ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Zifferer Paul 1879 – 1929

 

Bücherei der Münchner „ Jugend“
Sechster Band
Märchen für Erwachsene
G. Hirths Verlag München 1918

 

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Das Kleid des fremden Gauklers

 

 

Es kam einmal in ein kleines Städtchen ein fremder Gaukler, der also Macht  hatte über die Menschen,  daß sie lachen mussten, wenn er lachte und weinen,  wenn er weinte. Er setzte ihnen sein Gesicht auf, das bald traurig war, bald lustig, er zog es ihnen über  ihr  eigen  Antlitz, daß es darauf haften blieb wie eine festgefrorene Maske.
Aber sie merkten es nicht und erzählten zu hause, wie gar fürtrefflich der fremde Gaukler gespielt habe, so daß man seine Possen konnte für die Abschilderung der Wirklichkeit nehmen.

Und wollte jeder gerne hinter die wunderbare Verhexung kommen.

Stand aber hinter dem fremden Gaukler ein großer Zauberer, der ihn lachen und weinen machte und an straffen Fäden hielt, genau so, wie der Gaukler die Menge hielt, daß sie an seinen Fäden zappeln mußte.

Und trug der fremde Gaukler in jeder seiner Rollen ein besonderes Kleid:  Ein schwarzes für die Traurigen, ein scheckiges mit vielen Glöckchen für die Lustigen, ein himmelblaues mit weißen Litzen und Schnallenschuhen dazu, wenn er einen Ritter vorstellte, einen Hermelinmantel, wenn er ein König war.

Manchmal trug er auch ein rosenrotes Kleid.
und ein rosenrotes Mädchen saß dann ganz vorne in der ersten Reihe und blickte in seine Augen, indes er auf dem hohen, hölzernen Gerüste, in zierlichen Versen  von der Liebe sprach. Später musste er die Verse in einem heimlichen Garten wiederholen.

 Da aber das rosenrotes Mädchen viel lieber selbst wollte bunte Gewänder  zu tragen und glitzernden Flitterkram, geschah es, daß der arme Gaukler gar bald in schlimme Not  geriet, weshalb er keinen anderen Ausweg fand, um nicht in den Schuldturm gesperrt zu werden, als seine schönen Kleider zu verkaufen, eins ums andere. 

Das rosenrote aber gab er als letztes her.

 Nun zeigte sich’ s freilich, daß die Behexung des fremden Gauklers auch in den Kleidern saß: Sie passten jedem, als hätte der Stadtschneider sie dem einen und dem anderen genau angemessen, wie auch sein Körper mochte beschaffen sein. Und wuchsen ganz fest, daß man sie nicht konnte vom Leibe reißen.

Weil aber jeder das Kleid gewählt hatte, das ihm gefiel, ob es ihm auch gar nicht zukam, sah man einfache und demütige Menschen nun voller Hoffart und Dünkel durch die Straßen stelzen und mancher, der ehegestern milde Gaben angesprochen, griff jetzt nachlässig ein Goldstück  aus dem Beutel.
Es paradierten Toren im Doktorhut, während weise Männer Schellen trugen.
Und wurde der im schwarzen Kleid traurig, ob er gleich bisher den lieben Tag lang gelacht und gesungen und der im buntscheckigen Kleid wurde übermütig, ob er gleich die Nachbarn mit seinen Klagen über das garstige Leben stets arg belästig hatte.
Und der im blauen Kleid mit den weißen Litzen, dessen Feigheit der ganzen Stadt oftmals war sichtbarlich geworden, zog jetzt wider den Feind und hieb tapfer mit seinem Schwerte ein, ob er auch ehedem kein Blut hatte schauen können.
Der im Hermelinmantel aber maßte sich königliche Rechte an, wenngleich er niederer Herkunft war. Und die Menge gab sich zufrieden, weil er den Mantel trug.

 Spielte jeder die Rolle, die seinem Kleide gemäß war.
Wie ehedem stand der fremde Gaukler auf seinem Gerüste und lachte und weinte wie ehedem. Aber die Menge sagte, er mache seine Sache schlecht und sie wiesen auf die anderen hin, die seine Kleider trugen und sagten, so müsse man es machen. Und wusste  doch der arme Gaukler, daß sie alle seine Geschöpfe waren: der König und der Ritter und der Narr; wusste aber nicht, daß er selbst wieder ein Geschöpf des großen Zauberers war, der ihm seine Maske vors Antlitz hielt  und dessen Rollen er tragierte.

Schimpflich zog er ab. War alles Volk aufgebracht wider ihn, weil er seine Kunst  nicht verstünde und gar so ein schlechter Gaukler sei.

Und wie er an dem heimlichen Garten vorüberkam, stand das rosenrote Mädchen gerade in der Jasminlaube und schlang die Arme  um einen Gesellen, der ihm ähnlich sah, wie ein Bruder.
Hatte seine Bewegungen, sprach seine Worte und trug des fremden Gauklers rosenrotes Kleid.


 

 

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Autor:  / Zifferer paul 1879 - 1929
Bildnachweis: / Daumier Honore 1806 - 1879 Rast der Gaukler  1866
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