ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

__________

 

 

 

 

   Conrad   Michael  Georg 1846 -1927


 Roman
Zweite Ausgabe
Berlin S. W. 12
Hugo Steinitz Verlag
1896

Die Beichte des Narren
 

Kap. IX

 

Mein König soll wahnsinnig gewesen sein.
Gewesen sein.
Soll!
Da wurde er entthront.
Dann wurde ein anderer Wahnsinniger zum König ausgerufen und auf den Thron gesetzt.
Auf den Namen dieses notorisch wahnsinnigen Königs wird nun der Diensteid der Beamten und der Fahneneid der Soldaten abgenommen.
Wahnsinnig und dennoch von Gottes Gnaden König.
Seitdem fühle ich mich Königslos.
Zu der Gnade Gottes lasse ich keine falsche Musik machen. –
Man macht heutzutage zu Allem Musik.
Zu jeder Gemeinheit macht man Musik.
Die Musik verträgt sich mit jeder Gemeinheit.
Darum nimmt die Musik in der Schlammbeißerwelt den höchsten Rang unter den Künsten ein.
In der Aristokratie der Künste nimmt sie nach meiner Schätzung überhaupt keinen Rang ein.
Arthur Friedberg kann deklamieren nach Noten, bis zum jüngsten Tag, der Musiknarr.
Mein Zwicker blieb trüb, ich mochte noch so sehr daran herumputzen. Oder ist mein Augenlicht trüber geworden?
Wundern sollte mich’ s nicht.

 Dennoch erkannte ich den größenwahnsinnigen Tonheros Arthur Friedberg wieder.
 Mit dem schwarzen Ränzel an der Seite lehnte er am Brückengeländer und lauschte in den Fluß hinab.
Mitten im Flockenwirbel, unbewegt im Schneesturm.
Eine Stunde vor Mitternacht.
Ich empfinde es als kein gutes Zeichen, daß dieser Mensch wieder hier herumgeistert.

Die wirren Haarbüschel auf den Schultern, wie damals. Die unermesslich langen Beine in den kurzen Schlotterhosen. Gelbe waschlederne Handschuhe. Ein Hütchen  wie ein Idiot.
Der wollte damals der „ überlegenen Kunst“ die Weltherrschaft mit seinen „eigenen Produktionen“ erkämpfen.
Unter „überlegenen Kunst“ verstand er die sogenannte Programm – Musik. Musik, die ein Programm als Dolmetsch braucht, damit sie nicht unverständlich bleibt wie chinesisch oder Malayisich .
Ich verlasse München, wenn dieser Musiknarr –
Schon fangen mir die Ohren an zu summen.
Es war in mir und um mich so schön still geworden. –

Kein Mensch ist seines Verstandes mehr sicher, wenn man ihm beharrlich die Ruhe raubt.
Nur die Schlammbeißer glucksen vor Vergnügen, wenn der Tanz wieder losgeht. Ich hatte mich in diesen Wochen in eine liebliche Stille eingesponnen.
Auf die Galere mit den Musiknarren, in die Kasematten mit ihnen. Ich will mich selbst genießen, ohne Anfechtung ohne Kunst – Musik.

Es ist entsetzlich. Ich bringe den Menschen nicht  mehr los. Gestern bin ich ihm wieder begegnet, an der nämlichen Stelle. Ich hielt ihn für erstarrt und angefroren, eine Art von Brückenheiligen. Ich dankte Gott und eilte.
Da wurde er plötzlich lebendig und schrie mir nach. Sein Atem wirbelte wie Nebel um meinen Kopf.

Er stellte mich, da gab’ s kein Entrinnen, und sprach aus seiner unheimlichen Höhe – er ist ja lang wie ein Fahnenmast, hoch wie ein Maibaum – auf mich ein.
Die Himmlischen mögen es dem Erwin Hammer verzeihen, er hat einst diesen schrecklichen Tastenschläger auf mich gehetzt. Ich hab’ ihn nicht gesucht.

