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Hagedorn
Friedrich von
1708 -1754
Sämmtliche Poetische
Werke Wien
Gedruckt für Franz Anton Schrämbl
bey Ignaz Alberti 1790
Die
Glückseligkeit

1
Es ist das wahre Glück an keinen Stand gebunden:
Das Mittel zum Genuss der schnellen Lebensstunden,
Das, was allein mit Recht beneidenswürdig heisst,
Ist die Zufriedenheit und ein gesetzter Geist.
Der ist des Weisen Theil. Die Nerven und die Stärke
Des männlichen Gemüths sind nicht des Zufalls Werke.
Nicht Erbrecht noch Geburt, das Herz macht groß und klein:
Ein Kaiser könnte Sklave, ein Sklave Kaiser seyn,
Und nur ein Ungefehr giebt, zu der Zeiten Schande,
Dem Nero Cäsars Thron, dem Epiktet die Bande.
2
Der Pöbel, welche
kaum der Dinge Hälfte kennt,
Und nur die Schmeicheley des Zufalls Glück benennt,
Der Pöbel lebt im Traum’, und zeigt in allen Rollen,
Der seine Wahnsucht spielt, was wir belachen sollen,
Gehorcht wie Tigellin, herrscht wie Soämis Sohn,
Ist Pöbel in dem Staub, und Pöbel auf dem Thron,
Grob oder leicht und falsch, stolz oder niederträchtig,
Noch blinder als sein Glück, und nie durch Weisheit mächtig.
3
Nur diese findet sich
in würdiger Gestalt
Bey jeglichem Beruf’, in jedem Aufenthalt.
Sie dichtet im Homer, giebt im Lycurg Gesetze,
Beschämt im Socrates der Redner Schuldgeschwätze,
Bringt an den stolzen Hof den Plato, den Äschin,
Gehorchet im Äsop, regiert im Antonin,
Und kann im Curius sich den Triumph ersiegen,
Doch auch mit gleicher Lust die starren Äcker pflügen.
4
Was ist die Weisheit
denn, die wenigen gemein?
Sie ist die Wissenschaft, in sich beglückt zu seyn.
Was aber ist das Glück? Was alle Thoren meiden:
Der Zustand wahrer Lust und dauerhafter Freuden;
Empfindung, Kenntnis, Wahl der Vollkommenheit,
Ein Wandel ohne Reu und stete Fertigkeit,
Nach den natürlichen und wesentlichen Pflichten
Die freyen Handlungen auf Einen Zweck zu richten.
5
Ist nicht des Weisen Herz ein wahres
Heiligthum,
Des höchsten Guten Bild, der Sitz von seinem Ruhm?
Den falschen Eigennutz unordentlicher Triebe
Verbannt aus seiner Brust die treue Menschenliebe.
Es quellen nur aus ihr der tugendhafte Muth,
Der Freude nie verlässt, und Feinde Gutes thut,
Den Frieden liebt und wirkt, der Zwietracht Wildheit zähmet,
Und nur durch neue Huld Undankbare beschämet;
Der Wünsche Mässigung, wann nichts dem Wunsch entgehet;
Die Unerschrockenheit, wann alles widersteht;
Der immer gleiche Sinn, den Fälle nicht zerrütten;
Wahrhaftigkeit im Mund’, und Wahrheit in den Sitten:
Die Neigung, die uns lehrt an aller Wohlfahrt baun,
Nicht bloss auf unsre Zeit und auf uns selber schaun,
Mit eigenem Verlust der Nachwelt Glück erwerben,
Und für das Vaterland aus eigner Willkür sterben.
6
In diesem Vorzug liegt, was man nie genug
verehrt,
Die Seele Majestät, der Menschen echter Wehrt:
Denn Wollust, Reichthum, Macht, was Tausende begehren,
Das pflegt die Natur auch Thieren zu gewähren.
Monarchisch herrscht und schreckt, zu schwächrer Nachbarn Weh,
Der Adler in der Luft, der Schwertfisch in der See,
Ein königlicher Löw, ein kriegerischer Tieger,
ist, Alexander gleich, ein Haubt, ein Held, ein Sieger,
Und waget sich gewiss mit grösserer Gefahr
An einen kühnen Feind, als dort Darius war,
Wird manche Muschel nicht an Schätzen mehr verwahren,
Als Polidor verspielt, und Cleons Ältern sparen?
