ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Maupassant Guy de  1850 - 1893
 

Dieses Buch wurde in der Deutschen Buch – und Kunstdruckerei in Zossen gedruckt und bei
der Leipziger Buchbinderei –Actiengesellschaft in Leipzig gebunden.
Guy de Maupassant
Ausgewählte Novellen
Autorisierte Übersetzung von Friedrich von Oppeln – Bronikowski ( 1873 – 1936)
 herausgegeben von Rudolf Presber
Verlag fürs Deutsche Haus  Berlin - Leipzig
1908

 

 Pierrot

Madame Lefèvre  war eine Frau vom Lande, eine Witwe, eine jener Bauersfrauen mit Bändern und Falbelhut, einer jener Personen, die ungebildet sprechen, in der Öffentlichkeit großartige Manieren entwickeln und unter komischem Äußern, unter lächerlichem Putz ein  anspruchsvolles, rohes Gemüt verbergen, wie sie ihre groben roten Hände unter rohseidenen Handschuhen verstecken.   
 Ihre Magd war ein braves, schlichtes Bauernmädchen namens Rose.
Die beiden Frauen wohnten in einem Häuschen mit grünen Läden an der Straße.
 Es lag in der Normandie in der Mitte des Landes Caux.

Da sie vor der Wohnung ein schmales Gärtchen besaßen, so zogen sie einige Gemüse.  Eines Nachts nun ward ihnen ein Dutzend Zwiebeln gestohlen. Sobald Rose den Diebstahl merkte,
 lief sie zu ihrer Herrin, um es ihr zu melden. Sie kam im wollenden Unterrock heraus.
 Die Verzweiflung und das Entsetzen waren groß. Man hatte sie bestohlen, Madame Lefèvre bestohlen!
Es waren also Diebe in der Gegend, die wiederkommen konnten!

 Und die beiden Frauen betrachteten verstört die Spuren der Schritte, schwatzten und sprachen Vermutungen aus.  „ Halt, sie sind da gegangen.
Sie haben die Füße auf die Mauer gesetzt; sie sind in das Beet gesprungen.“
Sie waren voller Schrecken für die Zukunft. Wie sollten sie fortan ruhig schlafen!  Der Diebstahl ward ruchbar. Die Nachbarn kamen herbei, konstatierten und beredeten ihrerseits das Vorgefallene, und die beiden Frauen  teilten  jedem   Neuhinzukommenden ihre Beobachtungen und Gedanken mit.

 Ein Pächter von nebenan gab ihnen den Rat: sie sollten sich einen Hund halten.
Ja, das war der Gedanke; sie sollten sich einen Hund halten, und wenn es nur wäre, um sie wachzubellen. Keinen großen Hund, lieber Gott! Was sollten sie mit einem großen Hund anfangen! Sein Unterhalt hätte zuviel gekostet. Aber einen kleinen Hund, einen kleinen Kläffer – das genügte.
 Als alle gegangen waren, redete Madame Lefèvre über diesen Fall lange hin und her. 
Nach reiflicher Überlegung machte sie tausend Einwände; das Bild eines Napfes voll Futter entsetzte sie; denn sie war von jenem sparsamen Schlag der Landfrauen, die stets Pfennige in ihren Taschen tragen, um den Armen auf dem Wege recht sichtbarlich  ein Almosen zu geben und Sonntag etwas in den Klingelbeutel zu tun.  Rose, die Tiere gern hatte, machte ihre Gegengründe geltend und verfocht sie mit List und Tücke.
Es wurde also beschlossen, einen Hund anzuschaffen, einen ganz kleinen Hund.

Man machte sich auf die Suche, doch man fand nur große, die Fleischsuppe fraßen, daß es ein Graus war. 
Der Krämer von Rolleville hatte freilich einen ganz kleinen; aber er verlangte volle zwei Franken Entschädigung für die Kosten seiner Aufziehung. Madame Lefèvre erklärte, sie wollte gern einen Hund füttern, aber keinen kaufen. 
 Da brachte der Bäcker, der die nähere Umstände kannte, eines Morgens auf seinem Wagen ein merkwürdiges kleines gelbes Tier an, fast ohne Füße, mit einem Krokodilskörper, einem Fuchskopf und einem hochstehenden Schwanz, einem wahren Helmbusch, der so groß war wie das ganze übrige Tier.

Madame Lefèvre fand diesen widerlichen Köter, der nichts kostete, reizend. Rose umarmte ihn; dann fragte sie, wie er hieß.
Der Bäcker antwortete: „ Pierrot“.