Also er trommelt mit seiner Zunge auf mich nieder.
Ob ich angenehm logiert sei, er habe kein passendes Heim gefunden, ob er nicht bei mir wohnen könne!
Ohne eine Antwort abzuwarten, trommelte er weiter, mit den langen Knochenfingern meinen obersten Rockknopf drehend: „ Das ist es, hier, was die Isar rauscht, hören Sie, hören Sie? Ich kann ‚ s nicht fassen, kann’ s nicht lassen.
Nächtelang steh’ ich hier. Dieses Leitmotiv, hören Sie, da kehrt’ s wieder – ah, ah,ah, rio ra rio ra – hören Sie ?
Ich sprang rückwärts, so energisch, daß mein Knopf in seiner Hand blieb.
Nun sah ich erst, daß er sein Idioten – Hütchen   mit einem Taschentuch über den Kopf festgebunden hatte.
 Seine Augen glosten, sein Atem fauchte.
Seine Stimme war schrill und schneidend wie ein Lokomotivpfiff.
Er, mit einem riesigen Storchschritt, wieder bei mir, seine Knochenhand wie eine Kralle auf meiner bebenden Schulter:
„ Wissen Sie, Baron,  die Adresse unserer lieben Frau Bertha, der musikalischen Forstmeisterswittib? Ihre Titusfrisur ist gewiß wieder in’ s Zopfige gewachsen, so lang ist’ s her.
Adresse wissen Sie nicht?
Hat ihren Mädchen v. Starkloff wieder angenommen.
Wissen Sie nicht? Ihre Freundin, unsere Freundin.
Die nähme mich auf wie einen Gott.“
 - Verehrter Herr, Sie täuschen sich in mir, ich kenne weder Freunde noch Freundinnen hier.
Ich lebe einsam auf meinem Schloß.
„ Ganz mein Fall, Baron,“ schnitt er mir mit schlappernder Zunge das Wort ab. „ Nehmen Sie mich mit auf unser Schloß.“
Plötzlich fährt er mit seinen Fingern in den Mund, zieht ein weiß und rot schimmerndes Ding heraus, pustet darauf und schiebt’ s wieder in den Mund zurück. 
Ein künstliches Gebiß? Kunstzähne mit Kunstmusik?
Mir sträuben sich die anderthalb die Haare unter meinem Zylinder.
Am Ende hat er auch einen künstlichen Kopf, nimmt ihn herunter und pustet hinein und der Teufel geht los.
Oder auch künstliche Arme und Beine, und er zieht ein Glied ums andere heraus und macht ungewöhnliche Sachen damit. Er fasst sein linkes Bein, zieht’ s heraus, aus dem Leibe, wie aus einem Futteral, nimmt’ s in die rechte Hand und schwingt’ s wie einen Taktstock und haut mir meinen Zylinder vom Kopf.
 Blitzartig war mir’ s, als säh’ ich das Alles.
In dieser Einsamkeit der Winternacht auf der Maximilianbrücke. Kein richtiger Mensch weit und breit. Der Himmel so furchtbar hoch. Der Schnee  weißer und glitzeriger, als ich ihn je gesehen.
Und nun geht sein Wortgeschlapper und Kinnbackengetrommel wieder an.
Unsagbar unheimlich.
Woher nimmt denn dieser Mensch das Recht, mir meine heiligen Nächte mit Grauen und Schrecken zu erfüllen?  Es ist doch einfach unverantwortlich, mir so meine nächtlichen Spaziergänge zu verekeln.
Steht er mit dem Satan im Bunde? Oder hat sich ihn der einsame Doktor Stich eigens herbestellt, um ihn mir auf den Hals zu hetzen?
Herr, sind Sie des Teufels, daß Sie mich mit diesen nächtlichen Unterhaltungen belästigen? Donnerte ich ihn an, indem ich mich zugleich auf’ s  Aeuserste bemühte, ihn mit meinen Augen zu durchbohren.
Er grinste wie Einer, der mit Komplimenten gefüttert wird, mit unerhörten.
 - Herr, lachen Sie nicht! Rief ich. Mit einem einzigen Wort zerschmetterte ich Sie. Sie sind nicht, für den Sie sich ausgeben. Sie sind – wissen Sie, wer Sie sind?
Er grinste noch heftiger und pfiff: „ Baron, das hilft Alles nicht.“  - Hakknaxfurur sind Sie! Hakknaxfurur der Bader!
Es war eine Eingebung von Oben. In diesem Augenblick hatte ich wirklich die Vision des verrückten Baders, der mich in früheren Zeiten zu rasieren und frisieren pflegte.
Hakknaxfurur! Rief ich noch einmal. Und wie beschwörend: Ziehen Sie sich auf der Schneide Ihres Rastermessers zurück, ich bedarf Ihrer Dienste nicht mehr!
Alles wie Eingebung von Oben. Ohne Berechnung. Meine Beschwörung hatte leider nicht der wünschenswerten Erfolg. Im Gegenteil. 
Der schreckliche Mensch beugte sich über mich, umschlang mich mit beiden Armen und tanzte mit mir ein paar Mal in der Runde herum.
 - Mein Zylinder! Herr geben Sie Acht auf meinen einzigen Zylinder!
Er drückte mir den Zylinder fest in den Nacken, ohne mich loszulassen und sagte mit einem widerlichen Lachen:“ Hakknaxfurur kannte ich auch, den Bartschaber aller genialer Leute. Aber der hat sich aufgeknüpft im Hause des heiligen Onuphrius.
Wissen Sie das nicht, Baron? Aufgeknüpft, oben unter dem Dach, an einem Sparren.
Aus Verzweiflung über den heiligen Ehestand.
Aufgeknüpft.
Nicht auf der Schneide seines Rasiermessers verduftet, wie sie es von mir wünschen. Ich bin so glücklich, Sie wieder gefunden zu haben, Baron.
Alle geniale Leute von früher sind fort aus München, Erwin Hammer, Edgar Trostberg, alle.
Sie, Baron, sind der einzige stolze Rest. Erlauben Sie mir, daß ich mich an Sie anklammere –
„ Nun war es an mir, große Augen zu machen und womöglich gute Miene zum bösen Musikantenspiel.

