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Langbein
August Friedrich Ernst
1757 - 1835
Neuere Gedichte
Thübingenin der J. G. Cottaschen Buchhandlung 1819
Die Narrenmühle
Was läuft auf dem Markte die müßige Schaar?
Was stellt ihrer spähenden Neugier sich dar?
Ein Graubart, mit allerley Bildern behangen,
Steht ringsher von grinsenden Gaffen umfangen.
Er schreyt wie ein Zahnbrecher: „ Holla! Wer
kauft?
Mein Krämchen ist werth, daß ihr euch darum rauft!
Das Lachen ist jetzt in Europa sehr theuer,
ich aber verkauf’s euch um wenige Dreyer.
Hier hab’ ich ein altdeutsches köstliches
Blatt,
Das schon manchen Grämling erlustiget hat.
Es heißt, meine Werthen, die Narrenmühle,
Und passet daher, wie mich däucht, für gar Viele.
Heh! Ist wohl das Bildchen nach eurem
Geschmack?
Ich mag nicht verkaufen die Katz’ im Sack;
Und, um mich als ehrlicher Mann zu bewähren,
Will ich, eh’ ihr zahlet, den Schwank euch erklären.
Die Mühle, von der ihr ein Contersey schaut,
Hat weiland ein Querkopf erdacht und gebaut.
Er wollte, für gutes und baares Bezahlen,
Unheilbare Narren zu Mehlstaub zermahlen.
Und als diese Mähr nun erscholl durch das
Land,
Da hatten die Narren den übelsten Stand:
Sie wurden, wie Wildpret, gefangen in Schaaren,
In Säcke gepackt und zur Mühle gefahren.
Was lacht ihr? – ich sage kein unwahres Wort!
Bemerkt ihr die Reihen der Säcke nicht dort?
Und seht ihr nicht Kolben und Kappen mit Schellen
Durch Risse hervor an das Tageslicht quellen?
Hier schleppt auch ein Wagen mit
Doppelgespann
Noch mehr des lebend’ gen Getreides heran.
Ein Zeichen, wie gut in den blühenden Staaten
Der Königin Thorheit die Ernten gerathen. –
Jetzt wieder den Blick ins Gebäude hinein!
Die Mühlsteine wollten gesättiget seyn;
Da kamen die Knappen mit emsigen Schritten,
Um Speise für sie in den Rumpf einzuschütten.
Den mächtigsten Sack, der im Winkel dort
stand,
Was er sich auch sträubte, bezwang ihre Hand,
Und stürzt die Bewohner von gleichem Gelichter
Kopfüber hinab in den schaurigen Trichter.
Ein Narrengewimmel von jeglicher Art
Erblickt ihr dahier auf der tödtlichen Fahrt.
Ach! Zierliche Schmückbolde, saubere Gecken,
Bekommen die hungrigen Steine zu schmecken!
Der schäumende Bach setzt die Räder in Gang;
Nun lasset uns sehn, wie das Probstück gelang!
Der Mühlherr begab sich mit stolzem Vertrauen
Bereits an den Trog, um das Mehl zu beschauen.
Ha! Ha! Wie die Hoffnung den Schwindler
belog!
Hoch hüpfen und springen die Narren im Trog,
Und wuchsen sogar, statt vernichtet zu werden,
An Leibesgestalt und an frechen Geberden.
Drob staunet der meister und fürchtet
Gespött,
Und sehe, da steht schon im Doctorbarett
Ein breiter Gelehrter, und spricht: „ Eu, mein Lieber,
Ihr treibt hier ein Wesen, als schnapptet ihr über!
Kampf mit der Unmöglichkeit habt ihr
gewagt!
Dieß Volk ist unsterblich, wie Salome sagt:
Wenn man auch den Narren im Mörser zerstieße,
Deßhalb seine Narrheit doch nicht von ihm ließe.“


Langbein
August Friedrich Ernst
1757 - 1835
Neuere Gedichte
Thübingenin der J. G. Cottaschen Buchhandlung 1819
Muth im Unglück
Es ist des Schicksals alte
Weise,
Daß es nicht immer hold uns lacht;
Es trifft oft in der Menschen Kreise
So furchtbar wie ein Geist der Nacht.
Dann schreckt es zwischen dunkeln Wänden
Nicht nur der Armuth feigen Sohn:
Gefaßt von seinen Riesenhänden
Wankt auch im Fürstensaal der Thron.
Doch Muth, nur Muth in jeder
Lage,
Wo uns ein Dornenwald umstarrt!
Die Morgenröthe beßrer Tage
Glüht hinter’m Berg der Gegenwart.
