ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Baumbach Rudolf   1840 – 1905

Lieder eines Fahrenden Gesellen
Leipzig

Verlag von A. G. Liebeskind
1884

 

 Käsperletheater

 Gestern sass ich schwergemuth
Kauend an der Feder,
Zäh wie Kleister war mein Blut
Und mein Hirn wie Leder.
Raunte mir das Wort in’ s Ohr
Meine Magd die Lise:
“ Geh ein wenig vor das Thor
Auf die Vogelwiese.“

 Frohe Menschen überall
Fand ich auf den Wegen,
Leierklang und Büchsenknall
Tönte mir entgegen.
Hoch am Seil sich Einer schwank
Ueber allem Volke,
Und vom Bratwurstroste drang
Aufwärts eine Wolke.

Aus der Halle weitem Thor
Mit der Schützengilde
Schritt der Schützenkönig vor,
Grüsste ernst und milde,
trug wie Bauer Kilian
Stern und Band am Leibe;
Kantors Sepperl ging voran
Mit zerschoss’ ner Scheibe.

 Trommelschlag und Bärentanz
Affensprung durch Reifen,
Wilder Mann im Federkranz,
Ringelspiel und Pfeifen.
Kreischend wiegt der Papagei
Sich im Sonnenlichte,
Schaurig hallt des Löwen Schrei
Zu der Mordgeschichte.

Schau’ ich die Chinesen an
Und ihr Spiel der Messer,
Oder geh’ ich nebendran
Zu dem Feuerfresse?
Lehrreich ist ein Känguruh
Und ein Zibetkater,
Doch am meisten lockt mich du,
Käsperletheater.

  Käsperle, du tapfer Held,
Recke ohne Gleichen!
Bist von feinden rings umstellt,
keiner macht dich weichen.
Kommt das Schicksal roh und kalt
Zwanzigmal auch wieder,
Schlägst du’ s mit der Pritsche bald
Lustig lachen nieder.

 Als die feinde lagen todt,
kam durch Spuk der Geister
Unser Held in grosse Noth;
Lachend blieb er Meister.
Ganz zuletzt der Teufel kam,
Schrecklich anzuschauen,
Doch auch ihn hat krumm und lahm
Käsperle gehauen.  

Als herum der Teller ging
und das Spiel geendet,
Hab’ ich einen Silberling
Dankesfroh gespendet.
Stellt mir künftig wer ein Bein,
Weiss ich, wie ich‚ s mache:
Gleich dem tapfren Käsperlein
Schlag’ ich drein und lache.
 

Baumbach Rudolf    1840 – 1905

Lieder eines Fahrenden Gesellen
Leipzig

Verlag von A. G. Liebeskind
1884

 

Zauberschloss

 Mein Herz ist voller Sonnenschein,
mein Aug’ ist lauter Glanz;
Heut mag ein andrer Schreiber sein,
Heut nehm’ ich nur Vakanz.
Hervor zu lust’ger Reise
Mein graues Streitgewand!
Ich will nach Reckenweise
Durchstreifen das grüne Land.

 Wo mag das Abenteuer sein,
Das meinem Sinn behagt?
Im Wald soll’ s nicht geheuer sein,
Die Muhme hat’ s gesagt.
Da hausen Kauz und Eule,
Und Drachen hegt das Moor.
Ich schneide mir eine Keule
Und dringe muthig vor.

 Durch Sträucher brech’ ich mir die Bahn,
Geknickt wird mancher Spross.
Der Wald wird licht, ich halte an
Vor einem Zauberschloss.
Fest fass’ ich Gewaffen
Und schreite durch’ s Bogenthor.
Da stürzt mit wüthendem Klaffen
Ein Ungethüm hervor.

 Das ist ein Lindwurm ganz gewiss,
Ein Drach von Fafners Brut;
Er fletscht sein fürchterlich Gebiss
Und lechtzt nach meinem Blut.
Doch wie ich lock’ und pfeife,
Da streckt er lang sich aus
Und wedelt mit dem Schweife
Und kriecht in’ s Lindwurmhaus.

 Jetzt kommt’ s heran, es hallt ein Schritt,
Die Stiege ächtzt und knarrt;
Ein Riese aus dem Hause tritt
Mit breitem, rothem Bart.
Er ruft mit lautem Schalle:
“ Du kommst zu rechter Zeit;
Herein in meine Halle,
herein zu Kampf und Streit!“

 Und in des Riesen Saal beginnt
Das Kampfspiel ungesäumt.
Steinkrüge unsre Waffen sind,
Darin es wallt und schäumt.
Das Streiten dauert Stunden,
Und Keiner weicht noch siegt,
Bis endlich überwunden
Der Ries am Boden Liegt.

 Und weiter schreit’ ich hoch erregt,
Bis ich ein Gärtlein find’.
Dort ruht von Rosen rings umhegt
Des Riesen schönes Kind.
Die Stirn umflattert lose
Gelock von goldnem Schein.
Das ist die Dornen Rose,
Die will entzaubert sein.

 Und sind die Rosen noch so dicht,
Ich breche durch im Nu,
Und wenn ein Dorn mich blutig sticht,
Der Stich heilt wieder zu,
Ich neige sacht mich nieder
Auf ihre Lippen warm,
Sie hebt die Augenlider
Und schlingt um mich den Arm.