7
Belebt die Buhlerey nicht jeden Sperling
mehr,
Als alle Lüsternheit den traurigen Tiber?
Es mag ein Sybarit auf weichen Rosen liegen,
Die leichte Spinne kann sich zehnmal sanfter wiegen.
Die siegende Gewalt, die Gabe reich zu seyn,
Was Sinnen lockt und übt, hat nicht der Mensch allein.
8
Das kann, in mancher
Art, auch ihm Vergnügen bringen:
Doch was unsterblich ist, folgt billig bessern Dingen.
Ich, ich weiss dieses längst, denkt ein gelehrter Greis,
Der nie sich glücklich schätzt, als wann er scharf beweist:
Der nicht gemeine Reiz erhabner Wissenschaften,
Der, lehrt, und sonst nichts muss an der Seele haften.
Ich forsche, was sich stets in jenen Welten dreht;
Was Orpheus, Epicur und Brunus ausgesphäht,
Wie jenes Firmament ein Heer von Sonnen zieret,
Ein neuer Stern erscheint, ein alter sich verliert,
Was Flamsteed glücklicher, als Liebknecht, uns entdeckt,
Wie weit sich ihre Zahl und ihre Gröss’ erstreckt.
Was auch der Pöbel weiss, kann mich nicht lüstern machen.
Ein philosophisch Aug ergetzen hohe Sachen:
Wie jeder Haubtplanet, im Bau der besten Welt,
Durch Wirbel reger Luft die Laufbahn richtig hält,
Stets um die Sonne Gluht elliptisch sich beweget,
In dem sonst dunklen Kreis Land Berge, Wasser heget,
Und, unsrer Erde gleich, vielleicht mit Menschen prangt,
Die auch Systemata, so gut als wir, erlangt,
Und unter denen itzt, zum Nutzen ihrer Sphären,
Vielleicht ein andrer Wolf, ein andrer Newton lehren.
9
Sieht mich die Mitternacht bey meinem
Sehrohr wach;
So ahm’ ich höchstvergnügt berühmten Männern nach:
Und so entdeck’ ich selbst, was, auch bey wachen Stunden,
Ein Deutscher, ja so gar ein Domherr ausgefunden.
Freund! Wer erkennt nicht den Werth der Wissenschaft?
Unendlich ist ihr Ruhm, erspiesslich ihre Kraft.
Doch sind wir, nach dem Zweck des Schöpfers aller Wesen,
Nur, um gelehrt zu seyn, zum Daseyn auserlesen?
Hat nicht an deinem Fleiss und wirksamen
Verstand
Dein eignes Haus ein recht, noch mehr dein Vaterland?
Wird durch den Sirius, der beym Orion blitzet,
Germanien befreyt, und eine Stadt beschützet,
Der Unschuld Recht geschafft, der Frevelmuth gestört,
Die Tugend gress gemacht, der Seele Glück vermehrt?
Bestimmst und ordnest du nach der Bewegung Schranken
Die sich verklagende und richtende Gedanken?
Nutzt nicht der grobe Pflug, die Egge mehr dem Staat,
Als ihm ein Fernglas nutzt, das dir entdecket hat,
Wie von Cassini Schnee, von Huygens weisser Erde.
10
Im fernen Jupiter ein
Land gefärbet werde?
Sah nicht Socrates aufs menschliche Geschlecht,
Und hatt’ er etwa nicht bey seiner Strenge Recht,
Die von der Wissenschaft der Sterne nichts behielte,
Als was dem Feldbau half, und auf die Schiffahrt zielte?
Mich däucht, er gründete sich auf die Erfahrenheit:
Das was uns glücklich macht, sey nicht Gelehrsamkeit.
11
Ja freylich!
Schreyt Gryphin: das Rechnen ausgenommen,
Kann keine Wissenschaft und kein Erkenntnis frommen.
Allein wer kennet nicht den zählenden Gryphin?
