ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Hessel Franz 1880 - 1941

Sämtliche Werle in fünf Bänden Herausgegeben von Hartmund Vollmer und Bernd Witte
Band II Prosasammlungen 1999
Igel Verlag Odenburg

 

Pantomime

 

Nachdem die launenhafte Colombine manche Liebesabenteuer erlebt und ihrem vielgetreuen Pierrot immer neues Herzeleid bereitet hatte, ward sie eines Tages der Männer satt und ergab sich der Kunst, um in einer Scheinwelt Ersatz und Trost für die enttäuschend wirkliche zu finden.
Da sie aber nicht von der süßen Gewohnheit lassen konnte, was sie liebte, mit Händen zu berühren und zu fassen, wandte sie sich der Bildhauerei zu, ohne der Beschwerden zu achten, die die Erlernung dieser Kunst begleiten. Lebensgroße Gestalten zu schaffen, blieb ihr freilich zunächst versagt, und sie musste sich begnügen, auf ein Schiefertäfelchen Plastilin zu drücken und daraus so viel Schönheit zu kneten, als sie vermochte.
Einige Tage  beschränkte sie sich auf Blätterzierat und tierische Formen, aber bald ließ ihr die Einbildungskraft keine Ruhe, und sie schuf auf ihrer winzigen Tafel einen Jüngling von großer Anmut. Reiche Locken fielen ihm vom Barett auf die Schultern, der Hals tauchte zierlich aus üppiger Krause, die Hände glitten schmal aus den Spitzenmanschetten der Ärmel  und griffen, die linke nach einem galanten Dolch, die rechte nach dem Herzen, die Füße staken mit unsagbar zierlicher Lässigkeit in Schnallenschuhen.

Allein so ausführlich Colombine jede Schnalle, jede Spitze behandelt hatte, mit dem Antlitz des ganzen Geschöpfes war sie doch noch recht im Rückstand. Nase und Mund waren nur angedeutet, und die Augen sahen die Bildnerin in runder leeren Erwartung an. Und doch übte dies unvollkommene Gebilde solchen Reiz auf die Schöpferin aus, daß sie nicht umhin konnte, bisweilen einen Kuß auf den schier lippenlosen Mund zu drücken. Ja, allgemach  verließ sie den strengen Dienst der Kunst so weit, daß ihr Gefühl Täuschungen und Verwechslungen unterlag, wie sie Ovid von dem sagenhaften Pygmalion erzählt; und wie dieser warf sie sich eines Tages neben der Puppe ihrer Sehnsucht auf die Knie, im Begriff, zur unwandelbaren Venus zu flehen, daß sie das winzige Plastilinknäblein in einen lebensgroßen und lebendigen  Knaben verwandeln möge.

 Es war das aber zur Zeit des Karnevals, und gerade als Colombine die Hände zum Gebet erhob, trat der unglückliche und getreue Pierrot in das Gemach, um zu fragen, ob sie nicht doch wieder einmal tanzen gehen und ihm gewähren wolle, sie zum feste zu geleiten.

 Er  wisse wohl, sie werde kaum den Saal betreten haben, um ihn, Pierrot, schon zu verlassen und dem Arlecchino oder Polichinell oder wem sonst von ihren zahlreichen Freunden die Hand zu reichen.

Aber sie an den Wagen zu begleiten, an ihrer Seite zu sitzen und sie wiederum aus dem Wagen zu heben, wäre seinem in vielem Gram bescheiden gewordenen Herzen schon so viel Wonne, daß er alles verletzten Stolzes vergäße, käme, bäte.

 „ Du weißt, mein Freund“, fiel Colombine nicht ohne Heftigkeit ein, „ daß ich von Karneval, Tanz, Männern nichts mehr wissen will, seit ich zur Kunst gefunden habe. Zu ungelegener Stunde stehst du auf meiner Schwelle. Bitte, laß mich allein.“

 Bekümmert hüllte sich Pierrot in seinen faltenreichen Mantel und ging.

