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Ebner - Eschenbach
Marie von
1830 – 1916
Aphorismen
vierte Auflage
Parabeln, Märchen und Gedichte
dritte Auflage
Berlin Verlag von Gebrüder Paetel
1893
Ein
Aphorismus ist der letzte Ring einer langen Gedankenkette.
Erstes Hundert.

1.
Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und Du bist
unsterblich.
2. Was uns an sichtbaren Schönheit entzückt, ist ewig nur die
unsichtbare.
3. Die verstehen sehr wenig, die nur das verstehen, was sich erklären
lässt.
4. Ein Urtheil lässt sich widerlegen,
aber niemals ein Vorurtheil.
5. Vertrauen ist Muth, und Treue ist
Kraft.
6. Die jetzigen Menschen sind zum Tadeln
geboren. Vom ganzen Achilles sehen sie nur die Ferse.
7. Die glücklichen Pessimisten! Welche
Freude empfinden sie, so oft sie bewiesen haben, daß es keine Freude
giebt.
8. Es hat noch Niemand etwas Ordentliches
geleistet, der nicht etwas Außerordentliches leisten wollte.
9. Siege, aber triumphire nicht.
10. Der Zufall ist die in Schleier
gehüllte Nothwendigkeit.
11. Andere neidlos Erfolge erringen
sehen, nach denen man selbst strebt, ist Größe.
12. Der Hochmuth ist ein plebejisches
Laster.
13. Geduld mit der Streitsucht der
Einfältigen! Es ist nicht leicht zu begreifen, daß man nicht begreift.
14. Die größte Nachsicht mit einem
Menschen entspringt aus der Verzweiflung an ihm.
15. Alt werden, heißt sehen werden.
16. Anmuth ist ein ausströmen der
inneren Harmonie.
17. Wie weise muß man sein, um immer gut
zu sein!
18. Die einfachste und bekannteste
Wahrheit erscheint uns augenblicklich neu und wunderbar, sobald wir sie
zum ersten Male an uns selbst erleben.
19. Der Verstandesmensch verhöhnt nichts
so bitter als den Edelmuth, dessen er sich unfähig fühlt.
20. Wir verlangen sehr oft nur deshalb
Tugenden von Anderen, damit unsere Fehler sich bequemer breit machen
können.
21. Der Gescheiterte giebt nach! Ein
unsterbliches Wort. Es begründet die Weltherrschaft der Dummheit.
22. Künstler was du nicht schaffen musst,
das darfst Du nicht schaffen wollen.
23. Je mehr Du Dich selbst liebst, je
mehr bist Du Dein eigener Feind.
24.Eiserne Ausdauer und klaglose
Entsagung sind die zwei äußerste Pole der menschlichen Kraft.
25. Nichts wird so oft unwiederbringlich
versäumt wie eine Gelegenheit, die sich täglich bietet.
26. Warten lernen wir gewöhnlich erst,
wenn wir nichts mehr zu erwarten haben.
27. Die Leidenschaft ist immer ein
Leiden, auch die befriedigte.
28. Schüchterne Dummheit und verschämte
Armuth sind den Göttern heilig.
29. Wenn es einen Glauben giebt, der
Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.
30. Die Consequenzen unserer guten
Handlungen verfolgen und unerbittlich und sind oft schwerer zu tragen
als die der bösen.
31. Die Gutmüthigkeit gemeiner Menschen
gleicht dem Irrlicht. Vertraue nur seinem gleitzenden Schein, es führt
Dich gewiß in den Sumpf.
32. Es giebt Frauen, die ihre Männer mit
einer ebenso blinden, schwärmerischen und räthselhaften Liebe lieben,
wie Nonnen ihre Kloster.
33. Gebrannte Kinder fürchten das Feuer
oder vernarren sich darein.
34. Mitleid ist Liebe im Negligé.
35. Ehen werden im Himmel geschlossen,
aber daß sie gut gerathen, darauf wird dort nicht gesehen.
36. Wer an die Freiheit des menschlichen
Willens glaubt, har nie geliebt und nie gehasst.
37. Die meisten Menschen brauchen mehr
Liebe, als sie verdienen.
38. Ein Dichter, der einen Menschen
kennt, kann hundert schildern.
39. Einer der seltesten Glücksfälle, die
uns werden können, ist die Gelegenheit zu einer gut angewendeten
Wohlthat.
40. Die meisten Nachahmer lockt die
Unnachahmliche.
41. Haben und nichts geben, ist in
manchen Fällen schlechter als stehlen.
42. Der Arme rechnet dem Reichen die
Großmuth niemals als Tugend an.
43. Die Leute, denen man nie widerspricht, sind entweder die, welche man
am meisten liebt, oder die, welche man am geringsten achtet.
44. Die meiste Nachsicht übt der, der
die wenigste braucht.
45. Wenn ein Mensch uns zugleich Mitleid
und Ehrfurcht einflößt, dann ist seine Macht über uns grenzenlos.
46.Raison
annehmen kann Niemand, der
nicht schon welche hat.
47. Wenn jemand etwas kann, das gewöhnliche Menschen
nicht können, so trösten sie sich damit, daß er gewiß von allem, was sie
können, nichts kann.
48. Hüte Dich vor der Tugend, die zu besitzen ein Mensch
von sich selber rühmt.
49. Wenn man nur die Alten liest, ist man sicher, immer
neu zu bleiben.
50. Das Mitleid des Schwächlings ist ein
Licht, das nicht wärmt.
51. Wer sich seiner eigenen Kindheit
nicht mehr deutlich erinnert, ist ein schlechter Erzieher.
52. Die eingebildeten Uebel sind die
Unheilbarsten.
53. Selbst der bescheidenste Mensch hält
mehr von sich, als sein bester Freund von ihm hält.
54. Wenn der Kunst kein Tempel mehr
offen steht, dann flüchtet sie in die Werkstatt. 55. Man muß das Gute thun, damit es in
der Welt sei.
56. Der Haß ist ein fruchtbares, der Neid
ein steriles Laster.
57. Wir sollen immer verzeihen, dem Reuigen um seinetwillen,
dem Reuelosen um unserwillen.
58. Das Motiv einer guten Handlung ist
manchmal nichts anders, als zur rechten Zeit eingetretene Reue.
59. Das Vertrauen ist etwas so Schönes,
daß selbst der ärgste Betrüger sich eines Gewissen Respects nicht
erwehren kann vor dem, der es ihm schenkt.
60. Was Du zu müssen glaubst, ist das,
was Du willst.
61. Auch die Tugend ist eine Kunst, und
auch ihre Anhänger theilen sich in Ausübende und in bloße Liebhaber.
62. Das Alter verklärt oder versteinert.
63. Die Güte, die nicht grenzenlos ist, verdient den Namen nicht.
64. In der Jugend lernt, im Alter
versteht man.
65. Es ist ein Unglück, daß ein braves
Talent und ein braver Mann so selten zusammenkommen!
66. In einem guten Buche stehen mehr
Wahrheiten, als sein Verfasser hinein zu schreiben meinte.
67. Wir entschuldigen nichts so leicht
als Thorheiten, die uns zuliebe begangen wurden.
68. Unbegründeter Tadel ist manchmal
eine feine Form der Schmeichelei.
69. Sei Deines Willens Herr und Deines Gewissens Knecht.
70. Natur ist Wahrheit; Kunst ist die
höchste Wahrheit.
71. Zu späte Erfüllung einer Sehnsucht
labt nicht mehr.
Die lechzende Seele zehrt sie auf wie glühendes Eisen einen
Wassertropfen.
72. Die Thoren wissen gewöhnlich das am
besten, was jemals in Erfahrung zu bringen, der Weise verzweifelt.
73.Wenn die Neugier sich auf ernsthafte
Dinge richtet, dann nennt man sie Wissensdrang.