Dem keine Staude grünt, dem keine Blume blühn,
Kein Strahl der Sonne spielt, der nur die Sonne liebet,
Wann sie den Stier durchstreicht, uns längre Tage giebet,
Ihm Holz und Licht erspart: der, ganz erpicht auf Geld,
Die Münzer insgeheim für halbe Schöpfer hält,
Und nur die Schöpfung ehrt, die aus dem Reichthum stammet,
Durch den sein Vater sich, dem Sohn zum Trost, verdammet,
Der sich in Erz und Gold bald spiegelt, bald vergräbt,
Und nach dem Erben Wunsch, so wie sein Vater lebt.
Erforschung der Natur, das schöne Weltgebäude
Sind nicht der Wuchrer Lust, noch grober Seelen Freunde,
Gryphin bewacht sein Geld: an seiner Seite wacht
Ein Menschenfeind, der Geiz, der horchende Verdacht,
Der zänkische Betrug, der Meyneid im Gewerbe,
Der ungestalte Neid, Luft zu den Nachbarn Erbe,
Verzweiflung bey Gefahr, und Unempfindlichkeit
Bey allen Predigten von Selbstzufriedenheit
12
O wie beglückt ist
der, auf dessen reine Schätze
Nicht Fluch noch Schande fällt, noch Vorwurf der Gesetze,
Der aus dem Überfluss, den er mit Recht besitzt,
Der Armen Blösse deckt, und ihre Häuser stützt,
Der Künstler kennt und hegt, mit seinem Beystand eilet,
Und mit gewohnter Hand des Kummers Wunden heilet!
Vor ihm verlieren sich die Zähren banger Noth,
Die Milde seiner Huld entfernt der Greisen Tod,
Zieht ihre Kinder auf, die Väter zu verpflegen,
Und wird ein Gegenstand von ihrem letzten Segen.
Die Luft an aller Wohl beseelet, was er thut.
Es ist sein Eigenthum ein allgemeines Gut.
Es überfliesst sein Herz, der innere Freund der Armen,
Von reger Zärtlichkeit, von göttlichem Erbarmen.
13
Ja! Titus irre
nicht: Der Tag ist zu bereun,
An welchem wir durch nichts ein leidend Herz erfreuen.
Als Bürger Einer Welt sind wir dazu verbunden:
Verloren ist der Tag, und schändlich sind die Stunden,
Die, wann wir fähig sind, Bedrängten beyzustehn,
Beym Anblick ihres Harms uns unempfindlich sehn;
Wann Mitleid, Lieb’ und Huld mit Seufzern sich verschleichen,
In enge Winkeln fliehn, und dir, an Falschheit, gleichen,
Du Rath der Heiligen, die stolze Demuth krümmt!
Zunft! Die den Brüdern schenkt, was sie den Menschen nimmt:
Die mit der frommen Hand, die sich zur Andacht faltet,
Nach ihrem innern Licht Zeitliche verwaltet,
Die Jünger feister macht, sonst alle von sich stösst,
Die Nackenden bekleidet, Bekleidete entblösst,
Nur philadelphisch liebt, in allem, was geschieht,
So schlau, als Saint – Cyran, den Finger Gottes siehet,
Sich für sein Häuflein schätzt, und falscher Bilder voll,
Die Welt ein Babel nennt, dem man nichts opfern soll.
14
Der Allmacht mildre
Gunst zeigt sich in jedem Falle;
Nichts schränkt ihr Wohlthun ein; ihr Segen strömt auf alle.
Der, dessen kleines Herz, nach klügelndem Bedacht,
Das Brodt, das er verschenkt, recht schwer und steinern macht,
Gleicht Neidern fremden Glücks, die selbst kein Glück verdienen,
Verläugnern der Natur und hündischen Gryphinen.
Die Baarschaft, die zu sehr an kargen Fäusten klebt,
Nur ihrem Hüter lacht, der stets nach mehrerm strebt;
Der Reichthum, der vertheilt so vielen nützen würde,
Und aufgethürmtes Gold sind eine todte Bürde,
Bis sie ein Menschenfreund, den nicht ihr Schein ergetzt,
Zu vieler Glück beseelt und in Bewegung setzt.
15
Die Kunst versteht
Fatill, der, Grossen nachzuahmen,
Reichsgräflich kauft und baut, und einen edlen Namen,
Durch Aufwand edler macht, und zu vergessen schwer.
