ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

__________

 

 

 

Thekla Lingen 1866 - 1931

 

Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

Notturno


Colobine liegt im Schlummer.
Pierrot stöhnt in Liebeskummer
Ruhelos auf seinem Bette:
Pierrette, Pierrette!
Tag und Nächte sind vergangen,
Immer bleicher seine  Wangen,
Immer tiefer sein Begehren,
Kann die Sehnsucht nicht mehr wehren.

Und des Mondes weisser Schimmer
Steht verstohlen still im Zimmer,
Steht so weiss auf Pierrots Decke –
Husch! Was taschelt in der Ecke?

Klang so wie ein Röckchenrauschen!
Pierrot führt empor zu lauschen.
Dort im Mondlicht, weiss und helle,
Steht Pierrette auf der Schwelle,
Steht und lächelt mit den Blicken,
Und die braunen Löckchen nicken.

 Kling! Da klirrt die Mandoline,
Und im Traum seufzt Colombine,
Da, von Sehnsucht hingerissen
Stöhnt er wild in seine Kissen,
Und zur Folter ward das Bette.
Pierrette! Pierrette!

 Ach, da ist er aufgesprungen,
Heimlich hat die Thür geklungen.

Weiter schlummert Colombine - -
 _______________

In der Hand die Mandoline
Eilt er durch die stillen, blassen
Mitternächtigen Mondlichtgassen,
Bis er vor der liebsten Thüre

Stammelt selgte  Liebesschwöre,
Bis mit holden Liebesarmen
Ihn umfing ein süss Erbarmen - -
Pierrette!

 •••

Thekla Lingen 1866 - 1931

 Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

Intermezzo

 

Taumelt der Pierrot?
Ist er betrunken?
Irrt er so tief in Gedanken versunken
Hin und her durch die nächsten Gassen?
“ Ei, denkt der Mond,
“ Der Schelm kann’ s nicht lassen!“

Nun lallt er sich leise ein Liedchen
Und lacht
Allein in der Nacht.
“ Ei“, denkt der Mond, „ nun was weiter,
Der Pierrot ist heiter!“
Kam ‚ s doch schon manchmal vor,
Hockt ihm das Mützchen schief auf dem Ohr,
Schlängelt er sich vom Faschingschmaus
Rechts herum, links herum,
Mählich nach Haus.


Aber heute war’ s gar zum Lachen
Ei, kann der Schelm doch Spässe machen!

 Sieht nur, sieht,
wie er da mitten im Mondlicht steht

Und lächelt so selig vor sich hin.
Was kam dem Schelm nur in den Sinn?
Nun hebt er zum Mond empor das Gesicht,
Doch der Mond, der wird stutzig,
“ Nein“, denkt er, „ der Wein ist es heute nicht“.
Dann hat der Mond nicht weiter gelacht -
Was hat nur der Pierrot so selig gemacht?
Was nur?

 •••

 

Thekla Lingen 1866 - 1931

 Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

Lamentoso

 

Aschermittwoch, trüb und grau,
Der Karneval verklungen,
Und Pierrot  sitzt bei seiner Frau -
Nun hat er ausgesungen.
 

Ach, Colombine schloss ihn ein
Mit allem seinen Jammer,
Er soll nun fasten  und kasein
In stiller Ehekammer.

Sie sucht mit manchem Tändelwort
Die Zeit ihm zu versüssen,
Doch Pierrot träumt in einem fort
Von Pierrettens küssen.

 
So still und bleich ist sein Gesicht,
Ach, leider nicht von Reue,
Und Colombienen küsst er nicht,
Pierretten hält er treue.

 •••

 

Thekla Lingen  1866 - 1931

 Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902


Scherzo
 



Hui, da kommt der Karneval!
Alles kriegt ’nen Sparren,
Die noch keine Narren sind,
Machen sich zu Narren.

 Schnell markiert man Fröhlichkeit,
Und die Schellen klingen,
Kling - klirre – ling, jucheissassa!
Und die Narren springen.

Ach, und einer ist dabei,
Ein verflixter Bengel,
Treibt die grösste Narrelei,
Amor, schlimmer Engel!

 

 •••

Thekla Lingen  1866 - 1931

 

Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

Diminuendo


Ei, seht mir doch den Pierrot an,
Den neugebacknen Ehemann!
Was macht er so ein fromm Gesicht?
U, jeh, die Ehe steht ihm nicht!

Man sieht, ihm sind die Tage lang,
Nun ist’ s vorbei mit Sing und Sang.
Die Mandoline ist verstummt,
Frau Colombine schmollt und brummt.

