kalender die Geschichte vor; da
klopft es.
Meine Frau wollte aufstehen und hinausgehen, da sie aber nicht ganz wohl
war, nahm ich das Licht.
Und als ich die Haustür öffne, redet mich ein alter Mann mit heiserer
Stimme an: “Andreas, kennst du mich noch?“
Ich leuchte dem Fremden ins Gesicht und lasse vor staunen das Licht
sinken.
Da war es Ulrich. Zerlumpt, hungrig, halb erfroren trat er mit
unsicherem Fuße bei uns ein.
Seine Geige hing ihm in einem Leinwandsäckchen auf dem Rücken.
Wir nahmen ihn freundlich auf, ich gab ihm noch ziemlich gute Kleider
von mir, dann ging ich am nächsten Tage zu seiner Schwester, die sich in
einem Nachbarorte eingemietet hatte, ferner zu allen seinen Verwandten,
und so staffierten wir ihn aus.
Er selbst sprach wenig, es interessierte ihn auch nichts, was wir ihm
erzählten; nur das Grab der armen Ernestine ließ er sich noch einmal von
mir zeigen.
Nach einigen Tagen zog er zu seiner Schwester.
Das Geld, was ich ihm zusammengebracht hatte, wandte er aber schlecht
an: er vertrank es.
Das tat mir sehr wehe.
Ich stellte ihm das Verderbliche seines Lebenswandels vor, allein, ob er
mir auch Besserung versprach, es blieb beim alten.
Diejenigen, welche ihn anfangs unterstützt hatten, zogen sich nun wieder
ob des leidigen Lasters von ihm zurück, und er suchte sich durch
Aufspielen in den Schenken und bei Festlichkeiten zu ernähren. - - -
Solche Gedanken kamen mir, als ich an jenem Tage nach Süvershagen
hinüber zur Hochzeit ging.
Er hatte mich in meinem Nachdenken nicht gestört; still, wie meist, war
er neben mir gegangen.
Nur an einer Stelle des Weges, da, wo sich der schmalere Fußpfad dem
Strande näherte und an der Hermunder Steinen, einem alten Hühnengrabe,
wie man sagt, vorüberführt, hatte er nach der alten Linde, deren Wurzeln
die verwitterten Steine umklammern, emporgeschaut und dann hinabgeblickt
zum Strande, zu einem Felsblock, der wahrscheinlich, da das Meer
alljährlich von der Düne ein Stück nach dem anderen abspült, einst von
oben hinabgestürzt ist, ohne sich jedoch dem Meere vollständig zu
ergeben.
Denn nur zur Zeit der Flut schlagen die Wellen über den großen Stein
hinweg, während sie ihn bei der Ebbe wieder lassen müssen.
Ulrich hatte an dieser Stelle Miene gemacht, als wolle er etwas sagen,
dann sich aber, so schien es, anders besonnen und war schweigend
weitergegangen.
Im Hochzeitshause fanden wir ein reges Leben. Bekannte und Verwandte
traten zu uns heran, es gab allerlei zu schwatzen, so daß mir Ulrich
bald aus den Gedanken kam.
Nach der Trauung setzten wir uns zu Tische, es kamen fröhliche Toaste,
heitere Späße, und jeder war so recht von Herzen froh.
Da fiel mein Blick zufällig auf Ulrich, der abseits in einem Winkel auf
einer Erhöhung saß, von der herab er dann spielen sollte.
Ich erschrak, wie ich unter diesen frohen Menschen dieses ernste, ja
finstere Gesicht sah, das starr nach dem Tisch blickte. Ich hatte ihn
auch noch nie so eigentümlich melancholisch gesehen.
Ich musste aufstehen, es litt mich nicht mehr, und zu ihm zu treten, um
ihn zu fragen, was ihm sei.
Er antwortete mir unverständlich. Ich glaubte, man habe ihn mit Essen
und Trinken vernachlässigt – man hatte sich freilich auch nicht viel um
ihn bekümmert – und holte ihm Speisen und Wein hinzu; aber mit bitterem
Lächeln schüttelte er den Kopf und schob das Dargereichte bei Seite.
