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Eichrodt
Ludwig
1827 - 1842
Gesammelte Dichtungen
Erster Band Lyra
Stuttgart
Verlag von Adolf Bonz & Comp.
1890

Lachen
Wer nie von Herzen hat
gelacht,
laut, daß es schallt und hallt,
Der ist ein Mann von Vorbedacht,
Hat über sich Gewalt.
Der Mann ist im Geleise,
Ist weise, weise, weise,
Der Mann ist kalt und alt.
Ich glaub’, ein Frank und froh
Gemüt
das ist allein auch gut,
Wem nirgends hell der Unsinn blüht,
Der hat Insektenblut.
Auch der ist nicht zu neiden,
Der alles weiß zu scheiden,
Vor dem sei auf der Hut!
Weh ihm, der fürchtet Frist um
Frist
An seiner Würde Raub,
Und da, wo fünf gerade ist,
Für die Vernunft ist taub;
Ja, der wird keine Lache
Aufschlagen je – der mache
Sich selig aus dem Staub!
Eichrodt
Ludwig
1827 - 1842
Gesammelte Dichtungen
Erster Band Lyra
Stuttgart
Verlag von Adolf Bonz & Comp.
1890
Troubadours

Der junge Lenz vom Wetter
überschauert!
In Nacht geworfen und vom Glück verschmäht,
Schmacht’ ich im Kerker, Der junge Lenz vom Wetter überschauert!
In Nacht geworfen und vom Glück verschmäht,
Schmacht’ ich im Kerker, von Verrat belauert,
Der Sproß der Könige und ein Poet.
Des Lebens Eden schien mein sichres Erbe,
Der jugend Himmel ewig ungetrübt -
Weh mir, das Herz verödet, weh, ich sterbe
Und habe nicht gelebet und geliebt.
Ach einmal nur, bevor ich
ganz verarme
An Kraft und Liebe, gieb ein stolzes Weib
Nach meinen Träumen, Gott, mir in die Arme
Und laß mich sinken an den süßen Leib.
Schwarz sei die Locke, reich
ums Haupt ergossen,
Erhaben die Gestalt, unendlich doch
Von reizender Holdseligkeit umflossen,
es sei ihr Wesen ewig hehr und hoch.
Gieb mir das Weib aus deinen
Millionen
Auf einen Frühling im beglückten Thal!
An eines Sees Gestade laß uns wohnen,
Wohin die Welt nicht reicht mit Staub und Qual.
Nicht müßig will ich gehen, o ich will dichten
Ein Lied der Freude, wie es nicht erstand,
dann will ich hinziehen, still, zu meinen Pflichten
Und sterben, muß es sein, fürs Albaland!
Meine Dame – meine Dame,
Nimmer nennt sie ein Name,
nimmer schildert sie ein Lied;
Zu besingen meine Dame
Wird’ ich nimmer singensmüd.
Meine Dame – wie sie blendet!
Wie sie anmutsvoll sich wendet,
Süß sich in den Hüften wiegt!
Wie sie wandelt, meine Dame,
Jeder Schritt ein Herz besiegt.
Wie sie wandelt – meine Dame,
Wie sie schwebt die wonnesame,
Eine Göttin reizgeschmückt;
Wie die Füßchen meine Dame
Zierlich setzet, das enzückt!
Meine Dame – wie sie nicket,
Lieblich redet, minnig blicket,
Wie sie lächelt, wie sie lacht:
Huld und Leben, Licht und Grazie,
Und von königlichen Macht!
Alles huldigt – meine Dame,
Auch der Blinde, auch der Lahme,
Aber das, wie das sich giebt,
Ist die Blüte ihrer Güte,
Daß sie mich von herzen liebt.
Den einen Tag bist du zu
lieben,
Den andern mich zu fliehn geneigt,
Entscheidung hoffst du zu verschieben
Und fürchtest deinen Stolz gebeugt.
Du weinst, geliebte Seele!
O diese Thränen brennen mir
Auf dem Gewissen, o ich quäle
Mich in den Tod, zu helfen dir!
