ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Rattermann Heinrich  Armin  1832 – 1923

Oden, Lieder und Gedichte vermischten Inhalts
Band I
Ouio Selbstverlag 1906
 


 Wahrheit

  Wer nie gezweifelt hat, nie mit dem Irrthum rang,
Für dich, o Wahrheit, nie wagte den hehren Kampf,
Dem hat nimmer dein holder Lichtstrahl
Das umnachtete Aug’ erleuchtet.

 Nicht hat den Glauben er ( ohne dich, Wahrheit, nur
Ein werthlos Gut) als Preis deines Besitzes kühn
Eingesetzt, und die Hoffnung hat ihm
Nie den göttlichen Schatz verkündet.

  Doch wer den hohen Sinn auf dich gerichtet hat,
Wer nach Erkenntniß strebt, muthig vertraut dem Sieg,
Den beglückst du mit süßem Brautkuß,
Reichst die Hand ihm zum festen Bunde.

 Im Sonnenglanze strahlt, Wahrheit, dein reines Bild!
O, netz’ die Augen mir, Ew’ ge, mit Götterthau,
Da ßich Sterbliche möge schauen
Dein besel’ gendes Himmelsantlitz!


 

 

Rattermann Heinrich  Armin  1832 – 1923

 Oden, Lieder und Gedichte vermischten Inhalts

Band I
Ouio Selbstverlag 1906

Weltglück

Was sind Kronen der Weltbeherrscher, was ist
Ruhm der Mächtigen, was ist Prunk der Reichen,
Daß mit wilder Begier die Menschen streben
Sie zu erringen?

 Throne stürzen in Trümmer und die Großen
Stolze Thaten verwischt der flücht’ ge Zeitgeist,
Der voll Wankelmuth morgen bitter schmäht, was
Heut er gepriesen.

Schätze werden zu Staub, die gier’ ge Hände
Sich zusammengescharrt mit Mühn und Sorgen,
Und den schimmernden Flitter fressen Mott’ und
Zehrender Moder.

 Nur auf Täuschengen baut der Sinnenrausch sein
Leichtes Kartengebäu: Ein Lufthauch trümmerts.
Aller irdische Glanz erlischt  im Strudel
Ewigen Wechsels.

 Weder Edelgestein, noch stolzer Purpur
Schmücken dauernd die eitlen Menschenleiber,
Die den Würmern verfallen sind zum Opfer
Und der Verwesung.

 Unvergänglich allein sind Seelenschätze,
Die der strebend Geist voll Lust errungen:
Sie erfüllen das lasterreine Herz mit
himmlischer Wonne.

  Zeus gewähre den Herrschern gold’ ne Kronen,
Mars den blutigen Helden eitlern Lorbeer,
Doch mit blühenden Kränzen zier den Dichter
Phöbus Apollo!

 

Rattermann Heinrich  Armin 1832 – 1923

 Oden, Lieder und Gedichte vermischten Inhalts

Band I
Ouio Selbstverlag 1906

 Lebenslust

 Ich will vergnügt sein in der Welt,
In schlimmen, wie in guten Tagen;
Und wem mein Wesen nicht gefällt,
Der mag die eignen Grillen jagen.

Was kümmern alle Grillen mich?
Das Leben nimmt einmal ein Ende.
Weh, wem betrübt sein Dasein schlich
Dahin durch seiner Tage Wende!

 Wer Grillen fängt, der macht sich nur
Die schwarze Hölle auf der Erden;
Der wandelt nicht auf Gottes Flur,
Und niemals kann er selig  werden.

 Kommt solch ein Wicht vor’ s Himmelsthor,
Spricht Petrus; „ Fort von dieser Schwelle!
Kein Trübsinn passt im Himmelschor,
Für euch schuf Gott die finstre Hölle!“

  Drum bin vergnügt ich in der Welt
In schlimmen, wie in guten Tagen.
Dann wird ich, wenn mein Stündlein fällt,
Von Engeln einst zu Gott getragen.

 

 


 

Rattermann Heinrich  Armin 1832 – 1923

 Oden, Lieder und Gedichte vermischten Inhalts

Band I
Ouio Selbstverlag 1906
 Verirrter Geschmack

( An meinen Freund A. Z.)


Wie doch kann begeistern dich, Freund, was sonst nur
Kinder zu entzücken vermag? – Getändel,
Glöckchenklingeln, Maultrommeltöne, Tänzeln
Ueber die Tasten

Des Klaviers, Gehüpfe des flücht’ igen Bogens
Auf den Saiten einer Amati, und das
Fade Tremolieren und Trillern, ohne
Seelenempfindung? –

 Tief muß ich beklagen, daß so verirren
Konnte dein Geschmack sich, verirren, daß dir
Süßer klinget Staarengeschwätz als Atti’ s
Herrlichste Ode!

