ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Oskar Blumenthal  1852 - 1917

Unerbetene Briefe

 

 Stuttgart und Leipzig 1902
Deutsche Verlags- Anstalt

 Mein Wunschzettel

 

 




Der Inhalt Ihres Briefes, verehrter Freund, kann in der That nur durch sein Datum entschuldigt werden.

Sie verlangen von mir die Aufstellung eines Wunschzettels für die Erwachsenen.
Ich soll versuchen, das Inventar der Sehnsucht aufzunehmen.
Ich soll die Umrisse der Luftschlösser nachzeichnen, die wir in den Stunden des wachen Träumens bis zu den Wolken emporsteigen lassen.
 Und dieses sonderbare Begehren glauben sie einfach dadurch begründen zu können, dass Sie über Ihren Brief das Datum setzten:
“Am  ersten Dezember, im Monat der Wünsche.“
Und Sie haben nicht Unrecht.
Das ist wirklich der Monat der Wünsche.
Zu keiner andern Zeit des Jahres werden wie so nachdenklich vor die Versuchung geführt, die nüchterne Bilanz von Wunsch und Erfüllung zu ziehen. Und wenn wir reiferen Leute, denen das Alter schon die ersten Silberfäden in das Haar geflochten und die ersten Furchen in die Haut gekerbt hat, in diesen Tagen die blühende Jugend um etwas beneiden möchten, so ist es die Kraft des Wunsches, die in den noch so fröhlich unerfahrenen Herzen lebt.

Auf wohlerwogenen Wunschzettel zeichnen sie den Katalog ihrer Träume auf und sind gewiß, dass in der Stunde der Erfüllung ein Glück über sie kommen wird, das keine neue Sehnsucht mehr übrig lässt. Die weisen Leute lächeln über die Kinderthorheit.

Sie haben das schwermütige Dichterwort im Gedächtnis: „Der Mensch träumt sich ein Weltmeer von Entzücken und erschöpft es mit der hohlen Hand.“ Wir wissen, dass jede Erfüllung wieder einen Wunsch im ihrem Schoße trägt, und oft haben wir es seufzend erfahren müssen, dass keine noch so verschwenderische Schicksalsgabe in den ersehnten Lichtsaal des Glücks führt.
 Wir werden immer nur von einem Vorzimmer in das andre geleitet, und das Leben ist ein ewiges Antichambrieren.

Aber wir wissen auch, dass nur in dieser Ziellosen Wanderung von Wunsch zu Wunsch die großen Kräfte der Menschheit flüssig werden.

 Ein Volk, das nichts mehr erwartet und nicht mehr ersehnt, würde sich selbst überlebt haben. Und darum haben auch die Wissenden ihre verträumten Stunden, in welchen sie der Zeit mit ihren Wünschen voraus eilen und gern einmal mit einem Sehnsuchtsblick durch das Guckloch des Vorhangs schauen, der uns die künftige Geschichte der Menschheit verschleiert…

Das ist der Moment der Wünsche!
Und so sei es mir gestattet, auch die meinigen aufzuzeichnen.
Ich wünsche den kommenden Geschlechtern, dass ihre Entwicklung in einem etwas langsameren Zeitmaß fortschreitet als in den letzten Jahrhunderten, und dass sie die Kultur nicht allzu geschäftig über die ganze Breite der Erde tragen möchten.
Denn wie  in den großen Forsten einzelne Strecken als Bannwald gelten und vor jedem lichtenden Arthieb geschützt sind, so wünsche ich, dass auf der bewohnten Welt noch einige Streifen übrig bleiben, in welchen die Bildung nichts ausrotten darf, und die freien, erdgeborenen Instinkte in üppiger Wildheit wuchern können.

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Ich wünsche, dass das satyrische Lächeln, das wie nur mühsam verhehlen können, wenn von einem Kirchenfürsten ein Sterblicher heilig gesprochen wird, auch die weltlichen Machthaber verspottet, wenn sie Begriffe heilig sprechen und dem freien Gedanken verwehren wollen, über sie hinauswachsen. Den Vorkämpfern des freien Sinnes aber wünsche ich, dass in einigen Jahrhunderten so viel Freiheitssinn entwickelt haben möchten, um sogar – eine andre Meinung ertragen zu können.

