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Dräxler
Manfred
1806 - 1876
Neu durchgesehen und vollständig Frankfurt am Main
Druck und Verlag von Johann David Sauerländer 1838

Der Carneval von Wenedig
Wunderbarer alter Träumer
Auf dem Platze di San Marco,
Der mit seiner alten Geige
Durch die bunte Menge wandelt!
Rings in heitrer Carnevallust
Drängen sich heran die Masken,
Die da hüpfen, die da schreiten,
Wie Gebilde ferner Lande,
Angethan in sonderliche,
Reichgeschmückte Schaugewande,
Blau und roth und weiß und golden
Ueppich durch einander strahlend.
Und ein Wechsel rings an Possen,
Wie der Wechsel an Gestalten:
Denn das Räthsel der Vermummung,
Es gestattet freies Handeln,
Losen Scherz und tolle Spiele
So am Tage, wie am Abend.
Feen an Gestalt und Reizen
Wandeln hin die schönen Damen,
Andre schweben reichverschleiert
Durch die luftbewegten Massen:
Andre, die dem Maskenrechte
Mit Erfreuen sich ergaben,
Spitzen Lied – und Witzespfeile,
Oder zaubern im Gesange
Süße Worte durch die Kehlen,
Die sich vom Korallenstrande
Lösen und im Herzensgrunde
Manchen Hörers wiederhallen.
Also geht ein lautes Wogen die
die Gassen und die Straßen,
Und nur Einer stehet einsam
Unter Allen und verlassen.
Wunderbarer alter Träumer
Auf dem Platze di San Marco,
Mit der alten morschen Geige
Und dem abgeriss’ nen Mantel:
Wie er tänzelt, wie er hüpfet,
An die Ecke hingebannet,
und hinüber weinend blicket
Nach den Fenstern des Pallastes. –
Doch vorüber an dem Bilde,
Hin zum Bretterpiedestale,
Wo ein lustiger Erzähler
Auftischt seine Märchensachen.
Bunte Masken, Herren, Damen,
Sie vernehmen gern die Sagen;
Alle horchen still und schauen,
Was sie Neues nun erwarte.
Aber ernster wird der Sprecher,
Und beginnet vorzutragen:
„ In der alten Stadt Venedig,
Etwas sind es vierzig Jahre,
Lebt’ ein junge schöner Doktor,
In gar Vielem wohlerfahren:
Wohlerfahren in Arzneien,
Aber auch in Liebessachen;
Weil dem schwarzgelockten Schlanken
Manch ein Mädchenauge lachte.
Doch sie lachten all’ vergebens,
Denn das Herz des schönen Schlanken
War der Einen hingegeben,
Einer blassen, zarten Kranken,
Deren wundervolle Augen
Ihm das Herz durchstrahlten.
Und an ihrem Lager sitzt er,
Sieht die bleichen schönen Wangen,
Die verweinten Augen, die sich,
Oft zu ihm hinüberstrahlen. -
Konnt’ es jemals Schmerzen geben,
Wo nicht Lieb’ und Wissen halfen?
Also stand auch hier die Liebe
Bald die Mittel, d’ran erstarken
Sollte die geliebte Schöne,
Die geliebte, blasse Kranke.
Und der schöne schlanke Doktor
Lag in selig stummem Danke
Vor dem blauen Himmelsthrone
Für sein Glück Gebete stammelnd;
Und die schöne kranke Dame
Lag mit selig stummen Danke
An des Doktors rothen Lippen,
In des Liebsten weichem Arme.
Sel’ ges Bündniß! dell Aftarre,
Also war des Jünglings Name,
Schwamm in einem Meer von Wonne,
Bis ihm wieder Trauer nahte.
Denn der heißgeliebte Engel,
Die geheilte theure Kranke,
Litt an einem andern Uebel,
Das ihn trüber überraschte.
Bei dem leisen Hauch der Flöte,
Bei der Geige raschem Klange,
Bei dem Ton der hellen Gimbel,
Bei der Instrumente Takte
Regte sich in ihrem Busen
Bald ein glühendes Verlangen,
Durch die Reihen fortzuwirbeln,
Raschen Fluges hinzutanzen.
