ARLECCINO
Gebet an Pierrot
An Otto von GrotePierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!
Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
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Saphir Moritz Gottlieb 1795 – 1858
Welt - und Carnevals –
Narren – Büchlein München 1883 Druck und Verlag von George Carnevals – Drollerin
Carnevalspredigt.
Der Text, den ich meiner heutigen Predigt zu Grunde gelegt habe, findet sich aufgezeichnet in den deutschen Sprichwörtern, und heißt daselbst: “ Lustig gelebt und selig gestorben, das heißt dem Teufel seine Rechnung verdorben.“
Versammelt euch um mich her
ihr holden Leserinnen alle, ihr alle, die ihr mich liest, weil ihr hold
seyd, und die ihr hold seyd, weil ihr mich liest. Versammelt euch um
mich, Alle die ihr von dem Schönfelde eures Lenzes bis in die Gruftgasse eures Winters nur immer streift durch die Herrengasse um durch den Einlaß der Kirche in die Dienersgasse der Verheirathenen zu gelangen. Alle die ihr noch von dem grünen Wiesenweg der Hoffnung hinaufhüpft um in die Glücksstraße der Zukunft zu schauen. Alle ihr die ihr noch neue Luftschlösser baut in den Lüften der Phantasie, die ihr noch umgaukelt seyd von den rosigen Gestalten aus dem Färbergraben jugendlicher Träume. Ihr alle die ihr eure betrogenen Wünsche schon eingesargt habt am frauenfriedhof der resignation; die ihr durch die Salz – und Wasserstraßen der Thränen eingegangen seyd in das Luginsland einer bessern, jenseitigen Sehnsucht. Alle ihr die ihr statt auf der Hundskugel der Treue zu bleiben, durch das Schleckergässchen der Koketterie, um das Pfaueneck der Eitelkeit, durch das Küchelbäckergäßchen eines genäschigen Herzens, nur in der Hasengasse der jungen Männer und auf den Kindermarkt der Zierbengel herumlauft, um endlich durch die Herbstgasse eures Daseyns auf dem Kohlmarkt der alten Jungfern zu gerathen, Alle, Alle versammelt euch um mich, denn das Carneval ist da und vor dem Gesetze des Carnevals sind wir alle gleich!
Das
Carneval ist da! Das Carneval, das so viele Füße und Köpfe
verdreht, das Carneval, das die Füße, den Takt und die Herzen aus dem
Takte bringt; das Carneval, welches die Taschen leer und die Pfandhäuser
voll macht, das Caneval, an dem die Frauenzimmer des Morgens anfangen
sich anzukleiden um am Abend unangekleidet zu erscheinen; das Carneval,
an dem man das Gesicht verlarvt und das Herz entlarvt; das Carneval, an
dem man zu allen Unbekannten sagt: „ ich kenne dich“ und die Bekannten
nicht kennt; das Carneval, an dem ein dummer Kerl als Sokrates, ein
Lügner als Wahrsager, ein Gottloser als Eremit, eine Buhlerin als
Vestalin, eine Gans als Fledermaus und eine Köchin als Diana erscheinen.