Bei Tisch war mittlerweile eine Pause eingetreten, man wünschte Musik,
und Ulrich griff zu seiner Geige.
Ich hörte anfangs nicht auf sein Spiel, er trug auch nichts Besonderes
vor, doch nach einiger Zeit klangen mir wundersame Töne ins Ohr.
Ich lauschte überrascht, lange hatte ich ihn nicht so herrlich spielen
hören.
Nach und nach begannen auch seine Züge einen weicheren Ausdruck
anzunehmen, das Auge blickte sanfter und hing besonders oft an der
schönen dunklen Rose, welche die liebliche Brautjungfer im Haar trug.
Dabei hatten sich seine Melodien zu immer edleren, fast möchte ich
sagen, zu feierlichen herausgestaltet, bis er zuletzt eine Weise
spielte, die mich mächtig ergriff.
Ich wollte eben aufstehen und ihn bitten, sie noch einmal zu
wiederholen, als er sie selbst abermals begann und mit klangvoller
Stimme, die ich längst nicht mehr von ihm erwartet hätte, leise dazu
sang:
Es ging ein Stern am Himmel auf,
Ein Stern mit goldnen Strahlen,
Der sah im buhlerischen Meer
Sein stolzes Bild sich malen.
Doch mitten in des Glanzes Pracht
Ließ ihn das Glück zerschellen,
Er fiel herab ins tiefe Meer,
Verlosch im Schaum der Wellen.
Ich bin wie der versunkne Stern
Verloschen und- - -
“ He, Ulrich, “ rief da plötzlich ein junger vierschrötiger Ökonom, „
was singst du uns da für Kirchenlieder! Bist du auf deine alten Tage
noch fromm geworden?“
Ich erschrak fast über diese große Unterbrechung, so hatte ich mich der
Musik hingegeben.
Über Ulrich Gesicht zuckte es wie ein Blitz, ein herbes Lächeln glitt
über sein Gesicht, sofort sprang er in eine Polka über und war nun im
Spielen solcher lustiger Melodien unermüdlich.
Bunt durcheinander verfiel er auf die spaßigsten Lieder, daß das junge
Volk vor Freude jauchzte.
Mir war diese Lustigkeit ganz unerklärlich, fast unheimlich.
Nach dem Essen wollte dann das junge Volk tanzen, und er spielte
allerart Tänze, so bereitwillig, daß es mich wunderte.
Endlich kam der von uns Älteren zuletzt sehnlich gewünschte Schluß.
Hüte und Hauben, Tücher und Mäntelchen wurden herbeigebracht, aufgesetzt
und umgehangen, und dann wünschte man sich ein“ Wohl bekomm’ s, eine
„gute Ruh’“ und so weiter und so weiter.
Die Frauensleute können dabei ja immer nicht fertig werden, darum
entstand in der kleinen dunkeln Hausflur ein Drängen hin und her.
Eben wollte ich auch aus der Stube hinaustreten, als ein Mädchen hell
aufschrie. Es entstand ein Fragen, ein Rufen, nach kurzem Besinnen rief
endlich die Bestürzte, es habe ihr jemand die Rose aus dem Haar
gerissen.
“ Aha“ lachten da verschiedene, „ das ist gewiß der Heinrich gewesen,
der schmucke, lose Bengel.“
Mir fuhr ein sonderbarer Gedanke durch den Kopf.
Als ich vor die Haustür ins Freie trat, stand Ulrich da.
Eine Laterne warf ihr Licht auf ihn, so daß ich erschrocken gewahren
konnte, wie bleich er aussah.
Wie hatten ein Stück denselben Weg, ich bot ihm daher meine Gesellschaft
an, da er mich dauerte. Ich rief meinen Frauensleuten, die noch immer
allerlei zu schatzen hatten, zu, daß wir vorausgingen, und dann
schritten wir in das Dunkel hinein.