  -  Herr Friedberg, sagte ich, da Sie’ s nun doch einmal unverbrüchlich sein wollen, der Tod des Hakknaxfurur ist mir eine Neuigkeit. Die ganze Welt ist mir eine Neuigkeit. Genehmigen Sie jedoch das Geständnis, daß ich nicht nach Neuigkeiten dürfte.  Ich habe mit der Welt abgeschlossen. Ich lebe zurückgezogen wie ein Klosterbruder. Alle Weltlust und Fleischeslust hab’ ich in mir ertötet. Ich bin gemäßigter Vegetarier – und so weiter und vollkommen unmusikalisch  -  Gleich fiel er mir in die Rede: „ Und trotzdem Aristokrat der Geburt und des Geistes – Machen Sie sich nicht  geflissentlich schlecht, Sie lieber Mensch –„  So entwaffnete er mich Stück für Stück, hielt mich mit seinem endlos langen Arm unter der Schulter gefaßt und zog mich  im langsamen Gehen mit sich fort.  
Wir kamen um das Maximilianeum herum, auf dem glattgeschaufelten Asphalttrottoir. Er wollte in die Anlagen hinein, gegen Bogenhausen zu. Aber da lag der Schnee zu hohen Schwaden angeweht.

 Und er sprach in einem fort, wirr durcheinander. Allmählich wurde mir warm dabei. Der kalte Wind, der auf der Brücke wie Eiseshauch meine Stirn gemartert, hatte nachgelassen. Dichte schwarze Wolken senkten sich langsam auf die Erde herab und fingen den Wind ein.  Wie gingen wie hinter Schutzwänden. Er und ich.
Es war seltsam.

