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Stamm Karl
1890 – 1919
Dichtungen
Gesamtausgabe
Erster Band
Rascher & Cie, Verlag Zürüch 1920
Der Seiltänzer
Er steigt aufs Seil, steht hoch. Mit kaltem Schweigen
empfangen die Tribünen sein Verneigen.
Er biegt den Leib, er tanzt erblühnde Birke,
er wiegt sich, dass er Glanz und Sonne wirke,
er prellt den Tod, er leibt dem Geist sich ein,
er nimmt die Schwere fort aus jedem Sein,
steilt Türme hoch, es wölbt sich die Altane,
er schwankt den Himmel über sich als Fahne,
umfaltert Jugend und entaltert Greise,
wird leises Schweben, sanft erlöste Weise,
er schwingt in allen und erbebt in allen
hält plötzlich inne: Tausend Menschen fallen!
Auf blankem Ruhm turnt er sich leicht nach oben,
im wilden Beifall scheint er aufgehoben,
steigt höher, reigt und schwebt, die schlanke Füsse
verlor’ n das Seil, die Hände wirbeln Grüsse,
er schliesst das Auge, wächst zum Vorzeitriesen,
das Volk springt auf von Teppich, Bank und Wiesen,
strahlt ihn empor in wiegeweiche Lüfte.
Geruch – ganz fern, als öffneten sich Grüfte –
Das Seil ist leer. Im Netze zucken Glieder,
aus dünnen Maschen springt der Tänzer nieder.
Doch alle Blicke hoch im Seile hangen,
noch ganz vom Rausch der Höhe eingefangen.
Ein Mädchenschrei will sich zum Schmerz erkühnen.
Zum Himmel donnern ringsum die Tribünen.
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Stamm Karl
1890 – 1919
Dichtungen
Gesamtausgabe
Erster Band
Rascher & Cie, Verlag Zürüch 1920
Rutschbahn
Ein bunter
Clown von den Tribünen schreit:
Nur immer reinspaziert! Besiegt die Zeit!
Hoch Berg und Tal! Durch Tunnel!
Über Brücken!
Besiegt die Zeit! Ihr werdet euch beglücken!
Man staut sich ein, man reisst sich um Billette.
Wir warten Stunden.
Warten um die Wette,
indes vor unsern Augen Rädergondeln sausen,
Wir hören sie im Kartonberg verbrausen.
Ein Wagen schiebt sich unter unsere Beine,
auf Leinwand links und rechts gemalt erzittern Steine,
das gibt uns auf die Fahrt ein Lächeln mit.
Hui! Saust’ s zu Tal! Schwellen und Balken schüttern,
Die eisernen Gelenke krachen, splittern.
Und einer schreit: „ Hier brach der Berg zusammen.
Sanft ruhn die Toten, die darin verschlammen!“
Gebirg wirft weisse Fetzen Schnee hernieder,
ein Wassersturz, Alpdörfer läuten nieder,
wir rollen fort und rollen ohne Ziel.
Ein Grausen fröstelt . .. …
Fort! Es ist nur Spiel!
Sind wir noch eingeschient?
Es fliehn die Gleise ….
Ba! Freu dich doch! Hoch lustige Weltenreise!
Der Vormann im Gestänge reisst und ruckt.
Hinüber schleudert uns ein Viadukt.
Wir staunen, leuchten ob der Wunderkraft.
Die spielend uns dem harten Grund entrafft.
Schwarz fällt der Berg vor uns. Der Vormann schreit:
„ Der grosse Tunnel! Hoch! Besiegt die Zeit!“
Aufdröhnen, donnern, speien enge Wände.
Juchrufen! Angstgeschrei! Verkrallte Hände!
Es ist nur Spiel. Doch alle Höllen schletzen
die Regel auf und fauchen, brüllen, hetzen.
Es packt uns im Genick und hemmt und hemmt –
Wir sind von eisigem Schweisse überschwemmt . ..
Da donnert unser Zug durch Sonnenmatten.
Es ist nur Spiel. Doch aus dem Tunnelschatten
Ein Arbeiter, zwei, drei! . .Steine in Händen!
Es ist nur Spiel . . Und langsam wenden
Die Drei sich um . . .Ich spür den Stein im Nacken,
fühl einen Toten mir das Haupt vom Rumpfe hacken.
Es ist nur Spiel!
Wir spielen jetzt die Kühnen!
Der bunte Clown schreit, speit von den Tribünen:
Besiegt die Zeit!

Stamm Karl
1890 – 1919
Dichtungen
Gesamtausgabe
Erster Band
Rascher & Cie, Verlag Zürüch 1920
Karussell
Die Kirchen in unsern herzen werden plötzlich klein,
die stillen Morgenbeterhimmel stürzen ein,
und durch Gesang, Weihrauch und Opferbrand
ziehn wir so hingegeben wie am Morgen in ein ander Land:
Es wirbeln Karussells uns rund im Kreise,
zu tollen Knaben werden sanfte Greise.
Nun werden wir Könige, die golden thronen.
Zehnmal vorüber allen Erdenstationen!
Es sollen alle Augen sich entschleiern!
Wir sind so gnädig, heut uns selbst zu feiern.
Wer mag noch länger sich in Träumen brüsten,
da uns erreichbar alle fernen Küsten!
Durch Licht und Dunkel, Rot und Grün und Schreien
Wie flutet’ s her von fremden Vögeln, Papageien
und blauen Menschen, Urwaldwundertieren.
Heut sind wir Herr’n! Wer kriecht auf allen Vieren?
Wer will zu unterst stehen an der Leiter?
Du Schaukelpferd, ras auf mit deinem Reiter!
Sie drohen unten schon mit Rätsellösen!
Es locken uns die Guten und die Bösen!
Läuft auf, o Lust, mit allen Silberglocken!
Welt fliegt vorbei, Stern sinkt um Stern erschrocken.
Der Mond erwacht aus seinen Gletscherkühlen,
Schneeberge tropfend ihm vom Auge spülen,
und seine Leichenbittermiene kriegt ein Loch,
er grinst und grinst, stösst Arm und Beine hoch.
Jetzt springt er auf, saust her in steilen Sturz .. .
Geschrei aus Gondeln. Still! Er sprang zu kurz!
Bazaubernd lächeln plötzlich unsere Damen.

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