74. Etwas sollen wir unseren sogenannten
Freunden immer abzulernen – ihre Scharfsichtigkeit für unsere Fehler.
75. Die Liebe hat nicht nur Rechte, sie
hat auch immer recht.
76. Nur was für die Gegenwart zu gut ist,
ist gut genug für die Zukunft.
77. Nicht jene, die streiten, sind zu
fürchten, sondern jene die ausweichen.
78. In jedem tüchtigen Menschen steckt
ein Poet, und kommt zum Vorschein, beim Lesen, beim Sprechen oder beim
Zuhören.
79. Unerreichbare Wünsche werden als
„fromme“ bezeichnet. Man scheint anzunehmen, daß nur die profanen in
Erfüllung gehen.
80. Der Geist ist ein intermittierender,
die Güte ein permanenter Duell.
81. Man kann viele Dinge kaufen, die unbezahlbar sind.
82. Wenn zwei brave Menschen über
Grundsätze streiten, haben immer beide recht.
83. Nichts ist weniger verheißend als
frühreife; die junge Distel sieht einem zukünftigen Baume viel ähnlicher
als die junge Eiche.
84. Wenn die Missgunst aufhören muß,
fremdes Verdienst zu leugnen, fängt sie an, es zu ignoriren.
85. Die Theilnahme der meisten Menschen
besteht aus einer Mischung von Neugier und Wichtigthuerei.
86. Macht ist Pflicht – Freiheit ist Verantwortlichkeit.
87. Seit dem bekannten Siege der
Schildkröte über den Hasen hält sie sich für eine Schnellläuferin.
88. Es giebt Fälle, in denen vernünftig
sein, feig sein heißt.
89. Sich mit Wenigen begnügen ist schwer,
sich mit Vielem begnügen noch schwerer.
90. Die Bescheidenheit, die zum Bewusstsein kommt, kommt ums Leben.
91. Für das Können giebt es nur einen
Beweis : das Thun.
92. Wenn Du einen vielbetretenen Weg
lange gehst, so gehst Du ihn endlich allein.
93. Es giebt Menschen mit leuchtendem und Menschen mit
glänzende, Verstande. Die ersten erhellen ihre Umgebung, die zweiten
verdunkeln sie.
94. Man fordre nicht Wahrhaftigkeit von
den Frauen, so lange man sie in dem Glauben erzieht, ihr vornehmster
Lebenszweck sei – zu gefallen.
95. An das Gute glauben nur die Wenigen,
die es üben.
96. Der am unrechten Orte vertraute, wird
dafür am unrechten Orte misstrauen.
97. Es würde sehr wenig Böses auf Erden
gethan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten gethan werden
könnte.
98. Alles wird uns heimgezahlt, wenn auch
nicht von Denen, welchen wir geborgt haben.
99. Die Menschen, denen wir eine Stütze
sind, die geben uns den Halt im Leben.
100. Es giebt eine schöne Form der
Verstellung: die Selbstüberwindung, - und eine schöne Form des Egoismus:
die Liebe.
Ebner - Eschenbach
Marie von
1830 – 1916
Aphorismen
vierte Auflage
Parabeln, Märchen und Gedichte
dritte Auflage
Berlin Verlag von Gebrüder Paetel
1893
Ein
Aphorismus ist der letzte Ring
einer langen Gedankenkette.
Zweites Hundert

1. Wenn man das Dasein als eine Aufgabe betrachtet, dann vermag man
es immer zu ertragen.
2. Schwächliche Grämlichkeit, die alle Fünf gerade sein lässt, ist
die Karikatur der Resignation.
3. Der Gläubige, der nie gezweifelt hat, wird schwerlich einen
Zweifler bekehren.
4. Es stände besser um die Welt, wenn die Mühe, die man sich giebt,
die subtilsten Moralgesetze auszuklügeln, zur Ausübung der einfachsten
angewendet würde.
5. Man kann nicht allen helfen! Sagt der Engherzige und – hilft
Keinem. –
6. Wer nichts weiß, muß alles glauben.
7. Eltern verzeihen ihren Kindern die Fehler am schwersten, die
sie selbst ihnen anerzogen haben.
8 . Wenn ein edler Mensch sich bemüht ein begangenes Unrecht gut
zu machen, kommt seine Herzensgüte am reinsten und schönsten zu Tage.
9. Du kannst so rasch sinken, daß Du zu fliegen meinst.
10. Was liegt dem Narren an einem vernünftigen Menschen?
Die wichtigste Person für ihn ist der andere Narr, der ihn gelten
lässt.
11. Verständniß des Schönen und Begeisterung für das Schöne sind
Eins.
12. Wo die Eitelkeit anfängt, hört der Verstand auf.
13. Auch was wir am meisten sind, sind wir nicht immer.
14. Um in eine Versammlung feiner Leute treten zu dürfen, muß man
den Frack tragen, die Uniform oder – die Livrée.
15. Wer Geduld sagt, sagt Muth, Ausdauer, Kraft.
16. Der Geist einer Sprache offenbart sich am deutlichsten in
ihren unübersetzbaren Worten.
17. Das Verständniß reicht oft viel weiter als der Verstand.
18. So mancher meint ein gutes Herz zu haben und hat nur schwache
Nerven.
19. Zwei sehr verschiedene Tugenden können einander lange und scharf
befehden; der Augenblick bleibt nicht aus, in dem sie erkennen, daß
sie Schwestern sind.
20. Beim Tode eines geliebten Menschen schöpfen wir eine Art Trost
aus dem Glauben, daß der Schmerz über unseren Verlust sich nicht nie
vermindern wird.
21. Was ein Mensch glaubt und woran er zweifelt, ist gleich
bezeichnend für die Stärke seines Geistes.
22. Der herbste Tadel lässt sich ertragen, wenn man fühlt, daß
Derjenige, der tadelt, lieber loben würde.
23. Alte Diener sind kleine Tyrannen, an welche die großen
Tyrannin Gewohnheit uns knüpft.
24. Verschmähtes Erbarmen kann sich in Grausamkeit verwandeln, wie
verschmähte Liebe in Haß.
25. Aus dem Verlangen nach dem Ueberflüssigen ist die Kunst
entstanden.
26. Es giebt Gelegenheiten, in denen man sonst ganz wahrhaftigen
Menschen Keinen Glauben schenken darf.
Zum Beispiel, dem Großmüthigen, wenn er von seinen Ausgaben, und dem
Sparsamen, wenn er von seinen Einnahmen spricht.
27. Man kann nicht jedes Unrecht gut, wohl aber jedes Recht
schlecht machen.
28. Fortwährendem Entbehren folgt Stumpfheit ebenso gewiß wie
übermäßigem Genuß.
29. Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist
ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.
30. Wo wäre die Macht der Frauen, wenn die Eitelkeit der Männer
nicht wäre?
31. Menschen, die nach immer größerem Reichthum jagen, ohne sich
jemals Zeit zu gönnen ihn zu genießen, sind wie hungrige, die
immerfort kochen, sich aber nie zu Tische setzten .
32. Einen Gedanken verfolgen – wie bezeichnet dies Wort! Wir eilen
ihm nach, erhaschen ihn, er entwindet sich uns, und die Jagt beginnt
von Neuem.
Der Sieg bleibt zuletzt dem Stärkeren. Ist es der Gedanke, dann lässt
er uns nicht ruhen, immer wieder taucht er auf – neckend, quälend,
unserer Ohnmacht ihn zu fassen, spottend.
Gelingt es aber der Kraft unseres Geistes, ihn zu bewältigen dann
folgt dem heißen Ringkampf ein beseligendes, unwiderstehliches Bündniß
auf Leben und Tod, und die Kinder, die ihm entspringen, erobern die
Welt.
33. Die Sittlichkeit verfeinert die Sitte, und die Sitte wiederum
die Sittlichkeit.