Baumbach Rudolf   1840 – 1905

Lieder eines Fahrenden Gesellen
Leipzig

Verlag von A. G. Liebeskind
1884

 Sternschnuppe

 

Wenn ein Stern vom Himmel fällt,
ist ein Wunsch dir freigestellt,
Aber sei behende!
Kommst du langsam hinterdrein,
Wenn erblichen ist sein Schein,
Ist der Zauber zu Ende.

 Blumenduft der Nachtwind trug,
Abendfalter mit leichtem Flug
Schwirrten hin und wieder.
Hatt’ am Arm ein schönes Kind,
Sprach von Wetter und von Wind,
und ein Stern sank nieder.

 Zitternd mahnte ihr Stimmlein mich:
“ Hast du einen Wunsch, so sprich!“
Schwer war meine Zunge.
Weiss nicht, was ich lange darnach,
Als der Stern erloschen sprach. - -
Gute, dummer Junge! 

 Sommernacht, wie liegst du weit,
Und du süsse Blödigkeit
Bist schon längst entwichen.
Nimmer mahnt ein Stimmlein mich:
„ Hast du einen Wunsch, so sprich!“
Sternlein ist leider erblichen.

 

Baumbach Rudolf   1840 – 1905
Lieder eines Fahrenden Gesellen
Leipzig

Verlag von A. G. Liebeskind
1884

Der verrückte Geiger

Ein Geiger sitzt am Strassenrand
Den Hut in’s Haar gedrückt.
Er ist bekannt in Stadt und Land;
Der Geiger ist verrückt.
Zerrissen ist sein Kleid,
Durchlöchert ist sein Schuh,
Er schwingt den Bogen nimmer müd
Und singt dazu:

 „ Drei Saiten hat die Fiedel mein,
Die beste Saite sprang;
Drei Lieder weiss ich noch allein
Von hundert, die ich sang.


Das erste sagt von Lieb,
Das zweite sagt von treu,
das dritte klingt gar wüst und wild
Wie Sturm im Mai.“

 „ Es steht am Markt ein Giebelhaus,
Dort sing’ ich gar zu gern.
Drei Jungfern schau’ n zum  Fenster ‚ raus
Wie Sonne, Mond und Stern.
Die erste winkt und lacht,
Die zweite schilt und greint,
Die dritte deckt die Augen zu
Und weint und weint“

  „ Mein Liebchen, sollst nicht traurig sein,
Du bist so schön und gut.
Du wirfst mir aus dem Fensterlein
Drei Heller in den Hut.
Der erste ist für Brot,
Der zweite ist für Wein,
Der dritte für den Bettelmann
Am Strassenrain.“
 

Baumbach Rudolf    1840 – 1905

Lieder eines Fahrenden Gesellen
Leipzig

Verlag von A. G. Liebeskind
1884

 Bin ein fahrender Gesell,

Kenne keine Sorgen.
Labt mich heut der Felsenquell,
Thut es Rheinwein morgen.
Bin ein Ritter lobesan,
Reit’ auf Schusters Rappen,
Führ’ den lockren Zeisighahn
Und den Spruch im Wappen:
Lustig Blut und leichter Sinn,
Hin ist hin, hin ist hin
Amen.

 Zieh’ ich in ein Städtchen ein,
Spür’ ich’ s im Gehirne,
Wo man trifft den besten Wein
Und die schönste Dirne.
Spielmann lächelt wohlgemuth,
Streicht die Fiedel schneller,
Und ich werf’ ihm in den Hut
Meinen letzten Heller.

 Lustig Blut und leichter Sinn,
Hin ist hin, hin ist hin.
Amen.

 Meister Wirth, darfst heut nicht ruh’ n,
Schlag’ heraus den Zapfen!
Back’, Frau Wirthin, mir ein Huhn
Und zum Nachtisch Krapfen!
Was ich heut nicht zahlen kann,
Zahlen will ich’ s künftig,
Darum schreib’ s mit Kreide an,
Wirth, und denk’ vernünftig:


Lustig Blut und leichter Sinn,
Hin ist hin, hin ist hin.
Amen.

 Wein’ dir nicht die Aeuglein trüb,
Mägdelein, vor Trauer!
Fahrender Gesellen Lieb’
Ist von kurzer Dauer;
Fahrender Gesellen Lieb’
Endet vor den Thoren.
Wein’ dir nicht die Aeuglein trüb,
Hast nicht viel verloren.

Lustig Blut und leichter Sinn,
Hin ist hin, hin ist hin.
Amen.

 Kommt ein Stern mit einem Schwanz,
Will die Welt zertrümmern,
Leiert euren Rosenkranz,
Mich soll’ s wenig kümmern,
Wird dem Weltenbrand zum Raub
Berg und Wald und Haide,
Wird das Wirthshaus auch zu Staub,
Schwarzes Bret und Kreide.

Lustig Blut und leichter Sinn,
Hin ist hin, hin ist hin.
Amen.

 

 

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Autor; / 
Baumbach Rudolf   1840 – 1905
Bildnachweis ;-  Spitzweg Carl  1808 - 1885
1. Der Geiger auf dem Dach
2. Der Sterndeuter 1860 - 1865
3. Sonntagsjäger
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