Und die Leidenschaft war bald zu
Solcher Größe angewachsen,
Da ß sie nimmermehr vermochte
Ihren Drang zu übermannen.
Glühend flog sie durch die Reihen,
Bald im feurigen Fandango,
Bald im schnellen Monserino,
Der die Pulse beben machte.
Krampfhaft regten sich die Nerven,
Fiebrisch schlugen alle Adern,
Bis die Leidenschaft sich legte.
Im Ermatten und Erschlaffen.
Dessen war in tiefster Seele
So betrübet dell Astarre,
Weil er dachte trüber Folgen,
Weil er klug und wohlberathen
Eingesehn in das Gewebe
Der Natur der schönen Kranken,
Deren Zustand seine Liebe
Nicht vermochte umzustalten.
Und er würde trüb und trüber,
Lag in Thränen und in Klagen;
Denn die ungemessne Liebe
Ließ ihn doppelt beben, zagen.
Leiser wurden seine Schritte,
Blässer seine schönen Wangen,
Und er wankte durch die Straßen
Wie ein trüber, stiller Schatten;
Blickte traurig nach den Fenstern,
Wo er seine Liebste ahnte,
Küßte sie mit nassem Blicke,
Wenn sie liebend ihn umfangen.
Und die Menschen fragten staunend:
Was geschah dem armen Manne?
Aber keiner hatte Kunde
Seines tiefen Seelenjammers.
Und es kam mit ihren Schmerzen
Nun die Zeit des Carnevales,
Wo, wie heut, ein Jubel lärmte
Durch Venedigs laute Straßen.
Aber graunvoll scholl der Jubel
In die Qualen dell Astarre’ s,
Jener Jubel, der sein Liebchen
Bald mit aller Macht erfasste.
Träumend schlich er durch die Plätze.
Horchte still im Geiste Abends
Gleichsam dem entfernten Fußtritt
Einer heißgeliebten Blassen.
Und so stand er einst zur Nachtzeit
An der Ecke jener Straße,
Draus der Pallast bei Manzoni
Glänzend ihm entgegenstrahlet.
In den hohen Bogenfenster
Schaut er träumend ihren Schatten,
Höret träumend ihre Tritte
In dem glattgedielten Saale.
Und es wurde spät und später,
Da vernahm er Stimmen schallen,
Schreien, rufen, rennen, und die
Gäste stürzen auf die Gasse;
Wieder kommen, stiller werden,
Und dann sah er seine Bahre,
Drauf ein blasses Frauenbildniß
Ward zur Kirche hingetragen.
Was sich weiter dort begeben,
Liegt nun offen fast am Tage:
Sinnlos fanden sie ihn liegen
Als sie traurig wiederkamen.
Als der Jüngling an der Leiche
Der Geliebten dort zusammen
Stürzte, er genas als Greis nun,
Als ein lebensmüder Alter.
Um sein Wissen ließ der Wahnsinn
Einen dichten Schleier wallen,
Und so lebt er seit dem Tage,
Heute sind es vierzig Jahre,
Still in seiner stillen Klause,
Ohne Wissen, ohne Klagen.
Nur zur Zeit des tollen Lärmens,
Nur zur Zeit des Carnevales
Wacht er auf aus seinen Träumen,
Eilt heraus aus seiner Kammer,
Unter’ m Arm die morsche Geige,
Nach dem Plate di San Marco.
An die Ecke hingebannet,
Spielt er auf Musik zum Tanze,
Und mit stillen Thränen blickt er
Nach den Fenstern des Pallastes;
Spricht nicht, aber hüpft und tänzelt,
Lust verrathend an dem Klange,
Und den Irrsinn laut bezeigend
Der den Armen hält umfangen.
Blicket hin nach jener Ecke -
- Schloß nun der Erzähler – Alle,
Seht, dies ist der schöne Doktor,
Dieß der schlanke dell Aftarre!“
Längst von seiner Holztribüne
War der Mann herabgegangen,
Und die Hörer standen staunend
Noch im Kreise rings versammelt.
Und so manchen Jünglings Auge
Sank auf seine schöne Dame,
Und so manche schöne Dame
Faßte heut wohl andre Plane:
Tieferschüttert durch die Kunde,
Und gedenkend an den armen
Wunderbaren alten Träumer
Auf dem Platze di San Marco.
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