34. Nichts ist erbärmlicher als die Resignation, die zu früh
kommt.
35. Arme Leute schenken gern.
36. Auch in ein neues Glück muß man sich schicken lernen.
37. Der eitle, schwache Mensch sieht in Jedem einen Richter, der
stolze, starke hat keinen Richter als sich selbst.
38. Autoren, die bestohlen werden, sollte sich darüber nicht
beklagen, sondern freuen. In einer Gegend, in der kein Waldfrevel
vorkommt, hat der Wald keinen Werth.
39. Wenn alberne Leute sich bemühen, ein Geheimniß vor uns zu
verbergen, dann erfahren wir es gewiß, so wenig uns auch danach
gelüstet.
40. Merkmal großer Menschen ist, daß sie an Andere weit geringere
Anforderungen stellen als an sich selbst.
41. Denkfaulheit, Oberflächlichkeit, Starrsinn sind weibliche,
Genusssucht, Rücksichtslosigkeit, Roheit sind männliche, Trotz,
Eitelkeit, Neugier sind kindliche Fehler.
42. Wer in der Gegenwart von Kindern spottet oder lügt, begeht ein
todeswürdiges Verbrechen.
43. Die Eitelkeit weist jede gesunde Nahrung von sich, lebt
ausschließlich von dem Gifte der Schmeichelei und gedeiht dabei in
üppigster Fülle.
44. Der Schmerz ist der große Lehrer der Menschen. Unter seinem
Hauche entfalten sich die Seelen.
45. Der Mann ist der
Herr des Hauses; im Hause aber soll nur die Frau herrschen.
46. Treue Liebe kann
zwischen Menschen von sehr verschiedenem, dauernde Freundschaft nur zwischen Menschen von gleichem Werthe bestehen.
Aus diesem Grunde ist die zweite viel seltener als die erste.
47. Eine gescheite Frau
hat Millionen geborener Feinde: - alle dummen Männer.
48. Der alte Satz: Aller Anfang ist schwer, gilt nur für
Fertigkeiten. In der Kunst ist nichts schwerer als
Beenden und bedeutet zugleich Vollenden.
49. Ein Schwachkopf, der über andere Menschen urtheilen soll, kann
sich höchstens in ihre Lage,
nie aber
in ihre Denk – und Empfindung versetzen.
50. Es giebt nichts Böses, freilich auch kaum etwas Gutes, das nicht
schon aus Eitelkeit gethan worden wäre.
51. Wenig Leidenschaft, große Herzenswärme, Verstand, Anmuth,
leichte Umgangsformen,
Respekt vor dem Ernst, Verständniß für den Scherz – Summa Summarum:
- Liebeswürdigkeit.
52. Ein scheinbarer
Widerspruch gegen ein Naturgesetz ist nur die selten vorkommende
Bethätigung eines andern Naturgesetzes.
53. Eine Vernunftehe
schließen, heißt in den meisten Fällen, alle seine Vernunft
zusammennehmen, um die wahnsinnigste Handlung zu begehen, die ein
Mensch begehen kann.
54. Wer es versteht, den
Leuten mit Anmuth und Behagen Dinge auseinander zu setzen, die sie
ohnehin
wissen, der verschafft sich am geschwindesten den Ruf eines gescheiten
Menschen.
55. Über das Kommen
mancher Leute tröstet uns nichts als – die Hoffnung auf ihr Gehen.
56. Zu jeder Zeit liegen einige große Wahrheiten in der Luft; sie
bilden die geistige Atmosphäre des Jahrhunderts.
57. Was nennen die Menschen am liebsten dumm? Das Gescheite, das sie
nicht verstehen.
58. Der sich keine Annehmlichkeit versagen kann, wird sich
nie Glück erobern.
59. Ein Gedanke kann nicht
erwachen, ohne andere zu wecken.
60. Die unerträglichsten
Heuchler sind diejenigen, die jedes Vergnügen, das ihnen
geboren wird, von der Pflicht zur Taufe tragen lassen.
61. Ein Streit zwischen
wahren Freunden, wahren Liebenden bedeutet gar nicht.
Gefährlich sind nur die Streitigkeiten zwischen Menschen, die einander
nicht ganz verstehen.
62. Es giebt eine Menge
kleiner Unarten und Rücksichtslosigkeiten, die an und für sich nichts
bedeuten,
aber furchtbar sind als Kennzeichen der Beschaffenheit einer Seele.
63. Wenn die Großmuth vollkommen sein soll, muß sie eine kleine Dosis
Leichtsinn enthalten.
64. Es gehört immer etwas guter Wille dazu, selbst das Einfachste zu
begreifen, selbst das Klarste zu verstehen.
65. Gemeinverständlich, das heißt: auch den Gemeinen verständlich, und
heißt überdies nicht selten: den Nichtgemeinen ungenießbar.
66. Jung sein ist schön; alt sein ist bequem.
67. Die Gedankenlosigkeit hat mehr ehrliche Namen zu Grunde gerichtet
als die Bosheit.
68. Wenn Du
durchaus nur die Wahl hast zwischen einer Unwahrheit und einer Grobheit,
dann wähle die
Grobheit; wenn jedoch die Wahl getroffen werden muß zwischen einer
Unwahrheit und einer
Grausamkeit, dann wähle die Unwahrheit.
69. Die Wortkargen imponieren immer. Man glaubt schwer, daß Jemand kein
anderes Geheimniß zu
bewahren hat als das seiner Unbedeutendheit.
70. Die Empfindung des Einsamseins ist schmerzlich, wenn sie uns im
Gewühl der Welt,
unerträglich jedoch, wenn sie uns im Schoße unserer Familie überfällt.
71. Verwöhnte Kinder sind die unglücklichsten; sie lernen schon in
jungen Jahren die Leiden der
Tyrannen kennen.
72. Er ist ein guter Mensch! Sagen die Leute gedankenlos. Sie wären
sparsamer mit diesem Lobe, wenn sie wüssten, daß sie kein höheres zu
ertheilen habe.
73. Man hat einen zu guten oder einen zu schlechten Ruf; nur den Ruf hat
man nicht, den man verdient.
74. Du wüsstest gern, was Deine Bekannten von Dir sagen? Höre, wie sie
von Leuten sprechen, die mehr
werth sind als Du.
75.
Im Laufe des Lebens verliert alles seine Reize wie seine Schrecken; nur
Eines hören wir nie auf zu fürchten: das Unbekannte.
76.
Der Charakter des Künstlers ernährt oder verzehrt sein Talent.
77.
Ein Mann, der sich im Gespräche mit seiner Frau widerlegt fühlt, fängt
sogleich an, sie zu überschreien:
Er will und kann beweisen, daß ihm immer, auch wenn er falsch singt, die
erste Stimme gebührt.
78.
Fähigkeit ruhiger Erwägung - : Anfang aller Weisheiten, Quell aller
Güte!
79.
Ausnahmen sind nicht immer Bestätigung der alten Regel; sie können auch
die Vorboten einer neuen Regel sein.
80. Manche Leute wären frei, wenn sie zu dem Bewusstsein ihrer Freiheit
kommen könnten.
81.Muth des Schwachen, Milde des Starken – beide anbetungswürdig!
82.Suche immer zu nützen, suche nie Dich unentbehrlich zu machen.
83.Die Frau verliert in der Liebe zu einem ausgezeichneten Manne das
Bewusstsein ihres eigenen Werthes; der Mann kommt erst recht zum
Bewusstsein des seinen durch die Liebe einer edlen Frau.
84. Der Schwächling ist bereit, sogar seine Tugenden zu verleugnen, wenn
sie Anstoß erregen sollten.
85. Der Philosoph zieht seine Schlüsse, der Poet muß die seinen
entstehen lassen.
