Der Inhalt Ihres Briefes, verehrter Freund, kann in der That nur durch
sein Datum entschuldigt werden.
Sie verlangen von mir die Aufstellung eines Wunschzettels für die
Erwachsenen.
Ich soll versuchen, das Inventar der Sehnsucht aufzunehmen.
Ich soll die Umrisse der Luftschlösser nachzeichnen, die wir in den
Stunden des wachen Träumens bis zu den Wolken emporsteigen lassen.
Und dieses sonderbare Begehren glauben sie einfach dadurch begründen zu
können, dass Sie über Ihren Brief das Datum setzten:
“Am ersten
Dezember, im Monat der Wünsche.“
Und Sie haben nicht Unrecht.
Das ist wirklich der Monat der Wünsche.
Zu keiner andern Zeit des Jahres werden wie so nachdenklich vor die
Versuchung geführt, die nüchterne Bilanz von Wunsch und Erfüllung zu
ziehen. Und wenn wir reiferen Leute, denen das Alter schon die ersten
Silberfäden in das Haar geflochten und die ersten Furchen in die Haut
gekerbt hat, in diesen Tagen die blühende Jugend um etwas beneiden
möchten, so ist es die Kraft des Wunsches, die in den noch so fröhlich
unerfahrenen Herzen lebt.
Auf wohlerwogenen Wunschzettel zeichnen sie den Katalog ihrer Träume auf
und sind gewiß, dass in der Stunde der Erfüllung ein Glück über sie
kommen wird, das keine neue Sehnsucht mehr übrig lässt. Die weisen Leute
lächeln über die Kinderthorheit.
Sie haben das schwermütige Dichterwort im Gedächtnis: „Der Mensch träumt
sich ein Weltmeer von Entzücken und erschöpft es mit der hohlen Hand.“
Wir wissen, dass jede Erfüllung wieder einen Wunsch im ihrem Schoße
trägt, und oft haben wir es seufzend erfahren müssen, dass keine noch so
verschwenderische Schicksalsgabe in den ersehnten Lichtsaal des Glücks
führt.
Wir werden immer nur von einem Vorzimmer in das andre geleitet, und das
Leben ist ein ewiges Antichambrieren.
Aber wir wissen auch, dass nur in dieser Ziellosen Wanderung von Wunsch
zu Wunsch die großen Kräfte der Menschheit flüssig werden.
Ein Volk, das nichts mehr erwartet und nicht mehr ersehnt, würde sich
selbst überlebt haben. Und darum haben auch die Wissenden ihre
verträumten Stunden, in welchen sie der Zeit mit ihren Wünschen voraus
eilen und gern einmal mit einem Sehnsuchtsblick durch das Guckloch des
Vorhangs schauen, der uns die künftige Geschichte der Menschheit
verschleiert…
Das ist der Moment der Wünsche!
Und so sei es mir gestattet, auch die meinigen aufzuzeichnen.
Ich wünsche den kommenden Geschlechtern, dass ihre Entwicklung in einem
etwas langsameren Zeitmaß fortschreitet als in den letzten
Jahrhunderten, und dass sie die Kultur nicht allzu geschäftig über die
ganze Breite der Erde tragen möchten.
Denn wie in den großen Forsten einzelne Strecken als Bannwald gelten
und vor jedem lichtenden Arthieb geschützt sind, so wünsche ich, dass
auf der bewohnten Welt noch einige Streifen übrig bleiben, in welchen
die Bildung nichts ausrotten darf, und die freien, erdgeborenen
Instinkte in üppiger Wildheit wuchern können.
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Ich wünsche, dass das satyrische Lächeln, das wie nur mühsam verhehlen
können, wenn von einem Kirchenfürsten ein Sterblicher heilig gesprochen
wird, auch die weltlichen Machthaber verspottet, wenn sie Begriffe
heilig sprechen und dem freien Gedanken verwehren wollen, über sie
hinauswachsen. Den Vorkämpfern des freien Sinnes aber wünsche ich, dass
in einigen Jahrhunderten so viel Freiheitssinn entwickelt haben möchten,
um sogar – eine andre Meinung ertragen zu können.
