Hessel Franz 1880 - 1941
Sämtliche Werle in fünf Bänden Herausgegeben von Hartmund
Vollmer und Bernd Witte
Band II Prosasammlungen 1999
Igel Verlag Odenburg
Pantomime
Nachdem die
launenhafte Colombine manche Liebesabenteuer erlebt und ihrem
vielgetreuen Pierrot immer neues Herzeleid bereitet hatte, ward sie
eines Tages der Männer satt und ergab sich der Kunst, um in einer
Scheinwelt Ersatz und Trost für die enttäuschend wirkliche zu finden.
Da sie aber nicht von der süßen Gewohnheit lassen konnte, was sie
liebte, mit Händen zu berühren und zu fassen, wandte sie sich der
Bildhauerei zu, ohne der Beschwerden zu achten, die die Erlernung dieser
Kunst begleiten. Lebensgroße Gestalten zu schaffen, blieb ihr freilich
zunächst versagt, und sie musste sich begnügen, auf ein
Schiefertäfelchen Plastilin zu drücken und daraus so viel Schönheit zu
kneten, als sie vermochte.
Einige Tage beschränkte sie sich auf Blätterzierat und tierische
Formen, aber bald ließ ihr die Einbildungskraft keine Ruhe, und sie
schuf auf ihrer winzigen Tafel einen Jüngling von großer Anmut. Reiche
Locken fielen ihm vom Barett auf die Schultern, der Hals tauchte
zierlich aus üppiger Krause, die Hände glitten schmal aus den
Spitzenmanschetten der Ärmel und griffen, die linke nach einem galanten
Dolch, die rechte nach dem Herzen, die Füße staken mit unsagbar
zierlicher Lässigkeit in Schnallenschuhen.
Allein so
ausführlich Colombine jede Schnalle, jede Spitze behandelt hatte, mit
dem Antlitz des ganzen Geschöpfes war sie doch noch recht im Rückstand.
Nase und Mund waren nur angedeutet, und die Augen sahen die Bildnerin in
runder leeren Erwartung an. Und doch übte dies unvollkommene Gebilde
solchen Reiz auf die Schöpferin aus, daß sie nicht umhin konnte,
bisweilen einen Kuß auf den schier lippenlosen Mund zu drücken. Ja,
allgemach verließ sie den strengen Dienst der Kunst so weit, daß ihr
Gefühl Täuschungen und Verwechslungen unterlag, wie sie Ovid von dem
sagenhaften Pygmalion erzählt; und wie dieser warf sie sich eines Tages
neben der Puppe ihrer Sehnsucht auf die Knie, im Begriff, zur
unwandelbaren Venus zu flehen, daß sie das winzige Plastilinknäblein in
einen lebensgroßen und lebendigen Knaben verwandeln möge.
Es war das aber
zur Zeit des Karnevals, und gerade als Colombine die Hände zum Gebet
erhob, trat der unglückliche und getreue Pierrot in das Gemach, um zu
fragen, ob sie nicht doch wieder einmal tanzen gehen und ihm gewähren
wolle, sie zum feste zu geleiten.
Er wisse wohl,
sie werde kaum den Saal betreten haben, um ihn, Pierrot, schon zu
verlassen und dem Arlecchino oder Polichinell oder wem sonst von ihren
zahlreichen Freunden die Hand zu reichen.
Aber sie an den
Wagen zu begleiten, an ihrer Seite zu sitzen und sie wiederum aus dem
Wagen zu heben, wäre seinem in vielem Gram bescheiden gewordenen Herzen
schon so viel Wonne, daß er alles verletzten Stolzes vergäße, käme,
bäte.
„ Du weißt, mein
Freund“, fiel Colombine nicht ohne Heftigkeit ein, „ daß ich von
Karneval, Tanz, Männern nichts mehr wissen will, seit ich zur Kunst
gefunden habe. Zu ungelegener Stunde stehst du auf meiner Schwelle.
Bitte, laß mich allein.“
Bekümmert
hüllte sich Pierrot in seinen faltenreichen Mantel und ging.
