ARLECCINO
Gebet an Pierrot
An Otto von GrotePierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!
Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
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Saphir Moritz Gottlieb 1795 – 1858
Welt - und Carnevals –
Narren – Büchlein München 1883 Druck und Verlag von George
Das unbezwingliche Element.
Der menschliche Geist ist das Höchste. Est Deus in nobis.
Der Geist bezwingt alle Elemente. Er heißt die Luft stehen oder er beflügelt ihren Fittig, er reinigt sie, er ermisst sie, er beherrscht sie; sie muß ihm dienen, sie muß ihm sclavisch die Mühle treiben und seine Segel schwellen. Das Feuer ist sein Unterthan, er bezwingt es, er bahnt dem Blitze seinen Weg und befiehlt ihm, er bekämpft dieses furchtbare Element und wird sein Meister. Das Wasser wird durch ihn gebändigt; er dämmt es ab, er keilt es ein, es muß ihm als Lastträger willig den Rücken bieten; er durchsucht es und leitet dieses tobende Element wie ein sanftes Lamm. Die Erde ist seiner Willkühr heimgegeben. Er durchwühlt und durchsucht sie; er lässt ihr zur Ader und zapft ihr das goldne Herzblut ab; er setzt ihr Fontanellen und setzt ihr Schröpfköpfe; kurz alle Elemente sind demüthige Vasallen des Geistes! Ein Mensch von Geist braucht fast gar nichts, mit seinem Geiste bezwingt er die organische und unorganische Schöpfung, das Schicksal und die Dummheit, die Großen der Erde und die Menschen, die Gelehrten und das Vieh. Ein Mensch von Geist braucht fast nichts. Ist er arm, sein Geist verschafft ihm alles was die Reichen haben, und willig kömmt ihm der Lebensgenuß und weicher und reizender und erhöhter entgegen. Ist er hässlich, sein Geist verschafft ihm die Liebe der Frauen; er ist schön auf der Zunge, im Verstande, und er spielt der süßen Göttin das auflösende Ende des allesberauschenden Gürtels geistreich aus der Hand. Ist er nicht von Adel, sein Geist erhebt ihm darüber; er adelt sich selbst und statt des angeerbten Namens , des Welken, erringt er sich einen frischen, grünen, blüthenvollen. Kurz wie gesagt, der Geist, daß ist Gott, und Gott ist allmächtig. - Nur ein Element gibt es, gegen welches der Geist ein ohnmächtiges Weib ist, vor dem es erlahmt, bei dessen Anblick er regungslos und schlaff, matt und kraftlos dasteht, und dieses Element ist – die Grobheit!!! Die Grobheit ist noch stärker als der Geist! Ach, es ist ein schönes Element die Grobheit! Aber leider geht es mit der Grobheit wie mit Dichtkunst, man muß dazu geboren seyn! Die Grobheit ist kein Talent, es ist eine Gabe! Selig sind die grob sind, denn ihnen gehört das Erdenreich und das Himmelreich! Wen das Geschick liebt, den küsst es in der Wiege die Stirne, lös’ t ihm die Lippe und sagt: „sey grob!“ Und damit wandelt der Glückliche hinaus ins menschliche Leben, wie mit einem Amulete, wie mit einem untrüglichen Talisman, und er ist glücklich, denn er ist grob! Wer und was will sich der Grobheit entgegenstellen? Es muß ein herrliches Bewußtseyn seyn: grob zu seyn! Die Grobheit ist klimatisch; es gibt ganze Länderstriche wo man vorzüglich und bedeutend grob ist; wer kenn den tellurischen Einfluß, der diese glückliche Entwicklung der Grobheit fordert? Diese Grobheit, daß ist das Faustrecht der Seele.
Eine grobe Seele ist eines
der merkwürdigsten Schauspiele der Natur! Ein Grobian geht wie ein
Heiliger durch die Welt! Niemand wagt es ihm etwas in den weg zu legen. Gegen die Grobheit kämpfen Götter selbst vergebens! Die Grobheit muß ein süßes, ein nahrhaftes Element seyn, sie macht wie die Dummheit wohl genährt, und sie ist da, wo sie grassiert, sehr beliebt; sie wohnt da unter allen Ständen. Es gibt aber keine größere Sympathie als die der Grobiane unter einander!
Wenn ein Grobian aus einem
Ende der Stadt einen Grobian von dem andern Ende der Stadt zum
Erstenmale in seinem Leben begegnet, so erkennen sich die Grobheiten in
ihnen und fallen sich um den Hals; es gibt kein unzerreißbareres Band
als das Band der Grobheit!
So ein Grobian hält seine Grobheit gut und lässt ihr nichts abgehen, er gibt ihr zu essen und zu trinken, viel Bier oder auch Champagner; er führt sie sogar in Gesellschaft und sagt: „ hier habe ich die Ehre Ihnen meine Grobheit vorzustellen!“ Er ist so selig in seiner Grobheit, wenn es möglich wäre, würde er seine Grobheit wie einen Orden ins Knopfloch hängen. Und dieses unbezwingbare Element, gegen welches alle Kräfte der Natur und alle Kräfte des Geistes wehrlos und matt dastehen, die Grobheit hat die gütige Vorsehung mit reicher Hand ausgestreut, ohne Unterschied der Stände! Und die Grobheit pflanzt sich schön fort, ohne Schulen und Erziehungsanstalten, durch die einfache Bellancastrische Methode! Gewiß, wenn man jeden unbefangenen, vernünftigen Menschen, der nicht überspannte Ideen in sich hat, fragen würde: Was wollen Sie lieber werden: Humorist oder Grobian? So wird jeder, ohne sich zu bedenken, antworten: Grobian! Vater im Himmel! Wenn du mich noch einmal auf die Welt setzest, laß mich ein Grobian seyn, bitte recht sehr, ein Grobian!
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Autor; / Saphir Moritz Gottlieb 1795 – 1858
Bildnachweis;- Honoré Daumier 1808 - 1875 Unknown