Es war eine herrliche Sommernacht. Leise zirpten die Heimchen am Wege,
der Duft des blühenden Kornes zog von den Feldern zu uns herüber, hie
und da blinkte ein strahlendes Johanniswürmchen am Wege, und kühlend
wehte der Seewind uns an.
Ich konnte mich nicht enthalten, ich frage sonst selten, aber hier hielt
ich es auch für meine Pflicht, ich bat ihn, mir alten Jugendfreund zu
sagen, was ihn drückte.
Er schwieg erst einige Minuten, dann begann er:
“ Was mich drückt, das fragst du? Mich drückt die Last meines Lebens.
Mit weiten Segeln fuhr ich hoffnungsreich aus, und von Frost klappernd
hänge ich jetzt an einer Klippe, ohne in das Meer hinabzufallen, in
welches ich längst hätte versinken sollen.
O, Andreas, du hast keine Ahnung in deinem ruhigen, stillen Glück, wie
man gefoltert wird, wenn man sein Leben gewissenlos vertrödelte, wenn
man die Gaben, die einem der Allmächtige anvertraute, in den Schmutz
trat, wenn man die Liebe, die süße Liebe, die einem so hold dargebracht
ward, schnöde und hoffartig vergaß.
Die Erinnerungen hieran verlöschen keine Jahre, ja mir beklemmen sie in
letzter Zeit sogar qualvoller denn je meine Seele.
Wo ich mich hinwende, treten sie mir strafend entgegen. Die Liebe meiner
Kinderzeit, wo wir beide uns als fröhliche Knaben tummelten, ziehen mir
durch den Kopf; ich sehe mich wieder, wo wir abends zum Läuten gehen,
wie wir dann im dunkeln Turm emporsteigen, an den noch summenden Glocken
vorüber, wie wir dann hoch oben im Purpurglanze der scheidenden Sonne im
Schalloch sitzen und die Schwalben um den Turm fliegen.
Ich fühle noch, wie sich damals meine Brust hob; es tritt mir wieder vor
die Seele, wie ich hinabblickte auf das Dorf, in die Gärten hinein und
weiter über die wogenden goldenen Kornfelder und die grünen, duftigen
Wiesen.
Da, als meine Augen zufällig an einem Waldessaum vorüberstreifen,
bemerkten sie, wie eben eine schlanke Gestalt in ihrem hellen
Sommerkleide aus dem Dunkel des Waldes hinaus auf einen Wiesenpfad
tritt. Sie schreitet dem Dorfe zu, immer bestimmter hebt sich das lichte
Gewand von dem Grün des Grases ab, immer forschender hängen meine Blicke
an der Nahenden.
Und das Herz beginnt mir zu klopfen, ich erkenne die Mädchengestalt mit
dem Körbchen am Arme, die daherwandelt so hold, so lieblich, wie die
heilige Elisabeth, als sie von der Wartburg herniederstieg.
Ich sehe sie in den Pfarrgarten treten, ich gewahre, wie sie den Garten
weg zwischen den blühenden Rosenbüschen dahinschreitet, wie sie sich
eine dunkelrote Rose bricht, wie sie emporschaut zum Turme.
Ich grüße entzückt hinab – du bemerktest es nicht, denn dir war
eingefallen, neues Öl auf die Glockenzapfen zu gießen – sie erwidert
meinen Gruß, und mir schießt das Blut in den Kopf vor Wonne und
Seligkeit. Ich musste mich am Gemäuer festhalten, mir schwindelte.
Wir stiegen hinab, und als wir den Weg an den Hecken hingingen, da ließ
ich dich allein gehen, Andreas.
Ich sprang in das kleine Pfarrgärtchen, wo ich Ernestine fand.
Von einer kranken Muhme im Nachbardorfe, die sie als guter Engel eine
Erquickung hinübergetragen, war sie soeben zurückgekehrt.
Andreas, ich habe nie mit dir darüber gesprochen. Erst war mir meine
Liebe zu heilig, und dann war mir meine spätere Handlungsweise zu
erbärmlich.
Wie stand sie so liebreizend verlegen da, als ich eintrat.