86. So manche Wahrheit ging von einem Irrthum aus.
87. Ein litterarischer Dieb, der sich das Stehlen recht sauer werden
lässt, kann sein Leben lang für einen
originellen und ehrlichen Mann gelten.
88. Wenn
Du sicher wählen willst im Conflikt zweier Pflichten, wähle diejenige,
die zu erfüllen Dir schwerer fällt.
89.
Ein wahrer Freund trägt mehr zu unserem Glück bei, als tausend Feinde zu
unserem Unglück.
90.
Die Großen schaffen das Große, die Guten das Dauernde.
91.
Ein anregendes Buch – eine Speise, die hungrig macht.
92
Der Verstand und das Herz stehen auf sehr gutem Fuße.
Eines vertritt oft die Stelle des andern so vollkommen, daß es schwer
ist zu unterscheiden, welches von beiden thätig war.
93.
Manuskripte vermodern im Schranke oder reifen darin.
94.
Wer in die Öffentlichkeit tritt, hat keine Nachsicht zu erwarten und
keine zu fordern.95.
Ein Mann mit großen Ideen ist ein unbequemer Nachbar.
96. Mehr noch als nach dem Glück unserer Jugend sehnen wir uns im Alter
nach den Wünschen unserer Jugend zurück.
97. Erstritten ist besser als erbettelt.
98. Das Tüttelchen Wahrheit, das in mancher Lüge enthalten ist, das
macht sie furchtbar.
99. Unsere schlechten Eigenschaften gegenüber giebt es nur ewigen Kampf
oder schimpflichen Frieden.
100. Was Du wirklich besitzest, das wurde Dir geschenkt.
Ebner - Eschenbach
Marie von
1830 – 1916
Aphorismen
vierte Auflage
Parabeln, Märchen und Gedichte
dritte Auflage
Berlin Verlag von Gebrüder Paetel
1893
Ein
Aphorismus ist der letzte Ring
einer langen Gedankenkette.
Drittes
Hundert

1.Wohl Jedem, der nur liebt, was er darf,
und nur haßt, was er soll.
2.Die kleinsten Sünden thun die größte
Buße.
3. An groß angelegte Menschen denkt sich’
sgut, mit fein angelegten Menschen lebt sich’ s gut.
4. Für die Anspruchsvollen plagt man
sich, aber die Anspruchslosen liebt man.
5.Respect vor dem Gemeinplatz! Er ist
seit Jahrhunderten aufgespeicherte Weisheit.
6. Ein fauler und ein fleißiger Mensch
können nicht gut mit einander leben, der faule verachtet den fleißigen
gar zu sehr.
7. Wenn man nicht aufhören will, die
Menschen zu lieben, muß man nicht aufhören, ihnen Gutes zu thun.
8. Das edle: Ich will! Hat keinen
schlimmeren Feind, als das feige, selbstbetrügerische: Ja, wenn ich
wollte!
9. Es kommt alles auf die Umgebung an.
Die Sonne im lichten Himmelsraume hat eine viel geringere Meinung von
sich selbst als die Unschlittkerze, die im Keller brennt.
10. Der Künstler versäume nie, die Spuren
des Schweißes zu verwischen, den sein Werk gekostet hat. Sichtbare Mühe
war zu wenig Mühe.
11. Die Herrschaft über
den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben.
12. Man darf die
Phantasie verführen, aber Gewalt darf man ihr nicht anthun wollen.
13. Nicht tödtlich, aber
unheilbar, das sind die schlimmsten Krankheiten.
14. Kein Mensch steht so
hoch, da ß er anderen gegenüber nur gerecht sein dürfte.
15. Wenn die Zeit kommt,
in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.
16. Der Umgang mit einem
Egoisten ist darum so verderblich, weil die Nothwehr uns zwingt,
allmählich in seinen Fehler zu verfallen.
17. Das giebt sich, sagen
schwache Eltern von den Fehlern ihrer Kinder. O nein, es giebt sich
nicht, es entwickelt sich!
18.Das Recht des
Stärkeren ist das stärkste Unrecht.
19. Der größte Feind des
Rechtes ist das Vorrecht.
20. Zwischen Können und
Thun liegt ein Meer und auf seinem Grunde die gescheiterte Willenskraft.
21. Ein stolzer Mensch verlangt von sich das Außerordentliche, ein
hochmüthiger schreibt er sich zu.
22. Bewunderung der
Tugend ist Talend zur Tugend.
23. Viele Leute glauben,
wenn sie einen Fehler erst eingestanden haben, brauchen sie ihn nicht
mehr abzulegen.
24. Die
bedauernswerthesten Menschen sind diejenigen, welche Pflichtgefühl
besitzen, aber nicht die Kraft, ihm zu genügen.
25. Beim Wiedersehen nach
einer Trennung fragen die Bekannten nach dem, was mit uns, die Freunde
nach dem, was in uns vorgegangen.
26. Es giebt überall
verschämte Arme, nur nicht in der Literatur.
27. Wer sich mit wenig
Ruhm begnügt, verdient nicht vielen.
28. Sagen was man denkt,
ist manchmal die größte Thorheit und manchmal – die größte Kunst.
29. Menschen, die viel
von sich sprechen, machen – so ausgezeichnet sie übrigens sein mögen –
den Eindruck der Unreife.
30. Es giebt mehr naive
Männer als naive Frauen.
31. Der Weise ist selten
klug.
32. Wie viel Bewegung
wird hervorgebracht durch das Streben nach Ruhe.
33. Echte Propheten haben
manchmal, falsche Propheten haben immer fanatische Anhänger.
34. Soweit die Erde
Himmel sein kann, soweit ist sie es in einer glücklichen Ehe.
35. Demuth ist
Unverwundbarkeit.
36. Ein guter Witz muß
den Schein des Unabsichtlichen haben. Er giebt sich nicht dafür, aber
siehe da, der Scharfsinn des Hörers entdeckt ihn, entdeckt den
geistreichen Gedanken in der Maske eines schlichten Wortes. Ein guter
Witz reist incognito.
37. Manche Tugenden kann
man dadurch erwerben, daß man sie lange Zeit hindurch heuchelt. Andere
wird man um so weniger erringen, je man sucht, sich ihren Schein zu
geben. Zu den ersten gehört der Muth zu den zweiten die Bescheidenheit.
38. Wohlerzogene Menschen
sprechen in der Gesellschaft weder vom Wetter noch von der Religion.
39. Der Staat ist am
tiefsten gesunken, dessen Regierung schweigend zuhören muß, wenn die
offenkundige Schufterei ihr Sittlichkeit predigt.
40. Nicht leisten können,
was Andere leisten - Du muß dich bescheiden. Nicht mehr leisten können,
was Du selbst einmal geleistet hast – zum verzweifeln.
41. Liebhabereien
bewahren vor Leidenschaften; eine Liebhaberei wird zur Leidenschaft.
42. Welch’ ein
Unterschied liegt darin, wie man’ s mach und wie sich’ macht!
43. Der Strich, den das
Genie in Einem Zuge hinwirft, kann das Talent in glücklichen Stunden aus
Punkten zusammensetzen.
44. Ein Nichts vermag das Vertrauen in die eigene Kraft zu erschüttern,
aber nur ein Wunder vermag es wieder zu befestigen.
45. Vieles erfahren
haben, heißt noch nicht Erfahrung besitzen.
46. In jede hohe Freude
mischt sich eine Empfindung der Dankbarkeit.
47. Die Menschen, bei
denen Verstand und Gemüth sich die Wage halten, gelangen spät zur Reife.
48. Der niemals Ehrfurcht
empfunden hat, wird sie niemals erwecken.
49. Wo giebt es noch
einmal zwei Dinge so entgegengesetzt und doch so nahe verwandt, so
unähnlich und doch so oft kaum von einander zu unterscheiden, wie
Bescheidenheit und Stolz?
50. Nichts, was wir
erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser
Schicksal aus.
