ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Prutz Robert   1818 – 1872
Gedichte von Robert Prutz
Vierte verbesserte Auflage
Leipzig Verlagsbuchhandlung J. J.  Weber 1857

  Der neue Papageno

1842

  Du willst die Völker zwingen
Durch sanfte Melodien,
Die Glöcklein lässt du klingen
Und denkst, wir wollen knien:
Als wären wir Kameele,
Die man beladen will,
Als wäre unsere Seele
Wie unser Mund so still!

  Das Große und das Schöne,
Das uns die Herzen schwelt,
Die allerhöchsten Töne,
Die heiligsten der Welt –
Du brauchst sie, uns zu leiten,
Er ist der neu’ste Ton,
Du reißest in die Saiten:
Nun, Bären, tanzt ihr schon?

  Umsonst! Du bist der Meister
Der freien Töne nie,
Du fesselst nicht die Geister
An deine Melodie:
Schon wird von wachsenden Tönen
Die horchende Erde gepackt,
Sie hallen, sie schallen, sie dröhnen -
Und du verlierst den Takt! 

 


Traum – oder mehr?

 Seltsames Bild, das ich nicht kann vergessen!
Als hätt’ ich einst – nicht weiß ich wo noch wann,
Allein gleichviel: als hätt’ ich einst gesessen
An einem Sarg. Im Sarge lag ein Mann -
Nur halb sein Antlitz konnt’ ich sehn, indessen
Auch schon das halbe sah bekannt mich an:
Nicht leicht war ihm( dies stand darauf zu lesen),
Der Tod nicht leicht, das Leben schwer gewesen.

  Zu Häupten ihm saß eine Wärterin -
Man kennt sie schon, dieser Fraun;
Die sprach für sich: Ja ja, so stirbt das hin,
Der Eine weiß, der Andre jung und braun,
Und dieser hier, wenn ich nicht irre bin,
Hätt’ er’s gewollt, im Frieden lebt’ er traun . . .
So sprach das Weib und schlurfte sacht hinaus -
Sie roch den Braten schon vom Leichenschmaus.

 Dann in die Thüre schliechen sich zwei Knaben,
Der eine sprach: sieh her, das ist Papa,
Und morgen, hörte ich, wird er begraben -
“ Was heißt begraben?“ – fragte die mama -
“ Ich weiß es schon, das sind die schwarzen Raben“ -
Schwarz, sagst du? Nein: weiß ist kein Antlitz ja  . ..
Da hat die Knaben plötzlich es geschaudert,
Daß sie entflohn, bevor sie ausgeplaudert.

   Leer blieb der Saal nun lange Zeit; zuletzt
Kam eine Frau, die hatte viel gelitten!
Von Kummer war ihr Angesicht zerfetzt;
Jung war sie noch, in ihres Frühlings Mitten,
Und doch wie müde schon, wie abgehetzt,
Als hätte bald das Leben sie durchschritten;
Ihr Auge trocken, aber thränenwund,
Gesenkt das Haupt, und todtenbleich der Mund.

  So sprach die Frau: „ Wie hab’ ich dich geliebt
Und konnte dennoch dich nicht glücklich machen!
Du kannt’st die Kohle nur, die Funken stiebt,
Du kannt’st den Sturm nur, Flammen anzufachen;
Du wußstest nicht, daß es auch Herzen gibt,
Herzen wie meines – O könntest du erwachen!
Sprach’ s und verstummt’; der Todte aber reif -
Was reif er?  - Pah, ich war ja todt und schlief . . .

 

 

Prutz Robert  1818 – 1872
Gedichte von Robert Prutz
Vierte verbesserte Auflage
Leipzig Verlagsbuchhandlung J. J.  Weber 1857

Düsseldorfer Carneval

I

1843

Haben in der Weisheit Joch
Lang genug gezogen,
Wurden von der Weisheit doch
Oft genug betrogen;
Nun so woll’n wir resolut
Uns als Narren zeigen,
Und das allerhöchste Gut
Wird uns doch zu eigen!
 Zwar die Weisen männiglich
Schütteln ihre Köpfe,
Vor entsetzten sträuben sich
Die gesalbten Zöpfe.
Aber dennoch schlaget ein,
Tragt die kappe willig:
Habt nur Muth ein Narr zu sein,
Klug zu sein ist billig!