Sie hatte die dunkelrote Rose in ihr Haar gesteckt, die Strahlen der
untergehenden Sonne umglänzten sie; wie vom zauberischen Dufte der
Märchenwelt umflossen erschien sie mir.
Ich weiß nicht mehr, was ich ihr sagte, aber ich weiß, daß ich ihr alles
sagte, was ich im Herzen trug.
Nun sah ich sie oft, das waren glückliche Stunden.
Sie feuerte mich an, die heilige Kunst der Musik mit aller Kraft, mit
aller Energie zu erfassen, sie schilderte mir, wie ich dann mit meinem
Talente emporsteigen werde, bewundert und geehrt.
Sie fachte das Feuer meiner Begeisterung an, daß es in hellen Flammen
aufloderte, sie wob mir den heißen Wunsch in meine Phantasien, von
großen Meistern tiefer in die heilige Kunst eingeweiht zu werden; - ein
glühender Eifer beseelte mich und ich zog in die Welt.
Doch bevor ich ging, hatten wir uns zu einem Abschiede nach den
Hermunder Steinen bestellt, weil, wie du weißt, die Sage geht, wenn man
auf diesem alten Hühnengrabe sich Lebewohl sage, dann könne man sich
nicht vergessen.
Wir stiegen auf den herabgestürzten Felsblock, dem am Strande liegt.
O, ich weiß es noch wie heute! Mit ihrem zierlichen Fuße – sie hatte
einen so schönen Fuß – strich sie die Muscheln und das Seegras, das von
der Flut her an dem Steine hängen geblieben, hinweg, und dann setzte sie
sich an das obere Ende des Steines.
Sie kam mir so hehr, so heilig vor und dabei doch so hold, so
begehrenswert. Ich hätte sie in meine Arme schließen mögen vor Wonne und
Seligkeit, und doch hielt mich ein Zauberbann fest - , und ich setzte
mich still ihr zur Seite nieder.
Wir sprachen lange nichts. Ihr rannen die Tränen herab; ich hielt ihre
Hand in der meinen und schaute ins Meer.
Da überfiel es mich wie eine Angst, daß ich sie nun bald nicht mehr
sehen werde, und mit aller Wehmut des Scheidens hingen nun meine Augen
an ihrem zarten Köpfchen.
Sie trug wieder eine purpurne Rose in ihrem blonden Haar, eine leichte
Röte überfloß ihr zartes
Gesicht -, der ganze Zauber ihrer Seele lag erschlossen vor meinen
Blicken.
Da brauste mir das Blut auf, übermächtig schoß mir die Glut in den
Kopf, leidenschaftlich wollte ich mich an ihre Brust werfen, sie aber
ergriff bittend meine Hand und beschämt ließ ich die Arme wieder auf und
schaute zu ihr empor.
Sie hatte den Kopf nach vorn geneigt, so daß ich auf ihr goldenes Haar
blickte. Jetzt bemerkte ich erst, da ß sie die Fülle ihres Gelocks mit
einem schmalen Sammetbande zusammenhielt, in welches sie die dunkle Rose
befestigt hatte. Begehrlich sah ich die schöne Blume an, die wie von
einem heimlichen Zauber durchdrungen, duftig in den schwellenden Locken
prangte. Es zuckte mir in den Fingern – ich bat um diese Rose, und sie
litt es, daß ich sie mir aus dem Haare nestelte.
Aber das ging nicht so leicht. Das Gelock wollte sich den schönen
Schmuck nicht entreißen lassen, wie mit magisch fesselnder Kraft schlang
sich das ringelnde Haar um Stiel und Dornen.
Zitternd suchten meine Hände das goldene Gewirr zu lösen, aber es gelang
ihnen nicht vollständig, ein Haar hatte sich so in den Dornen
verschleist, daß ich es abreisen musste.
Es blieb am Stiele hängen – lange Jahre, bis ich die vertrocknete Blume
eines Tages, es war in Paris im Hotel du Louvre, lachend zum Fenster
hinaus auf die Rue de Rivoli warf.
Lachend!
Wie erbärmlich das war.
O, könnte ich diese Rose wieder holen und das Lachen aus meiner Seele
löschen!