Colombine aber wandte sich mit erneuter Inbrunst zum gebet. Tränen flossen über ihre Wangen, und die Bitte stieg lieblicher als Opferrauch auf,  also daß das Herz der olympischen Göttin gerührt ward. In traumhafter Verzückung, flimmernden Auges und surrenden Ohres, vernahm die Kniende Taubenflattern und goldenes Räderrollen. Und dann stand blendend die Göttin hergeneigt, und die unsterbliche Hand berührte das Plastilin auf der Tafel da, wo das Herz pochen sollte.

Der Geisternebel, der die entschwindende Göttin verhüllte, ließ eine Jünglingsgestalt erstehen, die in allem der Plastilinfigur glich, die nebst dem Täfelchen verschwunden war.

Indessen war Pierrot mit verfinsterter Mine von Gasse zu Gasse geeilt, ohne recht zu wissen, wohin er wollte. Schließlich fand er sich vor der Tür der Bohemienne, trat mit raschem Entschluß ein und bat die bräunliche Schöne, mit ihm zu dem fest zu fahren. Bohemienne hatte diesen Abend ihrem derzeitigen Liebhaber Balthasar zugesagt, aber Pierrot überschütte die Zaudernde mit solchem Redeschwall, daß sie sich widerstandslos von seinen Beteuerungen betäuben ließ, nicht ahnend, daß  er mit ihnen sein wundes Herz auch nur betäubte.

Mag auch Neugier gewesen sein, Verwunderung und Vergnügen, daß heute einer vor ihr kniete, der sonst nie um ihre Gunst geworben und immer hinter Fächer und Schleifen der Freundin her war.

Kurzum, sie folgte ihm, sie stieg in seinen Wagen.

Kaum aber hatten sie den Vorraum des Festsaales betreten, so trat ihnen der ungeschlachte Balthasar schnaubend entgegen und hielt dem Nebenbuhler die Spitze seines Floretts unters Kinn.

Die Masken wichen beiseite.

 In einem zierlichen Ehrengange kreuzten beide Ritter ihre Klingen und wollten gerade zu ernsthaften Stoß, Parade und Finte übergehen, als man sie zur Seite drängte und vor einem neuen Schauspiel zurückwich, das dieses an Überraschung übertraf.

„ Ei, sieh! Welch schönes Paar!“ rief’ s von allen Seiten und „ Macht Platz!“ und „ Wer ist der Ritter?“ Denn die Dame schien man zu kennen.

Du ahnst schon, schöne Leserin, und du, erfahrener Leser, daß niemand anders dies Staunen hervorrief als Colombine am Arme des schönen, ihr eben erst geschenkten Jünglings, den wir mit ihr Plastilino nennen.

Pierrot und Balthasar stehen beide mit offenen Mündern und herabgesunkenen Degen, dann schmiegt Bohemienne sich an Balthasars massive Gestalt und führt ihn seitab in einen dunklen Winkel des Tanzsaales, um mit ihm ein Duett wiedererwachender  Liebe zu singen. Beide beklagten hernach in ihrem Glücke den armen Pierrot, den sie irr im Saale umherstreifen sehen.

Aber mit einem Male gibt es mitten im Raum einen Tumult. „ Rasch Wasser, Eis und einen Arzt!“ rufen erregte Masken einander zu. Und indem die Umdrängenden der flattrigen Gestalt des Doktors Bartolo Platz machen, wird der leblos auf nacktstrahlendem Parkett hingestreckte Plastilino sichtbar.

Sein puderblasser Kopf ruht im Schoß der trostlosen Colombine.

Diese stößt die rabenschwarzen Riesenhandschuhe des Doktors, die nach dem Patienten fühlen wollen, zurück.

„ Hier hilft kein Arzt“,  wehrt sie ab, „ nur sie, die ihn geschenkt, kann ihn wieder schenken.“

Der Chor der Masken starrt in staunender Erwartung, und dies Starren verwandelt sich in einen seltsamen Taumel, in dem viele Augen Goldnes und Weißes flimmern sehen, viele Ohren Rollen und Flattern zu vernehmen meinen. Silberwolken umhüllen den Kronleuchter, daß er nur noch magisch schimmert. Die betend aufblickende Colombine aber sieht lichte Füße einem Wolkenwagen entsteigen, erblickt die hergeneigte Göttin.

Mit der Spitze des rechten Zeigefingers berührt Venus das Herz des starren Plastilino, und die linke Hand fasst leicht anhebend unter seinen Rücken. Ein kleines Knarren, wie von einer Kinderklapper – und schon bewegt er sich wieder und streckt die Arme aus nach Colombine.