Ehe wird die Welt nicht frei,
Glaubet dem Propheten!
Ehe wird der Tyrannei
Nicht das Haupt zertreten:
Ehe nicht, was Narrheit jetzt
Unsre Weisen schelten,
Einst, von Allen hochgeschätzt,
Wird als Weisheit gelten!
 Drum ein Hoch dem Narrenthum,
Lebehoch den Tollen!
Weisheit ist ein schlechter Ruhm,
Den wir nicht mehr wollen!
Wenn die Welt erst närrisch wird,
Wird sie bald vernünftig:
Heut gebechert, heut geklirrt -
Und das Andre künftig!

  II

1848

Nun weh und dreimal weh, ihr Zecher,
Hinauf, hinab den grünen Rhein,
Nun werft in Scherben alle Becher
Und mischet Wasser in den Wein!
Der liebste Fürst in unsern Tagen,
Der liebste mir, ich sag’ es frei,
Held Carneval, der liegt erschlagen,
Erschlagen von der Polizei!
 Wer in dem Glanz der goldnen Locken,
Wer sah so stolz, so froh darein?

Wen läuteten die Rheinweinglocken
So feierlich, so fröhlich ein?
So recht nach Gottes Ebenbilde,
Ein König und ein Kind zugleich,
Wer war, wie er, so sanft und milde,
Wo war ein Joch, wie seins so weich?

Nicht Orden hatt’ er oder Wappen,
Er hatte Söldner nicht noch Heer:
Die Narrenzunft, die Schellenkappen,
Das war sein ganzes Militär.
Und wer die meisten Becher leerte,
Der allerlustigste Patron,
Das war der dreimal hochgeehrte,
Der Nächste war das seinem Thron.

  Nun in der Blühte seiner Jahre
Hat ihn die Polizei umstrickt,
Nun einsam liegt er auf der Bahre,
Von eines Pascha’ s Faust erdrückt!
Wir aber woll’n die Gläser heben
und rufen dennoch frank und frei:
Der todte Carneval soll leben
Und pereat die Polizei!


  III

 Schellenkappe, Pickelhaube
Können niemals, wie ich glaube,
Auf die Dauer sich entzwein;
Pickelhaube, Schellenkappe,
Wenn ich richtig es ertappe,
Scheinen Eines mir zu sein.
 Daß ich näher es entwickel’
Scheint die Schelle mir ein Pickel,
Süß belebt von Melodie:
Und ein Pickel, auf der Stelle,
Ist nur eine tote Schelle,
Und die freilich klingen nie.

  Drum den beiden Potentanten
Möchte’ ich ganz ergebens rathen,
Carneval und Polizei,
Ob für Ritter nicht und Knappe
Pickelhaube, Schellenkappe
Einmal umzutauschen sei.
  Statt der Kappen, statt der Schellen,
Rheinlands fröhliche Gesellen,
Setzt die Pickelhauben auf!
Mit dem Degen an der Seite,
So zum Becher wie zum Streite,
Und die Freiheit führt den Lauf!

  Horch, die Hörner, wie sie blasen,
Horch, die Trommeln, wie sie rasen,
Goldig steigt der Tag herauf -
Die Gensd’armen unterdessen,
Um auch die nicht zu vergessen,
Setzten Schellenkappen auf.

 

 

 

IV

  Das ist kein ächter Saft der Reben,
Der nicht gegohren und geschäumt,
Das ist ein jammervolles Leben,
Wo man nicht schwärmt mehr und mehr träumt!
Wo in den gleichen Gang der Tage
Kein Fest mehr holden Wechsel bringt,
Wo nie bei jauchzendem Gelage,
Die Freude mehr die Mütze schwingt!

Geschrieben steht’s und steht zu lesen,
Die Wahrheit wohnet in dem Wein;
Wir sind so lange klug gewesen,
Nun lasst uns endlich närrisch sein!
Den Trinkern glaubt und glaubt den Dichtern,
Sie haben Beide es erprobt:
Wer euch berauscht hat, macht euch nüchtern -
Sei, heil’ge Trunkenheit, belobt!

 

 

 

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Autor; / 
Prutz Robert   1818 – 1872
Bildnachweis; / Makowski Tadeusz 
1. Zwei junge Freunde
2. Przebrane dzieci 1929

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