Wie lange bin ich keinem Menschen mehr zur Seite gegangen, dachte ich, und nun hält mich dieser Narr Leib an Leib, luftwandelnd in der Winternacht. „ Kennen Sie den Privatdozenten Doktor Stich?“ fragte er plötzlich. Wir hatten gerade die zweite Runde um das Maximilianeneum beendet. Ich schauderte zusammen. Ich brachte kein Wort heraus.  Die Zähne schlugen mir aufeinander und saßen fest.

„ Er ist kein Aristokrat, wie wir, Baron. Er ist ja berühmt. Er hat hohe Gaben, auch für Musik. Dennoch ein Abenteurer.“ Mein Puls hämmerte.
Sehr richtig, rief’ s in mir.  „ Einen meiner Freunde treibt er zur Verzweiflung.“  - Oho! fuhr mir’ s jetzt heraus.

„ Mein Freund hat eine schlimme Entdeckung gemacht. Seit wenigstens ein, zwei Jahren hat seine Frau ein Liebesverhältnis  mit dem Doktor,  und er kann den Verbrecher nie auf der That ertappen, nie abfassen – „ - Ein Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau?
„ Die Moral hat ja gar nichts dabei zu thun, verheiratet oder nicht. Aber einen Dritten tief unglücklich zu machen, das ist das Verbrechen.“

 - Ein wirkliches Liebesverhältnis? Seit ein, zwei Jahren, Herr Friedberg?
So lange schon?  

„ Gewiß. Ein so aufsaugendes und ausschließliches Verhältnis, da ß Stich für nichts anderes mehr zu haben ist. Und trotzdem nie auf der That  zu ertappen.“  - So ausschließlich und aufsaugend? Seit ein, zwei Jahren?  „ Das würde man ihm nicht zutrauen, diesem Abenteurer, nicht wahr?
Diese Ausdauer.“ 

 - Für nichts anderes mehr zu haben?

„ Wie jede echte Leidenschaft. Wenn etwas an dem herrn Stich echt ist, so ist es diese verbrecherische Liebe zur Frau meines Freundes.“  Ich blieb stehen und sah mir den Sprecher von der Seite an.
 - Und noch nicht auf frischer That ertappt? 
„ Trotz der scharfsinnigsten Bemühung, es scheint unmöglich.“

Aber nun hab ich dich auf frischer That ertappt, scharfsinniger Herr. Du Musikant bist der Mann nicht, mir ein X für ein U vorzutüten. Soweit verzweigt sich die Helfershelferschaft, die dieser Urgauner Stich in seinen Diensten hat. Wie ein Fuchs, der seinen Schwanz als Wedel benutzt, um seine Fußspur im Schnee zu verwischen, schickt der abgefeimte Mensch mir diesen Musikanten her, daß er mir „ ausschließliche und aufsaugende“  Liebesabenteuer mit der „ Frau eines Bekannten“ seit „ ein, zwei Jahren“ vorphantasiere, und daß Stich „ für nichts anderes“  mehr zu haben gewesen sei.

Zum Beispiel für meine armen Engelsmädchen.
So mich verwirren und übertölpen zu wollen.Alles ist in Aufruhr in meiner Seele und in meinem Leibe. Wenn ich wieder ruhig bin, nehme ich mir einmal die Brieftasche und den Musikanten vor.
Aber gründlich. Ganz kurios gründlich.

          

Wir Aristokraten. Wir: Dieser Stich’ sche Sendbote, dieser musikalische Schlammbeißer. Ich bin so müde all’ dieser Narren. Aber ich gebe nicht nach. Das ist das auszeichnend Aristokratische: Nicht Nachgeben und gings bis aufs Blut. Trotz  Wind und Wetter – hart durch, mags der gemeinen Vernunft noch so sehr wieder den Strich gehen. Fest, unverdorben und unverzagt. Immer auf der Linie des aufsteigenden Lebens, auch wenn der Leib scheinbar zusammenschrumpft.  Wie bin ich mager geworden. Magerkeit ist vornehm. Ich glaube, ich wiege keine hundert Pfund.

