ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Saphir Moritz Gottlieb  1795 – 1858

Welt  - und Carnevals – Narren – Büchlein
Carneval – und Masken -
Almanach oder Winter – Etui
Herausgegeben von M. G. Saphir

München 1883

Druck und Verlag von George

Hans – Wurst

Als Redner bei einem Narren – Diner

 

Hans – Wurst. Ein Deutscher.

Pickel – Häring. Ein Holländer.

Jean Potage. Ein Franzose.

Lord Pudding. Ein Britte.

Signor Maccaroni. Ein Italiener.

 

Hans  -  Wurst.

Meine Herren! Die Vorsehung hat uns Deutschen einen Mund gegeben, zum Essen, zum Trinken und zum Reden! Lange haben wir leider denselben nur zum Essen und zum Trinken gebraucht und haben nicht geredet; der Deutsche hat gedacht und nicht geredet, das muß aufhören, denken kann jeder Mensch, aber zum Redner muß man geboren seyn!

Der Deutsche will von nun an reden und nichts denken, und wir wollen ihm  mit unserm Beispiel vorangehen!
Wir haben uns hier versammelt, meine Herren! Das ist schon ein großer Schritt! Das ist ein gewaltiger Schritt! Wenn man sich nur einmal versammelt hat; wozu man sich versammelt, das findet man dann schon leicht heraus!
Alle Stände Europas versammeln sich, warum soll der Narren – Stand, der älteste, der ausgebreiteste Stand der Welt, sich nicht versammeln?

Wir wollen uns beim Essen versammeln! Zuerst war das Wort, dann der Geist, dann das Fleisch; bei uns soll es umgekehrt seyn; zuerst das Fleisch, dann das Wort, der Geist findet sich hinterdrein, und findet sich nicht gerade ein Geist, so nimmt man ein Gespenst!

Alle große Dinge werden durch und mit und bei Essen abgethan. Die Engel,  die dem Vater Abraham erschienen, thaten wenigstens so als ob sie äßen, wahrscheinlich damit sie Abraham für Deutsche halten sollte.

Die Versammlungen der Naturforscher kommen zusammen um zu essen und zu sehen wie viel sie ertragen können; sie bringen mehr in sich hinein als aus sich heraus, und obwohl sie vorgeben gar keine politische Tendenz zu haben, so arbeiten sie im Stillen doch nur für die Restauaration Deutschlands !

Talleyrand ist nie ein größerer Diplomat als bei Tische, und  er hat den häufigen Teller – Wechsel gelernt auch bei dem Regierungs – Wechsel von jeder Assiete etwas zu genießen.

In Berlin essen die lebenden Gelehrten die verstorbenen Gelehrten! In Berlin leben sie von dem Tod der Schriftsteller! Da wird immer gegessen! Den Todestag Göthes, Schillers, Jean Pauls, Gellerts, Lessings Mendelsohn u. s. w. , und so wie der verstorbener Zelter vom “ Tode Jesu“ lebte, so lebten die Berliner Schriftsteller von den Seelen der abgeschiedenen Dichter.

Der  Traiteur Jagor unter den Linden soll alle todte Schriftsteller Deutschlands für den Preis von 60.000 Thaler  jährlich gepachtet haben, mit dem ausschließlichen Privilegium, daß diese Todten nur bei ihm verzehrt werden dürfen.

Es ist ein Glück, daß jetzt kein bedeutender deutscher Schriftsteller mehr sterben kann, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil, mit Ausnahme von dem Buchhändler Cosmar in Berlin, Verfasser einer Charade im Gesellschafter, keine mehr in Deutschland lebt.
Wenn noch viele große Schriftsteller zum Besten des Berliner patriotischen Eß – Vereins sterben könnten, so wäre dieser Verein genöthigt, an manchem Tag zwei todte Schriftsteller aufzuessen.

Da könnte es sich dann treffen, daß in dem Magen des Herrn von Holtei ein  Stück „ Bürger“ und ein Stück „ Schiller“ zusammen kämen. Vorerst würde Bürger dem Herrn von Holtei etwas bedeutend in die Gedärme zwicken dafür, daß er die „ Lenore“ aus ihrem Grab oder von dem edlen Kappen riß,  um sie auf seinem dürren, lendenlahmen Pegasusklepper zu setzen; dann würde Bürger und Schiller in Herrn von Holtei’ s  Händel anfangen, und Herr von Holtei müsste, um sie los zu werden, zu singen anfangen.

Oder aber in dem Magen von Friedrich Förster, von diesem Ober – Förster der schlechten Berliner Literatur, könne ein Stück Hegel  und ein Stück Shakespeare zusammen: man weiß, daß er diese beiden Herren schlecht verdaut hat; was würden die im Innern des Herrn Hofraths  für Wirtschaft treiben! Oder man denke sich den Professor der holzschneidenden Literatur den Vignetten – Pindar, den Herrn Professor Gubitz, wie er auf einmal ein Stück Hoffmann und ein Stück Jean Paul in sich fühlt, von denen er allseinlebtag nicht die entfernteste Aehnlichkeit bei sich verspürte!

 

Die ganze verehrliche todtenessende Gesellschaft würde vor Schreck darüber außer sich gerathen, und in der ersten Verwirrung  den Herrn Professor für einen Geist halten, wozu er nie in seinem friedlichen Leben Veranlassung gab.

