Saphir Moritz Gottlieb
1795 – 1858
Klatschblätter und
Mimosen
oder zufällige Gedanken in zufälligen Formen
M. G. Saphir
Stuttgart
1832
Hallberger’sche, vormals Franckh’sche Verlagsbuchhandlung
Narren – Rede
(Gelegenheitlich)
Die Narren, meine Freunde und
Zuhörer, sind gar keine Narren, daß sie Narren sind! ja sie wären
Narren, wenn sie keine Narren wären!
Ich habe an den Narren ordentlich
einen Narren gefressen, ich kann euch also Rechenschaft geben, wie ein
solcher Narr schmeckt, und ich kann euch versichern, daß ein gehörig
zugerichteter Narr viel leichter zu ertragen und zu verdauen ist, als
mancher Kluge. Der Staat geht auch mit dem Recht zärtlicher mit Narren
um, als mit seinen Klugen. Hat ein Narr das Glück, daß sein Verdienst
anerkannt wird, und dem wahren Narren entgeht das nie, so baut man ihm
ein Narrenhaus, wie viel Kluge aber laufen nicht herum, wie viel perfekt
Kluge, und hat man ihnen je ein Klugenhaus gebaut?
Früher hatte man Hofnarren, ist es je erhört worden, daß es Hofkluge
gab?
Der Stein des Weisen hat schon viel
Leute zu Narren gemacht, aber der Narrenstein (Lapis stultorium), oder
die gebrannte Beifußkohle heilt und stillet Schmerzen.
Wie viel muß ein Kluger reden, bis
man ihm glaubt, er sey klug, ein Narr braucht nur zu schweigen und man
glaubt er sey klug!
Ich will lieber ein Narr werden,
als ein Kluger, da man nur durch Schaden klug werden kann!
Was giebt der Narr nicht alles vor!
Der Kluge hingegen giebt nach!
O meine Freunde, laßt uns Narren
seyn, so lange wir noch klug genug dazu sind, es wird eine Zeit kommen,
wo die gerne Narren seyn würden, allein es wird zu spät seyn, wir werden
nicht mehr Klugheit genug dazu haben.
Wie glücklich sind die Narren,
ihnen allen gefällt ihre Kappe, fragt aber unsere Weisen, ob ihnen ihre
Kappe gefällt?
O nein! dem Doctor gefällt sein
Hut nicht, er möchte den Professorhut, dem Geistlichen gefällt sein
Käppchen nicht, er möchte die Bischofsmütze haben, dem Kardinal gefällt
sein Hut auch nicht, er möchte des Papstes Tiara haben.
Wer ist also klüger, die Narren
oder die Klugen?
Narren reden die Wahrheit, das ist klug, daß sie die Wahrheit reden,
weil sie Narren sind; ein Kluger aber wird sich hüten, so ein Narr zu
seyn, und die Wahrheit reden!
Ein Narr macht hundert, und das
ohne Catheder, ohne Vorlesung, ohne Anstellung, bloß durch reine
Narrheit, durch exemplarische Narrheit; wie viel Kluge werden
angestellt, als Doctoren und Professoren, ohne je noch einen Klugen zu
machen! „ Ein Narr kann mehr fragen, als sieben Weise beantworten!“ und
sind die Fragen auch nicht klug, so sind sie doch frageweise, und doch
können sieben Weise sie auf keine Weise beantworten! „ Narren haben mehr
Glück als Recht, “ und da haben sie gerade Recht! Sie sind keine solche
Narren, daß sie Recht allein haben, da kämen sie an Unrechten, es ist
ein rechtes Glück, daß sie Glück haben! „ Wenn die Narren kein Brod
äßen, so würde das Korn wohlfeil seyn!“
Nun aber ist das Korn sehr
wohlfeil, ein Bewies, daß die Narren kein Brot essen; was essen sie
denn, gar nichts etwa? ja Kuchen! Kuchen essen sie! welcher gescheidte
Mensch wird also nicht lieber ein Narr seyn, und Kuchen essen, als ein
Kluger und Brot essen?
„ Narren soll man nicht auf Eier
setzen!“
Dieses Sprichwort hängt mit dem vorigen zusammen, da die Narren Kuchen
haben, so haben sie gewiß auch Küchlein, und wenn sie Küchlein haben,
warum werden sie sich erst auf Eier setzen?
Die Klugen hingegen sitzen
beständig auf Eiern, denn sie brüten stets und sagen immer bedächtig “
ei, ei! “ Kaum aber hat der Kluge ein Ei, so will es klüger seyn, als
die Henne! Das passiert den Narren nie!
„ Narren wachsen ohne begießen“
Seht aber die Klugen an, sie sind immer wie begossen und wachsen doch
nicht; seht dafür die Narren an, wie schön sind sie gewachsen und
blieben doch immer trocken!
O meine freunde, noch mehrere der
Vorzüge besitzen die Narren vor den Klugen! Seht einen Klugen an, wie
selten findet er ein weibliches Wesen, das eine Klugin seyn will, aber
jeder Narr findet sogar seine Närrin!
Der Kleidernarr findet eine
Kleidernärrin, der Büchernarr eine Büchernärrin, der Weibernarr eine
Männernärrin, der gute Narr eine gute Närrin, ja, der kleinste Narr
findet noch immer sein liebes Närrchen.
Es giebt eine Narrenliebe, aber
keine Weisenliebe, ist uns nicht ein Narrenseil lieber, als ein kluger
Strick?
Laßt uns also Narren seyn, meine
Freunde, wenigstens an dem Tage Narren seyn, an dem die Welt klug genug
ist, die Narren Narren seyn zu lassen. Der Faschingdienstag naht heran,
lasst diesen Dienstag seyn einen Dienst – Tag und eine Dienst –Nacht für
den Fasching, lasst uns zu Ehren des weisesten aller Narren, oder des
närrischsten aller Weisen, dem Eulenspiegel zu Ehren, ein „ Eulenspiegel
– Fest begehen, aber es soll seyn lose und nicht fest, und doch eine
lose Festlichkeit.
Wir wollen festlich, wie ein
Spiegel zum Eulenspiegelfeste eilen, und da wir eine Tracht Narren sind,
wollen wir auch in Narrentracht erscheinen.
Wir wollen uns gegenseitig nicht
aufmutzen, sondern jeder mutzt sich eine Mütze auf, und damit es
narrhaft und nahrhaft zugleich sey, wollen wir die ganze Nacht zu Mittag
essen, und wir wollen wohl weißlich und röthlich Weinen, bis wir den
Himmel für eine einzige große Schlafmütze halten und bis uns die ganze
Welt für einen Himmel halten wird, weil wir sternenvoll seyn werden.
Wir wollen den Abend als närrische
Kluge zusammen kommen, des Nachts als die klügsten Narren zusammen
bleiben, und des Morgens auseinander gehen, ohne zu wissen, weder wo der
Unterschied zwischen Narrheit und Weisheit, noch wo unsere Wohnung
liegt.
Amen.