Uhland Ludwig 1787 – 1862
Sinngedichte
Mit Holzschnitten
nach Zeichnungen von Camphausen, Cloß, Mackart, max, Schrodter, Schütz
Stuttgart
Verlag der J. G. Cotta’schen Buchhandlung 1867
Narciß und Echo
1.
Seltsam spielest du
oft mit Sterblichen, Amor! Es liebet
Einen Schatten Narciß, aber ihn liebet ein Hall.
2.
Das noch tröstete
sie, das Wort des spröden Geliebten
Nachzustöhnen: nun gar ist er zur Blume verstummt.
3.
Schmerzlich dachte
Narciß: „ O wär’ ich wieder ein Jüngling!“
Echo dachte sogleich: „ Könnt’ ich als Mädchen zurück!“
4.
Amor, und dies
dein Spiel! Bald lockst du die zärtliche Echo,
Bald in der kindlichen Hand drehst du den goldnen Narciß.
Der nächtliche Ritter
In der mondlos
stillen Nacht
Stand er unter dem Altane,
Sang mit himmlisch süßer Stimme
Minnelieder zur Guitarre;
Dann auch mit den Nebenbuhlern
Hat er tapfer sich geschlagen,
Daß die hellen Funken stoben,
Daß die Mauern wiederhallten;
Und so übt’ er diesen Dienst,
Den man weihet edeln Damen,
Daß mein Herz in Lieb’ erglühte
Für den teueren Unbekannten:
Als ich drauf am
frühen Morgen
Bebend blickte vom Altane,
Blieb mir nichts von ihm zu schauen,
Als sein Blut, für mich gelassen.
Der Sänger
Noch singt den
Wiederhallen
Der Knabe sein Gefühl;
Die Elfe hat Gefallen
Am jugendlichen Spiel.
Es glänzen seine Lieder
Wie Blumen rings um ihn,
Sie gehen mit ihm wie Brüder
Durch stille Haine hin.
Er kommt zum Volkerfeste,
Er singt im Königssaal,
Ihm staunen alle Gäste,
Sein Lied verklärt das Mahl,
Der Frauen schönste krönen
Mit lichten Blumen ihn:
Er senkt das Aug’ in Thränen
Und seine Wangen glühn.
Die Orgel
„ Noch einmal
spielt die Orgel mir,
Mein alter Nachbarsmann!
Versucht es, ob ihr frommer Schall
Mein herz erquicken kann!“
Der Kranke bat, der
Nachbar spielt;
So spielt’ er nie vorher,
So rein, so herrlich, nein, er kennt
Sein eigen Spiel nicht mehr.
Es ist ein fremder
felger Klang,
Der seiner Hand entbebt:
Er hält mit Grauen ein, da war
Der Freundin Geist entschwebt.