Zifferer Paul 1879 – 1929
Bücherei der
Münchner „ Jugend“
Sechster Band
Märchen für Erwachsene
G. Hirths Verlag München 1918
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Das Kleid des fremden
Gauklers
Es kam einmal in
ein kleines Städtchen ein fremder Gaukler, der also Macht hatte über
die Menschen, daß sie lachen mussten, wenn er lachte und weinen, wenn
er weinte. Er setzte ihnen sein Gesicht auf, das bald traurig war, bald
lustig, er zog es ihnen über ihr eigen Antlitz, daß es darauf haften
blieb wie eine festgefrorene Maske.
Aber sie merkten es nicht und erzählten zu hause, wie gar fürtrefflich
der fremde Gaukler gespielt habe, so daß man seine Possen konnte für die
Abschilderung der Wirklichkeit nehmen.
Und wollte jeder
gerne hinter die wunderbare Verhexung kommen.
Stand aber hinter
dem fremden Gaukler ein großer Zauberer, der ihn lachen und weinen
machte und an straffen Fäden hielt, genau so, wie der Gaukler die Menge
hielt, daß sie an seinen Fäden zappeln mußte.
Und trug der fremde
Gaukler in jeder seiner Rollen ein besonderes Kleid: Ein schwarzes für
die Traurigen, ein scheckiges mit vielen Glöckchen für die Lustigen, ein
himmelblaues mit weißen Litzen und Schnallenschuhen dazu, wenn er einen
Ritter vorstellte, einen Hermelinmantel, wenn er ein König war.
Manchmal trug er
auch ein rosenrotes Kleid.
und ein rosenrotes Mädchen saß dann ganz vorne in der ersten Reihe und
blickte in seine Augen, indes er auf dem hohen, hölzernen Gerüste, in
zierlichen Versen von der Liebe sprach. Später musste er die Verse in
einem heimlichen Garten wiederholen.
Da aber das
rosenrotes Mädchen viel lieber selbst wollte bunte Gewänder zu tragen
und glitzernden Flitterkram, geschah es, daß der arme Gaukler gar bald
in schlimme Not geriet, weshalb er keinen anderen Ausweg fand, um nicht
in den Schuldturm gesperrt zu werden, als seine schönen Kleider zu
verkaufen, eins ums andere.
Das rosenrote aber
gab er als letztes her.
Nun zeigte sich’ s
freilich, daß die Behexung des fremden Gauklers auch in den Kleidern
saß: Sie passten jedem, als hätte der Stadtschneider sie dem einen und
dem anderen genau angemessen, wie auch sein Körper mochte beschaffen
sein. Und wuchsen ganz fest, daß man sie nicht konnte vom Leibe reißen.
Weil aber jeder das Kleid gewählt hatte, das ihm
gefiel, ob es ihm auch gar nicht zukam, sah man einfache und demütige
Menschen nun voller Hoffart und
Dünkel durch die Straßen stelzen und
mancher, der ehegestern milde Gaben angesprochen, griff jetzt nachlässig
ein Goldstück aus dem Beutel.
Es paradierten Toren im Doktorhut, während weise Männer Schellen trugen.
Und wurde der im schwarzen Kleid traurig, ob er gleich bisher den lieben
Tag lang gelacht und gesungen und der im buntscheckigen Kleid wurde
übermütig, ob er gleich die Nachbarn mit seinen Klagen über das garstige
Leben stets arg belästig hatte.
Und der im blauen Kleid mit den weißen Litzen, dessen Feigheit der
ganzen Stadt oftmals war sichtbarlich geworden, zog jetzt wider den
Feind und hieb tapfer mit seinem Schwerte ein, ob er auch ehedem kein
Blut hatte schauen können.
Der im Hermelinmantel aber maßte sich königliche Rechte an, wenngleich
er niederer Herkunft war. Und die Menge gab sich zufrieden, weil er den
Mantel trug.
Spielte jeder die
Rolle, die seinem Kleide gemäß war.
Wie ehedem stand der fremde Gaukler auf seinem Gerüste und lachte und
weinte wie ehedem. Aber die Menge sagte, er mache seine Sache schlecht
und sie wiesen auf die anderen hin, die seine Kleider trugen und sagten,
so müsse man es machen. Und wusste doch der arme Gaukler, daß sie alle
seine Geschöpfe waren: der König und der Ritter und der Narr; wusste
aber nicht, daß er selbst wieder ein Geschöpf des großen Zauberers war,
der ihm seine Maske vors Antlitz hielt und dessen Rollen er tragierte.
Schimpflich zog er
ab. War alles Volk aufgebracht wider ihn, weil er seine Kunst nicht
verstünde und gar so ein schlechter Gaukler sei.
Und wie er an dem
heimlichen Garten vorüberkam, stand das rosenrote Mädchen gerade in der
Jasminlaube und schlang die Arme um einen Gesellen, der ihm ähnlich
sah, wie ein Bruder.
Hatte seine Bewegungen, sprach seine Worte und trug des fremden Gauklers
rosenrotes Kleid.