ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Pichler Adolf 1819 – 1900

Spätfrüchte
Gedichte verschiedener  Art

Zweite vermehrte Auflage

München und Leipzig
bei Georg Müller
1907

 

 

Der Narr

 Wär’s mir bestimmt und würd’ ich dann
Ein zweitesmal geboren,
Die Schellenkappe stülpt’ ich mir
Freiwillig auf die Ohren.

 So fing’ ich in den Windeln an,
Wo wir im Sarg erst enden:
Da ß Menschenweisheit Torheit nur
Und nichts vermag zu wenden.

 So wie der Tod die Sense schwingt
Und jeden ruft zum Neigen,
Würd ich mit meiner Pritsche keck
Der Welt beim Tanze geigen.

Der Tod, der Narr – sind’ s Brüder nicht,
Verschieden im Gewande?
Sie spotten eurer Herrlichkeit,
Die gleicht im Glas dem Sande.

 Er rinnt von oben, unten bald
Wie wir das Kästlein drehen
Und wenn ihr fest auf ihn gebaut,
Dann wird er schnell verwehen.

 Zu gutem Schlusse führt der Tod
Den narren auch zum Neigen
Und weil ihr Narren allzusamm’,
Mögt ihr einander geigen!

 

Der Greis

Ei was willst du Knochenmann
Mit dem Stundenglase?
Warum schüttelst du den Sand
Frech mir vor der Nase?

Sieh, ein Schnippchen schlag ich dir,
Drolliges Gerippe,
Denn ein Blümchen bin ich nicht,
Drohst du mir der Hippe!
 

Welk wie du liegt hinter mir
Schon der Lenz des Lebens;
Wesenlos, ein Schatten nur,
Zappelst du vergebens.

Tritt ans Bett der Glücklichen
Spottend ihrer Klagen,
Was du rauben kannst, laß ich
Ruhig mir entsagen.

Meine Asche, - willst du’ s so, -
Mag im Sturm zerstieben,
Was ich lebe, glühend heiß
Ist es mir geblieben.

Der arme Musikant

 Dort zieht er – der alte Kaspar
An der Straße auf dem Stein
Die Harmonika zum tanze, -
Horcht ihm zu! – jahraus, jahrein.

 Ach, ihn hungert, ach, ihn fröstelt,
Seht erbarmend seine Not,
Mit den matten, blauen Augen
Fleht er um ein Stücklein Brot.

 Aber niemand will sich regen,
Schon ist er der Kinder Spott,
Werft ihm in den Hut den Kreuzer,
Und er dankt: „ Vergelt es Gott!“

 Einst gesucht bei jeder Arbeit
Brach er sich den Fuß, den Arm,
Einst ersehnt von jedem Mädchen,
Jetzt ein Krüppel, - Gott erbarm!

 Doch kein Mitleid hemmt den Winter,
Kaspars Finger werden starr,
Da kommt einer: „Laß dein Spielzeug
Mich einmal versuchen, Narr!“

 Und er zieht und trifft die Klappen,
Und es tönt die Melodie,
Wie sie aus den morschen Brettlein
In das Land geklungen nie.

 Stumm, erstaunt hört ihn der Alte; -
Fast als wär er wieder jung,
Zuckt es durch die müden Glieder,
Wagt er nicht den raschen Sprung.

 Ist’ s ein Traum nur? – Plötzlich steht er
Vor dem Haus am Tannenbaum,
Leise, leise klingt die Zither
In des Mädchens Liebestraum.

Längst zwar traf die Art den Stamm schon,
Und in Rauch versank das Haus,
Doch er sieht es: lächelnd wirft sie
Ihm zum Dank herab den Strauß.

Und er bückt sich, will ihn fassen,
Heben kann er ihn nicht mehr;
Noch ein Atemzug, dann liegt er
Bei dem Spielzeug tot und schwer.

 Laßt den Kaspar uns begraben,
Gebt ihm traurig das Geleit,
Welch ein Leichenzug von allen,
Wo er spielte seiner Zeit.

Bald rührt keiner mehr die Beine,
Und die Kinder fragen nur
Nach dem Musikanten, bis vom
Stein verschwand die letzte Spur.
 

 Eine Stimme von unten

 

Du Tor, schon wirst du kahl und grau,
was machst du noch für Späße!
Du hast ja längst schon eine Frau,
Geh lieber in die Messe.

 Am Ofen zwickt das Zipperlein
Dich in der harten Schlinge,
Laß auf dem Schlern die Gemsen sein,
Denk’ an die letzten Dinge.

 Drum bete, daß dich nicht der Tod
Wie eine Maus ertappe,
Verstoße dann in große Not
Mit deiner Schellenkappe.

Der Weltnarr spricht


Im Himmel geht es lustig zu,
Er hängt ja voller Geigen,
Und was nicht eben hält auf Ruh,
Das dreht sich froh im Reigen.

 Der Tisch wird nie von Speisen leer
Und Paradieses Weinen,
Und keine Sünd’ ist’ s Küssen mehr
Bedroht von Höllenpeinen.

 Doch gut ist’ s auch im Land Tirol,
Drum will ich nicht von hinnen,
nie kann ich dort im Himmel wohl
den bessern Platz gewinnen.

 Der rote Wein vom Kaltrer See
Scheint auch nicht zu verachten,
Tirolermädeln,  -  Freund Juchhe!
Mag sich Sankt Peter pachten.

 Und eine Alm mit Edelweiß
Am Sonnjoch oder Schlerne,
Wenn diese nicht verdient den Preis!
Ich laß ihm seine Sterne.

 Und Gemsen, einen Stutzen blank
Dort an den schroffen Wänden, -
So sag ich für den Himmel Dank,
Was kann er mir noch spenden?

 Ja du mein liebes Land Tirol, -
Ich will mich noch besinnen;
Ich denk’, ich bleib’ herunter wohl,
Was könnt’ ich dort gewinnen?

 

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Autor:  / Pichler Adolf 1819 - 1900
Bildnachweis: / Knaus Ludwig 1829 - 1910  /Der Narr
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