Laßt
uns lustig leben, damit uns niemand erkenne, da wir im ganzen Jahr so
traurig leben! Das lustige Leben des Carnevals führt nicht mit einem
Schritt, sondern mit einem Tanz zum selig sterben! Das Leben steht lustig vor uns da in Gestalt eines Tänzers oder einer Tänzerin. Ein Leben mit Glacéehandschuh, ein Leben mit entblös’ten Schultern, ein Leben mit keuchendem Busen und der Tod kömmt nicht als Knochenmann, sondern als Marqueur, nicht mit der Sense und dem Sandglase, sondern mit einem Eisbecher und einem Mandelmilchglase. Der Teufel aber, der bei jedem Menschen steht, bei den Männern in seiner Staatsuniform mit dem schwarzen Barret und der rothen Feder, mit dem höfischen Pferdefuß und dem Schwerwenzeltritt; bei dem Frauenzimmern in modernen Tracht mit Jabots und Claque, der Teufel rechnet dem lustigen Leben der Menschen alles mit doppelter Kreide auf. Er rechnet nicht einmal Eins ist eins, sondern einmal Eins ist zwei. Der Teufel folgt am meisten dem Tod auf dem Fuße, und wo dieser einkehrt, da macht er seine Rechnung. Seine Rechnung ist so: er numerirt erstens die Lustigkeiten des Menschen, dann substrahiert er sie vom Himmel ab und multiplicirt sie für die Hölle, dann addiert er sich selbst dazu! Das ist eben der Teufel! Tanzt man aber in den Tod hinein, so kann er sich nicht mit dazu rechnen, weil er bekanntlich einen Stelzfuß hat und hinkt, das heißt ihm seine Rechnung verdorben. Der Teufel rechnen so: fünf Einlasspforten hat der Mensch für mich, genannt die fünf Sinne; wenn auch viere zu sind, so bleibt Eine doch stets für mich offen, im Carneval aber heißt es: lustig leben, d. h . alle fünf Sinne weit aufsperren, das macht den Teufel confuß, er weiß nicht, wo er zuerst einziehen soll. Selig gestorben heißt, wenn man ausgesöhnt mit Gott, mit sich und mit der Welt hinüberwandelt, wer ist aber alles das mehr als ein Frauenzimmer, die durch tanzen stirbt? Der Tanz ist ihr Gott und der Tanzsaal ihre Welt, sie stirbt also ausgesöhnt mit sich, mit Gott und der Welt. Der Teufel aber hat schon darauf gerechnet, durch das lustige Carnevalsleben die Frauenzimmer – Seelen zu fangen, denn der Tanz ist nichts als der bevollmächtigte Minister und Gesandte seiner infernalischen Majestät; der Gallopp und Reckdowak sind die Legationssekretäre und der Ballsaal ist die Expeditionsstube, durch den tanz werden die Leidenschaften für den Teufel bestochen, und die Sinnlichkeit fertigt sodann die weitern Reisepässe in die Hölle aus; stirbt aber so eine Seele nicht an dem heißen Höllentrank, sondern durch einen kühlen Trunk, stirbt so ein Wesen nicht an den versengenden Hauch der gefährlich - umfassenden Gelegenheit sondern am kühlen Luftzug der Nacht, so heißt das dem Teufel die Rechnung verdorben.
Kommt
also, meine holden und schönen Leserinnen, lasst uns lustig leben, selig
sterben und dem Teufel die Rechnung verderben. Ein jeder glaubt, diese Maske zu kennen. Aber einst, wenn um die bestimmte Stunde von dem unsichtbaren Orchester da oben ein Zeichen gegeben wird, mit der großen Posaune der Auferstehung, dann wird diese Maske die Larve fallen lassen, und wir werden einsehen, daß keiner von uns sie gekannt hat, daß wir uns alle getäuscht haben, denn unter dieser Maske des Lebens wird erst noch eine Todtenlarve seyn, und unter dieser Todtenlarve noch eine und wiederum eine und abermals eine bis ins Unendliche.
Darum
aber, meine holden Leserinnen, wollen wir mit dem Leben das Maskenrecht
genießen, wollen es in die Arme fassen und bekannt mit ihm thun, und „
Du“ zu ihm sagen, und mit ihm herumtollen und mit ihm die große Chaine
durchs Daseyn hinabstürmen bis der Tod zu uns herantritt und uns bittet
mit ihm ein wenig auszutanzen; das wollen wir dann mit einem frohen
Blick zu dem großen Ballgeber da oben thun, um das Sprichwort zu
bestätigen:
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Autor; / Saphir Moritz Gottlieb 1795 – 1858
Bildnachweis;- Honoré Daumier 1808 - 1875 Monsier Daumier /1838