Nur die Schlammbeißerei setzt Fett an und patscht vergnügt mit dicken Plebejerpratzen auf der Dickwanstigkeit herum. Rohe, rote Schlächtergesundheit, bei plumpen, stumpfen Nerven, seichtem Gehirn.

Ein wehmutiges Wort, das ich auf einem Papierfetzen gefunden –
das Stich’ sche  Bücherpacket ruht uneröffnet in der Schlafkammer der  Madame da drüben - : „ Im weiten Meer ( des  Zweifels) verloren sie Ruder und Steuer und fanden sich nicht mehr zurecht.

 Da sandte ihnen Baldur seinen Sohn Forseti zu Hilfe, den Gott der Gerechtigkeit und Rechtswahrheit.“ Ja, wer uns diesen Sohn Forseti zu Hilfe sendete! Aller Pein wär’ ich ledig. Denn oft glaub’ ich wirklich, daß es am Ende doch meine Kräfte übersteigt, daß ich’s nicht allein durchfechten kann.
Acht Tage vor Monatsschluß kommt eine mörderische Unruhe über mich wegen der Unregelmäßigkeit der Postanweisung. Mich so in Sorgen und Aengsten zu versetzten .
Das ist unsagbar gemein.

 

Dazu als Absender stets ein anderer fingierter Name mit bewusster Anzüglichkeit. Zum Beispiel: Frau Untendurch, Frau Hüngerle, Frau Himmelstoß, Frau Schweiger. Natürlich in unbekannter Handschrift. Postaufgebeort stets München. Ein Beweis, daß viele Unberufene Mitwissen haben. Wer kann erraten, was für Galgenvögel unter der Decke mitspielen.  Ich zittere, wenn die Postanweisung ankommt und ich zittere, wenn sie auf sich warten lässt. Madame Theres lacht jedes Mal so unverschämt, dass ich glauben muß, auch sie ist in das Komplott gegen mich eingeweiht.

 Feinde ringsum. Sie wimmeln unsichtbar in der Luft herum.
Wie sind sie’ s geworden? Aus Neid und Bosheit. Weil ich der Aristokrat bin, der Freiherr, und sie die Schlammbeißer.
Das Sonnenwunder blendet.
Ich begreife, daß viele Adelige allmählich sinken.
Sie machen die harte Erfahrung, daß besser ist,  nicht anders zu sein, als die Anderen. Die Lumpigen, die Hässlichen und die Dummen haben es am besten in dieser Welt, die ihre Gesetze von der Schlammbeißerei empfängt. 
Aber der standhafte Sonnen – Prinz und  Adelsmensch wird verhöhnt und verfolgt bis aufs Blut.

Gäbe ich das Mysterium meines Lebens Preis, würden sie mich wie einen Papst auf Ehrenstühlen herumtragen und mich mit den kostbarsten Sraußenfächern bewedeln. Auf den Knieen würden sie vor mir liegen und Hymnen auf meinen Buckel singen.
Meine X – Beine würden sie gleich  Siegessäulen mit Guirlanden schmücken.
So aber muß ich leiden für den Vorzug, den mir die Götter gegeben haben.

 

 Die Auserwählten sind immer die Prügelknaben für die Schlammbeißer – Gemeinheit. Wie ein Verhängnis heftet sich die Drangsal an ihre Fersen.
Dasselbe Verhältnis, das durch die ganze Weltgeschichte den majestätisch zögernden Spuren der Könige folgt.

Wir werden stets mit falschem Maß gemessen.

