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Maupassant Guy de
1850 - 1893
Dieses Buch wurde
in der Deutschen Buch – und Kunstdruckerei in Zossen gedruckt und bei
der Leipziger Buchbinderei –Actiengesellschaft in Leipzig gebunden.
Guy de Maupassant
Ausgewählte Novellen
Autorisierte Übersetzung von Friedrich von Oppeln – Bronikowski ( 1873 –
1936)
herausgegeben von Rudolf Presber
Verlag fürs Deutsche Haus Berlin - Leipzig
1908
Pierrot

Madame Lefèvre war eine
Frau vom Lande, eine Witwe, eine jener Bauersfrauen mit Bändern und
Falbelhut, einer jener Personen, die ungebildet sprechen, in der
Öffentlichkeit großartige Manieren entwickeln und unter komischem
Äußern, unter lächerlichem Putz ein anspruchsvolles, rohes Gemüt
verbergen, wie sie ihre groben roten Hände unter rohseidenen Handschuhen
verstecken.
Ihre Magd war ein braves, schlichtes Bauernmädchen namens Rose.
Die beiden Frauen wohnten in einem Häuschen mit grünen Läden an der
Straße.
Es lag in der Normandie in der Mitte des Landes Caux.
Da sie
vor der Wohnung ein schmales Gärtchen besaßen, so zogen sie einige
Gemüse. Eines Nachts nun ward ihnen ein Dutzend Zwiebeln
gestohlen. Sobald Rose den Diebstahl merkte,
lief sie zu ihrer Herrin, um es ihr zu melden. Sie kam im wollenden
Unterrock heraus.
Die Verzweiflung und das Entsetzen waren groß. Man hatte sie bestohlen,
Madame Lefèvre bestohlen!
Es waren also Diebe in der Gegend, die wiederkommen konnten!
Und
die beiden Frauen betrachteten verstört die Spuren der Schritte,
schwatzten und sprachen Vermutungen aus. „ Halt, sie sind da gegangen.
Sie haben die Füße auf
die Mauer gesetzt; sie sind in das Beet gesprungen.“
Sie waren voller Schrecken für die Zukunft. Wie sollten sie fortan ruhig
schlafen! Der Diebstahl ward ruchbar. Die Nachbarn kamen herbei,
konstatierten und beredeten ihrerseits das Vorgefallene, und die beiden
Frauen teilten jedem Neuhinzukommenden ihre Beobachtungen und
Gedanken mit.
Ein
Pächter von nebenan gab ihnen den Rat: sie sollten sich einen Hund
halten.
Ja, das war der Gedanke; sie sollten sich einen Hund halten, und wenn es
nur wäre, um sie wachzubellen. Keinen großen Hund, lieber Gott! Was
sollten sie mit einem großen Hund anfangen! Sein Unterhalt hätte zuviel
gekostet. Aber einen kleinen Hund, einen kleinen Kläffer – das genügte.
Als alle gegangen waren, redete Madame Lefèvre über diesen Fall lange
hin und her.
Nach reiflicher Überlegung machte sie tausend Einwände;
das Bild eines Napfes voll Futter entsetzte sie; denn sie war von jenem
sparsamen Schlag der Landfrauen, die stets Pfennige in ihren Taschen
tragen, um den Armen auf dem Wege recht sichtbarlich ein Almosen zu
geben und Sonntag etwas in den Klingelbeutel zu tun. Rose, die
Tiere gern hatte, machte ihre Gegengründe geltend und verfocht sie mit
List und Tücke.
Es wurde also beschlossen, einen Hund anzuschaffen,
einen ganz kleinen Hund.
Man
machte sich auf die Suche, doch man fand nur große, die Fleischsuppe
fraßen, daß es ein Graus war.
Der Krämer von Rolleville hatte
freilich einen ganz kleinen; aber er verlangte volle zwei Franken
Entschädigung für die Kosten seiner Aufziehung. Madame Lefèvre erklärte,
sie wollte gern einen Hund füttern, aber keinen kaufen.
Da brachte der Bäcker, der die nähere Umstände kannte, eines Morgens
auf seinem Wagen ein merkwürdiges kleines gelbes Tier an, fast ohne
Füße, mit einem Krokodilskörper, einem Fuchskopf und einem hochstehenden
Schwanz, einem wahren Helmbusch, der so groß war wie das ganze übrige
Tier.
Madame
Lefèvre fand diesen widerlichen Köter, der nichts kostete, reizend. Rose
umarmte ihn; dann fragte sie, wie er hieß.
Der Bäcker antwortete: „ Pierrot“.
Er
wurde in einer alten Seifenkiste untergebracht und bekam zunächst Wasser
zu trinken.
Er trank es. Dann bekam er ein Stück Brot. Er aß es. Madame Lefèvre wurde besorgt. Da kam ihr ein Einfall. „ Wenn er sich erst ans
Haus gewöhnt hat, lässt man ihn frei herumlaufen.