Stets früher, als die Furcht es glaubte,
Entwölkt das Schicksal seinen Blick,
Und alles, was sein Zorn uns raubte,
Giebt seine Freundlichkeit zurück.
Man kann zum Ruhm der Zeit
nicht singen,
Daß sie der Deutschen sey:
Sie rauschet her auf Adlerschwingen,
Und ihre Stimm’ ist Kriegsgeschrey.
Doch soll sie uns nicht niederstürmen
Durch ihrer Flügel wilden Schlag;
Wir stehen fest, gleich Felsenthürmen,
Es komme, was da kommen mag!
Kühn muß der Mensch entgegen
streben
Dem ungestümen Geist der Zeit.
Er bringt, als Feind, in unser Leben,
Und fordert uns heraus zum Streit.
Laßt uns das Schwert des Muthes fassen!
So gehen wir siegend unsre Bahn.
Nur Feigen, die sich selbst verlassen,
Legt die Verzweiflung Fesseln an.
Mag uns der Sturm des Krieges
umwüthen,
Und Glück und Heil zu Boden wehn,
Soll doch des Friedens Baum voll Blüthen
Im Garten des Gemüthes stehn.
Je mehr der Wohlfahrt Säulen schwanken,
Je fester soll zum Bund der Noth
Sich Herz an Herz mit Liebe ranken,
Und nichts sie trennen, als der Tod!
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Langbein
August Friedrich Ernst
1757 - 1835
Neuere Gedichte
Thübingenin der J. G. Cottaschen Buchhandlung 1819
Das Hemd des Glücklichen.
Ein König lag gefährlich krank,
Und gab sich selbst verloren.
Ihm half kein Pulver und kein Trank
Der trefflichsten Doktoren.
Ihr großer Kriegsrath vor dem Bett
War seinem Fieber ein Gespött.
Die Opern wurden eingestellt,
Es ruhten alle Geigen;
Man sah des Hofes feine Welt
Viel Schmerz mit Anstand zeigen,
Und sie verschrieb sich, wie es hieß,
Schon Trauerkleider aus Paris.
Dem alten Hofnarr’ n schien
sogar
Die Zunge weggeschnitten.
Er, der sonst schatzte wie ein Staar,
Trat, wenn die Arzte stritten,
In ihre Mitte, wie ein Tropf,
Und wiegte still den Satyrkopf.
Einst aber fiel der Stummheit
Schloß
Ihm plötzlich von dem Munde:
“ Ihr Großperücken,“ brach er los,
„ Ihr taugt nur für Gesunde!
Trotz euerm Griechisch und Latein,
Stellt, wo er will, der Tod sich ein!
Vor euren Augen hat er schon
Die Majestät beym Kragen,
Und hört mit Lachen euer Drohn,
Ihn aus der Burg zu jagen.
Drum packt euch selbst! – Es lebt ein Mann,
Der ihm die Spitze biethen kann.
Er ist – was ihr allsammt
nicht seyd! –
Ein großer Hexenmeister,
Und bannt, berufen weit und breit,
Die schlimmsten Höllengeister;
Auch prophezeyt er auf ein Haar,
Und heilet Kranke wunderbar.“
„ Ey! Was versteht ein Narr
davon!“
Sprach stolz ein Mediciner.
“ Pah!“ rief der König: „ Schweig, Patron!
Er ist mein klügster Diener.
Verachte, Hänsel, sein Geplär,
Und schaff mir deinen Zauberer!“
Des Meisters Siedelhütte stand
In einem nahen Haine,
Und schnell macht’ er, an Hänsels Hand,
Sich auf die schwachen Beine.
Er war, wie Nestor, hoch bejahrt,
Und ellenlang sein Silberbart.
Matt hustete die Majestät
Ihm ihren Gruß entgegen:
„ Willkommen, würdiger Prophet,
Willkommen mir zum Segen!
Sprich redlich, muß ich schon hinab
Vom hohen Thron ins tiefe Grab? „
„ Das kann ich,“ sprach der
ernst Greis,
„ Nicht auf der Stelle sagen.
Ich muß zuvor mit stillem Fleiß
Drob die Planeten fragen.
Erst mit dem nächsten Morgenroth
Verkünd’ ich Leben oder Tod.“ –
So trat er ab, und überließ
Die Hoheit ihren Sorgen;
Doch kam er treu, wie er verhieß,
Zurück am andern Morgen,
Und trug ein Buch in seiner Hand,
Deß Räthselschrift nur er verstand.