51. Es gäbe keine
Geselligkeit, alle Familienbande würden gelockert, wenn die Gedanken der
Menschen auf ihrer Stirn zu lesen wären.
52. Wenn mein Herz nicht
mehr spricht, dann schweigt auch mein Verstand, sagt die Frau.
Schweige, Herz, damit der
Verstand zu Worte komme, sagt der Mann.
53. Liebe alle Menschen,
der Leidende aber sei Dein Kind.
54. Die Langweile, die in
manchem Buche herrscht, gereicht ihm zum Heil; die Kritik, die schon
ihren Speer erhoben hatte, schläft ein, bevor sie ihn geschleudert hat.
55. An Rheumatismen und
an wahre Liebe glaubt man erst, wenn man davon befallen wird.
56. Aerzte werden gehasst
aus Ueberzeugung oder aus Oekonomie.
57. Die Ambrosia der
früheren Jahrhunderte ist das tägliche Brot der Späteren.
58. Ein wirklich guter
und liebenswürdiger Mensch kann soviel Freunde haben, als er will, aber
nicht immer diejenigen, die er will.
59. Auf angeborene
Tugenden ist man nicht stolz.
60. Ein ganzes Buch – ein ganzes Leben.
61. Was Menschen und Dinge werth sind, kann man erst beurtheilen, wenn
sie alt geworden.
62. Der Wohlwollende
fürchtet Missgunst nicht.
63. Wir hätten wenig
Mühe, wenn wir niemals unnöthige Mühe hätten.
64. Es findet nicht nur
jeder Odyseus seinen Homer, sondern auch jeder Mahomet seine Chadidscha.
65. Jeder Weltmann verkehrt lieber mit einem wohlerzogenen Bösewicht,
als mit einem schlechterzogenen Heiligen.
66. Wenn wir an Freuden
denken, die wir erlebt haben, oder noch zu erleben hoffen, denken wir
sie uns immer ungetrübt.
67. Nicht jeder große
Mann ist ein großer Mensch.
68. Die uns gespendete
Liebe, die wir nicht als Segen und Glück empfinden, empfinden wir als
eine Last.
69.Nichts lernen wir so
spät und verlernen wir so früh, als zugeben, daß Unrecht haben.
70. Die Thaten reden,
aber den Ungläubigen überzeugen sie doch nicht.
71. Jeder Dichter und
alle ehrlichen Dilettanten schreiben mit ihrem Herzblute, aber wie
diese Flüssigkeit beschaffen ist, darauf kommt es an.
72. Je weiter unsere
Erkenntnis Gottes bring, je weiter weicht Gott vor uns zurück.
73. Der Genius weist den Weg, das Talent geht ihn.
74. Die Menschen, die wir
am meisten verwöhnen, sind nicht immer die, die wir am meisten lieben.
75.Dem großen Dichter muß
man ein starkes Selbstgefühl zu gute halten.
Eine gewisse Gottähnlichkeit ist Dem nicht abzusprechen, der aus seinem
Geiste Menschen schafft.
76. Ueberlege ein Mal,
bevor Du giebst, zwei Mal, bevor Du annimmst, und tausendmal , bevor Du
verlangst.
77. Der Maßstab, den wir
an die Dinge legen, ist das Maß unseres eigenen Geistes.
78. Der Künstler hat
nicht dafür zu sorgen, daß sein Werk Anerkennung finde, sondern dafür,
daß es sie verdient.
79. Ein einziges Wort
verräth uns manchmal die Tiefe eines Gemüths, die Gewalt eines Geistes.
80. Sobald eine mode
allgemein geworden ist, hat sie sich überlebt.
81. Die Natur hat leicht verschwenden; auch das scheinbar nutzlos
verstreute fällt zuletzt doch in ihren Schoß.
82. Der kleinste Fehler,
den ein Mensch uns zu Liebe ablegt, verleiht ihm in unseren Augen mehr
Werth, als die größten Tugenden, die er sich ohne unser Zuthun
aneignet.
83. Es ist schlimm, wenn
zwei Eheleute einander langweilen, viel schlimmer jedoch ist es, wenn
nur Einer von ihnen den Andern langweilt.
84. Die größte Gewalt
über einen Mann hat die Frau, die sich ihm zwar versagt, ihn aber in dem
Glauben zu erhalten versteht, daß sie seine Liebe erwidere.
85. Was noch zu leisten
ist, das bedenke; was Du schon geleistet hast, das vergiß.
86. Wer die materiellen
Genüsse des Lebens seinen idealen Gütern vorzieht, gleicht dem Besitzer
eines Palastes, der sich in den Gesindestuben einrichtet und die
Prachtsäle leer stehen lässt.
87. Im Laufe des Lebens
nützen unsere Laster sich ab, wie unsere Tugenden.
88. Die Welt gehört
denen, die sie haben wollen, und wird von jenen verschmäht, denen sie
gehören sollte.
89. Wenn ich nicht
predigen müsste, würde ich mich nicht kasteien, sagte ein
wahrheitsliebender Priester.
90. Treue üben ist Tugend, Treue erfahren ist Glück.
91.Der Augenblick tritt niemals ein, in welchem der Dummkopf den Weisen
nicht für fähig hielte, einen Unsinn zu sagen oder eine Thorheit zu
begehen.
92. Die Gleichgültigkeit,
der innere Tod, ist manchmal ein Zeichen von Erschöpfung, meistens ein
Zeichen von geistiger Impotenz und immer guter Ton.
93. Was liegt am Ruhm, da
man den Nachruhm nicht erleben kann?
94. Wir sind für nichts
so dankbar wie für Dankbarkeit.
95. Es darf so mancher
Talentlose von dem Werke so manches Talentvollen sagen: Wenn ich das
machen könnte, würde ich es besser machen.
96. Dilettanten haben
nicht einmal in einer sekundären Kunst etwas Bleibendes geleistet, sich
aber verdient gemacht um die höchste aller Wissenschaften, die
Philosophie. Den Beweis dafür liefern: Montaigne, La Rochefoucauld,
Bauvenargues.
97. Wenn wir auch der
Schmeichelei keinen Glauben schenken, der Schmeichler gewinnt uns doch.
Einige Dankbarkeit empfinden wir immer für den, der sich die Mühe giebt,
uns angenehm zu belügen.
98. Aus dem Mitleid mit
Anderen erwächst die feurige, die muthige Barmherzigkeit; aus dem
Mitleid mit uns selbst die weichliche, feige Sentimentalität.
99. Je kleiner das
Sandkörnchen ist, desto sicherer hält es sich für die Axe der Welt.
100. Nur die
allergescheitesten Leute benützen ihren Scharfsinn nicht bloß zur
Beurtheilung Anderer, sondern auch ihrer selbst.
Ebner - Eschenbach
Marie von 1830 – 1916
Aphorismen
vierte Auflage
Parabeln, Märchen und Gedichte
dritte Auflage
Berlin Verlag von Gebrüder Paetel
1893
Ein
Aphorismus ist der letzte Ring
einer langen Gedankenkette.
Viertes
Hundert

1. Nächstenliebe lebt mit tausend Seelen,
Egoismus mit einer einzigen, und die ist erbärmlich.
2. Das Vernünftige ist durchaus nicht
immer das Gute, das Vernünftige jedoch muß auch das Beste sein.
3. Späte Freuden sind die schönsten: sie
stehen zwischen entschwundener Sehnsucht und kommenden Frieden.
4. Künstler haben gewöhnlich die Meinung
von uns, die wir von ihren Werken haben.
5. Sehr geringe Unterschiede begründen
manchmal sehr große Verschiedenheiten.
6. Der Spott endet, wo das Verständniß
beginnt.
7. Um ein öffentliches Amt glänzend zu
verwalten, braucht man eine gewisse Anzahl guter und – schlechter
Eigenschaften.