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Ich wünsche, dass unsre Urenkel das erquickende Bild der Völkereintracht
nicht bloß dann verwirklich sehen, wenn es gilt, in brüderliche
Uebereinstimmung auf ein andres Volk loszuschlagen.
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Ich wünsche, dass die Krieger, die wir in die Ferne senden, in den
eroberten Städten nicht den Wappenspruch auf ihren Fahnen missverstehen
und plündert ausrufen: „Nimm Jedem das Seine!“…
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Ich wünsche, dass einst auf Staatskosten ein Invalidenhaus für
altersschwache Phrasen und ein Nationalfriedhof für längst verstorbene
Gemeinplätze errichtet wird, und dass Jedem die literarischen
Ehrenrechte aberkannt werden, wenn er diese Wort – und Gedankenmumien
wieder ans Tagelicht zieht.
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Ich wünsche jedem konstitutionellen Staate, in welchem man es mit den
Volksrechten ernst nimmt, nicht einen gut regierenden, sondern nur einen
gut regierten König.
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Ich wünsche, endlich einmal dem seltensten der Menschen zu begegnen, der
ein ganzes Leben lang ohne Selbsttäuschung fromm, ohne Anmaßung klug,
ohne Schwermut weise, ohne Herbheit stolz, ohne Buße aufrichtig und ohne
Orden patriotisch war.
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Dem neuen Dichtergeschlecht, das uns die Zukunft bringen soll, wünsche
ich, dass es recht bald mit Siegreichen Schöpfungen in die Erscheinung
treten möchte.
Denn jene Neuen, die leider schon unter uns leben, können nicht durch
die Alten überwunden werden, sondern nur durch die noch Neueren.
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Was ich meinen tadelnden Beurteilern wünsche? Nur das Eine: Dass sie
Unrecht haben….
Jenem Kritikern aber, die nur über einen immer wiederkehrenden dürftigen
Wortschatz verfügen, wünsche ich, dass ihre Redewendungen wenigstens
nicht ganz so viele Wiederholungen erleben möchten, wie – die Stücke,
denen sie am heftigsten zürnen.
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Ich wünsche, dass ein Edison der Zukunft dem Telephon, das uns
gestattet, ferner und immer ferner zu sprechen, eine Gegenerfindung
gestellt, die manchen Mitbürger zwingt, ferner nicht zu sprechen.
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Ich wünsche, dass im Straßenverkehr des neuen Jahrhunderts endlich der
elektrische Fußgänger erscheint, der durch eine sinnreiche
Signalvorrichtung die Lenker der Straßenbahnen veranlasst, ihm
wenigstens manchmal ihre Aufmerksamkeit zu zollen.
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Ich wünsche unsern Bühnenleitern im Kampf um den täglichen Spielplan
immer noch lieber Stücke, die den Zensor verbietet, als Stücke, die sich
selbst verbieten.
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Ich wünsche den kommenden Philosophen, dass die tiefsten Worte, die sie
prägen, nicht von der Gedankenlosigkeit nachgeplaudert und vom
Unverstand in Besitz genommen werden. Denn von allen Dummköpfen sind die
gefährlichsten, die unserer Meinung sind.
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Ich wünsche den liebenswürdigen Optimisten, die noch Träume und Ideale
haben, dass sie auch den Gleichmut besitzen, um ihr Pflichtteil an
Lächerlichkeit auf sich zu nehmen.
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Und ich wünsche endlich, dass diese Weihnachtswünsche schon zu einer
Zeit in Erfüllung gehen, in der sie noch nicht völlig den Weg aller
Wahrheiten durchmessen haben, der nach Schopenhauers treffenden Wort vom
Paradoxon ausgeht und im Gemeinplatz versandet.