Ich kann nicht brechen diese
Schranken,
Die nur Erleuchtung niedereißt,
Nicht eine neue Welt Gedanken
Kann ich dir geben in den Geist.
Wohl mag ich dich ergründen,
Doch nimmer wie mit Zauberschlag
Kann ich im Busen dir entzünden
Ach, einen lichten Gottestag.
So weiß ich Worte nicht zu
sprechen,
Das eine nur: Vertraue mir!
Das Wort soll dir die Fesseln brechen
Und nehmen alle Schuld von dir;
Soll dir die Stirne kühlen,
Du sollst, wie leise du geträumt,
Die fröhliche Botschaft fühlen,
Die in der Menschen Herzen keimt.
Wär’ ich noch jung an
Jahren,
Hätte noch frohen Mut,
Hätte nicht viel erfahren,
Alles noch wäre gut.
Wollte ja noch gläubig lieben,
Abthun strafenden Groll,
Was ich verleugnet, üben,
Minniger Sehnsucht voll.
Hangen am lieben Munde,
Stürmen durch Himmel der Luft,
Bangen in seliger Stunde,
Ruhen an treusten Brust!
Glaubet, o Brüder, glaubet,
Zähren der Reue vergoß,
Wer sich ein Weib nicht geraubet,
Liebe nicht glühend genoß!
Hast du den Fein erschlagen,
Hast du den Freund gekränkt,
Wird’ s an der Seele dir nagen,
Wird es dir nicht geschenkt.
Sei es! Du wirst es tragen,
Bringest ein Lächeln auf …
Aber des Herzens Verzagen
Jagt noch vom Grabe dich auf!
Schuf dir Ahnung niemals Leid,
Daß die Liebe Wahn, Gebärde,
Daß sie nur ein Kind der Zeit,
So die Zeit verschlingen
werde,
Einst wenn die Psalter des Herzens verhallen,
Wenn die Systeme der Weisen zerfallen,
Wenn sich erneuert die Erde?
Liebe, hohe Leidenschaft,
Deren Flügel uns erheben
Uns des Ungenügens Hast;
Sollten wir dein recht vergeben!
Haben die Toten einst dürftig genossen,
Bleibt das Geheimnis der Nachwelt verschlossen,
Kümmert es uns, die wir leben?
Ich bin in festgeschmückten
Saal,
Die Welt ist fröhlich allzumal,
Drommetenschall und Gefloitir,
Des Singens ist ein groß Turnier,
Ich geb’ mich willig hin der Lust
Und seufze doch aus tiefster Brust:
Wär’ ich bei dir!
Bei dir, bei dir, wär’ ich bei dir!
Mein glänzend Weib, o stolze
Zier!
Du mit dem weichen, süßen Sinn,
O Schmeichlerin, o Königin!
Trautholdes Leben, mut’ges Herz,
Mich jagt’ s zu dir, mein Glück, mein Schmerz,
Zu dir nur hin.
Wann weht mir über Stirn’ und
Aug’
Dein sanfter Kuß, der Zephyrhauch?
Wann lieg’ ich wieder, wann o wann
In deiner schönen Augen Bann!
Die Sehnsucht wächst von Stund’ zu Stund’,
Wann flüstert mir dein Rosenmund:
Du lieber Mann!
O nein, die Lieb’ ist nicht
ein Wahn.
Was du gelitten und gethan
Für mich, ich fühl’ es dort und hier,
Dein hoher Liebreiz steht vor mir -
O lächle mir die Sorgen fort,
O labe mich mit Geist und Wort,
O, wärst du hier!
Ach, süße Fraue, nur zu dir
Steht all mein Sinn und Sehnen,
Es will sich ohne dich die zeit
Mir wie ein Nebel dehnen.
Wer einmal deinen Atem trank,
Zu Füßen dir gesessen,
Er wird dein schön, dein huldreich Bild,
Dein edles nie vergessen.