8. Hoffnungslose Liebe macht den Mann
kläglich und die Frau beklagenswerth.
9. Alle Enttäuschungen sind gering im
Vergleich zu denen, die wir an uns selbst erleben.
10. Je kürzer der Fleiß, je länger der
Tag.
11. Den Menschen, die große Eigenschaften
besitzen, verzeiht man ihre Fehler am schwersten.
12. Dem Hungrigen ist leichter geholfen als dem
Uebersättigten.
13. Weh der Frau, die nicht im Falle der Noth ihren Mann
zu stellen vermag.
14. Das unfehlbare Mittel, Autorität über die Menschen zu
gewinnen, ist, sich ihnen nützlich zu machen.
15. Rücksichtslosigkeit, die edle Menschen erfahren
haben, verwandeln sich in Rücksichten, die sie erweisen.
16. Wenn man ein Seher ist, braucht man kein Beobachter
sein.
17. Der ans Ziel getragen wurde, darf nicht glauben, es
erreicht zu haben.
18. Es ist die Frage, was man im Leben sucht,
Unterhaltung oder Liebe. Im ersten Falle darf man es nicht allzu genau
mit der moralischen, im zweiten nicht allzu genau mit der geistigen
Beschaffenheit der Menschen nehmen, mit denen man sich umgiebt.
19.Den Feind unserer Marotte unseren Freund nennen, heißt
gescheit sein.
20. Und ich habe mich so gefreut! Sagst Du vorwurfsvoll,
wenn Dir eine Hoffnung zerstört wurde. Du hast Dich gefreut – ist das
nichts?
21. Sogar der edelste Mensch ist unfähig,
einer Handlung vollkommen gerecht zu werden, die er selbst unter keiner
Bedingung zu vollziehen vermöchte.
22. Wenn wir nur noch das sehen, was wir zu sehen wünschen, sind wir bei
der geistigen Blindheit angelangt.
23. Unser Stolz auf den Besitz irgend einer guten Eigenschaft erleidet
einen argen Stoß, wenn wir sehen, wie stolz Andere auf das Nichtbesitzen
derselben guten Eigenschaft sind.
24. Die wahre Ehrfurcht geht niemals aus der Furcht hervor.
25. Die größte Gleichmacherin ist die Höflichkeit, durch sie werden alle
Standesunterschiede aufgehoben.
26. Wenn Jeder dem Andern helfen wollte, wäre Allen geholfen.
27. Das Gemüth bleibt jung, solange es leidensfähig bleibt.
28. Ausdauer ist eine Tochter der Kraft, Hartnäckigkeit eine Tochter der
Schwäche, nämlich – der Verstandesschwäche.
29. Theorie und Praxis sind Eins wie Seele und Leib, und wie Seele und
Leib liegen sie großentheil mit einander in Streit.
30. Die Liebe überwindet den Tod, aber es kommt vor, daß eine kleine
üble Gewohnheit die Liebe überwindet.
31. In der großen Welt gefällt nichts so sehr wie die Gleichgültigkeit
darüber, ob man ihr gefällt.
32. Die Laster sind unter einander näher verwandt als die Tugenden.
33. Man muß schon etwas wissen, um verbergen zu können, daß man nichts
weiß.
34. Die Palme beugt sich, aber nicht der Pfahl.
35. Die meisten Menschen ertragen es leichter, daß man ihnen zuwider
handelt, als daß man ihnen zuwider spricht.
36. Die Gelassenheit ist eine anmuthige Form des Selbstbewusstseins.
37. Begreifen – geistiges Berühren. Erfassen – geistiges Sichaneignen.
38. Die Unschuld des Mannes heiß Ehre; die Ehre der Frau heißt Unschuld.
39. Gedanken, die schockweise kommen, sind Gesindel. Gute Gedanken
erscheinen in kleiner Gesellschaft. Ein göttlicher Gedanke kommt allein.
40. Es muß sein! – grausamster Zwang. Es hat sein müssen! – bester
Trost.
41.Als die Frau lesen lernte, trat die Frauenfrage in die
Welt.
42. Während des Beisammenseins mit geliebten Menschen kann man sich in
den Zustand der Trennung von ihnen ebenso wenig hineindenken wie in den
des Todes.
43. Eitelkeit ist mächtiger als Scham.
44. Der Weltmann kennt gewöhnlich die Menschen, aber nicht den Menschen.
Beim Dichter ist’ s umgekehrt.
45. Im Grunde ist jedes Unglück gerade nur so schwer, als man es nimmt.
46. Tugend und Gelehrsamkeit haben nichts mit einander gemein, heiß es.
Seht aber zu, wohin es mit Eurem moralischen Fortschreiten kommt, wenn
Ihr von dem geistigen Fortschreiten Eurer Zeit keine Notiz nehmt.
47. Das Erfundene kann vervollkommnet, das Geschaffene nur nachgeahmt
werden.
48. Niemand ist so befliessen, immer neue Eindrücke zu sammeln, als
Derjenige, der die alten nicht zu verarbeiten versteht.
49. Die Aenderung, die unser Naturell im Laufe des Lebens erfährt, sieht
manchmal aus wie eine Aenderung unseres Charakters.
50. Liebe ist Qual, Lieblosigkeit ist Tod.
51. Die Sitte ist schon gerichtet zu deren Gunsten wir kein anderes
Argument vorzubringen wissen als das ihrer Allgemeinheit.
52. Die kleinen schaffen, der Große erschafft.
53. Daß andere Leute kein Glück haben, finden wir sehr leicht natürlich,
daß wir selbst keines haben, immer unfassbar.
54. Erinnere Dich der Vergessenen –eine Welt geht Dir auf.
55. Alle irdische Gewalt beruht auf Gewaltthätigkeit.
56.Die Grausamkeit des Ohnmächtigen äußert sich als Gleichgültigkeit.
57. Am unbarmherzigsten im Urtheil über fremde Kunstleitungen sind die
Frauen mittelmäßiger Künstler.
58. Im Alter sind wir der Schmeichelei viel zugänglicher als in der
Jugend.
59. Die Frau, die ihren Mann nicht beeinflussen kann, ist ein Gänschen.
Die Frau, die ihn nicht beeinflussen will – eine Heilige.60. Der Egoismus glücklicher Menschen ist leichsinnig,
seiner selbst unbewusst.
Der Egoismus unglücklicher Menschen ist verbissen, bitter und von seinem
Recht zu bestehen überzeugt.
61. Man bleibt jung so lange man noch lernen, neue
Gewohnheiten annehmen und einen Widerspruch ertragen kann.
62. Da zuletzt doch alles auf den Glauben hinaus läuft,
müssen wir jedem Menschen das Recht zugestehen, lieber das zu glauben,
was er sich selbst, als was Andere ihm weiß gemacht haben.
63. Gutmüthigkeit ist eine alltägliche Eigenschaft, Güte
die höchste Tugend.
64. In der Jugend meinen wir, das Geringste, das die
Menschen uns gewähren können, sei Gerechtigkeit. Im Alter erfahren wir,
daß es das Höchste ist.
65. Genug weiß Niemand, zu viel so Mancher.
66. Verlegenheit äußert sich bei unerzogenen Menschen als
Grobheit, bei nervösen Menschen als Schwatzhaftigkeit, bei alten
Jungfern und Junggesellen als Bissigkeit. Phlegmatische Menschen macht
die Verlegenheit stumm.
67. Wo Geschmacklosigkeit daheim ist, wird auch immer
etwas Rohheit wohnen.
68. Der Verstand macht Märtyrer so gut wie die Phantasie,
doch er verlässt die seinen am Ende; sie bleibt den ihren treu.
69. Bis zu einem gewissen Grade selbstlos sollte man
schon aus Selbstsucht sein.