Keiner müht sich ehrlich, unser besonderes Sein und Wesen zu begreifen und uns danach zu richten. Wenn ich so durch die winterlich verhüllte Welt schreite, rüttelt oft der  Jammergedanke mein Hirn: Die alten Götter sind nicht mehr. Sie sind gemordet worden und begraben.
Sie sind unterlegen im Kampfe gegen die Schlammbeißerwelt.

Und ach, sie sind nicht gefallen wie ewige Helden, mit ihren sterbenden Leibern zugleich die Gegner zermalmend und unter sich begrabend.
Wo käme sonst das Gesindel her? Aber dann bäumt sich der Adelsmensch in mir auf.
Und wenn ich Sturmessausen in der Luft höre, ist mir, als rauschten die alten Götter durch die Wolken mit siegreichem Heerzug.
Hin und her, auf und ab.
Die Sicherheit ist geschwunden.

          

 

Drei Tage nach der Wiederbegegnung mit dem Geheimagenten Stich’ s, dem Musikanten Friedberg – jetzt fällt mir ein, daß er sich vor Jahren einmal als Gast am Tische der Ungespundeten  rühmte, in seiner Familie vererbe sich das „ goldene Gehirn“! - -ist es der geriebenen Hausfrau  gelungen, mir einen Teil meines neuesten Geheimnisses  zu entlocken.
„ Sie sehen verstört aus, Herr Baron.
Ist Ihnen wieder etwas Garstiges über die Leber gekrochen?“
 - Nichts daß ich wüsste. Ich führe sozusagen das schönste Leben.
„ Das denk’ ich auch. Sehen Sie mir einmal recht fest in die Augen, Herr Baron.
Gelt, Sie können nicht? Nein, Sie können nicht.
Vor mir sollten Sie sich  nicht verstellen wollen.
Das hilft Ihnen doch nichts.
Ich habe’ s doch gleich heraus.
Na, also Herr Baron, was ist’ s denn wieder?“
Wie ich ihr nun Einiges erzählte, lachte sie: „ Das haben Sie geträumt, so Etwas giebt’ s nicht.
Sie werden um Mitternacht im Schnee mit einem Musikanten um’ s Maximilianeum herumtanzen!
Na, na, na. Den Musikanten möchte’ ich mir auch ansehen. Weiß der Himmel, was das für ein Musikant gewesen ist.
Vielleicht gar ein Bassgeige, die Stiefletten , ein battisthemd und feinen Pelzkragen angehabt hat.“
 - Frau Theres! Vergessen Sie nicht, mit wem Sie die Ehre haben zu sprechen.   

Da lachte sie wieder, nur heißer und zugleich giftig:“ Warum soll’ s der Herr Baron nicht auch einmal nobel geben.
Wenn man schon einmal  die Welt auf den Kopf stellt und die Nacht zum Tag macht.
Jugend will sich austoben, natürlich. Der Herr Baron ist ein Mann in den besten Jahren.
Man kann nicht allweil den heiligen spielen.“

Ich konnte nicht rasch genug diesen Gedanken und Gefühlssprüngen folgen.
Das sind Kapriolen wie von einer meschuggen Gais.
Mehr war mir zunächst nicht klar.
Zeit zur Ueberlegung zu gewinnen, sagte ich ungefähr Folgendes: Frau Theres, Sie haben seither die Ehre gehabt, sich meine freiherrliche Zufriedenheit zu erwerben.
Ihren Dienst haben Sie treu und pünktlich geleistet. Es war Ihnen vergönnt, allerlei intime Verrichtungen zum Teil in meiner Gegenwart, zum Teil sogar  an meiner Person vorzunehmen.