 Zum Weine schleicht er aus dem Haus,
Sein Freund, der Mond, der lacht ihn aus,
Er lacht ihm in das Schelmgesicht,
Der Pierrot, der gefällt ihm nicht

 

 •••

Thekla Lingen 1866 - 1931

 Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902 


Duettino


Holde Colombine,
Hör, ach hör mein Weh,

Öffne mir dein Fenster,
Eh ich ganz vergeh.“


„ Öffne ich mein Fenster
Dir beim Mondenschein,
O, Pierrot, da steigen,
Diebe zu mir ein.“
 

 „ Holde Colombine,
Sieh, ich bin kein Dieb,
Hör die Mandoline,
Sieh, ich hab dich lieb.“

„ Deine Mandoline
Macht nur King - klirre – ling,
O Pierrot, die Liebe
Ist ein ernstes Ding

 „ Holde Colombine,
Höre auf mein Wort,
Morgen komm ich wieder,
Schickst du heut mich fort.“

„ Kommst du morgen wieder
Und beim Sonnenschein,
O, Pierrot, so lasse
Ich zur Thür dich ein.“

„ Ohne Mandoline,
Ohne Kling – klire – ling,
O, Pierrot, die Liebe
Ist ein ernstes Ding.“

 

 •••

 

Thekla Lingen 1866 - 1931

 

Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

 

Finale 


Im nächsten Jahre, beim Karneval,
Ein Wunder war geschehen -
Man sah Pierretten mit Pierrot
Vereint zum Tanze gehen.

 Der Holden süsses Angesicht
Ein wenig zwar zerschunden,
Doch treue Liebe heilte bald
Der Rache schlimme Wunden.

 Die Mandoline hat noch nie
So schön wie jetzt geklungen,
Seit sie an Pierrots schuldigem Haupt
In schmerzen war zersprungen.

Und die Moral von der Geschichte:
das ist nicht immer Reue.
Kennt einer erst die Liebe recht,
So kennt er auch die Treue
.

 

 •••

 

Thekla Lingen 1866 - 1931

 

Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

Furioso 



Der nächste Tag, das ist toujours
Le leudemain von der amour.
Als Colombine ist erwacht,

Da hat sie bitter Hohn gelacht -
Verlassen war das Bette,
Die heilige Ehestätte!

 Und an der Wand die Stelle leer,
Die Mandoline war nicht mehr.
Da ward es ihr mit Schrecken klar,
Das Pierrot ganz verloren war.
Da ist sie aufgesprungen,
Die Thür ist laut geklungen.

Hei, wie die Mandoline klang,
Als sie an Pierrots Kopf zersprang!
Und Pierretten, Weh und Graus,
Der kratzte sie die Augen aus,
Und übte so die Rache
In heiliger Sache.

 

 •••

 

Thekla Lingen 1866 - 1931

 Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

Allegro

 Pierrot hier und Pierrot da,
Kling – klire – ling, jucheissassa!
Pierrot kennt die Treue nicht,
Ach, ihn drückt die Ehepflicht,
Weh, wie wird das enden!

 Jedes Jahr zum Karneval
Steckt er tief in Liebesqual.
Pierrette in Tarlatan
Hat’ s ihm diesmal angethan,
Hält ihn fest in Händen.

Colombine weint und wacht
Schon so manche liebe Nacht,
Doch die Mandoline klirrt
Kling – klirre – ling und Pierrot girrt
Vor Pierrettens Fenster.

 Die Kokette lacht ihn an,
Schick nach Hause den Ehemann,
Doch die Mandoline klirrt
Kling – klirre – ling und Pierrot girrt
Bleich wie Nachtgespenster.
 _____________

 Colombine weint und wacht,
O, Pierrot, nimm dich in Acht,
Und auch du, kokette,
Stolze Pierrette!

 

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Thekla Lingen  1866 - 1931

 

Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902
 

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Amoroso


In der fernen Sofaecke
Sitzen beide nun allein,
Nur  die Geigen dringen leise
In ihr still Versteck hinein.

 Und die beiden, süss befangen
Halb in Liebe, halb in Pflicht,
sitzen stumm und schaun sich trunken
In das heisse Angesicht.

Fand sich da ein kleines Händchen
Bald zu einer festen Hand,
Und ein kleiner schlimmer Engel
Band sie schnell mit festem Band

  Hat sich da ein scheues Füsschen
Still gefügt dem kecken Fuss,
haben endlich sich die Lippen
Festgeschmiegt zu langem Kuss.
Und die Geigen klingen leise - -----

 

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Thekla Lingen 1866 - 1931

 Aus Dunkel und Dämmerung

Verlag bei Schuster und Loeffler

Leipzig 1902

Capriccioso

 
Faschingsball! Nun geht’ s zum Tanze,
Pierrot klirrt Schellenglanze,
Böse brummt Frau Colombine,

Aufgesteckt die Trauermine,
Bleibt zu Haus
Ei, was macht sich Pierrot draus!
Denn die Liebe, wundernette,
Süsse, reizende Pierette
Rauscht heran im Raschelröckchen,
 

Auf der Stirn die Ringellöckchen.
Und sie grüsst mit stolzem Nicken
Rechts und links mit Siegerblicken,
Und sie fächelt
Und sie lächelt,
Zeigt die Grübchen,
Liebe lose Schelmenstübchen.
Pierrot wirbt mit stummen  Flehen,

Und ihn trifft ein süss Verstehen  
Eins, zwei, drei, die Geigen klingen,
Ach das war ein Fest Umschlingen!
Eure enge,
Hold Gedränge,
Wie sie beben,
Wie sie schweben,
Wie sie wiegen,
Wie sie fliegen,
Weltversunken,
Taumeltrunken,
Hingerissen, durch die Mengen!

 

 

 

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Autor:  / 
Thekla Lingen 1866 - 1931
Bildnachweis: / Seurat George 1859 - 1891
1. Chahut 1889
2. Zirkusparade 1887/88
3. Zirkusskizze 1891
4. Zirkusparade 1888
 


 


 

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