70. Die Rücksichten, die uns in der Welt erwiesen werden,
stehen meistens in näherer Beziehung zu unseren Ansprüchen als zu
unseren Verdiensten.
71. Herrschaft behaupten wollen, heißt kämpfen wollen. Nutzen stiften
wollen, heißt freilich auch kämpfen wollen, aber – um den Frieden.
72. Das Feuer läutert, verdeckte Gluth frisst an.
73. Hab’ einen guten Gedanken, man borgt Dir zwanzig.
74. Es giebt Menschen im Zopfstyl: viele hübsche Einzelheiten, das Ganze
abgeschmackt.
75. Das Gefühl schuldiger Dankbarkeit ist eine Last, die nur starke
Seelen zu ertragen vermögen.
76. Die Menschen der alten Zeit sind auch die der neuen, aber die
Menschen von Gestern sind nicht die von heute.
77. Die Kunst ist im Niedergang begriffen, die sich von der Darstellung
der Leidenschaft zu der des Lasters wendet.
78. Man darf anders denken als seine Zeit, aber man darf sich nicht
anders kleiden.
79. Grobheit – geistige Unbeholfenheit.
80. Wir können uns nie genug darüber wundern, wie so wichtig den Andern
ihre eigenen Angelegenheiten sind.
81. Die Kritik ist von geringer Qualität, die meint, ein Kunstwerk nur
dann richtig beurtheilen zu können, wenn sie die Verhältnisse kennt,
unter denen es entstanden ist.
82. Dem, der uns Gutes thut, sind wir nie so dankbar, wie Dem, der uns
böses thun könnte, es aber unterlässt.
83. So mancher meint ein Don Juan zu sein und ist nur ein Faun.
84. Vorurtheil stützt die Throne, Unwissenheit die Altäre.
85. Es kommt vor, daß Berge Mäuse gebären; manchmal tritt aber auch der
entsetzliche Fall ein, daß einer Maus zugemuthet wird, einen Berg zu
gebären.
86. Die Kraft verleiht Gewalt, die liebe leiht Macht.
87. Jeder Künstler soll es der Vogelmutter nachmachen, die sich um ihre
Brut nicht mehr bekümmert, sobald sie flügge geworden sind.
88. Frieden kannst Du nur haben, wenn Du ihn giebst.
89. Den Angriffen der Gemeinheit gegenüber ist es schwer, nicht in
Selbstüberhebung zu verfallen.
90. Die einzigen von der Welt unbestrittenen Ehren, die einer Frau zu
Theil werden können, sind diejenigen, die sie im Refler der Ehren ihres
Mannes genießt.
91. Im Unglück finden wir meistens die Ruhe wieder, die uns durch die
Furcht vor dem Unglück geraubt wurde.
92. Die Geschichte hat Helden und Werkzeuge, und macht beide
unsterblich.
93.Die großen Augenblicke im guten wie in bösen Sinne sind die, in denen
wir gethan haben, was wir uns nie zugetraut hätten.
94. Wenn die Nachtigallen aufhören zu schlagen, fangen die Grillen an zu
zirpen.
95. Der Witzling ist der Bettler im Reich der Geister; er lebt von
Almosen, die das Glück ihm zuwirft – von Einfällen.
96. An den Stützen, die wir wanken fühlen, klammern wir uns doppelt
fest.
97. Das Meiste haben wir gewöhnlich in der Zeit gethan, in der wir
meinten, zu wenig zu thun.
98. Die allerstillste Liebe ist die Liebe zum Guten.
99. Beim Genie heißt es: Laß Dich gehen! Beim Talent: Nimm Dich
zusammen!
100. Ein böser Mensch vermag leichter einen guten, als ein guter einen
bösen Vorsatz auszuführen.
Ebner - Eschenbach
Marie von 1830 – 1916
Aphorismen
vierte Auflage
Parabeln, Märchen und Gedichte
dritte Auflage
Berlin Verlag von Gebrüder Paetel
1893
Ein
Aphorismus ist der letzte Ring
einer langen Gedankenkette.

Fünftes
Hundert
1. Wisset,
die Euch Haß predigen, erlösen Euch nicht.
2. Wir werden vom Schicksal hart oder weich geklopft; es
kommt auf das Material an.
3. Die Aufgabe vieler Dichter – Generationen ist keine
andere, als das Werkzeug blank zu erhalten.
4. Welcher Autor darf sagen, da ß der Gedanke an der
oberflächlichkeit der meisten Leser ihm stets ein peinlicher, und nicht
mitunter auch ein tröstlicher sei?
5. Freundlichkeit kann man kaufen.
6. Der Platz des Unparteiischen ist auf Erden zwischen
den Stühlen, im Himmel aber wird er zur Rechten Gottes sitzen.
7. Kein Mensch weiß, was in ihm schlummert und zu Tage
kommt, wenn sein Schicksal anfängt, ihm über den Kopf zu wachsen.
8. Geniere Dich vor Dir selbst, das ist der Anfang aller
Vorzüglichkeit.
9. Die Litteratur wird heutzutage meist als Kunsthandwerk
betrieben.
10. Einen mit Weisheit Gesalbten darf man nie warm werden
lassen, sonst trieft er.
11. Man kann sich nicht im Besitz von eigentlich
unveräußerlichen Gütern befinden, ohne etwas von seinem Rechtssinn
einzubüßen.
12. Die Reue treibt den Schwachen zur Verzweiflung und macht den Starken
zum Heiligen.
13. Je ungebildeter ein Mensch, je schneller ist er mit einer Ausrede
fertig.
14. Die Erfolge des Tages gehören der verwegenen Mittelmäßigkeit.
15. Alberne Leute sagen Dummheiten, gescheite Leute machen sie.
16. Das scheinbar am unnöthigsten gebrachte, thörichste
Opfer steht der absoluten Weisheit immer noch näher als die klügste
That der sogenannten Selbstsucht.
17. Der Verstand wird meist auf Kosten des Gemüthes ausgebildet. – O
nein, aber es giebt mehr bildungsfähige Köpfe als bildungsfähige Herzen.
18. Der Arbeiter soll seine Pflicht thun, der Arbeitgeber soll mehr thun
als seine Pflicht.
19. Bei den Hottentotten ist nicht einmal Napoleon berühmt.
20. Die Katzen halten keinen für eloquent, der nicht miauen kann.
21. Ob das Werkzeug früher versagt oder die Hand, ist ein
großer Unterschied, kommt aber auf eins heraus.
22 . Das Leben erzieht die großen Menschen und lässt die kleinen laufen.
23. Der Pfennig der Witwe wird von der Kirche dankbar quittiert.
Willst Du gleichen Lohn empfangen im Tempel der Kunst, dann sei ein
Krösus und bringe
Dein Hab’ und Gut.
24. Geistlose Luftigkeit – Fratze der Heiterkeit.
25. Es glaube doch nicht Jeder, der im Stande war, seine Meinung von
einem Kunstwerk aufzuschreiben, er habe es kritisiert.
26. Einen Menschen kennen, heißt ihn lieben oder ihn bedauern.
27. Steril ist der, dem nichts einfällt; langweilig ist, der ein paar
alte Gedanken hat, die ihm alle
Tage neu einfallen.
28. Es giebt wenig aufrichtige Freunde – die Nachfrage ist auch gering.
29. Der von Schaffensfreude spricht, hat höchstens Mücken geboren.
30. Die Wunden, die unserer Eitelkeit geschlagen werden,
sind halb geheilt, wenn es uns gelingt, sie zu verbergen.
31. Wir sind leicht bereit, uns selbst zu tadeln, unter der Bedingung –
daß Niemand einstimmt.
32. Sei froh, wenn jeder Lober Dir nur einen Neider erweckt.
33. Klarheit ist Wahrhaftigkeit in der Kunst und in der Wissenschaft.
34. So weit Deine Selbstbeherrschung geht, so weit geht Deine Freiheit.
35. Was du bekrittelst, hast Du verloren.
36. Der Leichtsinnige kümmert sich nicht einmal um den morgigen Tag, und
Ihr wollt ihn mit der Ewigkeit schrecken?