  Ich erinnere nur an das Annähen diverser abgerissener Knöpfe an Beinkleid und Hemd. Keiner anderen Zimmervermieterin hätte ich je gestattet, ihre Dienstwilligkeit so weit zu erstrecken, soweit zu - -

Hier unterbrach sie mich mit einem absolut verblüfften Gesicht: „ Herr Baron, da muß ich bitten. Wenn Sie früher mehr als ein Beinkleid und ein Hemd gehabt haben, brauchte man allerdings nicht an Ihrem Leibe herumzunadeln. Zur Zeit und so lang ich Sie kenne, haben Sie halt nicht mehr. Da muß ich allerdings Ihre früheren Zimmervermieterinnen beneiden.“ …

Beneiden!

Und flugs zur Tür hinaus, mit diesem verräterischen Wort aus tiefster Weibesseele.
Was allerdings nicht riesig tief, sondern meist nur riesig verwickelt ist. Man sinkt nicht in einen Abgrund, man verläuft sich nur in einem Irrgarten.

Beneiden!

Dieses Wort beleuchtete blitzartig unsere Lage, blitzartig die Gemütsverfassung der guten Frau Theres.
Neid – dein wahrer Name ist Eifersucht! Also so weit wäre ich als geduldiger Mann, der über weibliche Schwächen mit Kennerblick hinweggleitet, mit Madame nun auch bereits gekommen. Ungezogenheiten und Verdächtigungen aus Eifersucht.
Aus den Sammetpfoten der Kurmacherei stechen die spitzigen Krallen jetzt schon zentimeterlang hervor.
Die schnurrende Schlosskatze verwandelt sich in die fauchende Kratzkatze, das angenehme Haustier in ein hinterlistiges, gefährliches Wüstenvieh.

 Grund?

Erstens die allgemeine weibliche Durchschnittsnatur.
Zweitens Theresens gekränkte Eitelkeit, weil sich der Herr Baron, als Quittung für ihre Huldigung, ihr nicht gleich schlankweg zu Füßen gelegt.
Und so mit Niedertracht versetzt ist des Weibes Liebe, daß sie das Harmloseste verdächtigen muß, meine Spaziergänge in der heiligen kalten Winternacht. 
Das ist die Stärke des Weibes in Angriff und Verteidigung: Schmutz.
Das ist ihr Kriegsmaterial. Schmutz. Haufenweise.
Wagenladungen voll.

Eisenbahnzüge voll. Eine Welt voll.
Und wenn’ s nicht reicht, sind in des Weibes Phantasie selbst die funkelnden Sterne noch Schmutzdepots.
Sie greift hinauf in den Himmel, reizt ganze Sternbilder und Milchstraßen herunter und schmeißt sie dir als Rotklumpen nach.
So ist das Weib allgemein.
So ist Madame Theres im Besondersgemeinen.
Ihre Liebe zu mir hat sich zerstetzt, ist sauer und giftig geworden. Ich habe versäumt, rechtzeitig Konservierungsmittel hinein zu tun. Nun hat sich das Liebesgift rasch entwickelt, die Eifersucht, die Verdächtigung, die gewollte Beleidigung, die angestrebte Vernichtung.

Ja, meine allerbeste, schlichte  Frau aus dem Volke, was sollte ich denn mit dir anfangen? Was wolltest du denn noch von mir haben zu alle dem, was ich dir seit Monaten stillschweigend überlassen?
Stillschweigend. Auf dem Gnadenweg.
Einzige Möglichkeit eines Mannes von meinem Rang, mit der kurmachenden, verliebten Frau aus dem Volke zu verkehren.
Sie führt meine Kasse.
Bis jetzt nahezu absolutes Stillschweigen darüber von beiden Seiten. Als wäre sie mein unverantwortlicher Reichsschatzmeister schaltet sie mit meinen Einnahmen und Ausgaben.
Alles geht durch ihre Hand.

 

 Sie führt meine Garderobe – Verwaltung.

