ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Saphir Moritz Gottlieb  1795 – 1858

Welt  - und Carnevals – Narren – Büchlein
Carneval – und Masken -
Almanach oder Winter – Etui
Herausgegeben von M.G. Saphir

München 1883

Druck und Verlag von George

Charakteristische Tanzliedchen

Walzer

Liebes Mädchen, gieb die Hand,
Laß uns etwas walzen,
Dieses Lebens Unverstand
Soll’ sein bischen salzen.

  „ Walzen, daß ist gar nicht dumm!“
sagte einst ein Sachse,

Selbst die Erde wälzt sich um,
Um die eig’ne Achse.

 Weiß nicht wo der Kopf mir steht,
Will darum nun tanzen,
Hast mir schon den Kopf verdreht,
Dreh’ mich nun im Ganzen.

 Um mich her schon drehet sich
All das Weltgetriebe,
Ach, von nun an dreh’ ich mich
Stets um Deine Liebe.

  Kommen sie und sagen“ nein!“
Mutter, Tant’ und Base,
Dreh’ ich ihnen ganz allein
Allen eine Nase.

 Dreh’ nun lieber Kupido,
Dreh’ nun Deine Pfeife,
Da ß der Eine, Lichterloh,
Sie im Tanz ereile.

 Dreht sich dann das Aeuglein klar,
Voll von Liebesstrahlen,
Will ich an dem Traualtar
Dir den Pfeil bezahlen.

 Liebes Mädchen, gieb die Hand,
Laß uns etwas walzen,
Dieses Leben Unverstand
Soll’ s ein Bischen salzen.

 






Menuette.

  Bedächtig und langweilig und gemessen,
So wie ein zahmtes Thierchen an der Kette,
Wo nicht gestanden, nicht gegangen, nicht gesessen,
Das ist der liebe Tanz: die Menuette.

Wie Diplomaten, an den Fingerspitzen
Erfaßt man gegenseitig sich die Hände,
Erhebet kaum sich einig von den Sitzen,
Auf daß man sich sogleich die Rücken wende.

 Geht um den Gegenstand herum politisch,
Um steif und kalt mit seinem Kopf zu nicken,
Sieht in die Augen sich ganz schlau und kritisch,
Und wendet sich sogleich mit kalten Blicken.

 Man geht, man schreitet, kommt und streckt die Glieder,
Geht seitwärts, vorwärts, ohne Nutz und Frommen,
man trennt sich, man vereiniget sich wiede
Und immer wieder d’rauf zurück zu kommen.

 

Galloppade.

 Geflügelten Schrittes, mit keuchender Brust,
Zu rasen, zu toben, welch himmlische Lust,
Gesprungen wie wüthend im schnellen Gallopp,
Das Herzchen spring hinterdrein schlagend: hopp! Hopp!

  Gewirbelt hinab in den glänzenden Saal,
Geschleudert zu Boden das Halstuch, den Shwal,
Geschwitzt und geröthete im schnellen Gallopp,
Der Anstand springt hinterdrein rufend: hopp! hopp!

  Die Locken zerrissen, zerzaust und zerpufft,
Den hexen gleich fliegend im Wind und in Luft,
Die Augen bachantisch im wilden Gallopp,
Die Schönheit springt hinterdrein rufend: hopp! hopp!

  Der Busen hochfliegend in üppiger Gluth,
Die Adern geschwollen vom kochenden Blut,
Die Blicke entzündet vom tollen Gallopp,
Die Tugend springt hinterdrein rufend: hopp! hopp!

  Den Nacken gebadet im kochenden Schweiß,
Die Zunge getrocknet, die Stirne so heiß,
Die Mandelmilch schlürfend im heißen Gallopp,
Das Leben springt hinterdrein rufend: hopp! hopp!


 

Cotillon

Holde Kleine,
Sey die Meine,
Nur für diesen Cotillon;
denn ich sehe
Unsere Ehe
Ist nur auch ein Cotillon!

 Nur behände,
Gieb die Hände,
Zu dem lieben Cotillon;
Sey nicht bange,
Auf nicht lange
Fesselt uns der Cotillon.

 Denn alleine,
Nur zum Scheine,
Führ’ ich Dich zum Cotillon;
Nur zwei Schritte,
Will die Sitte,
Engagiert der Cotillon.

  Will mit nichten,
Dich verpflichten,
Ganz für mich im Cotillon;
Kommen Touren
Und Figuren
Wählet man in Cotillon.

 Nach belieben,
Dort und drüben,
Schau Dich um im Cotillon;
Braune, Blonde,
In der Ronde
Stehen sie im Cotillon!

 Die aus Allen,
Dir gefallen,
Nimm Dir dann im Cotillon;
Ich auch wand’ re,
Suchend Andr’ re,
Hübsch herum im Cotillon.

Sey die Meine,
Holde Kleine,
Für den Ehe – Cotillon;
Denn ich sehe
Uns’ re Ehe
ist nur auch ein Cotillon!

 

 

 

 






Tempéte

An Louise.

Das Ebenmaaß stieg von des Himmels Zonen
Zum Menschen nieder in das Erdenthal,
Bei zartgefügten Formen  will es wohnen,
Wie sich gestaltet nur ein Ideal;
Da sah es Dich, den Einklang Deiner Glieder,
Und lässt beglückt bei Dir sich, holde, nieder.

So sieht man Dich in süßer Zauberwaltung,
gehüllt in ewig junger Symetrie,
Es theilen sich in Deiner Huldgestaltung
Die Körper – und die Seelen – Harmonie,
Und reiz und Anmuth bieten sich die Hände,
Auf daß Dein Bild bezaubernd sich vollende.

 Jetzt an des Tanzes lebensfroher Schwelle,
Da schaukelt die ätherische Gestalt,
Wie auf des hellen Silberbaches Welle
Ein tändelnd Rosenblatt hinunter wallt,
Und auf des Taktes reinharmon’ schen Wogen,
Kömmst schwebend  Du, o Reizende, gezogen.

 Den Sturmtanz soll mit Dir ich nun durchfliegen,
Mir dünkt es Traum und schöne Feeerei,
Den Sturm wirst Du als Zephir wohl besiegen,
Dir stehet Deine Schwester Anmuth bei,
Jedoch die Musen sind sammt ihren Schwingen,
Von Grazien leicht aus dem Takt zu bringen.

 


 

 

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Autor; /  Saphir Moritz Gottlieb  1795 – 1858
Bildnachweis;  /Grandoille Jean Ignace Isidore G
érard  1803 - 1847 
Illustration zum Buch Eine andere Welt
Von Wolff Oskar Ludwig Bernardt
(1799 - 1851)


 

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