Er lebet ritterlich, und seines Reichthums Quellen
Verrauschen schnell und stark, gleich jenen Wasserfällen,
Die seiner Gärten Schmelz, durch Kosten eitler Pracht,
Weit mehr, als durch Geschmack, berühmt und stolz gemacht:
Wo in Cybelens Mund sich Schaum und Strahlen krümmen,
Die Liebesgötter, speyn; und Huldgöttinen schwimmen,
Und in dem Grottenwerk, das eine Fama stützt,
Vulcan im Schwall erstarrt, Neptun im Trocknen sitzt.

16
Vielleicht verkleidet
er, den Pöbel zu verblenden,
Den unbemerkten Geiz in schimmerndes Verschwenden.
O nein ! der Schmeichler Lob bläht seinen Übermuth,
Und seine Hoffart wirkt, was nie sein Mitleid thut.
Sein Stolz hilft andern auf, weil sie ihn glücklich nennen,
Und ist den Künsten hold, auch ohne sie zu kennen.
Er stimmt die Tugenden der spröden Sängerinn,
trotz aller heischerkeit, trotz allem Eigensinn;
Bereichert durch den Preis, den er Verdiensten zahlet,
Die Nadel, die ihm stickt, den Pinsel, der ihm mahlet;
Und was er andern nicht an baarer Gunst erweist,
Das ziehet, der ihm baut, und der ihm niederreisst,
Und stets mit blindem Fleiss, so bald er es befiehlet,
In Kammern Pflaster setzt, und nur die Säle diehlet.
Ihm stellt ins Schlafgemach, das er allein erfand,
Die Säulenordnung Rom, Paris die Spiegelwand,
Vor der, in hellem Erzt und stuffenweis’ erhöhet,
Der lächelnde Fatill auf schwarzem Marmor stehet.
17
Ein flitternd Blumenwerk bebt um des Fensters Fach,
Den nahen Pferdestall bedeckt ein kupfern Dach.
Nicht weit von diesem ruht, der Baukunst zum Exempel,
Auf Pfeilen deutscher Art ein göttervoller Tempel;
So prächtig, dass der Stolz, den Kennern zum Verdruss,
Hier nichts, der Kunst geweiht, als bloss den Überfluss:
So offen, dass, so bald der Nord die Zinn’ erschüttert,
Der bange Jupiter mit allen Blitzen zittert,
dass jüngst ein Regenguss Minerven fast verschwemmt,
und dass ein Wiederhopf …. Doch horch:
Der Hausherr kömmt:

18
Er kömmt: es melden ihn, und seines Glücks Genossen
Das rasselnde Geräusch raschrollender Carossen.
Sein Schwemmer fährt voraus, aus dem der grosser Mann
Sein wichtiges Gesicht den Leuten zeigen kann,
Die, wann sie seinen Zug auch nur von weitem hören,
Bewundert stille stehen, und ihn mit Grüssen ehren.
Nun sind die Gäste da. Er führt sie allzumal,
Nach langem Wortgepräng’ , in seinen Tafelsal,
Zum wohlschattirten
Tisch, wo Trachten seltner Speisen
Den fürstlichen Geschmack des theuren Kochs erweisen,
Und wo von allen doch den schwülstigen Fatill
Kein Reh, kein Ortolan, kein Rebhuhn reizen will.
Der Ekel darf ihm gar die frischen Bachforellen,
Den gelblich rothen Lachs, den Meerkrebs itzt vergällen.
19
Ihm, den die saure
Last so vieler Schmäuse prellt,
Schmeckt nicht die Ananas, noch Tunquis Vogelnest.
Warum? Er muss bereits sein hochansehnlich Leben
Dem Koch nicht anvertraun, nur Ärzten untergeben.
Es überfällt ihn
schon mit wütender Gewalt
Der reuerfüllte Schmerz, der Scheinlust Hinterhalt.
Der Hunger flieht ihn, wie er die Arbeit scheuet,
Die Reizung bester Art, die jenen Stand erfreuet,
Der weidlich sich bewegt, sät, ackert, erndtet, drischt,
Gräbt, pflanzet, wässert, walzt, schwimmt, rudert, flösst und fischt.