Selten unterbrochenes Stillschweigen darüber von beiden Seiten. Jedes Kleidungsstück geht durch ihre Hand. Nur die Ober – Aufsicht über meinen Zylinder hab’ ich mir vorbehalten, denn der muß seine besondere Facon bewahren, damit er meinen Kopf nicht drückt. Sommer und Winter, bei jedem Wetter trage ich den Zylinder. Er wurde genau nach Maß und Kopfmodell gemacht. Er hat nicht seines  Gleichen in ganz München.
Und ich hüte den Hut, als wäre jedes Seidenhaar daran gezählt.
Sie führt meine intime Stuben – Wirtschaft.
Ich rede wenig drein, ich begnüge mich mit stummen Deutungen. Alles geht durch ihre Hand – und sie ist, das Lob erteilte ich ihr uneingeschränkt, nicht ungeschickt.
Bei besonderen Veranlassungen unterstützt sie mich in der Körperpflege.

Vorsichtig und mit Takt auf langwierigen Umwegen, hat sie sich Einiges von dem aneignen lassen, was ich als die besondere Weise meiner Massage bei meiner eigenartigen Leibesbeschaffenheit zur Förderung meines Wohlbefindens nötig habe.  
Bei der Streichung meines Rückens hat sie überdies noch den Vorteil, sich gewissen volkstümlichen abergläubischen Vorstellungen hingeben zu können.
Mit einem Wort: Alles geht durch ihre Hand.
Gewiß sie ist aufmerksam und dienstwillig.
Um meinen Konsort in der nun einmal akzeptierten Bescheidenheit unserer Wohnungsverhältnisse zu erhöhen, hat sie verschiedene Anschaffungen gemacht.
Einen Stiefelzieher, unter Anderem.
Ein kleines Glas mit Zahnstochern.
 Einen verbesserten Kleiderhaken an der Wand.

 Einen Ueberzug zu dem Seegraskissen auf der Sitztruhe.
Ich unterschätze diese freiwillige Steigerung meines Komforts durchaus nicht.
Dafür hat sie durch die Verlegung meiner Schlafzeit auch Manches gewonnen. Größere Ruhe im Haus, zum Beispiel.
Und wenn sie am Tage, während ich schlafe, sich hereinschleichen, an meinem Lager vorbeidefilieren und sich den Genuß des Anblicks eines oft merkwürdig träumenden Freiherrn gewähren will, ich störe sie nicht.
Ich störe sie nicht, wenn ich sogar ihre Hand neugierig und wünschend, leise über meinen Leib gleiten fühle.
Grundsätzlich störe ich sie nicht.
Und wenn ich wachte, würde ich mich wie tot stellen, um der schlichten Frau aus dem Volke keinen naiven Genuß zu verkürzen.
Seit ich am Tage schlafe, fühle ich mich so sicher, daß ich die Thür nicht verriegle.
Frau Theres kann unter Anwendung der nötigen Vorsicht sich jederzeit dem Lager des Schläfers nahen. Aber verpflichtende Liebe aus mir herauslocken zu wollen?
Es ist mir kein Bedürfnis, von vielen Leuten geliebt zu werden.
Die Neigung meiner Wirtin ist mir ja nicht zuwider, nicht einmal unwillkommen. An der Gunst, mit mir in persönliche Berührung zu kommen, soll sie sich genügen lassen.
Ich hasse die Maßlosigkeit der Ansprüche.
Die gute Frau ist bereits verwöhnt. Sie weiß nicht mehr, was sie Alles von mir erwarten und fordern soll.
Gevatterin, wenn Ihr mir noch einmal so kommt, werde ich Euch den Brotkorb höher hängen.

          

 

Meine Wirtin meldet, daß die Postanweisung bereits drei Tage über die festgesetzte Frist ausbleibt. Warum meldet sie das ausdrücklich? Das hat sie seither nie gethan.
Ist auch nicht nötig, mich auf etwas aufmerksam zu machen, das ich im Gefühl habe wie einen Witterungsumschlag.


 

 

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Autor:  / 
 Michael  Georg   Conrad 1846 -1927
Bildnachweis: / Macke August  1887 - 1914  Pierrot
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