 Er wurde in einer alten Seifenkiste untergebracht und bekam zunächst Wasser zu trinken.
Er trank es. Dann bekam er ein Stück Brot. Er aß es. Madame Lefèvre wurde besorgt. Da kam ihr ein Einfall. „ Wenn er sich erst ans Haus gewöhnt hat, lässt man ihn  frei herumlaufen. 
Er kann sich dann selbst sein Futter suchen, wenn er die Gegend durchstreift.“  Man ließ ihn frei herumlaufen, was aber nicht hinderte, daß er halb verhungert war.
Übrigens kläffte er nur, um sein Futter zu fordern, dann aber bellte er hartnäckig. 
Jeder Mensch konnte den Garten betreten.
Pierrot liebkoste jeden Abkömmling und blieb völlig stumm.
Trotzdem hatte Madame Lefèvre sich an das Tier gewöhnt. Sie fing sogar an, es zu lieben und ihm von Zeit zu Zeit ein Stück Brot zu geben, das in die Sauce ihres Fleischgerichts getaucht war.

 Was sie aber gar nicht bedacht hatte, das war die Steuer, und als man acht Franken von ihr verlangte – acht Franken, heilige Jungfrau! Für diesen Köter, der nicht einmal bellte -  wäre sie vor Aufregung beinahe ohnmächtig geworden.  Sie beschloß augenblicklich, Pierrot abzuschaffen. Kein Mensch wollte ihn haben;  alle Einwohner auf drei Meilen im Umkreise weigerten sich.  Da entschied sie sich in Ermangelung eines anderen, ihn „ Mergel fressen zu lassen! . Alle Hunde, die man los sein will, lässt man „ Mergel fressen“.

 Inmitten einer weiten Ebene erblickt man eine Art von Hütte,  oder vielmehr ein kleines Strohdach dicht über dem Boden. Das ist der Eingang zur Mergelgrube. Ein großer Brunnenschacht geht zwanzig Meter senkrecht in die Erde hinab und führt in eine Reihe langer Minengänge.
Diese Grube wird nur einmal jährlich betreten, zu der Zeit, wo die Felder gemergelt werden.
Die ganze übrige Zeit dient sie als Kirchhof für verstoßene Hunde; und oft,  wenn man an der Mündung vorbeikommt, dringt klägliches Gewinsel, wütendes oder verzweifeltes Gebell, jammervolles Rufen zu einem empor.

 Die Hunde der Jäger und Schäfer fliehen entsetzt vom Rande dieses gähnenden Loches; und wenn man sich darüber beugt, steigt ein entsetzlicher Verwesungsgeruch daraus hervor.
Furchtbare Dramen spielen sich in seinem Dunkel ab.

Wenn ein Tier seit zehn oder zwölf Tagen in der Grube mit dem Tode ringt und sich von den eklen Überresten seiner  Vorgänger nährt, wird ein neuer Hund, größer und jedenfalls stärker, plötzlich hinabgestürzt. Dann sind beide allein, hungernd, mit leuchtenden Augen.  Sie belauern sich, laufen hintereinander her und zaudern angstvoll. Doch der Hunger peitscht sie; sie fallen sich an, ringen lange und erbittert; und der stärkere frisst den schwächeren, verschlingt ihn bei lebendigem Leibe.

 Als es beschlossen war, daß Pierrot „ Mergel essen“ sollte, sah man sich nach jemand um, der es besorgte.
Der Chausseewärter, der auf der Chaussee hackte, verlangte zehn Sous für den Gang.
Diese Forderung erschien Madame Lefèvre unverschämt. Der Laufbursche des Nachbarn begnügte sich mit fünf Sous; auch das war zu viel, und Rose machte den Vorschlag, sie sollten ihn selbst hinbringen.  Das wäre auch besser, schon weil er dann unterwegs nicht gequält würde und sein Schicksal nicht ahnte.  So wurde den beschlossen, daß sie spät am Abend zusammen hingehen sollte. 
Er bekam an diesem Abend eine gute Suppe mit einem Finger Butter darin. Er verschlang sie bis auf den letzten Tropfen, und da er vor Zufriedenheit mit dem Schwanz wedelte, nahm Rose ihn in ihre Schürze.

 Sie gingen mit langen Schritten über die Ebene wie Diebe. Bald erblickten sie die Mergelgrube und erreichte sie. Madame Lefèvre beugte sich herüber und horchte, ob kein Tier darin ächzte.
Nein – es war nichts zu hören. Pierrot würde allein sein. Rose umarmte ihn weinend und warf ihn dann in das Loch; beide neigten sich darüber und spannten das Ohr.
Sie hörten zuerst ein dumpfes Geräusch, dann das gellende, herzzerreißende Klagen eines verletzten Tiers, dann eine Reihe leise Schmerzenslaute, dann ein verzweifeltes Rufen, ein Flehen des Hundes, der den Kopf nach der Öffnung erhob und sie anwinselte.  

