|
Göl. Freyer
( Daten unbekannt)
Hamburg 1883
Agentur des Rauen Hauses
Narren

Allerlei aus
dem leben für das Leben.
Fastnacht – Narrenkappen, Narrenabende Narrenbälle, Alles wird närrisch.
Närrische Welt! Kommt der Steuerzettel, dann ist jedermann für die
vielen Abgaben viel zu arm. Brauchen die Kinder neue Schuhe, die Frau
neue Töpfe und Tiegel, die Diele ein neues Brett, dann ist schlechte
Zeit.
Alles so sündenmäßig theuer und das Eine oder Andere muß bleiben.
Steht der Narrenabend oder Maskenball in der Zeitung, so muß mitgemacht
werden.
Es kann nicht genug kosten.
Man ist reich.
Sonst hatten nur die
großen Städte das Narrenrecht der Narrenthei.
Jetzt ist sie auch in die
kleineren Städte und auf Dörfer gekommen.
Narrheit steckt an.
Ein Narr macht viele Narren.
Wie viel machen viele?
Das Narrenspielen ist etwas Mittelalterliches.
Sonst schimpft man auf
das Mitteralterliche als auf etwas Finsteres, des Menschen Unwürdiges,
dem sogenannten Fortschritt Hinderliches.
Dieses Mittelalterliche ist
wieder aufgekommen, künstlich aufgebracht worden, also ein Rückschritt.
Je nachdem!
Was den Lüsten und Begierden dient, Fleisches – und Augenlust
befriedigt, muß gefördert werden. Wehe dem, der sich dagegen stemmt!
Vormals hatte das närrische Wesen einen gewissen Sinn.
Schlag 12 Uhr Mitternacht des Fastnachtsdienstags sind bei den
Katholiken die große Fastenzeit an.
Es gab wochenlang keine große Mahlzeit, kein Fest, eigentlich gar keine
Fleischspeise mehr.
Bis Ostern war „stille Zeit“, weil der Heiland einst eines so stille,
schwere Zeit durchlebt und durchgekämpft hatte, bis er seine Augen im
Tode schloß.
Aber stille Zeit besteht bei uns so gut wie gar nicht mehr. Es geht
immer laut. Mit knapper Noth haben wir noch eine „stille Woche“ die
Charwoche.
Auch die hätte man am liebsten schon beseitigt. Also – einst hieß es:
Fleisch, leb wohl! Auf Lateinisch: caro vale! Daraus Carneval geworden
ist.
Vor
der Zeit ernster Enthalsamkeit ließ man das Volk noch einmal austoben,
besonders am Festnachtsdienstage.
Am Mittwoch aber gingen die Leute in
die Gotteshäuser und wurden von den Priestern mit geweihter Asche
bestreut, zur Mahnung daran,
dass sie Erde und Asche seien – daher
Aschermittwoch.
Bei uns Lutherischen wird nicht mehr gefastet.
Es hat
also das närrische Wesen keinen rechten Grund mehr, wenigstens nur den,
einmal eine Abwechselung, ein besonderes Vergnügen unter den zahllosen
Lustbarkeiten zu sein.
Der Lust wird ja der Mensch so leicht überdrüssig, wenn sie nicht immer
wieder ein anderes Kleid anzieht.
Oder ist die Narrheit ein neu construirter Angelhafen, den Leuten aus den Taschen zu angeln?
Oder ein
besonderer Rausch, eine Portion Opium, sich zu betäuben, sich über den
Ernst des Lebens, über die Unruhe des armen, schmachtenden Herzens hinwegzusetzten?
Einer Betrachtung werth ist die Narrheit wohl. Meines Wissens besteht
noch die Freiheit, über Etwas seine Gedanken zu haben und anständig
auszusprechen, wiewohl es mitunter den Anschein hat, als sei in unsrer
Zeit der großen Freiheit nur erlaubt, das zu sagen, was der Majorität
oder der herrschenden Menge wohlgefällt.
Ein römischer Dichter hat geschrieben: „ Es ist angenehm, einmal den
Narren zu machen.“ Angenehm vielleicht, ob aber zuträglich?
