ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

__________

 

 

 

 

  Conrad Michael  Georg  1846 -1927


 Roman
Zweite Ausgabe
Berlin S. W. 12
Hugo Steinitz Verlag
1896


 
Die Beichte des Narren
 


Kap. I



Darauf war ich allerdings nicht vorbereitet.
Eher hätte ich mir die Hand bis an den Ellenbogen verbrannt.
Das dumme Frauenzimmer -
Das urdumme Frauenzimmer -
Angelika!

Das ist ja, um sich Läuse auf der Zunge wachsen lassen.
Nein, ich will Niemand demoralisieren.
Lieber mich wälzen vor lachen.
Und dieser Jüngling, dieser hoffnungsvolle Schlammbeißer.
Ich will nichts gesagt haben, gar nichts.
Aber das ist die Höhe.

Ob sich’ s  noch höher steigen lässt?
Mein Bauch thut mir leid, doch  es soll seinen Teil von der Gaudi haben.
Da wird nicht ausgekniffen.    Das ist ein historischer Moment.

Der historische Schlammbeißer – Moment.
Ich kugle mich vor Lachen, ich schieße Purzelbäume über diesen Geniestreich.

Nachher die Genugtuung des freien adeligen Mannes.
Die Rache des Gefolterten. Daß ich  ein Narr wäre, auch noch für Euch als Märtyrer herzuhalten.Da sperre ich sie herein, in diese Blätter, die ganze schöne Tugendbande. In ihrer wahren Natur will ich sie zeichnen. Und mit der Feder wie mit Skorpionen peitschen.

Wenn ich’s nur zu Ende bringe, wenn ich’ s nur aushalte. Ach, sie haben mir so toll mitgespielt – Soll ich dazu in der  Welt sein, all’ dies Wehthun wie ein stummer Hund zu ertragen?
Weil ich’ einen Buckel und einen Ansatz zum Kopf habe? Weil ich an den Mädchen hange - ?
Weil ich kein Krösus bin - ?
O mein armer Kopf!
Da kommt’ s wieder. Der schreckliche Mißton aus der Wand.
Ganz plötzlich.
Hier an dieser Stelle.
Ich bohre hinein. Ich drücke den Finger darauf.
Unerschütterlich der nämliche Misston, ganz unbeschreiblich.
Wie brummendes Tönen und Stöhnen einer zersprungenen Riesenglocke.
Die Sprache versagt mir während dieser Höllenmusik des eigenen Tones.

Das sitzt in der dritten Hirnwindung des linken Großhirns, hat der Doktor Stich gesagt, mit lächerlich ernstem Gesicht.

Dann höhnte er: „ Sie schreiben eine schöne Pfote, Baron. Es macht nichts, bei Ihren Verhältnissen, wenn Sie des gesprochenes Wortes nicht mehr mächtig sind.“

-  Bringe ich keine artikulierten Laute mehr heraus? Fragte ich.

 „ Erkrankungen der linksseitigen dritten Hirnwindung erzeugen in der Regel – „ er sagte ein griechisches Wort, das ich nicht behalten konnte.
Es klang wie Aspasie, Aspasie, Aspasie – so ähnlich.

 Aber die Schreibfähigkeit, also? Die bleibt, meinen Sie Doktor?
“ Erkrankungen an der zweiten Hirnwindung haben Verlust der Schreibfähigkeit zur Folge. Es ist dabei indeß nicht ausgeschlossen, daß in den  entsprechenden Gegenden  - rechtes Großhirn – linksseitiges Zentrum – Fortfall – neue Zentren – neue - - „
-  O mein Kopf, mein Kopf, ich glab’ , es fing schon damals an, wie er diesen schrecklich gelehrten Bandwurm mir langsam ins Ohr setzte. Das ist dann Wissenschaft und moderne Heilkunde.   - Können Sie mir mit ihrer hypnotischen Kunst helfen, wenigstens damit?

Da grinste er wieder wie ein assyrischer Mumienkönig und zwirbelte seinen glänzend schwarzen Spitzbart: „ Damit ist’ s bei Ihnen nichts.“  -  Dank für die Belehrung! Und das Honorar, Doktor?
“ Zahlt mir die Blonde aus, Fräulein Nanni, meine alte Freundin.“  Das ist der Schleimmbeißer Nro 2, gemeiner noch als Nro 1, der mir die Braune gestohlnen, meine Mali.
Ach, mein armer, gefolterter Kopf.