Er kläffte, oh, er kläffte!
 Reue, Entsetzen, eine tolle, unerklärliche Furcht ergriff sie, und sie rannten davon, was sie konnten. Da Rose rascher lief, rief Madame Lefèvre ihr zu: „ Warten sie auf mich, Rose, warten sie auf mich!“  In der Nacht wurden sie von furchtbaren Albträumen geplagt.

Madame Lefèvre träumte, daß sie sich zu Tisch setzte, um ihre Fleischsuppe zu essen.
Als sie den Deckel der Suppenschüssel aufhob, war Pierrot darin. Er schnellte heraus und biß ihr in  die  Nase.
Sie fuhr im Schlafe auf und glaubte ihn noch kläffen zu hören.
Sie horchte;   Sie  hatte  sich getäuscht.
 Sie schlief wieder ein und träumte, sie wäre auf einer Landstraße, einer endlosen Straße, die sie entlang ging.

Plötzlich  erblickte sie mitten auf dem Wege einen Korb, einen großen Korb von einem Pachthof, der dort vergessen war; und dieser Korb entsetzte sie.
Schließlich machte sie ihn doch auf, und Pierrot, der darin kauerte, packte ihre Hand und ließ sie nicht mehr los. Sie entfloh voller Bestürzung, und an ihre Hand hing der Hund, der sich mit seinen Zähnen festgebissen hatte.
Bei Tagesanbruch stand sie auf, fast rasend, und lief nach der Mergelgrube.   

Er kläffte; er kläffte immer noch; er hatte die ganze Nacht gekläfft. Sie begann zu schluchzen und rief ihn mit tausend Kosenamen.
Er antwortete mit allen zärtlichen Lauten seiner Hunderstimme.
Da wollte sie ihn wieder sehen und nahm sich vor, ihn bis zu seinem Lebensende  glücklich zu machen.

 Sie lief zu dem Brunnengräber, der den Mergel zutage förderte, und erzählte ihm ihren Fall. Der Mann hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Als sie geendet hatte, versetzte er: „ Sie wollen Ihren Hund wieder. Das kostet vier Franken.“
Sie fuhr hoch; all ihr Schmerz war im Nu verflogen.
„ Vier Franken! Dafür ließen  Sie sich totschlagen!
Vier Franken!“
Er antwortete. „ Glauben Sie, daß ich meine Seile, meine Kurbeln hinschaffe und das alles raushole, und dann wieder abziehe mit meinem Jungen und mich noch von  Ihrem  verdammten Köter beißen lasse, nur um den Spaß zu haben, daß Sie ihn wiederkriegen?
Dann müssten Sie ihn nicht reinschmeißen.“
Sie ging voller Entrüstung. Vier Franken!
Sobald sie daheim war, rief sie Rose und teilte ihr die Ansprüche des Brunnengräbers mit.
Rose sagte mehrmals resigniert:

„ Vier Franken,  Madame, das ist Geld!“
Und hinzusetztend: „ Wenn man ihm was zu essen hineinwürfe, dem armen Köter, damit er nicht so krepiert?“
Madame Lefèvre willigte mit Freuden ein, und beide zogen mit einem dicken Butterbrot ab.

Sie zerbissen es zu kleinen Stücken und warfen eins nach dem anderen hinunter, indem sie abwechselnd mit Pierrot sprachen. Und sobald der Hund ein Stück aufgegessen hatte, kläffte er, um das nächste zu bekommen.
Sie kamen am Abend wieder, dann am nächsten Morgen, jeden Tag.
Sie waren schließlich nur noch unterwegs.
Eines Morgens jedoch, als sie den ersten Bissen herunterwarfen, hörten sie in dem Graben plötzlich ein furchtbares Gebell. Es waren zwei unten! Man hatte einen andern Hund hinabgestürzt, einen großen!
Rose rief. „ Pierrot!“  pierrot kläffte, kläffte.
Da begannen sie, Brot hineinzuwerfen; doch jedes Mal vernahmen sie deutlich einen furchtbaren Kampf, dann das klägliche Geschrei Pierrots, der von einem stärkeren, alles verschlingenden  Leidensgefährten gebissen wurde.
 Sie hatten gut rufen. „ Pierrot, das ist für dich!“ offenbar fiel für Pierrot nichts ab.

Die beiden Frauen blickten sich sprachlos an, und Madame Lefèvre versetzte im herbem Tone. „ Ich kann doch nicht alle Hunde füttern, die man da reinwirft. Da muß man’ s halt lassen.“
Der Gedanke an all die Hunde, die auf ihre Kosten leben sollten, schmetterte sie nieder; sie suchte das Weite und nahm sogar den Rest Brot mit, den sie unterwegs aufaß.
Rose folgte ihr und trocknete sich die Augen mit dem Zipfel ihrer blauen Schürze.

  

 

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Autor:  / Maupassant Guy de  1850 - 1893
Bildnachweis: / Cheret Jules 1836 - 1932 /  Pierrot and Violin


 


 

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