Doch ich will dir alles erzählen, Andreas.
Ich hatte mich jetzt dicht neben sie gesetzt, hatte sie leise mit meinem
Arm umfangen, und sie hatte hold ihr Köpfchen an meine Brust gelehnt.
Lange saßen wir so schweigend da. Ich schaute auf das stille Meer und
dachte schmerzvoll an die Trennungsstunde; da fühlte ich, wie auch sie
mit ihrer Erregung rang, wie ihr Herz schlug, ja ich sah, wie sie die
Augen schloß, um die hervorquellenden Tränen zu bekämpfen. Unwillkürlich
ergriff mich das Verlangen, in diese lieben Augen zu schauen; ich weiß
nicht, wie es geschah, ungesucht legten sich mir die Worte in den Mund,
und leise sprach ich zu ihr:
Hebe deine Augen auf,
Deine lieben, treuen, blauen,
Denn ich will wonniglich
Auf den Grund des Herzens schauen
Heute ruht dein Köpfchen noch
Lieblich mir an meiner Seite,
Morgen zieh ich schon hinaus
In die ferne, fremde Weite.
Hebe deine Augen auf,
Deine lieben, treuen Augen,
Denn ich muß für lange Zeit
D’ raus mir Lieb’ und Freunde fangen.
Da bei dem Schlusse brach es unaufhaltbar aus ihr hervor, und die Tränen
perlten ihr über die roten Wangen. Erst nach geraumer Zeit fasste sie
sich, und endlich hub sie an:
“ Ulrich, manchmal, wenn ich denke, daß du nun so herrlich, so
bezaubernd vor aller Welt spielen wirst, daß dein Ruhm durch alle Länder
geht und alle Mächtigen der Erde dich preisen, dann wird mir oft so bang
ums Herz, und ich frage mich zitternd: wird er dann aus dem Glanze der
Paläste auch wohl noch heim an das stille Pfarrhaus denken?“
“ Ernestine,“ rief ich damals aus, beim Allmächtigen schwöre ich dir,
dich heilig in meinem Herzen zu bewahren, jetzt und immer! Das Edelste,
was ich besitze den Zauber meiner Musik will ich verlieren, wenn ich
dich jemals vergesse!“
Ich schwor es, und … der Allmächtige hat es gehört!
Die Welt nahm mich mit Beifall auf, nach allen Windrichtungen posaunten
geschäftige Zeitungen aus, daß ein neuer Stern am Musikalischen Himmel
aufgegangen sei.
In allen hohen Kreisen der Gesellschaft wurde ich freundlich empfangen,
schöne Damen brachten mir ihre Huldigungen dar, man war bald stolz
darauf, seine Salons mit mir schmücken zu können.
Anfangs konnte ich mich in dieses Leben nicht hineinfinden, meine
Gedanken weilten in der Heimat, und in diesem Sehnsuchtsweh komponierte
ich das kleine Abschiedslied.
Es war mir so aus meinem warmen Herzen hervorgedrungen, daß ich anfangs
niemanden zeigen wollte, durch Zufall wurde es jedoch einem Kunstfreunde
bekannt, und dieser bewog mich, es zu einer Preisausschreibung
einzuschicken.
Es wurde gekrönt, und dieser Umstand hob mich wieder eine Stufe höher.
Ich selbst war sehr erfreut.
Dabei begann ich mich mehr und mehr an mein neues Leben zu gewöhnen –
und – nicht lange, so schaukelte ich mich trunken auf diesem Meere des
Glanzes und sog behaglich das Gift schmeichlerischer Reklame und
selbstsüchtigen Beifalls ein.
“ Junge Mann, sagte damals ein alter Herr zu mir, der mich bisher nur
mäßig gelobt hatte, hüten sie sich vor der zu oberflächlichen
Salongesellschaft, wo man die Talente urteilslos mit Beifall
überschüttet, um sich mit ihnen aufzuputzen und um sie desto ergiebiger
für die Unterhaltung auszunutzen.
