ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

__________

 

 

 

Altenberg Peter  1859 – 1919

Das Altenbergbuch


Herausgegeben von Egon Friedell
Verlag der Wiener Graphischen Werkstätten Leipzig  - Wien
1922
Fünfzehn Briefe Peter Altenbergs an die Schauspielerin Anni Mewes
Herbst 1915

Drei wirkliche Idealisten gibt es: Gott, die Mutter, die Dichter.
Sie suchen das Ideal nicht im Vollkommenen, sie finden es im Unvollkommenen.

“ Was der Tag mir zuträgt.“
 

Acht Skizzen

Diese Skizzen sind im Sommer 1913 in Venedig entstanden und ebenfalls an Frau R. R. gerichtet.
Sie sind in den seither erschienen Büchern Peter Altenbergs nicht enthalten.

 

1. Klage

 

Du nennst mich einen Komödianten!?!
Weil du die Fassungskraft nicht hast für mein Gefühl;
oder weil du dir selbst zu nichtig vorkommst - - - .
Oder weil Frauen, die eifersüchtig sind auf meine Anbetung für dich, dir sagen, ich sei ein Komödiant.
Oder Männer, die es nicht wünschen, daß du meinem Fanatismus menschenfreundlich zart begegnest!
Oder weil dir selbst nichts daran liegt daß ich dich lieb habe!
Ja, das ist es!
Denn gläubig seid ihr dort, stupiden Ohres lauschend, wo ihr es hören wollt!
Dort wird euch der Trug als tiefste Wahrheit klingen!
Uns aber lasst ihr sterben,
denn wir sind nicht wichtig für euren schamlosen Egoismus!
Ihr wisst, wer euch von Wichtigkeit hienieden!
Vertrödelt keine Zeit mit an euch kranken Seelen!
Die Gesunden tun mehr für euch!
Glaubt, o glaubt denen, die euch für eine Stunde nur besitzen wollen!
Sie meinen’ s ernst und gut mit euch!
Sie ahnen, daß ihr vielleicht zu anderem nicht taugt!
Ihr fürchtet euch, uns zu enttäuschen, die wir Ideale träumen!
Wie recht habt ihr, euch da nicht einzulassen!
Schon bei den Fingernägeln fängt die Tragödie an!

 

2. Jalousie.

 

 

 

Eifersucht?!
Faue, du steckst mir meine Grenzen?! Bis dahin und nicht weiter?! Kindische Törin!
Bin ich nicht eifersüchtig auf die Luft, die du in deinen geliebten warmen, feuchten Mund einatmest?! 

Wie darf sie ganz gefühllos die weichen Innenwände deines Mundes spüren?!
Bin ich nicht eifersüchtig auf die Bissen, den du mit dem geliebten Speichel sanft umnässest?!
Von da zum Blick von Sympathie und Freude, zu einem lebendigen Mann, ist noch eine Welt!
Du wunderst dich, daß ich verzweifelt bin, da ich dem Löffel doch schon deine Zunge nicht gönne!

Ich trauere um alle Schätze, die du so vergeudest; dem Bette deine Ausdünstung, dem Glase deine Lippen!
Aber beim „ lebendigen Mann“ ergreift mich der Irrsinn.
Weshalb stirbt er nicht momentan vor Glück, der feige Hund?!

An seiner Leiche würde ich weinen, ihn beneidend um seinen schönen Tod. Jedoch, er geht lebend hinweg, und denkt: „ Die könnt’ ich haben!“
Fluch ihm, nein, dir!

 

 

3. Ein Bild

 

In meiner Kindheit die Sonnenaufgänge auf dem Schneeberg, Kaiserstein.
In meinem Alter die Sonnenaufgänge hinter der Lagune, Lido.
Beides blutrot, und leuchtender, dampfender Nebel.

Dazwischen mein ganzes kompliziertes Leben.
Damals unwissend glücklich, jetzt wissend  glücklich. 
Damals konnte es verloren gehen, jetzt nicht mehr.
Das ist alles.
Damals liebte ich meinen Hofmeister, meine Gouvernante, meine Mama.
Jetzt liebe ich Frau R. R. Blutrot in dampfendem Nebel  ging die Sonne auf, Schneeberg, Kaiserstein.
Blutrot geht die Sonne unter, die Lagune, Lido.
Dazwischen liegt mein Leben!

 

4. Plauderei

 

Ich sah einen dreijährigen Knaben, der im Meeressand eine halbe Briefmarke, dieselbe abschleckte und auf sein verwundertes Knie pickte, wie ein Arzt, nur gescheiter!
Derselbe steckte eine weggeworfene Zigarette in den Mund.
Als ich ihm sagte: „Pfui, wer weiß, wer die im Munde früher gehabt hat!“ sagte er: „ Ein Herr!“

Kinder ekeln sich vor nichts, das ist ihre unbewusste Romantik.
Wie Dichter, die das Waschwasser der Geliebten und noch anderes trinken könnten!
Der Normalmensch sagt: Pfui! Überhaupt die Devise des Normalmenschen ist: Pfui!