Er kann sich dann selbst sein Futter suchen, wenn er die Gegend
durchstreift.“ Man ließ ihn frei herumlaufen, was aber nicht
hinderte, daß er halb verhungert war.
Übrigens kläffte er nur, um sein Futter zu fordern, dann aber bellte er
hartnäckig.
Jeder Mensch konnte den Garten betreten.
Pierrot
liebkoste jeden Abkömmling und blieb völlig stumm.
Trotzdem hatte Madame Lefèvre sich an das Tier gewöhnt. Sie fing sogar
an, es zu lieben und ihm von Zeit zu Zeit ein Stück Brot zu geben, das
in die Sauce ihres Fleischgerichts getaucht war.
Was
sie aber gar nicht bedacht hatte, das war die Steuer, und als man acht
Franken von ihr verlangte – acht Franken, heilige Jungfrau! Für diesen
Köter, der nicht einmal bellte - wäre sie vor Aufregung beinahe
ohnmächtig geworden. Sie beschloß augenblicklich, Pierrot
abzuschaffen. Kein Mensch wollte ihn haben; alle Einwohner auf drei
Meilen im Umkreise weigerten sich. Da entschied sie sich in
Ermangelung eines anderen, ihn „ Mergel fressen zu lassen! . Alle Hunde,
die man los sein will, lässt man „ Mergel fressen“.
Inmitten einer weiten Ebene erblickt man eine Art von Hütte, oder
vielmehr ein kleines Strohdach dicht über dem Boden. Das ist der Eingang
zur Mergelgrube. Ein großer Brunnenschacht geht zwanzig Meter senkrecht
in die Erde hinab und führt in eine Reihe langer Minengänge.
Diese Grube wird nur einmal jährlich betreten, zu der Zeit, wo die
Felder gemergelt werden.
Die ganze übrige Zeit dient sie als Kirchhof für verstoßene Hunde; und
oft, wenn man an der Mündung vorbeikommt, dringt klägliches Gewinsel,
wütendes oder verzweifeltes Gebell, jammervolles Rufen zu einem empor.
Die
Hunde der Jäger und Schäfer fliehen entsetzt vom Rande dieses gähnenden
Loches; und wenn man sich darüber beugt, steigt ein entsetzlicher
Verwesungsgeruch daraus hervor.
Furchtbare Dramen spielen sich in seinem Dunkel ab.
Wenn
ein Tier seit zehn oder zwölf Tagen in der Grube mit dem Tode ringt und
sich von den eklen Überresten seiner Vorgänger nährt, wird ein neuer
Hund, größer und jedenfalls stärker, plötzlich hinabgestürzt. Dann sind
beide allein, hungernd, mit leuchtenden Augen. Sie belauern sich,
laufen hintereinander her und zaudern angstvoll. Doch der Hunger
peitscht sie; sie fallen sich an, ringen lange und erbittert; und der
stärkere frisst den schwächeren, verschlingt ihn bei lebendigem Leibe.
Als es
beschlossen war, daß Pierrot „ Mergel essen“ sollte, sah man sich nach
jemand um, der es besorgte.
Der Chausseewärter, der auf der Chaussee hackte, verlangte zehn Sous für
den Gang.
Diese Forderung erschien Madame Lefèvre unverschämt. Der Laufbursche des
Nachbarn begnügte sich mit fünf Sous; auch das war zu viel, und Rose
machte den Vorschlag, sie sollten ihn selbst hinbringen. Das wäre auch
besser, schon weil er dann unterwegs nicht gequält würde und sein
Schicksal nicht ahnte. So wurde den beschlossen, daß sie spät am Abend
zusammen hingehen sollte.
Er bekam an diesem Abend eine gute Suppe mit einem Finger Butter darin.
Er verschlang sie bis auf den letzten Tropfen, und da er vor
Zufriedenheit mit dem Schwanz wedelte, nahm Rose ihn in ihre Schürze.
Sie
gingen mit langen Schritten über die Ebene wie Diebe. Bald erblickten
sie die Mergelgrube und erreichte sie. Madame Lefèvre beugte sich
herüber und horchte, ob kein Tier darin ächzte.
Nein – es war nichts zu hören. Pierrot würde allein sein. Rose umarmte
ihn weinend und warf ihn dann in das Loch; beide neigten sich darüber
und spannten das Ohr.
Sie hörten zuerst ein dumpfes Geräusch, dann das gellende,
herzzerreißende Klagen eines verletzten Tiers, dann eine Reihe leise
Schmerzenslaute, dann ein verzweifeltes Rufen, ein Flehen des Hundes,
der den Kopf nach der Öffnung erhob und sie anwinselte.
Er kläffte, oh, er
kläffte!
