ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Anasatsius Grün (Pseud)
 Auersperg
1806 - 1876

Vierzehnte Auflage
Berlin
Weidmanische Buchhandlung
1869

Der alte Komödiant

 Der Vorhang rauscht und fliegt empor,
Ein alter Gaukler tritt hervor,
Mit Flitter sattsam ausstaffirt,
Sein ehrlich Antlitz roth beschmiert.

 Du alter Mann mit dem weißen Haar,
Wie dauerst du mich im Herzen gar,
Der du vorm Grabe gaukelnd springst,
Damit du vom Pöbel ein Lächeln erzwingst!

 Ein Lächeln über ein greises Haar
Und über die nahe Todtenbahr'!
Dieß eines Lebens höchster Preis!
Des deinen, armer, armer Greis!

 Des Greises Hirn ist schwach und alt,
Der Liebsten selbst vergißt er bald;
Du aber zwängst mit Müh' und Pein
Noch eitlen Floskelkram hinein.

 Des Greises Arm ist abgespannt,
Man sieht nur noch die müde Hand
Zum Segen für Kind und Enkel erhöht
Und fromm gefaltet zum Gebet.

 Doch deine Hand schlägt fort und fort
Den tollen Takt zu wüstem Wort,
Und all' die Mühe, armer Mann,
Damit der Pöbel lachen kann.

 Und schmerzt dich auch dein morsch Gebein,
Ei was, 's ist längst ja nimmer dein!
Du magst wohl weinen, alter Mann,
Wenn nur die Menge lachen kann!

 Der Greis sich in den Lehnstuhl setzt,
Ei, wie das seine Glieder letzt!
»Der macht sich's auch bequem, fürwahr!«
So murmelt's spöttisch durch die Schaar.

 Mit leisem abgebrochnen Ton
Beginnt er mühsam seinen Sermon.
»Der hält nun auch kein Schlagwort mehr!«
So zürnt es strafend ringsumher.

 Der Greis lallt nur manch tonlos Wort,
Die Stimme bebt, es will nicht fort;
Noch ist sein Spruch nicht ganz heraus
Da schweigt er, als ging sein Athem aus.

 Das Glöcklein schellt, der Vorhang sinkt,
Wer ahnt's, daß ein Todtenglöcklein klingt?
Die Menge trommelt und pfeift dabei,
Wer ahnt's daß ein Leichenlied dieß sei?

 Der Alte lehnt im Stuhle todt,
Doch Leben heuchelt der Schminke Roth,
Die auf dem Antlitz blaß und kalt,
Wie eine große Lüge, prahlt.

 Sie blieb auf des Alten Angesicht,
Wie eine Grabschrift, die da spricht,
Daß Alles Lug und Trug und Dunst,
Sein Leben, Treiben, seine Kunst!

 Sein Wald, gemalt auf Leinwand grün,
Rauscht über sein Grab nicht klagend hin!
Es ist sein ölgetränkter Mond
Um Todte zu weinen nicht gewohnt.

 Die Kunstgenossen umstehn den Greis,
Und Einer spricht zu seinem Preis:
»Heil ihm, denn, traun, ein Held ist der,
Der auf dem Schlachtfeld fiel, wie er!«

 Ein Gauklerdirnlein als Muse gar
Legt dann dem Greis ins Silberhaar
Den grünpapiernen Lorbeerkranz,
Vom vielen Gebrauch zerknittert ganz.

 Zwei Männer sind sein Leichenzug,
Die sind, den Sarg zu tragen, genug;
Und als sie ihn zu Grabe gebracht,
Hat Niemand geweint und Niemand gelacht

 

 

 

 

 

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Autor; /
Anasatsius Grün (Pseud)  Auersperg 1806 - 1876
Bildnachweis, / Kolle Helmut 1899 - 1931 Selbstbildnis 1924
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