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Ich wünsche, dass unsre Urenkel das erquickende Bild der Völkereintracht nicht bloß dann verwirklich sehen, wenn es gilt, in brüderliche Uebereinstimmung auf ein andres Volk loszuschlagen.

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Ich wünsche, dass die Krieger, die wir in die Ferne senden, in den eroberten Städten nicht den Wappenspruch auf ihren Fahnen missverstehen und plündert ausrufen: „Nimm Jedem das Seine!“…
 
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Ich wünsche, dass einst auf Staatskosten ein Invalidenhaus für altersschwache Phrasen und ein Nationalfriedhof für längst verstorbene Gemeinplätze errichtet wird, und dass Jedem die literarischen Ehrenrechte aberkannt werden, wenn er diese Wort – und Gedankenmumien wieder ans Tagelicht zieht.

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Ich wünsche jedem konstitutionellen Staate, in welchem man es mit den Volksrechten ernst nimmt, nicht einen gut regierenden, sondern nur einen gut regierten König. 
 
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Ich wünsche, endlich einmal dem seltensten der Menschen zu begegnen, der ein ganzes Leben lang  ohne Selbsttäuschung fromm, ohne Anmaßung klug, ohne Schwermut weise, ohne Herbheit stolz, ohne Buße aufrichtig und ohne Orden patriotisch war.
 
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Dem neuen Dichtergeschlecht, das uns die Zukunft bringen soll, wünsche ich, dass es recht bald mit Siegreichen Schöpfungen in die Erscheinung treten möchte.  Denn jene Neuen, die leider schon unter uns leben, können nicht durch die Alten überwunden werden, sondern nur durch die noch Neueren.

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Was ich meinen tadelnden Beurteilern wünsche? Nur das Eine: Dass sie Unrecht haben….
Jenem Kritikern aber, die nur über einen immer wiederkehrenden dürftigen Wortschatz verfügen, wünsche ich, dass ihre Redewendungen wenigstens nicht ganz so viele Wiederholungen erleben möchten, wie – die Stücke, denen sie am heftigsten zürnen.

 
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 Ich wünsche, dass ein Edison der Zukunft dem Telephon, das uns gestattet, ferner und immer ferner zu sprechen, eine Gegenerfindung gestellt, die manchen Mitbürger zwingt, ferner nicht zu sprechen.

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  Ich wünsche, dass im Straßenverkehr des neuen Jahrhunderts endlich der elektrische Fußgänger erscheint, der durch eine sinnreiche Signalvorrichtung die Lenker der Straßenbahnen veranlasst, ihm wenigstens manchmal ihre Aufmerksamkeit zu zollen.

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Ich wünsche unsern Bühnenleitern im Kampf um den täglichen Spielplan immer noch lieber Stücke, die den Zensor verbietet, als Stücke, die sich selbst verbieten.

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Ich wünsche den kommenden Philosophen, dass die tiefsten Worte, die sie prägen, nicht von der Gedankenlosigkeit nachgeplaudert und vom Unverstand in Besitz genommen werden. Denn von allen Dummköpfen sind die gefährlichsten, die unserer Meinung sind.

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Ich wünsche den liebenswürdigen Optimisten, die noch Träume und Ideale haben, dass sie auch den Gleichmut besitzen, um ihr Pflichtteil an Lächerlichkeit auf sich zu nehmen.
 
 
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Und ich wünsche endlich, dass diese Weihnachtswünsche schon zu einer Zeit in Erfüllung gehen, in der sie noch nicht völlig den Weg aller Wahrheiten durchmessen haben, der nach Schopenhauers treffenden Wort vom Paradoxon ausgeht und im Gemeinplatz versandet.
 

 

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Autor:  / 
Oskar Blumenthal  1852 - 1917
Bildnachweis: / Daumier Honore  1808 - 1879 Parade sultimbanques 1860 - 1864
 


 


 

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