37. Es ist schwer Den, der uns bewundert, für einen Dummkopf zu halten.
38. Daß soviel Ungezogenheit gut durch die Welt kommt, daran ist die
Wohlerzogenheit schuld.
39. Nur der Denkende erlebt sein Leben, am Gedankenlosen zieht es
vorbei.
40. Wenn Ihr wüsstet, daß Ihr solidarisch seid für jedes begangene
Unrecht, das Lästern würde Euch vergehen.
41. Der sich gar zu leicht bereit findet, seine Fehler einzusehen, ist
selten der Besserung fähig.
42. Manche Menschen haben ein Herz von Eisen und drin ein Fleckchen so
weich wie Brei.
43. Die öffentliche Meinung wird verachtet von den erhabensten und von
den am tiefsten gesunkenen Menschen.
44. Es giebt keine schüchternen Lehrlinge mehr; es giebt nur noch
schüchterne Meister.
45. Was geschehen ist, so weit die Welt steht, braucht deshalb nicht zu
geschehen, so lange sie noch stehen wird.
46. Wenn wir nur das Unrecht hassen und nicht Diejenigen, die es thun,
werden wir unsere Kampfgenossen und unsere Feinde lieben.
47.Unbefangenheit, Geradheit, Bescheidenheit sind auch göttliche
Tugenden.
48. Mißtraue Deinem Urtheil, sobald Du darin den Schatten eines
persönlichen Motivs entdecken kannst.
49. Der Ignorant weiß nichts, der Parteimann will nichts wissen.
50. Wir sind in Todesangst, da ß die Nächstenliebe sich zu weit
ausbreiten könnte, und richten Schranken gegen sie auf – die
Nationalitäten.
51. Nichts besseres kann der Künstler sich wünschen als grobe Freunde
und höfliche Feinde.
52. Alle historischen Rechte veralten.
53. Anspruchslosigkeit ist Seligkeit.
54. Ein armer wohlthätiger Mensch kann sich manchmal reich fühlen, ein
geiziger Krösus nie.
55. Der Ruhm der kleinen Leute heißt Erfolg.
56. Besondere Stände haben sich gebildet, um uns zu vermitteln, was nur
durch die unmittelbarste Einwirkung in uns lebendig werden kann.
57. Der völlig vorurtheilslos ist, muß es auch gegen das Vorurtheil
sein.
58. Die „ Vornehmen“ -etymologisch Diejenigen, die vor allen Andern
nehmen, und zugleich die Bezeichnung für Adelige oder Edle.
59. Wer hat nicht schon das, was er sich zutraut, für das gehalten, was
er vermag?
60. Ein Held – hochheiliger Ernst der Natur; eine Heldin – Spiel der
Natur.
61. Immer wird die Gleichgültigkeit und die Menschenverachtung dem
Mitgefühl und der Menschenliebe gegenüber einen Schein von geistiger
Ueberlegenheit annehmen können.
62. Wir unterschätzen das, was wir haben, und überschätzen das, was wir
sind.
63. So Manches können wir Anderen zu Liebe thun, unsere Schuldigkeit
thun wir immer nur uns selbst zu Liebe.
64. Es giebt eine nähere Verwandtschaft als die zwischen Mutter und
Kind: die zwischen dem Künstler und seinem Werke.
65. Die Summe unserer Erkenntnisse besteht aus dem, was wir gelernt, und
aus dem, was wir vergessen haben.
67. Die still stehende Uhr, die täglich zwei Mal die richtige Zeit
angezeigt hat, blickt nach Jahren auf eine lange Reihe von Erfolgen
zurück.
68. Während ein Feuerwerk abgebrannt wird, sieht Niemand nach dem
gestirnten Himmel.
69. Was wir unseren besten Freunden anvertrauen würden, rufen wir ins
Publikum.
70. Auch der ungewöhnlichste Mensch ist gehalten, seine ganz gewöhnliche
Schuldigkeit zu thun.
71. Eine ungeschickte Schmeichelei kann uns tiefer demüthigen als ein
wohlbegründeter Tadel.
72. Der Hans, der etwas erlernte, was Hänschen nicht gelernt, der weiß
es gut.
73. Ein Hauptzweck unserer Selbsterziehung ist: die Eitelkeit in uns zu
ertödten, ohne welche wir nie erzogen worden wären.
74. Das Talent zu herrschen, täuscht oft über den Mangel an anderem
Talent.
75. Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.
76. Was wissen wir nicht alles zur Entschuldigung von Fehlern und
Uebelständen vorzubringen, aus denen wir Nutzen ziehen!
77. Nichts bist Du, nichts ohne die Andern. Der verbissernste
Misanthrop braucht die Menschen doch, wenn auch nur, um sie zu
verachten.
78. Kein Todter ist so gut begraben wie eine erloschene Leidenschaft.
79. Man den Leuten aus dem Wege gehen, vor lauter Verachtung oder – vor
lauter Respekt.
80. Die Treue ist etwas so heiliges, daß sie sogar einem unrechtmäßigen
Verhältnisse Weihe verleiht.
81. An dem Manna der Anerkennung lassen wir es uns nicht genügen, uns
verlangt nach dem Gifte der Schmeichelei.
82. Ueberlege wohl, bevor Du Dich der Einsamkeit ergiebst, ob Du auch
für Dich selbst ein heilsamer Umgang bist.
83. Wir sind Herr über unsere gerechtfertigten Neigungen und werden von
den ungerechtfertigten am Narrenseil geführt.
84. Glaube Deinen Schmeichlern - Du bist verloren; glaube Deinen
Feinden – Du verzweifelst.
85. Jeder Mensch hat ein Brett vor dem Kopf – es kommt nur auf die
Entfernung an.
86. Am weitesten in der Rücksichtslosigkeit bringe es die Menschen, die
vom leben nichts verlangen als ihr behagen.
87. Die kleinste Hügel vermag uns die Aussicht auf einen Chimborazo zu
verdecken.
88. Wir können es im Alter zu nichts schönerem bringen, als zu einem
milden und anspruchlosen Quietismus.
89. Nichts schwerer als Den gelten lassen, der uns nicht gelten lässt.
90. Was Dein Wort zu bedeuten hat, erfährst Du durch den Widerhall, den
es erweckt.
91. Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner
und schärfer ist als sie. Sie steht ihrem Entstehen zu, es überwacht,
ordnet und zügelt sie. Es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder
weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen.
Seine Ausbildung hängt von der unserer edelsten Fähigkeiten ab. Es ist
nicht selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes
entstehen; es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur
Schemen hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein
Auge, sein Richter, es ist – das künstlerische Gewissen.
92. Die Großmuth ist nicht immer am rechten Platz, der Geiz aber ist
immer am unrechten.
93. Auch das kleinste Licht hat sein Atmosphären.
94. Wir sträuben uns gegen das Leben, wer aber möchte nicht gelitten
haben?
95. Nenne Dich nicht arm, weil Deine Träume nicht in Erfüllung gegangen
sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.
96. So reich unser Leben an wohlausgenützten Gelegenheiten war,
vortrefflichen Menschen nahe zu stehen, so reich ist es überhaupt
gewesen.
97. Wie theuer Du eine schöne Illusion auch bezahltest, Du hast doch
einen guten Handel gemacht.
98. Wohl finden wir Worte auf den Lippen der Freunde, aber nicht mehr
als unser, sondern als ihr Eigenthum.
99. Am Ziele Deiner Wünsche wirst Du jedenfalls Eines vermissen: Dein
Wandern zum Ziel.
100. Wir müssen immer lernen, zuletzt auch noch sterben lernen.
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