Während man in Berlin die Todten verzerrt, essen sich in Dresden die Lebendigen gegenseitig auf; nicht etwa in Hader, sondern in Liebe und Eintracht. Die Berliner freuen sich auf den Tag an dem die großen Männer Deutschlands sterben, sie glauben nachzurücken; die Dresdner aber freuen sich, daß sie selbst  geboren wurden, und essen ihre eigene Geburtstage, daß ist menschlicher und christlicher! 

Bald speis’ t  Tiek den Nordstern, Tromlitz speis’ t den Hell, der Hell speis’t den Böttiger und so vice – versa, sie speisen sich aber alle ohne Salz, bloß mit Sonetten und Liedern. Kurz essen ist das Hauptmotiv der Deutschen!

Selbst in der sächsischen Stände  - Versammlung wurde darauf angetragen, daß man  gesetzlich Pferdefleisch essen dürfe. Die Emanzipation des Pferdefleisches ist eine Sache, die in Saft und Blut des Volkes übergehen muß!

Welch ein Fortschritt wird das deutsche Volk gemacht haben, wenn es die Pferde den Ochsen gleichgestellt hat, und die Gleichheit vor der Schlachtbank eingeführt hat. Wenn auf der einen Seite die Schinder durch diese Motion beeinträchtigt werden, so wird in der sächsischen Kammer den Todtengräbern ein größeres Feld eingeräumt, indem man beantragte, gewisse Verbrecher lebendig zu begraben. Es ist noch gut, daß nicht auch der Antrag kam, das Fleisch der Verbrecher auf gesetzlichem Wege essen  zu dürfen!

Essen, meine Herren, ist die Achse aller deutschen Großthaten und Empfindungen; wir haben den bedeutendsten Schritt schon gethan, wir essen; indem wir essen, werden wir schon eo ipso vielen Volksrednern gleich, da wir das Maul voll nehmen; und somit wäre der heiligste, erste und letzte Zweck unserer Versammlung erfüllt; nun wollen wir auch auf die wichtigen Interessen unserer Völker eingehen.

Meine Herren! Unsere Nation hat jeden von uns mit dem Namen seines Lieblingsgerichtes beehrt; mich haben die Deutschen mit dem Beinamen „ Wurst“, die Holländer haben Sie mit dem Namen „ Häring“. „ Pickel Häring“, oder „ Pickel – Willibald – Alexis“, Sie mit dem Namen " Pudding“, Sie mit „ Potage“ und sie mit „Maccaroni“ beehrt. Lassen  Sie uns bei diesem Gerichten hier das Wohl  unserer Nationen besprechen.
J. P.: Oui!
L.P.: Yes!
S. M.: Si!
P. H.: ( Schläft schon)
Hans – Wurst. Zuerst wollen wir die ganze Jungfrau Europa unter einen Hut bringen; es ist nur die Frage ob dieser Hut ein „ Mimi“, ein „ Bibi“, ein „ a la Berry“,   ein „ a la Czartorinski“,  ein „ Vole au vent“, ein „ Barricade“, ein „ a la tour de Nesle“, ein „ Tourbillon a la Foy“ u. S.w. seyn soll.

Ich glaube aber man thäte besser diese Jungfrau nicht unter einen Hut, sondern unter die Haube zu bringen; denn sie ist schon eine alte Jungfer, eine Jungfer, die im Antlitz ( Spanien und Portugal) Leberflecken, Sommersprossen und Hitzblattern hat; an den Beinen( Italien u. s. w. ) voll Elsteraugen und Leichdörnern;  ihr Oberleib ( Frankreich u. s. w. )ist ausgestopft mit falschen Ideen und wattirt mit aufgeblasenen Phrasen,  mit windaufgetriebenem Gigot, und der Bauch, mein liebes Deutschland, hat auch nun die Trommelsucht und wird heimgesucht von Zeitblähungen und Zeitgeist – Koliken. Wo ist der Mann, der eine solche alter Jungfer unter die Haube bringen will?


Laßt uns also diese Jungfrau unter uns theilen!
Jetzt will doch ohnehin jeder Narr regieren, wir können also auch, da wir patentisirte  Narren sind. Ich habe den größten Theil des Volkes für mich, denn mein Wahlspruch soll seyn:

 

Wurst um Wurst!

 

Somit ist mir Deutschland gewiß! Wenn Deutschland einmal unter eine Schellenkappe gebracht ist, dann sind die Völker glücklich; denn der Weise ist ohnehin in jeder Lage glücklich; es handelt sich also bloß um die Narren, und wie können sich die Narren glücklicher  fühlen als wenn ich regiere? Fiat! Somit, meine Herren, glaube ich, machen Sie es In Ihren Ländern auch, nicht wahr?

 

Jean potage. Oui!
Lord Pudding. Yey!
Signore Maccaroni. Si !
Pickel Häring (Schnarcht)
Hans  - Wurst. Und nun schwört mir, Ihr großen Narren, euren Zweck eifrig zu verfolgen, schwört!
Alle. Wir schwören!
Hans  - Wurst. Schwört auf meine Wurst!
Alle ( legen das Messer auf eine Wurst). Wir schwören!
Hans  - Wurst ( schwingt eine Wurst, bricht sie in mitten aus einander). Und so wie ich diese Wurst breche, so  brechen wir die Ketten der Völker! ( indem er ein Stück Wurst abbeiß’ t und verschlingt.) Und so wie ich die Wurst verzehre, so verzerren wir dann das Beste der Völker für uns!
Alle. Wir schwören!
( Sie fahren fort zu essen)

 

 



 

 

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Autor; /  Saphir Moritz Gottlieb  1795 – 1858
Bildnachweis ;- Honoré Daumier 1808 - 1875 Hanswurst 19Jh.


 

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