ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Hessel Franz 1880 – 1941

 

Sämtliche Werke in fünf Bänden
herausgegeben von Hartmund Vollmer und bernd Witte
 Band 4 Prosasammlungen Igel Verlag Oldenburg
1999

 

Pierrot und Don Juan

„ Finsternis ist Rand des Lichtes.“

 

Pierrot : Wer bist du, der sein dunkles Kleid so fremd durch meine helle Nacht trägt?

Don Juan: Ei, vielleicht nur ein schwarzer Streif an deinem Mond hin, Pierrot, damit er nachher um so voller strahle.
Pierrot: Mein holdes Licht bedarf keines Widerspiels, um heller zu werden, es ist hell.

Don Juan: Wär es wohl so hell, wenn dein Haar nicht so rabenschwarz wäre, du Blasser, und die Schatten  deiner überwachten Augen so düster auf deinen runden Wangen?

Pierrot: Ich sehe mein Gesicht nicht. Ich weiß nicht von mir. Nur von der Mondnacht weiß ich.  

Don Juan: Von der Mondnacht und der lichten Colombine.

Pierrot: Du sagst es.

Don Juan: Ja, und du sagst es schier zu oft. Deine Lieder laufen bald wie laute Marktschreier, bald wie leise Kupplerinnen von Colombinens Reizen her. Hab acht auf dein Schätzchen, Freund!

Pierrot: Wer bist du, da ß du dich bemüßigt fühlst, mir Ratschläge zu geben? Ist das Menschenkennen deine Sache oder das Weiberkennen?

Don Juan: Ob ich die Weiber kenne, weiß ich nicht. Aber ich glaube, ich weiß, was ihnen not tut.  

Pierrot. Drüben, wo der Wald zu Ende geht, unterm ersten Dorfdach wohnt ein Bartscherer, der hat mehr Jungfernschaften erkannt als der Junker des Landes und mehr Kinder im ort als die Ehemänner ahnen. Soll ich deshalb zu ihm in die Lehre gehen, damit ich klüger werde über die Weiber?
 

Don Juan: Nun, man kann bisweilen von einem Bartkratzer mehr lernen als von einem Weltweisen. Übrigens bist du unliebenswürdig, Pierrot: es ist besser, ich gehe.  

Pierrot: Nein, bleibe! Deine Augen gleichen manchmal Colombinens Augen, wenn sie nicht hört, was ich sage. Deine kurze Stirn, deine herrische Nase sind voll Eigensinn und drängen in das Neue. Aber deine Augen träumen noch vom letzten Glück. – Du bist der ritterliche Don Juan. Wo kommst du her? Wohin gehst du?

Don Juan: Du kennst mich. Jeder Abend macht mir Sehnsucht zu bleiben, jeder Morgen Lust zu gehen. Wozu soll ich dir Woher – Wohin erzählen? Du weißt, ich bin unterwegs.  

Pierrot: O Don Juan, ich kenne nichts als diesen Garten, das Feld zur Rechten und links den Wald im Zeiten – Stundenwechsel und  . …

Don Juan: und Colombine im Launenwechsel.

Pierrot: Die Jahreszeiten spiegeln ihre Launen. Und ihre launen bedeuten Jahreszeiten.

Don Juan: Das ist deine Schuld. Du müßstest Sonnenglut in ihre wolkige Kühle und Sturm in ihre  Schwüle bringen.

Pierrot: O wenn sie nur in dem ist, was ihr wohltut. Was liegt an mir?

Don Juan: es würde ihr wohl tun, zwängest du sie in das, was dir gefällt.  

Pierrot: Du scheinst allerlei über sie und mich wissen….

Don Juan: Ich möchte dir nur helfen.

Pierrot: Hat sie dich sehr geliebt? Hast du sie glücklich gemacht? Wenn du sie in Trauer zurückließest, ich müsste dich hassen.

Don Juan: Mensch, ich verstehe dich nicht . ..  

Pierrot: Ich weiß ja längst, du kommst von ihr. Dir widersteht, so sagt man, keine. Und ihr, wer könnte ihr widerstehen?

Don Juan: hab ich mich, hab ich sie verraten, so bin ich strafbar. Strafe mich.

Pierrot: Du warst untadlig. Meine Liebe erriet. Warum suchtest du mich, als du sie verließest? Oder war es Zufall, daß du mich trafst?

Don Juan: Nein, Zufall war es nicht.

Pierrot: Sie hat dich nach mir geschickt?

Don Juan: Du errätst alles.  Sie sagte erwachend: „ Wo ist Pierrot?“ Da haßte ich dich. Sie sagte lächelnd: „ Wenn du mich lieb hast, so bring mir Pierrot.“ Da war mein herz voll Wut gegen sie. Sie sagte: „ Nie war ich glücklicher als in deinen Armen; aber wenn du willst, daß ich glücklich bleibe, so schaff mir Pierrot.“  -  Du hast das wohl alles erraten. Wozu lässest du mich meine Niederlage berichten?  

Pierrot: es ist keine. Colombine belügt Don Juan  nicht. Du hast sie glücklich gemacht. Der Himmel segne dich.

Don Juan: Und du? Widert es dich nicht, Mensch, daß ich in dein Heiligtum drang? Warum tötest du mich nicht?

 Pierrot: Du hast Colombine glücklich gemacht. Ich -  ich habe sie nie berührt.

 Don Juan: Wie? Was? Was treibt ihr denn miteinander?  

Pierrot: Berührt der Mond, was er bestrahlt? Könnte die Erde um die Sonne kreisen, wenn sie ihr nicht immer gleich fern bliebe?

Don Juan: Bist du selig oder verzweifelt?

Pierrot:  Ohne Verzweiflung wäre meine Seligkeit undenkbar.

Don Juan: Und Colombine? Will sie, daß du ohne Hoffnung lebst?

Pierrot: Danach habe ich nicht zu forschen. -

Don Juan: Ich werde nun gehen. Ich darf nicht bleiben in der holden Stille deines, eures Gartens.  

  

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Autor:  /  Hessel Franz 1880 - 1941
Bildnachweis: / Delacroix Eugene 1798 - 1861 / Lord Shrews


 


 

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