Reue, Entsetzen, eine tolle, unerklärliche Furcht ergriff sie, und sie
rannten davon, was sie konnten. Da Rose rascher lief, rief Madame
Lefèvre ihr zu: „ Warten sie auf mich, Rose, warten sie auf mich!“ In
der Nacht wurden sie von furchtbaren Albträumen geplagt.
Madame Lefèvre träumte, daß
sie sich zu Tisch setzte, um ihre Fleischsuppe zu essen.
Als sie den Deckel der Suppenschüssel aufhob, war Pierrot darin. Er
schnellte heraus und biß ihr in die Nase.
Sie fuhr im Schlafe auf und glaubte ihn noch kläffen zu hören.
Sie
horchte; Sie hatte sich getäuscht.
Sie schlief wieder ein und
träumte, sie wäre auf einer
Landstraße, einer endlosen Straße, die sie entlang ging.
Plötzlich erblickte sie mitten auf dem Wege einen Korb, einen großen
Korb von einem Pachthof, der dort vergessen war; und dieser Korb
entsetzte sie.
Schließlich machte sie ihn doch auf, und Pierrot, der darin kauerte,
packte ihre Hand und ließ sie nicht mehr los. Sie entfloh voller
Bestürzung, und an ihre Hand hing der Hund, der sich mit seinen Zähnen
festgebissen hatte.
Bei Tagesanbruch stand sie auf, fast rasend, und lief nach der
Mergelgrube.
Er
kläffte; er kläffte immer noch; er hatte die ganze Nacht gekläfft. Sie
begann zu schluchzen und rief ihn mit tausend Kosenamen.
Er antwortete
mit allen zärtlichen Lauten seiner Hunderstimme.
Da wollte sie ihn
wieder sehen und nahm sich vor, ihn bis zu seinem Lebensende glücklich
zu machen.
Sie
lief zu dem Brunnengräber, der den Mergel zutage förderte, und erzählte
ihm ihren Fall. Der Mann hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Als sie
geendet hatte, versetzte er: „ Sie wollen Ihren Hund wieder. Das kostet
vier Franken.“
Sie fuhr hoch; all ihr Schmerz war im Nu verflogen.
„ Vier Franken! Dafür ließen Sie sich totschlagen!
Vier Franken!“
Er antwortete. „ Glauben Sie, daß ich meine Seile, meine Kurbeln
hinschaffe und das alles raushole, und dann wieder abziehe mit meinem
Jungen und mich noch von Ihrem verdammten Köter beißen lasse, nur um
den Spaß zu haben, daß Sie ihn wiederkriegen?
Dann müssten Sie ihn nicht reinschmeißen.“
Sie ging voller Entrüstung. Vier Franken!
Sobald sie daheim war, rief sie Rose und teilte ihr die Ansprüche des
Brunnengräbers mit.
Rose sagte mehrmals resigniert:
„ Vier
Franken, Madame, das ist Geld!“
Und hinzusetztend: „ Wenn man ihm was zu essen hineinwürfe, dem armen
Köter, damit er nicht so krepiert?“
Madame Lefèvre willigte mit Freuden ein, und beide zogen mit einem
dicken Butterbrot ab.
Sie
zerbissen es zu kleinen Stücken und warfen eins nach dem anderen
hinunter, indem sie abwechselnd mit Pierrot sprachen. Und sobald der
Hund ein Stück aufgegessen hatte, kläffte er, um das nächste zu
bekommen.
Sie kamen am Abend wieder, dann am nächsten Morgen, jeden Tag.
Sie waren schließlich nur noch unterwegs.
Eines Morgens jedoch, als sie den ersten Bissen herunterwarfen, hörten
sie in dem Graben plötzlich ein furchtbares Gebell. Es waren zwei unten!
Man hatte einen andern Hund hinabgestürzt, einen großen!
Rose rief. „ Pierrot!“ pierrot kläffte, kläffte.
Da begannen sie, Brot
hineinzuwerfen; doch jedes Mal vernahmen sie deutlich einen furchtbaren
Kampf, dann das klägliche Geschrei Pierrots, der von einem stärkeren,
alles verschlingenden Leidensgefährten gebissen wurde.
Sie hatten gut rufen. „ Pierrot, das ist für dich!“ offenbar fiel für
Pierrot nichts ab.
Die
beiden Frauen blickten sich sprachlos an, und Madame Lefèvre versetzte
im herbem Tone. „ Ich kann doch nicht alle Hunde füttern, die man da
reinwirft. Da muß man’ s halt lassen.“
Der
Gedanke an all die Hunde, die auf ihre Kosten leben sollten, schmetterte
sie nieder; sie suchte das Weite und nahm sogar den Rest Brot mit, den
sie unterwegs aufaß.
Rose folgte ihr und trocknete sich die Augen mit dem Zipfel ihrer blauen
Schürze.
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