Ich antwortete damals dem Alten grob, daß ich selber wisse, was ich zu
tun habe.
Unbekannte mit der Ökonomie des Lebens, voll von Selbstüberschätzung,
ergab ich mich rücksichtslos dem Genuß, verlachte die“simple Liaison“
mit Ernestinen, suchte die Liebe zu ihr auszumerzen - , und der Genius
meiner Kunst verschwand.
Das Feuer meiner Begeisterung erlosch, durchpraßte Nächte nahmen mir die
Sicherheit meiner Hand, ich scheute, an ein müheloses Leben gewöhnt,
ernstere Studien, - was soll ich es schildern, von Stufe zu Stufe
stürzte ich tiefer und tiefer hinab.
Ich wollte mich wieder emporraffen, ich wollte mich wieder hineindrängen
in die Kreise, wo man mich früher vergöttert und dann still entlassen
hatte, aber jetzt stemmte man mir die Tür zu.
Kunstkenner, die mir früher Beifall gezollt, sahen sich in ihrem Urteil
getäuscht, und blickten jetzt zur Seite, wenn sie mir auf der Straße
begegneten. Lästige Flachköpfe, die sich früher um meine Freundschaft
aufs angelegentliche bemüht hatten, lächelten jetzt behaglich, wenn sie
mich trafen.
Das war entsetzlich, verzweiflungsvoll.
Ich suchte mich zu betäuben und versank immer mehr, und die Wogen des
Lebens schlugen über mir zusammen – ich sank herab bis zum Bettelstab.
Mit diesem kam ich zurück in die Heimat.
Aber ich wagte mich nicht am Pfarrhause vorüber, ich hätte ihr begegnen
können.
Ich fragte ein Kind, das mir scheu ausweichen wollte, nach Ernestinen,
da blickte mich das verwundert an und sagte: „Die ist ja lange
gestorben.“
Auch ein Bettelstab hat seine guten Seiten. Ich musste mich fest auf ihn
stützen, und er hielt mich wacker.
Ich schlich in der Dämmerung an meinem Vaterhause vorüber. Noch wie
ehedem standen hochaufgeschichtete Holzvorräte im Hofe. Ein heimatlicher
brenzlicher Harzduft wehte mich an; ich schaute durch die blinden,
staubigen Scheiben in den matterleuchteten Raum -, fremde Menschen
arbeiteten darin.
Ich habe mich nie so verlassen gefühlt, als an diesem blinden Fenster
der Werkstatt meines Vaters. Ich hielt mich an eine Latte, wo mein Vater
sonst Wein gezogen hatte, und verfiel in dumpfes Hinbrüten, bis mich das
Knurren eines Hundes erweckte, der mich misstrauisch beroch.
Darauf kam ich zu dir und lebe seitdem hier zu aller Last und zu keines
Freude.
Das Glück meines Lebens habe ich fahrlässig und leichtsinnig zerbrochen,
eine drückende Schuld lastet auf meiner Seele, und die Krallen des
Wahnsinns sitzen mir im Gehirn.
Wenn sie doch nur wirklich zu wühlen anfangen wollten, diese Krallen,
daß ich wahnsinnig würde, dann brauchte ich nicht mehr zu trinken bis
in die Nächte hinein.
Seit einigen Tagen, Andreas, ist mir Andreas absonderlich zu Mute.
Es kommt mir vor, als wären die Erinnerungen an Ernestine lebhafter und
frischer, als sonst. Heute abend nun, als ich auf dem Podium saß und
spielte, erblickte ich überall, wo ich hinsah, Bilder aus meiner
Jugendzeit. Oft konnte ich den Bogen kaum noch halten vor Erregung, aber
ich spielte; doch ich habe noch nie so wirr und toll gespielt.
Da zufällig fiel mein Blick auf die Brautjungfer. Verwundert schaute ich
sie an, mir ward es kalt und heiß, mir ward es schwarz und glänzend vor
meinen brennenden Augen, es war mir, als ob sich ein Zauberschleier vor
mir lüfte; tausend Melodien gingen mir durch den Kopf: ich sah sie
sitzen, ich sah Ernestinen mitten unter euch an der Hochzeitstafel
sitzen mit jener dunkeln Rose im goldenen Haar.
