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Hugo Ball
1886 - 1927
Gesammelte Gedichte
P. Schifferli Verlag 1963 AG Die Arche
Zürich

Du bist der Tag
Du bist der Tag und das Licht über Sorgen
Du kleidest uns in den frühesten Morgen.
Aus deiner blassen Himmel Grauen
Willst du die neue Welt erbauen.
Du bist aus frierendem Vogelmunde
Die Süßigkeit einer Todesstunde
Du bist das Verlöschen des Mondes im Wasser,
Ein Sternenhirte und Allumfasser.
Was wollen die träumenden Lilien weinen?
Sie ranken sich in den Schoß der deinen.
Du bist der Schrei, der im Schlafe verklungen.
Die Finsternis hat die Sonne besungen.
Du bist das Seufzen der Kranken im Saale
Sie sehnen sich nach dem Abendmahle.
Du bist der Wind, der uns alle bewegt.
Du bist das Kind, das die Sonne trägt.
Hugo Ball
1886 - 1927
Gesammelte Gedichte
P. Schifferli Verlag 1963 AG Die Arche
Zürich
Die Erfindung
Als ich zum ersten Male diesen Narren
Mein neues Totenwäglein vorgeführt,
War alle Welt im Leichenhaus gerührt
Von ihren Selbstportraits und andere Schmarren.
Sie sagten mir: nun wohl, das sei ein
Karren,
Jedoch die Räder seien nicht geschmiert,
Auch sei es innen nicht genug verziert
Und schließlich wollten sie mich selbst verscharren.
Sie haben von der Sache nichts begriffen,
Als daß es wurmig zugeht in Geliege
Und wenn ich mich vor lachen jetzt noch biege,
So ist es, weil sie drum herum gestanden,
Die Pfeife rauchten und den Mund nicht fanden,
Hineinzusteigen in die schwarze Wiege.
Hugo Ball
1886 - 1927
Gesammelte Gedichte
P. Schifferli Verlag 1963 AG Die Arche
Zürich
Wieder ist ein Tag
Wieder ist ein Tag vergangen
Zwischen abgebrannten Kerzen.
Finsternis hat mich vertrieben
Eine leere wühlt im Herzen.
Meine Hände sah ich sinken
In ein Reich der stummen Trauer.
Eingefriedet blieb mein Schatten
Hinter schwerer Doppelmauer.
Nur ich selbst: bin ich entflohen?
Näher dräng ich mich zum Lichte.
Da ß ich, eh mein Schatten folge,
Flehend ein Gebet verrichte.
Hugo Ball
1886 - 1927
Gesammelte Gedichte
P. Schifferli Verlag 1963 AG Die Arche
Zürich
Narrenfest
Sie haben den Mond zum Schiff gemacht
Und ihn mit Windeln behangen.
Der Mann auf dem schwarzen Rappen lacht,
Die Sterne sind aufgegangen.
Die Schellen klimpern im Ringelreihen,
Der Mastbaum schwankt im Kreise.
Die Weiber schlagen Purzelbaum,
Der Schiff bewegt sich leise.
Das Narrenschiff am Felsenriff,
Das Schiff bei Gott ist trächtig.
Es schwankt mit Korn und süßer Last,
Vor Überfülle birst es fast
Und gleitet gar bedächtig.
Sie ziehen aus dem Meer herein
An einem langen Seile
In ein beflaggtes Land hinein
Wohl über eine Meile.
Da steht sie nun am hellen Tag,
Da ß sie ihr Kind gebäre.
Aus der Perlmuttersphäre.
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