„ Jeder muß seine eigene Haut zu Markte tragen.“
Unbestritten.
Wenn indessen ein lustiger Hausvater seine letzten Wetten versetzt, um
mit seiner getreuen Hausfrau zum Maskenball zu fahren und andern Tags
von seiner Gemeinde Armenunterstützung fordert, wie thatsächlich
geschehen ist, und Aehnliches öfter vorkommt, so geht das wohl nicht
einen oder zwei allein an.
Schwerlich hat auch der alte Heide das „ Narrenmachen“ so gemeint, wie
es meist getrieben wird. So nothwendig scheint es doch nicht zu sein.
Denn
Ein reis vom Narrenbaum
Trägt jeder an sich bei,
Der Eine deckt es zu,
Der Andre trägt es frei
Mancher so frei, dass man es schon aus weiter sieht. Kaum würde er die
Kappe aufsetzten, wüsste er, dass er immer eine auf dem Kopfe hat.
Mein Lebtag habe ich die jungen und recht die alten Männer nicht leiden
können, die jedermanns Hofnarren abgeben und immer Witze ohne Witz
reißen, so wenig ich die dünkelhaften Narren leiden kann, die in ihrer
Überlegenen Weisheit Andere stets zum Narren halten oder verhöhnen.
„ Die Narren haben Herz im Munde, “ statt den Mund im Herzen.
“Ihr Herz ist aber wie ein Topf, der immer überläuft und kann keine
Lehre halten“
Wer kann die Narren – auch außer Fastnacht – zählen?
Ihrer ist Legion: Kleider –oder –Modenarren, Bartnarren, Hunde –
Pferdenarren, Weibernarren, Geldnarren, Titelnarren, Lese – Schreib –
Redenarren, sogar Politiknarren.
Die Einen zum Lachen, die Andern zum Weinen.
Wie traurig, wenn jemand seiner Narrheit sein Vermögen, sein Geschäft,
seine Gesundheit, das Glück seiner Familie opfert!
Die Narren oder Irrenhäuser füllen sich immer mehr. O man muß sich
gewaltig in Acht nehmen, nicht in irgend Etwas ein Narr zu werden, sich
zu vernarren, zumal da man Vieles sieht, worüber man närrisch werden
könnte!
Und wie sich von außen her leicht Etwas an uns bängt, was wir schwer
wieder los werden, so taucht auch ein Gedanke in unserer Welt auf, der
immer wieder und immer öfter kommt, in der Seele im Kreise umherläuft,
wie ein Raubthier im Käfig, alle andern Gedanken austreibt, im Wachen
und Schlafen den Menschen peinigt, zuletzt wie ein Begleiter gleichsam
sichtbar neben ihm hergeht, ihn verfolgt, wohin er auch flieht.
Das ist der Anfang zur wirklichen Narrheit, davor Gott jeden behüten
möge.
Hans Sachs, ein Schuhmacher und Poet in Nürnberg vor mehr als
dreihundert Jahren, hat ein lustig Fastnachtspiel verfasst:
Das Narrenschneiden.
Darin schneidet ein berühmter Doktor einem kranken Manne sieben Narren
aus dem Leibe: Hoffart, Geiz, Neid, Unkeuschheit Völlerei, Zorn und
Faulheit, und ist sehr erbaulich zu lesen , wie genau der Arzt die
Narren kennt und weiß, was sie dem armen Patienten für Noth und
Schmerzen machen.
Wenn wir einen solchen Doktor hätten! Er hat wenigstens ein Rezept gegen
die Narrenkrankheit hinterlassen. Zu Nutz und Frommen solcher, die es
probieren wollen, sei es hergesetzt:
Ein jeglicher, dieweil er lebt,
Laß er sein Vernunft Meister sein,
Und reit sich selbst im Zaum allein,
Bei Reich und Arm, Mann und Frauen,
Und wenn ein Ding übel ansteh’
Dass er desselben müßig geh,
Nicht sein Gedanken, Wort und That
Nach weiser Leute Lehr’ und Rath.
Wer aber nun durchaus ein Narr sein will?
Jedem Narren seine Kappe!
|