Colombine aber
wandte sich mit erneuter Inbrunst zum gebet. Tränen flossen über ihre
Wangen, und die Bitte stieg lieblicher als Opferrauch auf, also daß das
Herz der olympischen Göttin gerührt ward. In traumhafter Verzückung,
flimmernden Auges und surrenden Ohres, vernahm die Kniende
Taubenflattern und goldenes Räderrollen. Und dann stand blendend die
Göttin hergeneigt, und die unsterbliche Hand berührte das Plastilin auf
der Tafel da, wo das Herz pochen sollte.
Der Geisternebel,
der die entschwindende Göttin verhüllte, ließ eine Jünglingsgestalt
erstehen, die in allem der Plastilinfigur glich, die nebst dem Täfelchen
verschwunden war.
Indessen war
Pierrot mit verfinsterter Mine von Gasse zu Gasse geeilt, ohne recht zu
wissen, wohin er wollte. Schließlich fand er sich vor der Tür der
Bohemienne, trat mit raschem Entschluß ein und bat die bräunliche
Schöne, mit ihm zu dem fest zu fahren. Bohemienne hatte diesen Abend
ihrem derzeitigen Liebhaber Balthasar zugesagt, aber Pierrot überschütte
die Zaudernde mit solchem Redeschwall, daß sie sich widerstandslos von
seinen Beteuerungen betäuben ließ, nicht ahnend, daß er mit ihnen sein
wundes Herz auch nur betäubte.
Mag auch Neugier
gewesen sein, Verwunderung und Vergnügen, daß heute einer vor ihr
kniete, der sonst nie um ihre Gunst geworben und immer hinter Fächer und
Schleifen der Freundin her war.
Kurzum, sie folgte
ihm, sie stieg in seinen Wagen.
Kaum aber hatten
sie den Vorraum des Festsaales betreten, so trat ihnen der ungeschlachte
Balthasar schnaubend entgegen und hielt dem Nebenbuhler die Spitze
seines Floretts unters Kinn.
Die Masken wichen
beiseite.
In einem
zierlichen Ehrengange kreuzten beide Ritter ihre Klingen und wollten
gerade zu ernsthaften Stoß, Parade und Finte übergehen, als man sie zur
Seite drängte und vor einem neuen Schauspiel zurückwich, das dieses an
Überraschung übertraf.
„ Ei, sieh! Welch
schönes Paar!“ rief’ s von allen Seiten und „ Macht Platz!“ und „ Wer
ist der Ritter?“ Denn die Dame schien man zu kennen.
Du ahnst schon,
schöne Leserin, und du, erfahrener Leser, daß niemand anders dies
Staunen hervorrief als Colombine am Arme des schönen, ihr eben erst
geschenkten Jünglings, den wir mit ihr Plastilino nennen.
Pierrot und
Balthasar stehen beide mit offenen Mündern und herabgesunkenen Degen,
dann schmiegt Bohemienne sich an Balthasars massive Gestalt und führt
ihn seitab in einen dunklen Winkel des Tanzsaales, um mit ihm ein Duett
wiedererwachender Liebe zu singen. Beide beklagten hernach in ihrem
Glücke den armen Pierrot, den sie irr im Saale umherstreifen sehen.
Aber mit einem Male
gibt es mitten im Raum einen Tumult. „ Rasch Wasser, Eis und einen
Arzt!“ rufen erregte Masken einander zu. Und indem die Umdrängenden der
flattrigen Gestalt des Doktors Bartolo Platz machen, wird der leblos auf
nacktstrahlendem Parkett hingestreckte Plastilino sichtbar.
Sein puderblasser
Kopf ruht im Schoß der trostlosen Colombine.
Diese stößt die
rabenschwarzen Riesenhandschuhe des Doktors, die nach dem Patienten
fühlen wollen, zurück.
„ Hier hilft kein
Arzt“, wehrt sie ab, „ nur sie, die ihn geschenkt, kann ihn wieder
schenken.“
Der Chor der Masken
starrt in staunender Erwartung, und dies Starren verwandelt sich in
einen seltsamen Taumel, in dem viele Augen Goldnes und Weißes flimmern
sehen, viele Ohren Rollen und Flattern zu vernehmen meinen. Silberwolken
umhüllen den Kronleuchter, daß er nur noch magisch schimmert. Die betend
aufblickende Colombine aber sieht lichte Füße einem Wolkenwagen
entsteigen, erblickt die hergeneigte Göttin.
