ARLECCINO
Gebet an Pierrot
An Otto von GrotePierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!
Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
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Ernst Paul 1866 – 1933
Pierrot und Colombine
Die arme Colombine ist krank, sterbenskrank. Vor ihrem ärmlichen Lager sitzt auf einem Stuhl Pierrot, verzweifelt den Kopf auf die Hände gestützt.
»Soll
ich denn schon sterben«, klagt sie; »ich bin doch noch so jung, und wie
viele Leute leben, die alt sind und kein Talent haben! Ich habe ja immer darüber gelacht, weißt du, mit dem dicken Priester, der so lustig war, der damals abends so oft zu uns kam und mit uns aß, und eine Salamiwurst mitbrachte und den großen Fiasco Wein, den er fast ganz allein austrank.
Weißt du noch, wenn du ihn nachmachtest, wie er den Fiasco hob und den Weinstrahl mit dem Munde auffing?
Pierrot tröstet sie und sagt:
»Auf
dem Anger?« ruft Colombine entsetzt. »Die Priester gehen doch selber ins Theater und verkehren so gern mit uns, sie sind auch gern einmal lustig, weil sie sonst immer so ernst sein müssen.
Sie sagen, es ist für die Gesundheit gut, wenn man zuweilen lacht; und
die Leute lachen doch über uns; die Ärzte werden doch nicht
exkommuniziert! Es ist die Zeit, wo der Arzt kommt.
Pierrot trocknet sich die Tränen und geht.
Auf
der Straße begegnet ihm ein Mann mit einem großen Vogelbauer, in dem
zwei reizende Kanarienvögel sitzen.
Inzwischen also besucht der Arzt Colombinen. Also der Arzt besucht Colombinen und ist jung, Colombine ist gar nicht so krank wie sie denkt, und der Arzt will noch diesen Abend nach Neapel abreisen; Pierrot aber handelt inzwischen eine lange Zeit mit dem Mann um die Kanarienvögel. Wirklich bekommt er sie für fünf Paoli; er nimmt das Bauer in die Hand und geht glücklich zu Colombinen, eine wunderschöne Melodie vor sich hinträllernd; er nimmt an, daß der Arzt sie nun verlassen hat. Aber wie er ankommt, findet er das Zimmer leer; auf dem Tisch liegt ein Brief für ihn; er enthält zärtliche Abschiedsworte, denn sie ist mit dem Arzt nach Neapel gereist.
Was
soll er nun mit den Kanarienvögeln machen? Dort liegt noch ein Unterröckchen von ihr, da stehen ein Paar zierliche kleine Schuhe; die Absätze sind schief getreten; er erinnert sich, wie er ihr Vorstellungen gemacht, daß von dem Röckchen die Stoßkante herunterhing und daß die Absätze schief getreten waren; nun ist sie fort, nie wird er sie wiedersehen, denn kontraktbrüchig ist sie auch geworden, und der Direktor wird sie nicht wieder annehmen, wenn sie auch zurückkehrt.
Es
klopft an die Tür und der Kapitän kommt, um sich nach ihrem Befinden zu
erkundigen; betrübt erzählt ihm Pierrot alles; und auch der Kapitän
wischt sich eine Träne aus dem Auge. Pierrot erzählt alles,
wie er Colombinen geliebt hat, und weint; die Andern trösten ihn;
Isabelle streichelt ihm die Hand, Silvie streichelt ihm den Kopf. Silvie sitzt ihm jetzt gegenüber; und wie magnetisch voneinander angezogen, finden sich ihre Füße unter dem Tisch; und indes Pierrot sich die Tränen trocknet, drückt er zärtlich mit seinem Fuß Silviens Fuß.
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Autor: / Ernst Paul 1866 – 1933
Bildnachweis: / Daumier Honore 1808 - 1879 / Cirkus Clown