Wie ein Feuerstrom brauste mir das Blut durch die Adern, wie in meinen
berühmtesten Tagen glitt mir bei ihrem Anblick der Bogen über die
Saiten; ich fühlte begeistert, wie mich der Zauber meiner Musik von
neuem erhob.
Da quoll ein altes, altes Lied in meine Melodien. Ich wollte es
zurückdrängen, aber es stieg mir mit magischer Gewalt aus der Seele -,
ich glaubte, ich habe es gesungen.
Und mitten in der Melodie fühlte ich, wie mich die Dämonen meines Lebens
wieder packten, eine Stimme rief mich zurück - , und mit einem
stechenden Schmerze fiel ich wieder in die trostlose Gegenwart zurück.
Ich musste die Zähne aufeinander beißen, und mühsam holperte der matte
Bogen mit einer lustigen Polka über die kreischenden Saiten. An der
Hochzeitstafel saß nun wieder die mir fremde Brautjungfer, aber mit
einer dunkeln Rosa im Haar, einer Rose, die ich kennen musste.
Ein fieberhaftes Begehren befiel mich, nur mit Anstrengung konnte ich
weiter spielen. Weh, unendlich weh wurde mir; dann zog sich mein Herz
krampfhaft zusammen, als wäre es in Gift getaucht, und ich hätte lachen
mögen. Lachen über das wahnsinnige
Verlangen nach jener Rose.
Aber so oft ich in die glühenden Augen auch ablenkte, immer wieder
starrte ich auf die geheimnisvolle purpurne Blume, die alle meine
seligsten Gedanken gefangen hielt. Dann war mir, als schlummerte in
dieser Rose mein letztes Glück, als ruhe in ihren Blütenblättern der
Balsam für meine Leiden.
Begierig suchte ich einen Dufthauch von ihr einzufangen – doch
vergeblich, ich saß zu fern.
Da brach es plötzlich in mir durch. Das ist die letzte Glut deines
Lebens! Riefen alle meine Gedanken; erringe sie dir, halte sie fest, und
der Frost deiner Seele verlässt dich, und die Schuld deines Lebens
weicht von dir.
Am Schluß des Tanzes loderte der brennende Wunsch mit unbesiegbarer
Heftigkeit auf. Wie besessen stellte ich mich lauernd im Hausflur hinter
die Tür und riß dem arglos heraustretenden Mädchen mit gierig
zitternder Hand die Rose vom Kopfe.
Es hatte es niemand bemerkt.
Eine eisige Kälte fuhr mir durch die Glieder, als ich den Raub in die
Brusttasche steckte.
Damit schließt meine Narrengeschichte, Andreas.“ –
Ulrich schwieg, und ich wusste vor Verwunderung über diese
Handlungsweise nichts zu antworten. Er wartete auch nicht lange.
Da wir am Wege angekommen waren, wo er abzubiegen hatte, reichte er mir
die Hand und verschwand im Dunkel.
Ich blieb einige Minuten lang stehen, um mich zu besinnen, er hatte mir
zu viel auf einmal erzählt. Dann horchte ich auf, ob meine Frau mit
meiner Tochter noch nicht käme; wir mussten jedoch etwas schnell
gegangen sein, sie kamen noch nicht. Ich ging daher wieder zurück, ihnen
entgegen. Bald darauf traf ich sie.
Wir wanderten nun rüstig durch die stille Nacht heimwärts, blieben aber
fast erschrocken stehen, als wir da, wo der Weg nicht weit von den
hermunder Steinen sich dem Strande nähert, leise Musik vernahmen, die
der laue Sommerwind von der Seeseite herüber nach dem Lande trug.
Es waren wunderbar schöne, liebliche Töne, die sich zauberisch mit dem
Rauschen der heranwogenden Flut vermischten und wie Klänge aus einer
anderen Welt zu uns heraufdrangen.