Mit der Spitze des
rechten Zeigefingers berührt Venus das Herz des starren Plastilino, und
die linke Hand fasst leicht anhebend unter seinen Rücken. Ein kleines
Knarren, wie von einer Kinderklapper – und schon bewegt er sich wieder
und streckt die Arme aus nach Colombine.
Die schaut von der
Göttin zum Knaben und vom Knaben zur Göttin, und ihr neues Glück ist mit
wunderlicher Angst gemischt.
Die anderen haben
wohl den Silberdunst wahrgenommen, die Göttin aber hat nur Colombine
gesehen. Eilig weicht sich nun am Arme des Neugeschenkten aus dem
Dunstkreis, und ihr nach eilt der Chor der Masken zu neuem Tanz.
In der Lichtnebel
der Mitte aber tritt Pierrot, der bisher beiseitegestanden, und mit
einem Male sieht er die Göttin.
„ Tanzt Pierrot nicht?“ fragt Venus.
„ Ich kann nicht
tanzen“, erwidert er, und seine langen Ärmel fallen ihm über die
sinkende Hände.
Da nimmt die Göttin
seinen Arm, und ihre Schleier wehen um seine Schultern. Und sie tanzt
mit ihm in der schimmernden Mitte.
Pierrot ist selig,
Venus aber späht bisweilen über seine Schulter in das Getümmel der
anderen hinüber. Ein Gelüst kommt sie an. „ Hier ist es vergnüglich“,
meint sie, „ mir schwindet der Olymp. Wir wollen uns unter die Menge
mischen.“
Diese Menge hat
einen zuschauenden und mittanzenden Kreis gebildet um das Paar Colombine
und Plastilino. Plastilino ist ungemein lebendig geworden.
Mit gespensternder
Grazie hält er Colombine umschlungen.
Übertreibend holt
er ihren Arm hoch über seine Schultern hinauf. Die Füße in den
Schnallenschuhen führen die merkwürdigsten Schleifer, Hupfer,
Pirouetten, Vor – Und Rücktritte aus.
Kaum kann die
Schöne seinen vielen wechselnden Erfindungen folgen, bei denen sie bald
heftig an seinen Leib gerafft, bald jäh fortgestoßen, jetzt eingeknickt,
jetzt aufgelangt wird. Ihre langsame Scheu, ihre nachzuckenden Gebärden
erscheinen der Menge als feinste Absicht und neueste Tanzkunst. Selbst
das Zittern, das von Zeit zu Zeit ihre Gestalt durchläuft, gilt als
Figur.
Nun ist Venus, der
Menge unsichtbar, den sichtbaren Pierrot – ihn, der ja immer wie am Arme
Unsichtbarer mitgezogen geht – führend, in den Kreis gekommen.
Colombine erblickt
die Göttin und neben ihr ihn. Sie schreit, sie reißt sich aus den
Klammern des gekneteten Gespenstes los, sie liegt zu Füßen der Göttin.
Neben ihr kniet Pierrot, beide Knie berühren, beide Augen begegnen
sich. Da kommt mit grotesken Riesenschritten das Wachsgeschöpf heran,
und wimmernd schmiegt sich Colombine an Pierrot.
Die Menge aber
sieht mit Verwunderung den plastilinenen Schemen von unsichtbaren Armen
– wir wissen, wessen Arme – ergriffen, in einem geisterhaften Tanz
gedreht, entführt und durch die Gasse der Zurückweichenden über
spiegelndes Parkett in kristallene Wand entschweben, verschwinden.
Manche, die das
Fest miterlebt haben, behaupten, er sei nie lebendig gewesen und
Colombine habe nur eine Wachspuppe mitgebracht und habe sie
fortgeworfen, als sie in Pierrots Arme zurückfand. In diesen Armen
tanzte sie dann den Rest der Nacht ganz sanfte Tänze und streichelte
seine langen Ärmel, die ihm immer wieder über die Hände fielen.
Er geleitete sie auch gegen Morgen aus dem Saale fort, und Bohemienne
will gesehen haben, daß er mit ihr in ihr Wagen stieg.
Daß er sie auch in ihre seidene Kammer begleitet habe, bezweifelt
Balthasar, der ihn am Abend dieses Morgens trauriger denn je im
Mondschein wandeln und nach dem Sterne Venus emporschauen sah.