ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Mühsam Erich 1878 - 1934

herausgegeben von Günther Emig
Band I Gedichte

Verlag europäische Ideen Berlin
1983

 

 

 

7 Eine schwarzgraue Schwermut schweigt
vom wolkenschwangeren Himmel herab.
Klagenden Klangs eine Geige geigt -
gurrend: Grau ist das Grab. -
Aus dem schwülen Schweigen,
das den Himmel deckt,
aus dem weinenden geigen,
das aus Gräbern weckt,
fühl’ ich eine selige Sehnsucht steigen.

 

8  Die Sonne lacht, und es lacht die Welt,
es lachen am Wege die Steine. -
Das Lachen mir barsch auf die Seele fällt. -
Ich denk’ nur an eine – an eine. -
Vom Himmel lachend ein klingeln schellt, -
wie mir das Lachen im Herzen gellt! –
Im lachenden Sonnenscheine
sitz’ ich am Wege – und weine.

    

16 Ach,  daß ihr den nicht zynisch heißt,
der sich mit irrgewordnem Geist
an eurm Torsinn weidet.
Der ist nicht roh, der seinen Groll
mit Spott und Witz umkleidet.
Roh seid nur ihr, um den er lacht:
ihr habt ihn um den Schmerz gebracht,
den großen Schmerz, der tränenvoll
nach Menschen sich und Liebe sehnt.
kennt ihr den Schmerz? – Nein, nein! – Ihr gähnt!

 

322 Der Kleine Kunstreiter

 

Max durfte in den Zirkus geh’n,
da gab es vielerlei zu seh’n:
Ganz große, wilde Tiere und
auch einen klugen Pudelhund,
der Karten legte – und ein Schwein,
das auf französisch „ Oui“ konnt’ schrei’n.
Der dumme August macht’ ihm Spaß,
der jedermann im Wege saß.
Besonders hat’ s ein Reitersmann
jedoch dem Mäxchen angetan.
Der stand auf seinem flinken Pferd
auf einem Bein und ritt verkehrt.
Dann war ein Seil da, das man schwank,
durch welches Roß und Reiter sprang.

 
Das war ein Kunststück – Donnerblitz! -
viel schöner noch als August Witz …
Als Mäxchen dann nach Haus gekommen,
hat Gertruds Springtau er genommen.
Da gab er Fips und Stips ins Maul
und sattelte den Steckengaul.
Das Schwesterchen faßt’ an das Tau:
Nun, Mäxchen, spring’! – Fips bellt: Wau, wau!
Die Schwester schwingt. – Max läuft. -  Stips bellt. -
Nun hops! – Max springt. Und – bums! – Er fällt.
Hier liegt ein Schuh; da liegt der Helm;
hier fliegt das Pferd; da liegt der Schelm. -
Die Lehre hat dem Max gezeigt:
Kunstreiter sein ist nicht so leicht.

 

343 Spiel nur, lustiger Musikante
spielst du auch verkehrt.
Wer sein bisschen Glück nicht bannte,
war sein Glück nicht wert.

 Streiche nur den Fiedelbogen
über deinen Baß.
Wem sein bisschen Glück verflogen,
merkt, daß er’s besaß.

 Fiedle, daß die Saiten springen
samt dem Instrument.
Glück lässt sich nicht wiederbringen,
wenn’ s von dannen rennt.

 

649 Karneval

 

Karneval! Im Tanze drehn
paarweis’ sich die Beine
und der Mädchen Augen flehn:
Laßt mich nicht alleine!
Karneval! Die ganze Welt
hat sich auf den Kopf gestellt.
Oben fällt im bunten
Wirbel – plumps! – nach unten.

 

Im Salon, im Bauernhof
tost die Maskerade.
Ob’ s Redoute heißt, ob Schwof -
keiner steht mehr grade.
Doch es scheint, die Tanzmusik
wirkt auch auf die Politik:
Hexensabbat, Schrecken,
Krach an allen Ecken!
 China, Nikaragua,
Litauen und Polen,
selbst im fernen Sumatra
knallen die Pistolen.

 

 

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Autor:  / Mühsam Erich 1878 - 1934
Bildnachweis: / Boldine Giovanni 842 - 1931 Portrait of the de Rasty
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