O Glück der
Niedrigen, der Schnitter und der Hirten,
Die sich in Flur, und Wald, in Trift und Thal bewirthen,
Wo Einfalt und Natur, die ihre Sitten lenkt,
Auch jeder rauen Kost Geschmack und Segen schenkt!
… Was kann sich zum
Genuss ein mürber Schlemmer wählen,
Wann Kitzel, Schärf’ und Saft der spröden Zunge fehlen?
Dem Habicht, und nicht dir, o Thor, schmeckt der Fasan,
Auf dessen Zucht und Hut du so viel Geld verthan.
Der feisten Karpen Satz, die dir nur Ekel brächten,
Gebührt mit grösserm Fug den weit gesündern Hechten.
Schmaus’, aber Schmaus’ im Traum: sonst weist der rege Stab
Des strengen Rezio die Speisen von dir ab.
20
Im Traum? Doch ach! Die Zeit erweckt dir
neuen Kummer:
Den Hunger nahm sie dir; sie raubt dir auch den Schlummer.
Es schleicht der echte Schlaf den Federpfühl vorbey,
ist falschen Städtern falsch, und treuen Bauern treu,
Und kehrt in Dörfer ein, wo des Gewissens Enge
Den Handschlag sicher macht, als alles Rechtsgepränge;
Wo noch des Landmanns Mund, nach Art der alten Welt,
Frucht, Molken, Käs’ und Schmalz für Hauptgerichte hält,
Und wann sich mit der Nacht die sichre Stille paaret,
Die Ruhe gähnend hascht, und schnarchend fest verwahret.
Man lieget, wenn
noch itzt das Sprichwort gelten soll,
Auf guten Betten hart, auf harten Betten wol,
Und die Erfahrung kann durch manches Beyspiel zeigen,
Der Schlaf, der güldne Schlaf sey nicht den Reichsten eigen;
Der Arbeit süsser Lohn, die so viel Gutes schafft,
Der Schlaf, des Todes Bild, und doch des Lebens Kraft.
Gryphin! Und du, Fatill! Ersieht man in
euch beyden
Den Zustand wahrer Lust und dauerhafter Freuden?
Dem einen raubet Geiz, dem andern Überdruss,
Durch lächerlichen Wahn, die Mittel zum Genuss;
Und beyden kann ihr Geld nichts trefflichers gewähren,
Als jenem reich zu seyn, und diesem zu verzehren
Den Frieden mit sich selbst, der nimmer dem entsteht,
Der durch das innre Glück das äussre Glück erhöht,
Das Kleinod kennt ihr nicht. O sollt’ euch dieses kränken,
was könnte’ jenes euch für Trost und Beystand schenken!
21
Hüllt’ euch des Schicksals Grimm, der
Grössre niederschlug,
in jenes grobe Wamms, das euer Vater trug,
Und sollt’ es eurem Gut auch nur die Hälfte nehmen;
Euch würd’ an Männlichkeit ein Knab’, ein eib beschämen.
Nur Tugend, die allein die Seele wehrhaft macht,
Wird durch Gefahr und Noth nie um den Sieg gebracht.
Eilt Verres, nach dem Bann, aus seinem
Vaterlande,
So schwärzt sein Afterglück das Laster und die Schande:
Doch ist der starke Held, vor dem Carthago floh,
Im Feld, im Capitol, im Elend Scipio.
Der Weise hat ein Loos, das seinen Werth entscheidet:
Verdienste, wo er gilt, und Unschuld, wo er Leidet.
Zu seinem Wesen wird vom Zufall nichts entliehn:
Recht, Wahrheit, Menschenhuld und Tugend bilden ihn.
Er ist, o seltnes Glück! Durch eigne Trefflichkeiten
Von Vorurtheilen frey, getrost zu allen Zeiten,
Im Purpur nicht zu gross, durch Kittel nicht entehrt,
Stets edler als sein Stand, und stets bewundernswert.
Er folgt der Natur, in deren schönen Werken
Wir weder Mangel sehn, noch Überfluss bemerken.
Er kennt, belacht und flieht mit rühmlichen Entschluss
Den geizigen Besitz, den üppigen Genuss,
Den irdischen Geschmack. Der Vorzug weiser Sitten
Macht alles herrlicher, und adelt auch die Hütten.