„ Herr König,“ sprach er, „
furchtbar steht
Der Tod Euch nach dem Leben,
Doch werden Eure Majestät
Sich stracks gesund erheben,
Wenn Euern Leib ein Hemd umschließt,
Deß Eigner volles Glück genießt.“
Die Schranzen lachten – „ Er
ist toll!“
Lief ringsum ein Geflüster;
Doch der Monarch sprach hoffnungsvoll
Zum Premierminister:
„ Graf Sterz, das schlägt in Euer Fach,
Schafft solch ein Hemd in mein Gemach!
Was sinnet Ihr und werdet
bleich?
Ihr rühmtet ja noch heute:
Doch Eure Sorgfalt sey mein Reich
Voll beglückter Leute.
Stellt doch von diesen großen Schaar
Nur einen Einzigen dar!“
Der Staatsmann schlich vom
Krankenbett,
Mit Wolken im Gesichte,
Verschloß sich in sein Cabinett,
Und fluchte der Geschichte.
Zehn Federn wurden wild zerknickt,
Und dann gerieth erst dieß Edict:
„ Kund und zu wissen: Furchtbar steht
Der Tod Uns nach dem Leben;
Doch werden Wir, sagt ein Prophet,
Uns stracks gesund erheben,
Wenn Unsern Leib ein Hemd umschließt,
Deß Eigner volles Glück genießt.
Wem also Noth und Kummer
fremd,
Der wird ersucht in Gnaden,
Er leih’ Uns fördersamt ein Hemd,
Wär’ s auch von groben Faden.
Schlägt’ s an, so lohnen Wir’ s mit Gold,
Und bleiben dem Besitzer hold.“ –
Feucht von der Presse hing
dieß Blatt
Kaum an der Straßenecken,
Da sah man schon die halbe Stadt
Empor die Hälse recken.
Sie las den Brief, und goß ein Meer
Von bittern Glossen drüber her.
Die Armuth rief: „ Daß Gott
erbarm!
Wir sind die rechten Leute!
An Lasten reich, an Hemden arm,
Sind wir des Elends Beute.
Der Steuerbothe stürmt ins Haus,
Und schüchtern flieht das Glück hinaus.“ –
Manch Andrer las des Königs
Schrift
Mit eingebißner Lippe,
Und dachte stumm. Voll Gall’ und Gift,
An seine Frau Xantippe,
Die ihm, als wär’ es ihr Beruf,
Durch Zanksucht eine Hölle schuf.
Kurz, jeder trug ein Kreuz von
Bley
Tiefseufzend auf dem Rücken,
Und fand, daß es sein Werk nicht sey,
Ein Hemd nach Hof zu schicken.
Dort harrte man bey Tag und Nacht,
Und nicht ein Läppchen ward gebracht.
„ Verdammt!“ rief der
minister aus:
“ Das wird man hämisch deuten!
Spannt an!“ – Er fuhr von Haus zu Haus
Nun selbst zu solchen Leuten,
Die der gemeine Wahn der Welt
Für überirdisch glücklich hält.
Er fuhr zu Reichen, die mit
Lust
In ihrem Golde wühlten;
Zu Großen, die mit hoher Brust
Schier Götterwürde fühlten;
Zu manchen jungen Ehepaar,
Das funkelneu verbunden war.
„ Ihr Theuern,“ sprach er, „
es entsteht
Bey Hofe viel Befremden,
da ß ihr nicht Seiner Majestät
Zu hülfe kommt mit Hemden.
Bey Gott! Wenn ihr nicht glücklich seyd,
So ist’ s kein Kind der Sterblichkeit!“
Viel Herr’n und Damen wurden
roth;
Ein andrer Theil erbleichte.
Sie trugen all’ ein Pächchen Noth,
Doch scheuten sie die Beichte,
Und öffneten dem Grafen Sterz
Den Wäschschrank lieber als ihr Herz.
Man gab ihm Hemden ohne Zahl;
Sie fasste nicht sein Wagen,
Und in der Hofburg kaum ein Saal,
Wo sie, wie Berge, lagen.
Der König ließ sie durch die Bank
Sich rastlos anziehn, und – blieb krank.
„ Das dacht’ ich!“ rief der
treue Hans.
“ Trotz weisen Excellenzen,
Sag’ ich, der Narr: nur eine Gans
Sucht Glück in Residenzen,
Da ist doch alles blauer Dunst,
Und Affenspiel und Katzengunst!“
„ Sehr wahr!“ fiel ihm sein
Herr ins Wort.
“ Mein Hans spricht klug und bieder.
