ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Ruge Arnold 1802 -1880

Sämtliche Werke
Zweite Auflage
Siebenter Band
Edmund
Humoristische Memoiren
 Manheim Verlag von I. P. Grobe
1845

Der Vagabund

 

Der bleibt zurück, der wandert frisch von hinnen,
Die Sümpfe stehn, die muth’ gen Bäche rinnen.

 

Der Burgemeister ist mein guter Freund, allein er denkt über Vieles anders als ich.

Am Tage vor meiner Abreise war er in der Canzlei, als ich hereintrat; er bewillkommte mich leutselig,. wie er zu thun pflegte, mein Anliegen war ihm jedoch keineswegs zu Sinn.
Eine Weile sah er mich mit großen Augen und ein wenig zurückgebogen an, darauf sagte er sichtbar unzufrieden:
Sie wünschten einen Reisepaß? hab’ ich recht gehört?

Ich sehe mich genöthgt, Herr Burgemeister  diesen Aufwand  zu machen, weil ich zu reisen wünsche.
Ja, er dient zur Legitimation, er ist nothwendig.

 Aber Sie sollten nicht fortgehen – ich sage, Sie sollten hier, Sie sollten bei uns bleiben: wer will haben gut gemach’, der bleib’ unter seinem dach; was wollen Sie da draußen?
Reisen, Herr Burgemeister.
Nun freilich! aber es fragt sich nur, ob Sie eine dringende Veranlassung dazu, ein Nothwendiges Geschäft haben.
Ja, die Reise.
Die Reise?
Was wollen Sie damit sagen?
Ich soll also schreiben: „ zum Vergnügen?“
Keineswegs, sondern: „ in Geschäften,“ – da ja die Reise das allereigentlichste Geschäft ist, denn es giebt in der That kein Geschäft, welches nicht eine Reise wäre.
Zum Beispiel die  Schusterei?
Ist eine Reise um den Leisten.
Aber noch mehr, auch jeder Zustand ist eine Reise.
Zum Beispiel die Gefangenschaft?
Ist, so sonderbar es auch immer scheinen mag, eine der compendiösesten Reisen durch die Zeit in die Ewigkeit.
Sie wissen, ich komme von dieser Reise.
Alle Meilensteine des Lebens fallen in die enge Klause, und die Stunden kürzen sich ab und zu den Pulsschlägen des Geistes selber, wenn es anders ein Geist ist, der gefangen sitzt, der also überhaupt in sich und ins ewige Himmelreich hineinreisen kann.

Hm! Nun, wir wollen einmal so sagen. Aber ich wiederhol’ es, weil ich Sie liebe, Sie sollten bei uns bleiben.
Was kann sich hier nicht Alles aufthun!

Ja, und wenn wir genau zusehn, fuhr’ ich fort, in meinen Gegenstand stier vertieft, jedes Ding ist auf einer ewigen Reise und die ganze Welt dazu.

Gut, ich habe nichts dagegen – im Disputieren komm’ ich nun einmal  mit Ihnen nicht aus – aber warum wollen Sie uns so leichtsinnig, möchte’ ich sagen, verlassen?
Ihre Heimath, die Ihrigen?
Das ist es, was ich sagen wollte. Darum setze ich den Zweck der Welt und des Lebens ins Reisen, und bin entschlossen ein Reisender zu werden.

 Mein lieber junger Freund, ich muß Sie ernstlich ermahnen, sich um Gottes willen nicht diesem Gedanken zu überlassen, der ja gradezu das Vagabundieren zum Grundsatze macht. Freilich, das thut er, und es ist einer der richtigsten Grundsätze, die es giebt.

Denn da die ganze Welt als Reisendes nur ein Spatz des beharrlichen Geistes ist, so ist das Reisen die humoristische Praxis, und insofern sie sich als solche ihrer selbst bewusst ist, die höchste -
Lieber Gott, wo will der hinaus! Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, schlagen  Sie sich diese Phantasieen aus dem Kopfe.

 Aber, mein lieber Herr Burgemeister, was ist denn für Gefahr dabei, der Wahrheit zu folgen? Der Wahrheit platonischer Läuterung, die mit den Göttern mühelos um den Himmel fährt und lächelnd zusieht, wie der plumpe Mensch umsonst dem Vagabunden – Wirbel sich entgegensetzt, der darum ihn und seine Welt verwirrt?
Sich nicht sträuben heißt nur der Wahrheit folgen.

Der Wahrheit?
Also das wäre die Wahrheit?!
Wenigstens haben Sie, mit ihrer Erlaubniß, noch nichts dagegen aufgebracht.

Nun, da müßt’ ich doch auch alle ansässigen ordentlichen Leute  gradezu für verrückt halten.

Und im gewissen Sinne nicht mit Unrecht, denn sehen Sie: auf dem Standpunkte der Philosophie -
Ach, das sind Sophistereien!
So? kennen Sie den Vers:



Und wenn Alles im Ewigen Wechsel kreis’t,
So beharrt doch im Wechsel ein ruhiger Geist



Ja! -  Das spricht aber für mich, und gegen den unruhigen Geist.

Es giebt keinen unruhigen Geist, und er beharrt in einem Wechsel so gut, als im andern, eben so gut auf der Reise durch Deutschland, als auf der durch die Acten des hiesigen Stadtgerichts; nur der Geist ist und beharrt, und es ist eine rechte Thorheit, eigen Haus und Heerd etwas festes und stehendes zu nennen.
Diese Beschränktheit - - -


Hier ist der Paß, reisen Sie in Gottes Namen! Und wenn Sie wieder kommen, nehmen Sie sich eine Frau, so hoff’ ich, soll die Bekehrung schon noch gelingen. Damit schieden wir von einander.
Sollte  so etwas von Einfluß auf die Philosophie sein?
Dacht’ ich im Weggehen.
Aber wie muß mich mein Unstern grade den letzten Augenblick mit dem guten Manne zusammenführen! Hab’ ich  mich doch bisher bei karten und Billardspiel immer aufs Beste mit ihm vertragen. –
Ob ich meine Gründe zur Reise habe? Freilich wird’ ich sie haben, und die allerbesten von der Welt; aber ich werde mich hüten, sie ihm auf die Nase zu binden.

Würde er sie etwa gescheidter finden, als die ganze Weisheit, welche ich ihm so eben preisgegeben und, wie sich zeigt, auch wohl besser verschwiegen hätte? –

 


Ich suche Poesie.



Die Schrift sagt: suchet, so werdet ihr finden. Freilich sie blüht überall, wo nur Augen sind,  Sie zu sehen.
Immer aber ist sie nur eine Perle im Meer des Lebens, und es will tief und ferne getaucht sein, um sie zu gewinnen.
Luft, Luft! Und leichtes Vagabundenblut!
 

 

 

 

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Autor:  / Ruge Arnold 1802 -1880
Bildnachweis: /  Nicolae Teniza 1886 - 1940 Arlechino
 


 

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