22
Gesundheit, innre
Ruh, und äussre Sicherheit,
Und heiterer Verstand, das ists, was ihn erfreut.
Die Weisheit wählet oft, um diesen nachzugehen,
Den niedern Aufenthalt, und nicht umwölkte Höhen.
Ist auch ein rauschend Glück von schweren Bürden frey,
Und fällt die Wahrheit nicht der alten Fabel bey,
Die ehmals Cervius, dem nie kein Märchen fehlte,
Dem schlurfenden Horaz vor seinem Herd erzählte ?
Zur Feldmaus kam
einmal die Stadtmaus in den Wald,
In ihren dürftigen, gehöhlten Aufenthalt.
Hier lebte sie genau, um Vorrath aufzusparen;
Allein, weil Wirth und Gast längst gute Freunde waren,
Und sie, bey schmaler Kost, doch Gästen reichlich gab,
So ging auch
diesesmal nichts der bewirthung ab.
Das lange Haberkorn, als ihrer Erndte Gaben,
Die Kichern, die sie sonst, als einen Schatz vergraben,
Halb abgenagtes Speck, gedörrter Beerengnug,
Die sie mit eignem Mund’ ihm itzt zur Tafel trug,
Das bringt sie, um zu leben, ob nichts sein Maul verführte,
Das jeden Bissen nur mit stolzen Zahn berührte;
Da unser Hausherr hier auf frischen Spalzen lass,
Ihm gern das Beste liess, selbst Tresp und Rocken frass.
Wie? Hebt der Städter an: kannst du auf diesen Höhen,
In diesem öden Wald dich so zufrieden sehen?

23
Stehn, statt der
Wildnis, dir nicht Städt’ und Menschen an?
Zeuch immer mit mir Freund! Wenn ich dir rathen kann.
Was ist uns allen mehr, als Sterblichkeit, verliehen?
Von dem, was irdisch ist, wird nichts dem Tod’ entfliehen:
So gar ein Löwe stirbt. Es sterben gross und klein:
Wir aber schmausen noch. O lass uns fröhlich seyn!
Leb’ immer eingedenk, wie Jahr und Zeit verfliessen.
Freund! Lebe so wie ich, des Lebens zu geniessen.
Die Feldmaus, die
den Rath sich sehr gefallen lässt,
Schickt sich zum reisen an, und hüpfet aus dem Nest.
Sie eilen beyde fort, die Stadt bald zu erreichen,
Und durch die Mauer sich, bey Nacht, hineinzuschleichen.
Der Himmel schwärzte schon die stille Mitternacht;
Da kommen diese zwey in einen Sitz der Pracht,
In eines Reichen Haus, wo scharlachrothe Decken
Des Lagers Helfenbein mit stolzem Glanz verstecken,
Und zum gewünschten Frass, vom gestrigen Banket
Der aufgehäufte Rest in vollen Körben steht.
Der Städter, der den
Gast auf Purpur hingesetzet,
Und alles sucht und wählt, was Tellerlecker ätzet,
Läuft emsig, wie ein Wirth, der sich die mühe kürzt,
Und, hurtiger zu seyn, sich lustig aufgeschürzt.
Er will sich aufwartsam, ja Dienern gleich, erweisen,
Und bringt und kredenzt die aufgetragnen Speisen.
Die neue Lebensart erfreut die fremde Maus.
Wie vornehm ist ihr Sitz! Wie köstlich ist die Schmaus!
24
Doch ein Geräusch
entsteht, die Thür wird aufgerissen,
So dass sich Wirth und Gast urplötzlich trollen müssen.
Sie liefen, voller Angst, das Zimmer auf und ab:
Allein was beyden noch ein tödtlichen Schrecken gab,
Was dieses, dass zugleich die grossen Hund’ erwachen,
Und durch das ganze Haus ein stark Gebelle machten.
Die Feldmaus zittert zwar, erhob sich doch, und spricht:
Ich scheide. Fahre wohl! Dieses Leben dient mir nicht.
Die Höhl’ und jener Wald soll mich, bey schlechten Wicken,
In freyer Sicherheit, mehr als die Pracht, beglücken.
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