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Ludwig Bechstein 1801 -
1860
Frankfurt am Main
Druck und Verlag von Johann David Sauerländer
1836
Gedichte

Lied der Schildbürger
Gemüthlich zu singen nach der Mel. : Es kann ja nicht
immer so bleiben
oder Willkommen o seliger Abend
Wir haben den Himmmel auf Erden,
Einen andern brauchen wir nicht.
Da wissen wir selig zu werden,
Nicht schreckt uns das jüngste Gericht.
Die Sonne, der Mond und die Sterne
Sind alle in unserer Stadt,
Dort weilen wir fröhlich und gerne,
Und essen und trinken uns satt.
In dem Paradeiß und im Engel
Da gehen wir oft zum Schmaus;
Und streckt aus den lieben Häusern
Gott Vater den Arm heraus, u. s . w.
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Bechstein Ludwig
1801 -1860
Der Todtentanz
Ein Gedicht
von Ludwig Bechstein
Leipzig
Bei Friedrich August Leo
1831

Der Schalksnarr.
Der Pilger wich aus dem Pfuhl
des Verderbens,
Er war gewohnt die Bilder des Sterbens,
Doch ekelt ihn an der Verwesung Duft,
Und er fühlte sich frei auf der Bergesluft.
„ Bald bin ich der langen
Wandrung müd’,
Der Jammer wohnet im Nord und Süd!
Stets find’ ich die Menschen unbedacht,
Und doch sklavisch zittern vor meiner Macht.
Ich stand auf der Menschheit höchsten Höhn,
Hab’ alle grosse That gesehen,
Doch schreckte mich oft vor tieferm Blick
Ihre stolze Heuchelei zurück.
Und sah ich nun, wie tief entehrt
Die Menschheit ihren hohen Werth,
Wie sie zur Gottheit kühn sich schwingt,
Dann wieder im Schlamm der Lüste versinkt,
Das Höchste höhnt, das Schlechteste preisst,
Wenn’ s nur die Sinne besticht und gleisst,
Da hab’ ich mit Freuden sie fortgerafft
In des dunkeln Grabes lange Haft.“
_________________________________
Wie so der Wandrer in Gedanken
Hin über Thäler und Hügel schritt,
Sah er von fern einen Menschen wanken;
Der rief_ „ Gavather!
Nimm mich mit!“
Der Pilger alsbald verwandelt stand
In eines Bockpfeifers Lumpengewand,
Und harrte dessen, der ihn rief,
Der mit tollen Sprüngen näher lief,
Umtönt von lustigem Schellenklang
Und in der Hand eine Kolbe schwang;
Die Kappe mit ihren langen Ohren
Hing hinten herab, hätt’ sie fast verloren;
Sein Gewand war elend und jämmerlich,
In trauriger Blösse zeigt’ er sich,
Doch aus fröhlichen Augen blickte hell,
Und Gesichte schnitt der zerlumpte Gesell,
Und rief: „ Gevatter, es thut mir leid,
Dass Ihr so feist geworden seid!
Ihr habt Euch gewiss, bei meinem Leben;
Im Armenspital im Pfründe gegeben?
__________________________________
Oder hat Euern Leichnam
unvermerkt
Ein Seelenbad der Mönche gestärkt?
Kommt, lasst uns ein wenig selbander gehn,
Mich hungert, will mich satt an Euch sehn!“
Dort gingen sie hin unter
Schellenklang,
Der Wandrer blies und der Narr, der sang,
Sie hüpften vor Freuden auf einem Bein,
Es mocht’ eine Lust’ge Gesellschaft sein.
„ Heute mir und morgen Dir!
Sing’ ich jeden Tag.
Was das Heute nicht gewährt,
Wird vom Morgen wol bescheert,
Oder kommt noch nach !“
„ Heute mir und morgen Dir
Fällt die Frucht vom Baum!
Geh’ es noch so bunt und kraus,
In dem grossen Narrenhaus
Ist für Alle Raum!“
„ Heute mir und morgen Dir
Winkt das falsche Glück!
Trau ihm nicht aus Herzengrund!
Bruder, es ist kugelrund,
Bricht Dir das Genick!“
„ Heute mir und morgen Dir
naht der letzte Tag!
Meine Erben, kommt heran!
Wer will meine Kappen han?
nehm’ sie, wer sie mag!“
Gar wunderlich ist es
anzusehn,
Wie mit einander die Beiden gehen.
Der eine singt sein lustiges Lied,
Der Andre wird das Pfeifen
nicht müd,
Fasst jenen an, und geht mit ihm fort,
Und bringt auch ihn an seinen Ort.
Und ob er einen Narren
gefällt,
Bleibt doch die Narrheit in der Welt,
und nicht mehr beschränkt aufs Schellengewand
Stellt sie sich blos in jeglichem Stand.
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Ludwig Bechstein 1801 -
1860
Frankfurt am Main
Druck und Verlag von Johann David Sauerländer
1836
Gedichte

Tonkünstler
– Lied
Brüder, singt mit frohen Tönen
Unsrer heiligen Kunst ein Lied,
Der das Leben zu verschönen,
Gott das heitre Loos beschied.
In des Künstlers Busen glühet
Mächtig der Gefühle Drang,
Und die Harmonie erblühet
Herrlich draus im Ton und Klang.
Seine Seele wird Gedanke,
Der Gedanke sanftes Wehn,
Um als Klang aus enger Schranke
Himmelselig zu erstehn.
Siegend zieht er durch die Pforten,
Fesselt Hörern Herz und Sinn,
Und es schweben auf Accorden
Die verwandten Seeln hin.
Was das Leben Herbes reichert,
Mildert uns der Töne Macht,
Die den Erdenschmerz verscheuchert,
Wie das Morgengold die Nacht.
Brüder, lasst uns froh vertrauen
Auf der Leiden wildem Meer;
Unsre Kunst vermag zu bauen
Einen Himmel um uns her!
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