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Feuchtersleben Ernst
Freiherrn von 1806 – 1849
Gedichte
Stuttgart und Tübingen
In der Cotta’ schen Buchhandlung
1836

Melancholie
Der
Morgen weht mit zarten Lüften,
Und spielt mit Gras und Blatt’ und Blüth’,
Und haucht aus tausend süßen Düften
Erinnerung in mein Gemüth.
Wie bald verweht des
Lebens Morgen!
Kein Frühling macht uns wieder jung;
Was bleibt uns, zwischen Pein und Sorgen,
Als du – als du – Erinnerung?
Momente kommen, gut
und herzlich,
Und man vergisst das schlimme Jahr;
Ach, man gedenkt, entzückend – schmerzlich,
Der Stunden, da man glücklich war!
Das Leben ist ein
Kranz von Blüthen,
Tief zwischen Dornen eingewebt;
Nur die erringen, die sich mühten,
Nur wer geweint hat, hat gelebt.
Feuchtersleben
Ernst Freiherrn von 1806 – 1849
Gedichte
Stuttgart und Tübingen
In der Cotta’ schen Buchhandlung
1836

Die Harfe
Treue Harfe! Nie verdränge
Weltgetös dein heilig Rauschen!
All mein Leben war ein Lauschen
Auf die holden Zauberklänge,
Die zwar meine Hand erregte,
Doch ein Höh’ rer in dich legte.
Warst Gespielin meiner Jugend,
Trieb und Lohn verschwiegner Tugend,
Süßes Labsal in der Wüste,
Schirm von niedrigem Gelüste,
Echo still verhauchter Klage,
Nachhall wonnevoller Tage,
Zeuge schönstem Freundesbunde,
Palmenlust in heißer Stunde,
Harter Kämpfe höchster Kranz,
Freundin, so in Nacht als Glanz, -
Was du immer auch verschönt,
Hast doch nur dem Herrn getönt!
Dieses Leben, seine Gabe,
Blieb dem höchsten fromm geweiht,
Bleib auch du mein treu Geleit,
Liebe Harfe! Bis zum Grabe:
Bis es weht aus kühler Gruft,
Bis, ein höher Lied zu lernen,
Zu geahnten, bessern Sternen
Und des Vaters Stimme ruft:
Rausche dann noch einmal, singe
Seine Größe, - und verklinge!
Feuchtersleben Ernst
Freiherrn von 1806 – 1849
Gedichte
Stuttgart und Tübingen
In der Cotta’ schen Buchhandlung
1836

Herz
Das seltsame, thörichte, fragende Herz,
Im Glücke so bang, so glückselig im Schmerz –
Was mag es nur ewig so klopfen?
Es klopft, ach! Nicht ewig; es bebet, es harrt,
Bis das Blut in den Gängen des Lebens erstarret,
Allmählich, von Tropfen zu Tropfen.
Dann schweigt es; dann ruht es; Dämonen der
Welt
Sie tragen’ s ins Haus, das nicht Helios hellt,
Das die Schatten Persephone’ s schwärzen:
Doch die darin pochte, die selige Kraft,
(Die Hülfe zerstiebte) – sie hat sich entrafft,
Und fliegt an das Herz aller Herzen.
Feuchtersleben Ernst
Freiherrn von 1806 – 1849
Gedichte
Stuttgart und Tübingen
In der Cotta’ schen Buchhandlung
1836

Gedenkbuch – Blätter
1830
Thoren, die auf Morgen bauen,
Arme, die nach Rückwärts schauen,
Schwache, die das Heut bezwingt!
Allvergessend ruht der Weise,
Unabirrend, gleich dem Kreise,
Der sich in sich selbst verschlingt.
Wollen, was doch alle müssen,
Im Verlodern noch genießen -
Dreimal selig, die das wissen!
Dein Herz verlernte längst das Hoffen, -
Du sahst den ewigen Abgrund offen,
Und auf der Stirne der Verwesung,
Das Schauerzeichen der Erlösung!
1835
Ich find’es
lächerlich zu sagen:
Die Zeit des Wirkens sey vorbei!
Mich dünket, daß in unsern Tagen
Die rechte Zeit zu wirken sey.
Im Alterthume stand der Denker
Vereinsamt, unbegriffen, da -
War er nicht Held und Staatenlenker,
Was half’ s dem Edeln – daß er sah?
Wie anders waltet
dieß Jahrhundert!
Was du gepflanzt am stillen Ort,
- Wird gleich das Blühen nicht bewundert -
Es wuchert tausendfältig fort.
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