Und zög’ er tausend Meilen weit,
Zurück wird es ihn jagen,
Bis Mund auf Mund er wieder fühlt
Und Herz an Herzen schlagen,
Ach, Fraue, seh’ ich dich nur an,
Ich meine mich zu sonnen
Im heißen, klaren Maienlicht,
Dem Leid bin ich entronnen.
Wie so sanft die Wälder
rauschen,
Wie so klar die Bächlein gehen –
Laßt mich still im Moose lauschen,
In den blauen Himmel sehn,
Vöglein im Gesträuch,
Singe, so bin ich reich!
All mein Sehnen, all mein Hoffen
Ist erstorben, ist dahin,
Tief ins Mark bin ich getroffen,
Schwer verwundet Herz und Sinn.
Frühling, du allein
Flößsest mir Leben ein.
Achtlos eh’ bin ich gegangen
An der schönen Flur vorbei.
Minnedank mein ganz Verlangen,
Ehre nur mein Feldgeschrei.
Heilige Natur
Flammte nicht meine Spur.
Jener Schimmer ist zerflossen,
Kunst und Wissen nun mein Feld,
Weisheit sucht’ ich unverdrossen,
Dachte über Gott und Welt.
Wehgeschick mich traf,
Scheuchte mir Freid’ und Schlaf.
Ach! Im Walde meine Wunden
Schließet eine sanfte Hand,
Zu gesunden auf zwei Stunden,
Lieg’ ich an des Baches Rand.
Endlich überschleicht:
Schlummer mich lieb und leicht.
Daß ich immer doch erwache,
Daß ich so hinüberschlief’
Aus des Daseins Härten sachte
In das Nichts unnahbar tief –
Vögelein im Gesträuch,
Singe dein Lied so weich!
Eichrodt
Ludwig
1827 - 1842
Gesammelte Dichtungen
Erster Band Lyra
Stuttgart
Verlag von Adolf Bonz & Comp.
1890

Träumer
Will am Tag mir nicht
gelingen,
Heiter, schön und mild
Vor das Auge herzuzwingen
Der Geliebten Bild.
Über Antlitz ausgegossen
All die Lieblichkeit,
Bleibt dem innern Blick verschlossen,
Und ich bin zerstreut.
Hasch’ ich auch nach allen
Schätzen
Der Erinnerung,
Nimmer können sie ersetzen
Des Lebend’gen Schwung.
Keine Dichtung giebt ihn
wieder
Jener Formen Drang,
Jener aufgeblähten Glieder
Ineinanderklang.
Kann die Perle nicht gewinnen
Uns der Reize Meer,
All Gedächtnis, alles Sinnen
Zaubert sie nicht her.
Aber, wenn der schattenstille
Abend wiederkehrt,
Dämmert auf zu Glanz und Fülle,
Was mein Herz begehrt.
Wenn das Dunkel mich umfangen,
Schleichet süß und rein
In den Traum, den herzensbangen,
Die Geliebte ein.
Und sie ist so schön zu
schauen,
So lebendig warm,
So voll Liebe, voll Vertrauen
Ruht sie mir im Arm.
Eichrodt
Ludwig
1827 - 1842
Gesammelte Dichtungen
Erster Band Lyra
Stuttgart
Verlag von Adolf Bonz & Comp.
1890

Traun !
Abgestumpft und abgekühlt
Ist die Welt und nachgefühlt
Wird ja nichts mehr gerne,
Was des Sängers Herz durchwühlt,
Liegt den Menschen ferne …
Traun! Verständet ihr das Wie
!
Ach, es ist die Schuld nicht die,
Ist an euch gelegen;
Denn die echte Melodie
Muß die Welt bewegen.
Jene ist es, die den Geist
In die Stimmung mit sich reißt
Und entführt der Erden;
Wer Ambrosia verspeist,
Wird olympisch werden.
Wie das reiche Sonnenlicht
Siegend aus der Wolke bricht,
Alles zu beglücken,
Soll die Herzen ein Gedicht
Rühren und entzücken!
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