ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Saphir Moritz Gottlieb  1795 – 1858

Welt  - und Carnevals – Narren – Büchlein
Carneval – und Masken -
Almanach oder Winter – Etui
Herausgegeben von M.G. Saphir

München 1883  Druck und Verlag von George

 

Die sezierte Grazie unseres Tanzes.

 

Ich habe einmal einen Theatergarderobier gekannt, der sich ganz eigene Benennungen der verschiedenen Gattungen scenischer Darstellung machte.
Er nannte:

Lustspiele . . . .  Natur – und Hochzeitsstücke.
Trauerspiele . . . Tödtungsstücke.
Spektakelkomödien . Rabbiatstücke.
Conversationsstücke . Mund – und Zungenstücke.
Opern. . . . .  Allarmstücke.
Zauberopern . . Verschwindstücke.
Thierstücke . . . . Vierhändige Fußstücke.
Conzerte . . . . Schreistücke.
Lebende Bilder . . Fleischausstellungsstücke.
Pantomimen . . Nichtssagende Stücke.
Ballette . . . . .  Wuchs – Waden und Gliederstücke.

 
Gliederstrücke!  Ja wohl!  Früher lag in einem Ballete Sinn, Handlung, Charakter, und die Tänzer und Tänzerinnen entwickelten Anmuth Gefühl, Grazie, Feinheit, Ebenmaaß, Gewandtheit. Es lag in einem Solotanz so viel Wechselwirkung wie in einem Duett, in dem Corps des Ballet – Tanz so viel Charakter wie in dem Ensemble einer Oper.

 Alles das ist verloren gegangen, unsere Ballete sind jetzt nicht als


Wuchs – Waden und  Gliederstücke.

 Unsere Tanzkunst hat aufgehört Tanz und Kunst zu seyn, sie ist nichts als Fratze und Unnatur.

 Von der Grotesktänzerei will ich gar nicht sprechen; wenn unsere zeit nicht schon jedes ästhetischen Sinnes entwöhnet wäre, müsste man diese Gattung Tanz schon längst von jeder besseren Bühne herabgepeitscht haben.  Die Grotesktänzeirei, diese Ab – und Ausgeburt der Tanzkunst, gehört nur noch in Buden, Lipperlntheaters und Gauklerhütten. Mit schamverhülltem Antlitz entfliehen der erhaben Genius der Kunst und  der Engel der dramatischen Würde von den Brettern, auf denen heute Tasso seinen Lorbeer empfängt, Posa die edle Seele aushaucht, Thekla ihre schöne Seele entfaltet, Sappho die begeisterte Hymne anstimmt, und gleich darauf ein Gliederpossenreißer das Ebenbild Gottes ekelhaft zerknittert, sein eigenes Menschenthum widerlich auseinanderzerrt und mit 248 Gliedern jede Menschenform beinknickend auseinanderzappelt!

Also von der Grotesktänzerei, von diesen Krämpfen und Freisen des Tanzes, von dieser zuckenden Fallsucht der Kunst kann  gar nicht die Rede seyn; allein durch der sogenannte edle Tanz, der Ballettanz, ist zu einem Scheusal entartet, er ist ein eckiger. Schrecklicher lendenlahmer, zuckender, steifer Gaul an Terpsichorenes  Triumphwagen geworden.

 Tanzen jetzt unsere Tänzer und Tänzerinnen? O nein, sie thun alles, sie hüpfen wie ein Frosch, sie drehen sich wie ein Kreisel, sie fahren in die Höhe wie ein Drache, sie fahren in die Tiefe wie ein Molch, sie spreizen sich wie ein Sägebock, sie zappeln wie ein Zitterall, sie dehnen sich wie ein Ausrufungszeichen, sie fahren um sich selbst herum wie wie eine Windhose, sie strecken sich wie eine Kreuzspinne, aber sie tanzen nicht!

Alle Grazie ist dahin, nicht eine Bewegung verräth Anmuth, Symetrie, ihre Biegsamkeit ist keine Schönheit, in ihren Körpergebärden keine Regel, in ihren Bewegungen kein Rhythmus, keine Mannichfaltigkeit, kein Ausdruck, keine Annehmlichkeit – In den Tanz der heutigen Tanzkünstler ist nichts als Fertigkeit der Füße mit obligater Begleitung aller durch einander geworfenen Gleider. Unsere Tänzer sind Schnell – Fuß –Infanteristen und unsere Tänzerinnen Trätschen und Klatschen mit den Füßen, aber sie sagen nichts mit ihnen.

 

 Man anatomire nur einmal einige Stellungen unserer Tanzkünstler:

Dieser spitzige Winkel, für vielen gerade der rechte, ist eine Hauptbasis unserer Tänzer. Ist diese Form schön? ästhetisch? Was drückt sie aus? Welche Schönheitslinie entfaltet sie? Ist sie graziös?


Oder diese Form:


 


 in welcher ein Fuß die Hypotenuse und der andere die beiden Katheten bildet; welche Empfindung drückt dieser Zweifuß – Triangel aus? So sehen die Kraniche aus, wenn sie unglücklich lieben!
Was sagt diese Figur:

 

 

in welcher der Tänzer die beiden Füße von sich schleudert und auf dem Rumpf niederplumpt wie ein melancholischer Getreidesack?
Welche zarte Leidenschaft drückt diese Tragebalken – Figur aus:

 

 

 in welcher der Tänzer auf einem Bein steht, den Oberleib vorne ins Orchester und das andere Bein hinten von sich streckt, gerade als wollte er abwiegen ob sein Kopf oder sein  Fuß mehr gewicht, und in welcher Position er aussieht wie eine Bachstelze, die den Schnabel ins Wasser steckt um zu trinken, und ein Bein hinten von sich streckt. Welches Gefühl, welche Gemüthsbewegung drückt sich in folgender Figur aus:

 



 

  in welcher der Tänzer auf einem Beine steht, das andere wie eine quieszierte Wagendeichsel von sich streckt, die Arme auseinanderspreizt wie ein Wegweiser, und dann auf einer Sohle sich um sich selbst zwanzigmal herumdreht wie eine Katze, die ihren Schweis ins Maul fangen will!?
Das ist unsere Tanz, das sind unsere Tänzer und Tänzerinnen!

 

 „ Den lauten Markt mag Momus unterhalten,
Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten!“

 



 

 

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Autor; / Saphir Moritz Gottlieb  1795 – 1858

Bildnachweis; Illustrationen aus dem Werk


 

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