Drum, Graf, macht Euch aufs Land sofort,
Und kommt nicht eher wieder,
Bis Euch der rechte Fund gelingt,
Und Ihr Gesundheitshemden bringt!“
Der Graf schnitt Hansen ein
Gesicht,
Und brummte: „ Bärenhäuter!“
Warb einen Hofherrn von Gewicht
Sich eilig zum Begleiter,
Und fuhr ins Kreuz und in die Quer
Vier Wochen lang mit ihm umher.
Ein blasender Trompeter ritt
Einher vor ihrem Wagen,
So ging’ s durch Dörfer, Schritt für Schritt,
Mit wiederholten Fragen:
„ Ist nicht ein Glücklicher allda?“
Doch keine Stimme sagte Ja.
„ Was hilft die Kreuzfahrt!“
rief der Graf:
“ heh! Kutscher, umgewendet!
Der Pickelhering hat uns brav
In den April gesendet.
Das Volk denkt, wenn es Glück gesteht,
Wird flugs der Steuerfuß erhöht.“
„ So ist’ s !“ bejahte der
Gefährt.
“ Man hat bey Wurst und Schinken
Nun auch des Kochs genug entbehrt,
Und fast will mich bedünken,
Daß der verwirrte Astrolog
Den guten König nur betrog.“
Drauf rollten denn die hohen
Herr’n
Der Königsstadt entgegen.
Sie suchten jetzt Fortunens Stern
Auf andern Seitenwagen,
Und fanden hier auch manches Stück
Des besten Schinkens, nur kein Glück.
Doch, als sie einst beym
Morgenstrahl
Die Fahrt begonnen hatten,
Erscholl aus einem Wiesenthal,
In eines Wäldchen Schatten,
Am Bord des Wagens, ein Gesang,
Der so in muntern Tönen klang:
„ Juchhey! Ich bin ein froher
Wicht,
Als hätt’ ich Fürstengüter.
Ich lach, euch kühn ins Angesicht,
Ihr stolzen Mammonshüther!
Juchhey! Ich bin ein reicher Mann,
Der euern Bettel missen kann!“ –
„ Ha! Welche Stimme jubelt
dort
Im Dunkel jener Buchen?
Dort trillert, auf mein Ehrenwort!
Der Phönix, den wir suchen!“
So sprach der Graf zum Herrn Compan,
Und rief dem Kutscher zu: „ Halt an!“
Aussteigend ließen sie
waldein
Sich von dem Liede weisen,
Und sahen bald ein Bäuerlein
Aus seinem Milchnapf speisen.
Der Bursch, ein frisches, junges Blut,
War lauter Leben, Kraft und Muth.
Mit welcher Seelenlust er aß!
Wie lachten Aug’ und Stirne!
Und, was nicht übel war, ihm saß
Zur Rechten eine Dirne,
Wie Reben schlank, doch drall und rund,
Und, wie ein Fisch im Bach, gesund.
Er küsste sie: den Lauschern
lief
Dabey der Mund voll Wasser.
“ Das ist, bey meiner Ehre!“ rief
Der Graf, „ ein echter Prasser!
Er würzt mit Küssen seinen Schmaus,
Und lacht den reichsten Schweiger auf.“
Sie traten näher. „ Ha! Mein
Freund,
Schmeckt’ s schon so früh am Morgen?
Du scheinst mir ein geschworner Feind
Von Grillen und von Sorgen!
Täuscht nicht die Sprache deines Blicks,
So sitzest du im Schooß des Glücks!“ –
„ Da sitz’ ich !“ sprach die
gute Haut.
“ Mich nähren Arm’ und Hände;
Und sagt mir, wo ich eine Braut
So schön, wie diese fände?
Schaut sie mir freundlich ins Gesicht,
So tausch’ ich mit dem König nicht!“
„ Der arme König!“ rief der
Graf.
„ Er liegt in Fieberketten;
Doch du kannst ihn vom Todesschlaf
Mit leichter Mühe retten:
Ein Hemd – sprach eines Zaubrers Mund -
Ein Hemd von dir macht ihn gesund!“
„ Ein Hemd von mir?“ –
versetzte Veit
Mit staunenvollen Mienen.
“ es thut mir in der Seele leid,
Ich kann damit nicht dienen.
Ich habe vollauf Freud’ und Glück,
Allein von Hemden nicht ein Stück.“ –
„ Gott!“ rief der Staatsmann,
und ward bleich:
„ Der glücklichste im Lande
Besitzt kein Hemd! – Das stürzt das Reich
Und mich in Noth und Schande!“ -
Er sang betrübt dieß Klagelied,
Als eben der Monarch verschied.
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