Wenn’s nur mit dem Schreiben vorhält. Daß dann jeder seinen Denkzettel kriegt, dafür stehe ich. Wenn irgend ein Unfall an der rechten Hand mich lähmte?
Ich werde mich mit der linken Hand jetzt schon üben und sie so ausbilden, daß ich  mit der linken eben so deutlich schreibe wie mit der rechten.
Der Ton, der Ton!
Ich kann nicht mehr.
Ich ziehe aus. Morgen wird gekündigt. Fort um jeden Preis. Ueber die Isar hinüber.
Wo’ s noch billige Herberge gibt, in der Liliengasse, am Feuerbach, oder am Entenbach.

Billige! Und stumme! Gott thut vielleicht noch ein Wunder.
Wenn ich nur die Mädchen- - - -

Aber das ist ja aus und vorbei.
Die bringe ich doch nicht mehr unter mein väterliches Dach.

Nie mehr, nie mehr.
Immer fort, immer fort, weiter und weiter.
Sie und ich.

 In die Schlammbeißerei mit  hinein? Ich danke. Aber fort!

Heute lieber, als morgen. Morgen bestimmt.
Augen werden die Nachbarn schon machen, wenn der „Herr Baron“ schon wieder wandert.
Hunde, was gehen mich Eure Augen und Euer Gegauz an?
Wirtin, für schlechte Herberg Tag und Nacht, sei Euch ein Pereat gebracht.
So was deklamiert sich sehr schön: Pereat gebracht.

Aber zahlen vorher, baar, hier, auf die Hand.
Womit?
Ich rücke aus, mitten in der Nacht.
Ich trage alles Meinige mit mir.

Leichtes Gepäck, wahrhaftig. Ich versetze das letzte Stück aus meinem Ahnensaal.
Das ist nun die vierte Wohnung in drei Monaten.
Nirgends Ruhe vor dem gräulichen Misston.

Ueberall, plötzlich ist er wieder da.
Fragte ich den Stich, so erhalte ich eine blödsinnig gelehrte Antwort, jedoch niemals Hilfe.

Es ist, um sich die Extremitäten auszuraufen.

Mit diesen ruppigen Kerls muß sich ein Edelmann herumschlagen. Wer zuletzt lacht. Abwarten.
Der Ton – es ist, als ließe er nach, wenn ich die Stelle an der Wand, wo er herausbricht, scharf fixire.

Oder lässt mein Gehöhr nach? Werde ich vollends taub?

Ich muß den Doktor Stich einmmal auch darüber ausforschen.

Wär’  der Mensch nur nicht so niederträchtig boshaft. Und das Honorar.
Eine Gemeinheit bleibt’ s. Ich habe eine Idee - -

Wahrhaftig eine Idee. Eine Idee, die mich zwar den Kopf kostet. Was liegt mir altem Kerl am Kopf, wenn ich einmal vollends hin bin?
Ich will den Doktor Stich in mein Testament setzen, ich will ihm meinen Kopf vermachen, meinen adeligen Kopf, meinen Freiherrn – Kopf.

 Mit der Klausel, daß er ihn sich persönlich abschneiden muß, sobald mein letztes Stündlein geschlagen.

Ich will mir noch Einiges dazu ausdenken, das der Mühe wert ist, daß er mit den Zähnen klappert vor Entsetzen

 Damit er wenigsten die Mädchen in Ruhe lässt. Gemeinheit. Honorar nennt er das und macht die Dinger krank und verrückt, daß mir die Haut schaudert.

Was gehen den meine Mädchen an? Er soll sich für seine speziellen Wollust – Forschungsversuche andere Menschentiere suchen. Ich mag nicht mehr.

Er soll meine Mädchen in Ruhe lassen, der Tropf.

So ein gelehrter, vornehmer, berühmter Herr – und ein solcher plebejischer Tropf.

Da hört doch Verschiedenes auf.

Das ist noch über die Schlammbeißerei der Anderen, womöglich. Ein Mann in solcher Stellung – und ein solcher Hundsfott.
Und das nennt sich Arzt – ein solcher schweinischer Schindersknecht.
Nicht  in meinem Abort möchte’ ich den Kerl haben.

Ein solcher Gottesmörder.