Deshalb ist er selbst „ pfui“, weil er nichts heilig machen kann durch die Kraft seines Gefühls!
Der „ unromantischeste Mensch“ ist die Engländerin. Alles ist für sie „ ungeziemlich“.
Wie kann man diese Verlogenheit auf die Dauer aushalten?!
Sie halten es auch nicht aus, sie werden Gerippel „ Was wird die Welt dazu sagen?!?“ wäre eine ganz gute brauchbare Ethik, wenn diese Welt nicht ein „ letzter Misthaufen“ wäre, um den man vor allem sich nicht zu kümmern hat!
Kinder spielen eventuell auf staubiger Straße mit Rossknödeln Billard.
Das ist noch immer reinlicher als das Spiel der Erwachsenen mit den Worten: Do’nt und shoking!  

 

5. Dreissig
 


 

Weißt du, daß du einmal alt wirst?!  Und daß die Männer sich nicht mehr es vorstellen werden können, daß du gefallen hast, ja begehrenswert warst?!
Diese Umwandlung deiner Person, die doch eigentlich dieselbe geblieben ist?!
Das wirst du alles erleben müssen, geliebteste Frau, und in Ruhe und Würde, und in scheinbarer Selbstverständlichkeit!
Und sehe, jetzt ist noch Einer da,
Der dein Kopfkissen beneidet um dein Haupt,
und alle Düfte dieser schönen Erde
hergibt für den Duft deiner braunblonden Haare!
Noch ist einer da, der die Weintraubenbeere
beneidet, in deinem Mund zu sein!
Und alles, alles, alles ist ihm heilig, was mit
dir irgendwie zusammenhängt!
Auch dieser Zauber wird gebrochen werden, so oder so!
Was brauchst du eigenwillig, eigensinnig, es noch zu befördern!
Laß es der Zeit! Sie hilft dir so wie so!

 

6. Die Brosche

 

 

Sie ließ durch eine Freundin nachforschen, wie viel die Amethystbrosche gekostet habe, die ich ihr geschenkt hatte.
„ 15 Lire!“ sagte sie dann zu mir. „Ich weiß, was das bei Ihnen bedeutet!“
„ Es bedeutet Liebe!“
„ Hätten Sie es auch noch für mich gekauft, wenn
es 25 gekostet hätte?!“
“ Auch!“
„ Und bei 40?!“
“ Nicht!“
„ Weshalb?!“
„ Weil es meine Verhältnisse überstiegen hätte!“
“ Aber da fängt gerade die echte Liebe erst an!“
“ Bei mir nicht! Bei mir hört sie da auf!“

 

 

7. Grüne Strümpfe.

 


“ Und weshalb gerade heute morgen diese grünen seidenen Strümpfe?“
“ Weshalb?! Nun, weil ich sie habe! Sind sie nicht hübsch?!“
“ Ja, aber weshalb gerade heute, heute?!“
“ Weshalb heute nicht! Ein Morgen wie ein anderer!“
“ nein, nicht ein Morgen wie ein anderer! Du weißt es genau, Kanaille!“
“ Sie sind verrückt! Habe ich Ihnen Rechenschaft zu geben?!  Nun also!“
Es kommt der, für den die grünen seidenen Strümpfe bestimmt waren.
Der bemerkt gar nichts.
Und dennoch so viel Verzweiflung, Haß, Demütigung und Liebe!?!
Ja, dennoch, und immer dennoch!
Die Frau könnte es einem ersparen! Aber
wo bliebe ihre Macht, wenn sie es einem ersparte?!

 

8.  Kabane

 

Nun ist sie fort - -  .
Das Leben spinnt sich ab wie eh’ und je.
In Ihre Kabane sind fremde Menschen eingezogen.
Mit einem wunderschönen Kinde.
Fremde Wäsche hängt zum Trocknen, wo ihr
weißschwarzes Schwimmkleid hing, das ihren Leib barg.
Diese Kabane war wie eine Kirche.
Ich liebe den Schrank und das Lavoir.
Jetzt ist es eine Mietkabane wie die anderen dreihundert.
Es war mir eine Kirche, ja, ich habe meine Morgenandacht da verrichtet.
Niemand weiß, wie sehr ich diese Kabane liebte.
Nun ist es eine Miet – Kabane.
Die Menschen, die sie haben, sind sehr glücklich.
In der Saison ist’s  schwer, eine Kabane zu finden.
Schwimmkleider hängen hier zum trocknen in Wind und Sonne.
Mir ist aber gleich, ob ihr sie trocken morgen anzieht oder naß.
Gleichgültig ist mir euer Rheumatismus.
Der Strand ist schön, ein reichbewegtes Leben …
Ich grolle über die Einsamkeit, die nun vorhanden ist!

 

 

 

 

 

 

______________________
Autor:  / Altenberg Peter  1859 – 1919
Bildnachweis: /  Kirchner Ludwig 1880 - 1938
1. Variet
è 1907
2. Farbentanz 1932
3. Maskentanz 1911
4. Tanzpaar
5. Zwei Tänzerinnen
6. Panamatänzerinnen
7. Russisches Tanzpaar
8. Tanzschule


 


 

Startseite