Die schaut von der Göttin zum Knaben und vom Knaben zur Göttin, und ihr neues Glück ist mit wunderlicher Angst gemischt.

 Die anderen haben wohl den Silberdunst wahrgenommen, die Göttin aber hat nur Colombine gesehen. Eilig weicht sich nun am Arme des Neugeschenkten aus dem Dunstkreis, und ihr nach eilt der Chor der Masken zu neuem Tanz.

In der Lichtnebel der Mitte aber tritt Pierrot, der bisher beiseitegestanden, und mit einem Male sieht er die Göttin.
„ Tanzt Pierrot nicht?“ fragt Venus.

„ Ich kann nicht tanzen“, erwidert er, und seine langen Ärmel fallen ihm über die sinkende Hände.

Da nimmt die Göttin seinen Arm, und ihre Schleier wehen um seine Schultern. Und sie tanzt mit ihm in der schimmernden Mitte.

Pierrot ist selig, Venus aber späht bisweilen über seine Schulter in das Getümmel der anderen hinüber. Ein Gelüst kommt sie an. „ Hier ist es vergnüglich“, meint sie, „ mir schwindet der Olymp. Wir wollen uns unter die Menge mischen.“

Diese Menge hat einen zuschauenden und mittanzenden Kreis gebildet um das Paar Colombine und Plastilino. Plastilino ist ungemein lebendig geworden.

Mit gespensternder Grazie hält er Colombine umschlungen.

Übertreibend holt er ihren Arm  hoch über seine Schultern hinauf. Die Füße in den Schnallenschuhen führen die merkwürdigsten Schleifer, Hupfer,  Pirouetten, Vor – Und Rücktritte aus.

Kaum kann die Schöne seinen vielen wechselnden Erfindungen folgen, bei denen sie bald heftig an seinen Leib gerafft, bald jäh fortgestoßen, jetzt eingeknickt, jetzt aufgelangt wird. Ihre langsame Scheu, ihre nachzuckenden Gebärden erscheinen der Menge als feinste Absicht und neueste Tanzkunst. Selbst das Zittern, das von Zeit zu Zeit ihre Gestalt durchläuft, gilt als Figur.

Nun ist Venus, der Menge unsichtbar, den sichtbaren Pierrot – ihn, der ja immer wie am Arme Unsichtbarer mitgezogen geht – führend, in den Kreis gekommen.

Colombine erblickt die Göttin und neben ihr ihn. Sie schreit, sie reißt sich aus den Klammern des gekneteten Gespenstes los, sie liegt zu Füßen der Göttin. Neben ihr kniet Pierrot, beide Knie berühren, beide Augen begegnen  sich. Da kommt mit grotesken Riesenschritten das Wachsgeschöpf heran, und wimmernd schmiegt sich Colombine an Pierrot.

Die Menge aber sieht mit Verwunderung den plastilinenen  Schemen von unsichtbaren Armen – wir wissen, wessen Arme – ergriffen, in einem geisterhaften Tanz gedreht, entführt und durch die Gasse der Zurückweichenden über spiegelndes Parkett  in kristallene Wand entschweben, verschwinden.

Manche, die das Fest miterlebt haben, behaupten, er sei nie lebendig gewesen und Colombine habe nur eine Wachspuppe mitgebracht und habe sie fortgeworfen, als sie in Pierrots Arme zurückfand. In diesen Armen tanzte sie dann den Rest der Nacht ganz sanfte Tänze und streichelte seine langen Ärmel, die ihm immer wieder über die Hände fielen.
Er geleitete sie auch gegen Morgen aus dem Saale fort, und Bohemienne will gesehen haben, daß er mit ihr  in ihr Wagen stieg.
Daß er sie auch in ihre seidene Kammer begleitet habe, bezweifelt Balthasar, der ihn am Abend dieses Morgens trauriger denn je im Mondschein wandeln und nach dem Sterne Venus emporschauen sah.

 

 

 

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Autor:  / 
Hessel Franz 1880 - 1941
Bildnachweis: / Macke August 1887 - 1914/ Tänzer 1913-14


 


 

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