Was sagte er neulich zu mir? Ich weiß das gelehrte Wort nicht mehr, mit meinem Uebrigen sind auch  Nachschlagebücher den Weg alles Fleisches gewandert. Einiges zum Trödler, das Meiste zu falschen Freunden. Meine schönen Bücher alle fort.
Ich habe viel gelesen. Meine Trosteinsamkeiten.
Namentlich die englischen und amerikanischen Schriftsteller mit dem heimlichen Humor.
Und die Wissenschaften der gottbegnadeten Indier. Es klang wie Abortismus, Avatismus, Avatarismus – oder so ähnlich.

 Fremdartig.

Das also wollte er mir anthun, wenn ich betreffs der Mädchen mich noch länger sträubte oder ihm lästig falle. Es bestehe darin, mir meine Seele, mein Ich  wegzuhypnotisieren, wie ein Taschendieb zum Beispiel einem das Portemonaie wegfingert.
Eins, zwei, drei – ein Gedanke, ein Blick und man ist aus sich heraus und in was anderem drin, zum Beispiel im Kaiser von China oder in der König von England.

Er wollte mich aber zur besonderen Züchtigung in einen Münchener Magistratrat, natürlich den allerdümmsten, hineinzaubern oder in die sterbliche Hülle eines Raubmörders, dem sogar die Münchener Polizei auf der Spur ist, dem ‚ s also wirklich einmal an den Kragen geht, ohne Gnade und Barmherzigkeit.

 Es ist also nicht genug, daß es Geister gibt, die einem nachsetzten  und keine ruhige Stunde lassen, nein, man muß dazu noch aus der eigenen Haut heraus und sich in Leichnam der ersten schofelsten Schubjacks, herumhudeln lassen.

 Und in einem halben Dutzend nacheinander, damit ich sechsmal auf Schaffot müsste –

Das wollte er mir anthun, drohte er.

Ah – wieder der scheußliche Ton in der Wand.

Am Ende hat den auch der Satanssohn Stich hineingezaubert?
Wo ist denn noch irgend eine Sicherheit, wo solche Schrecknisse möglich sind?
Wer garantiert mir denn, daß ich noch ich bin  - und nicht irgend  eine verdammte Seele, von der ich zeitlebens keine Ahnung gehabt, in meinem Kopf eingekerkert ist und herausmöchte und das Loch nicht findet.

Daß ich selbst  also ein ganz Anderer bin und meine eigentliche Wenigkeit, mein verdrister und genealogisch nachgewiesener reinblütiger Baron, zur Zeit Gott weiß wo herumspaziert?

Warum hüpft das Blatt auf, während ich schreibe?
Jetzt wieder – jetzt wieder.

Es ist doch keine Spur Zugluft im Zimmer. Das einzige Fenster ist geschlossen, damit mir das Gesindel von da drüben nicht hereinguckt.
Jetzt bläht und wölbt sich’ s, ich drücke mit allen Fingern dagegen.
Es ist Laurentiustag, keine Wolke am Abendhimmel Bläst der Ton  aus der Wand unter die Blätter?
Man hört nichts mehr - - - - -
Und jetzt alles ruhig. Unglaublich ruhig.
Ist es möglich?
Die Welt wie ausgestorben.
 
 

Und ich sitze da, beinahe wie mich Gott geschaffen.
Und alles so freundlich. Meine gelblederne Unterhose liegt heiter neben mir, zur Schonung, und an der Tür hängt meine einzige schwarze Tuchhose.

Und mein gutes Staatshemd liegt auf dem Bett, fast noch jungfräulich weiß.
Und mein Zylinder thront verborgen  in seinem Futteral.
Eine Ruhe –

O Gott, eine selige Ruhe. Es ist ein Augenblick – wie auf einer stillen himmlischen Insel. Nie erlebt.
Wo bin ich denn?
Alles wie verzaubert. Kein Ohr hat das gehört.

Wie verzaubert –

Bin ich’ s?
Wer hat das geschrieben?
Wer sagt, daß das geschrieben ist? 

Ich?
Du?
Er?
 Wer ist der Narr?
Ich drücke die Augen zu und schlüpfe unter die Decke, auf den Strohsack.

 Vielleicht -- - - -
mit Gottes Hilfe - -
Morgen Abrechnung und fort!

 

 

 

______________________
Autor; / 
Michael  Georg  Conrad 1846 -1927
Bildnachweis ;- / Füssli Johann Heinrich 1741 - 1825 /  Ein Maler mit der Brille zeichnet einen Narren 1757 - 59
Zurück

Startseite