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Günther
Johann Christian 1695 - 1723
Bibliothek der deutscher Dichter des siebzehnten Jahrhunderts
Herausgegeben von Wilhelm Müller
Auserlesene Gedichte von Georg Philipp Harsdörffer, Johann Klaj, Sigmund
von
Birken, Andreas Scultetus, Justus Georg Schottel, Adam Olearius und
Johann Scheffler
Leipzig F. A. Brockhaus
1826
Abschied von dem Leben
Bei so nahen Todeszeichen
Zittert meine Schwachheit nicht;
An den Seiten kalten Leichen,
Weiß ich, dass mein Joch zerbricht.
Andre mögen schwitzen, liegen,
Und vor Zagheit nur nicht schrein,
Ich erblicke mit vergnügen
Den erwünschten Abendschein.
Müder Geist, hör’ auf zu klagen,
Kampf und Lauf sind wohl vollbracht!
Die Empfindung aller Plagen
Schwindet in der letzten Nacht,
Wo mich kein Verfolger dränget,
Wo mich keine Furcht mehr schreckt,
Die sich hier in Alles menget,
Und oft Ueberdruß erweckt.
Strebe nur nicht mehr nach Dingen,
Die ein eitler Wunsch begehrt!
Was wir außer uns erschwingen,
Ist fürwahr der Müh’ nicht werth.
Laß die Sehnsucht, viel zu wissen,
Nebst der Ruhmbegierde fliehn:
Die Gewalt nach höhern Schlüssen
Läßt dadurch dein Glück nicht blühn.
Glaube nur, auf deine Bitte
Wird kein Zeiger rückwärts gehen,
Und des morschen Leibes Hütte
Kann so lange nicht mehr stehn.
Feuer, Muth und Kraft verrauchen,
Und indem ich klüger bin,
Zeit und Jugend erst zu brauchen,
Sind sie wie ein Schatten hin.
Was verzögerst du so lange?
Reiß dich doch mit Großmuth los!
Macht dir so ein Wechsel bange?
Die Veränderung ist zwar groß,
Doch beherzt! Aus diesem Leben
Ist in jenes nur ein Schritt,
Und du kannst dich froh erheben,
Weil die Weisheit mit dir tritt.
Diese ließ dich oftmals hören,
Wie man ruhig sterben kann;
Dir gefielen ihre Lehren:
Wende sie zum Vortheil an!
Zeige, wie vorhin im Leide,
Daß dein unerschrockener Muth
Dich vom Pöbel unterscheide,
der am Ende kläglich thut.
Schöpfer, nimm mein Blut und Leben,
Nimm das anvertraute Pfund,
So du mir an Witz gegeben,
Und gedenk an deinen Bund!
Wuchert gleich mein Fleiß im Kleinen,
Ist er dennoch hoch gebracht,
Wenn sein Beispiel auch nur Einen
In der Wahrheit fest gemacht.
Euch, ihr Sünden meiner Jugend,
Ohne die so leicht kein Mann
Weder zu Verstand, noch Tugend
Auf der Welt gelangen kann,
Euch Gefährten grüner Jahre
Schenk’ ich der Vergessenheit,
Die mit euch in Abgrund fahre,
Ach, wie dauert mich die Zeit!
Feinden. Welche meinem Schmerze
Mit Gespötte zugesehn,
Laß’ ich mein versöhnlich Herze
Statt der Rache für ihr Schmähn;
Freunden, die sich nur so schreiben
Und von Joab’s Brüdern sind,
Soll mein Kreuz und Kummer bleiben,
Bis die Besrung Kraft gewinnt.
Sage, du begriffne Leyer,
Wenn ich dich vermahnen darf,
Tausend wünschen dich in’s Feuer,
Denn du rasselst allzu zu scharf.
Soll ich dich nun lodern lassen?
Nein! Dein niemals fauler Klang
Ließ mich oft ein Herze fassen,
Und verdient bessern Dank.
Soll ich dich dem Phöbus schenken?
Nein! Du bist ein schlechter Schmuck,
Und an Helikon zu henken
Noch nicht ausgespielt genug.
Opitz würde dich beschämen,
Flemming möchte widerstehn.
Mag dich doch die Wahrheit nehmen
Und mit dir hausieren gehen!
Auf, mein Geist! Nun fällt der Kummer
Eher, als du selbst geglaubt,
O, was für ein sanfter Schlummer
Wartet auf mein müdes Haupt!
Stolzer Neid, hör’ auf zu pochen!
Oder bist du noch nicht satt,
O so friß an meinen Knochen,
Und verschone dieses Blatt!
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