Ein sonderbares Grauen beschlich uns. Waren die alten Barden ihren
verfallenen Gräbern entstiegen und führten sie mit den Meerjungfern
keine Tanzweisen, das waren ja Melodien, so wehmütig, so klagend, als ob
sie aus einem todeswunden Herzen hervordrängen.
Ich ließ meine Frau und meine Tochter stehen und trat über den Rand des
Weges einige Schritte hinab in das betaute Gras. Da trug der Nachtwind
die Musik deutlicher zu mir heran. Bebend hörte ich singen:
Er fiel herab ins tiefe Meer,
Verlosch im Schaum der Wellen.
Ich bin wie der versunkne Stern,
Verloschen und verschollen - ;
Schon rauscht das Meer hoch über mir,
Und Schaum und Wogen grollen.
Der Atem stockte mir. Lauter schlugen die Wogen der wachsenden Flut ans
Ufer, und nur noch einzelne Akkorde der Musik drangen zu meinem Ohr. Es
wurde mir eigen zu Mute; tief erregt stieg ich zu den angstvoll
harrenden Meinen zurück.
Meine Tochter ergriff meinen Arm, und ich fühlte, wie sie zitterte.
Rasch schritten wir nun an dem alten Hühnengrabe vorüber.
Am andern Morgen wollte ich wieder nach dem Hochzeitshause gehen, um
mich zu erkundigen, wie der viele Lärm bekommen, und um der jungen Frau
die neue Wirtschaft mit einpacken zu helfen, denn ich besitze, ohne mich
zu rühmen, einige Geschicklichkeit im Einpacken.
Als ich an den Steinen vorüberkam, wo wir diese Nacht die Musik gehört
hatten, schaute ich neugieriger Weise, indem ich noch einige Schritte
zum Strande hinabging, nach dem im Meere liegenden Steine, als ich zu
meiner großen Verwunderung Ulrichs Geige im Wasser schwimmen sah, wie
sie von den leichten Wellen schaukelnd gegen den Strand getrieben ward.
Noch mehr staune ich, als ich gewahre, daß eine welke Rose. die Rose
der Brautjungfer, in die Saiten geflochten ist.
Ich springe hinzu und ziehe mit meinem Stocke das Instrument zu mir
heran, dabei stoße ich aber an die Blume, die roten Rosenblätter fallen
matt auseinander; ich hebe die Geige aus dem Wasser, und die
Rosenblätter schwimmen hinaus ins Meer.
Ich forschte nun am Strande entlang, um eine Spur vom Besitzer der
Geige zu entdecken. Eine beklemmende Angst kam über mich; immer, wenn
ich in eine neue Bucht trat, fürchtete ich, ihn mit verstörtem Antlitz
wahnsinnig sitzen zu sehen.
Als ich um eine Düne bog, fuhr ich erschrocken über ein Geräusch
zusammen - ; aber nur ein Kaninchen sprang, aus dem Sonnenschein
aufgescheucht, in seine Höhle.
Stunde um Stunde verging, ich suchte wohl den ganzen Vormittag; aber
ich habe ihn nie wieder gesehen, und man hat nie wieder etwas von ihm
erfahren.
Ob er sich in der Nacht auf den herabgestürzten Felsblock des
Hühnengrabes gesetzt hat und ob ihn da die Flut hinweggespült – wer kann
es sagen!
Die Geige, von her durch die Nässe schon Resonanzboden krumm gezogen
war, habe ich seiner Schwester hinübergetragen.
Die hat sie viele Jahre aufgehoben, so wie ich sie gefunden habe mit
dem in die Saiten eingeflochtenen Rosenstiel, bis sie gestorben ist.
Heute hat man ihre Sachen verkauft, und da habe ich mir das Instrument
erstanden.
Spielen kann man die alte Kremoneser freilich nicht mehr, denn sie
hat ihren berühmten Ton verloren; aber wenn ich sie ansehe, dann klingen
mir immer wieder die wehmütigen Erinnerungen längst vergangener Tage
durch meinen Kopf, und die Worte des Propheten Jesaias zittern mir
schmerzhaft durch die Seele:
„ Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!“