 Mir nicht also. Was die Natur bent, dringet
Tief mir in das klopfende Herz. Der Triller,
Welcher künstlich, aber gefühllos quillt aus
Müssigem Munde,

Rührt mich nicht. Der Orgel gewalt’ ges Brausen
Kann mich  rühren, kann mich entzücken, aber,
Freund, ich hasse, hasse von ganzer Seele
Zithergeklimper!
 

 

Rattermann Heinrich  Armin 1832 – 1923

 Oden, Lieder und Gedichte vermischten Inhalts

Band I
Ouio Selbstverlag 1906

  Fröhliche Fastnacht.

Paraphrase über Opitz „ Ueberdruß der Gelehrsamkeit“

 
Fest vergrübelt und versauert
Habe ich nun ein ganzes Jahr,
Aller Lust und Freude bar,
In Geschäften mich vermauert.

 Ich empfinde fast ein Grauen,
Als ob ich im Grabe schon
Halb vermodert, Freud’ entflohen,
Könn’ die junge Welt nicht schauen.

 Wozu dient das Erwerben,
Scharren nach dem Erdengut,
Wenn dabei das junge Blut
Muß ersterben und verderben?

 Wahrlich, eh wir’ sinne werden
Fließt des Lebens Faden hin;
Dann kommt ohne Geist und Sinn
Unser Alles in die Erden.

Drum, holla! Ich will genießen,
Eh die Jugend mir entflohn:
Im Genusse liegt der Lohn –
Fröhlich soll die Zeit mir fließen!

 Und des Faschings hell Geläute
Soll mir wecken neu die Lust
In der halberstarrten Brust
Heute, Morgen, Morgen Heute!

 Auf mein Junge! Du sollst holen
Mir vom allerbesten Wein:
Lade auch die Freunde ein,
Die sich mit mir freuen wollen.

Lad’ die Schwestern und die Brüder
Zu Musik, zu Wein und Scherz:
Nichts erfreut so sehr das Herz,
Als ein Trunk und frohe Lieder.

Laß ich schon nicht viel zu erben,
Ei! so hab’ ich edlen Wein:
Will mit Andren fröhlich sein,
Wenn ich auch allein muß sterben.


 



Rattermann Heinrich  Armin  1832 – 1923

Oden, Lieder und Gedichte vermischten Inhalts
Band I
Ouio Selbstverlag 1906

 Lob der Schellenkappe.

 Wer dem Karneval will dienen,
Muß’ne Schellenkappe ha’ n;
Wahren Frohsinn zu gewinnen,
Sei man festlich angethan.
Denn des Prinzen höchste Freud’
Ist der Schellenkapp’ Geläut:
Drum ihr Narren hier im Saal
Läutet alle nun zumal!
Froher Jubel weit und breit
Tön’ dem hohen Herrscher heut:
Vivat! Hoch, Prinz Karneval!

Mancher Narre dünkt sich weise
In dem blankgeputzten Hut,
Und kommt gar aus dem Geleise,
Wenn ein Weiser fröhlich thut.
Wie ein Truthahn spreizt er sich,
Aergert sich ganz fürchterlich –
Ja, ihm ist die große Qual
Uns’ rer Glöckchen froher Schall
Doch ob er sich ärgert schier
Wir nur huld’ gen jubelnd dir:
Vivat hoch, Prinz Karneval!

 Wahre Weisheit, wahre Liebe
Birgt die Schellenkapp’ allein,
Alle anderen Getriebe
Sind nur eitel Narrethein:
Hast nach Reichthum und nach Ehr’
Und noch sonstiges Begehr,
Prunktsucht, Hochmuth und Geprahl
Machen Sorgen nur und Qual;
Aber deine weise Lehr
Predigt fröhlichen Verkehr;
Vivat hoch, Prinz Karneval!

 Drum die Schellenkapp’ soll leben,
Uns’rer Freiheit ächt Symbol!
Das zum Frohsinn kann erheben
Jedes Herz, von Trübsal voll.
Uns’res Prinzen höchste Freud’
Ist der Schellenkapp’ Geläut:
Auf ihr Narren hier im Saal,
Läutet alle nun zumal!
Froher Jubel weit und breit
Tön dem hohen Herrscher heut:
Vivat hoch, Prinz Karneval!

 

 

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Autor; / Rattermann Heinrich  Armin  1832 – 1923
Bildnachweis; /  Henri de Toulouse-Lautrec 1864 - 1901
1. Confetti 1894
2. Jane 1893


 

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