Herleßsohn
Karl 1804 – 1849
Gesammelte
Schriften von C. Herloßsohn
Sechster Band
Kometenstrahlen
Eine Sammlung von Erzählungen ernsten und humoristischen Aufsätzen
Erster Band
Leipzig Literarisches Museum 1837
Narrenrede
(Bei Gelegenheit
eines Maskenballs)
Verehrte
Anwesende.
Schämen wir uns
nicht, daß wir uns heute versammelt haben, um insgesammt Narren zu
machen.
Was ist das Leben
anders, als eine Narrheit im großen; die Welt, ein ungeheures
Narrenhaus; die Menschen, von dem Fürsten bis zum Bettler hinab –
Narren, nichts als Narren. Wir werden als Narren geboren, laufen durch
das Narrenhaus Welt und legen uns endlich mit dem Ausruf! „ Alles ist
eitel!“ zur Ruhe nieder. Darum Verehrte sollten wir nicht den Tag
feiern, wo wir geboren worden, sondern den Tag, an welchem wir zur
Erkenntniß gekommen sind, daß wir Narren sind.
Wer den Muth hat
zu gestehen, daß er ein Narr ist, der ist der rechte Weise, wer sich
aber am klügsten dünkt, ist nur ein Narr. Da ringen und streiten die
Menschen gegen einander, jagen Phantomen nach, streben nach Glanz und
Rang und es ist doch Alles eitel und vorübergehend, wie der Schaum am
Meere.
In der That, es ist
etwas Schönes, Erhebendes um die Narrheit, in ihr blüht die Toleranz,
die Selbsterkenntniß, die Nächstenliebe und die die Ruhe.
Wenn wir es erst
dahin gebracht haben, uns und unsere Nächsten für einen Narren zu
halten; dann ist das goldene Zeitalter gekommen. Es wird Friede sein in
der Welt, wir werden einander lieben, wir werden so zu sagen einen
Narren aneinander gefressen haben.
Ja, es ist etwas
Schönes um die Narrheit und in früherer Zeit sind die Narren auch mehr
geschätzt worden, vermuthlich , weil sie seltener waren.
Es gab damals zum
Beispiel Hofnarren wie man jetzt Hofräthe hat, und die Höfe waren
manchmal besser berathen, als jetzt, wo sie oft , trotz der vielen Räthe,
keinen Rath wissen.
In der ersten Zeit
des ehelichen Glücks nennt die Frau ihren Mann: „ Mein liebes Närrchen,
in der zweiten Station: „ Lieber Narr!“ und in der dritten: „ du bist
ein Narr.“
So lange er aber noch ein Narr ist, geht’ s mit dem Ehestande gut; wird
er erst klug und setzt seinen Kopf auf, so ist es um den häuslichen
Frieden geschehen, und die seelige Zeit der Narrheit ist für immer
verloren.
Ein Sprichwort
sagt: Kinder und Narren reden die Wahrheit. Sie sehen demnach, daß die
Kinder und Narren allein die wahre Freiheit besitzen. Denn spricht ein
Kluger in unserer Zeit die Wahrheit, so wird er auf den Mund geschlagen,
oder in die Frohenfeste gesperrt.
Ein andres
Sprichwort sagt: Jeder narr findet seine Kappe. Dagegen können oft die
klügsten Frauenzimmer nicht unter die Haube kommen.
Noch ein
Sprichwort sagt: Jeder Narr hat sein Steckenpferd. Sehr wahr !
Denn wie viel Weise müssen dagegen elendiglich zu Fuße herum laufen,
und kommen höchstens, wenn sie sich höher schwingen wollen, von dem
Pferde auf den Esel.
Bei den Muhammedanern werden die Narren für
Heilige gehalten. Sie sehen, wie wohlfeil es dort ist, in den Geruch
eines Heiligen zu kommen.
Selbst der Staat
widmet den Narren vorzugsweise seine Sorgfalt. Denn er läßt
Narrenhäuser bauen. Haben Sie dagegen erlebt, daß man irgendwo ein Haus
für die Klugen erbaut hätte?
Die Fürsten hielten
sich sonst Hoffnarren; aber daß sich ein Fürst einmal einen Hofklugen
gehalten hätte, davon wissen wir nichts. –
Sie sehen also,
verehrte Anwesende, wie wenig die Klugheit protegirt wird.
Darum also lasset uns die Narrheit preisen, und wer jetzt der lustigste,
beste Narr ist, den wollen wir heute Nacht für unsern König erklären,
und er herrschte über uns, ohne Constitution, im reiche der Thorheit.
Ich aber rufe mit
Ihnen laut: es leben die Narren, es lebe die Narrheit! Hoch! -