ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

__________

 

 

 

  Knebel Karl Ludwig   (1744 - 1834) 

Literarischer Nachlaß und Briefwechsel   
 Leipzig Gebrüder Reichenbach 
  1835

Ruhe und Streben


Es ist erst seit Kurzem ganz klar in mir geworden, dass zur innerlichen Ruhe am meisten beitrage, wenn man die äußerlichen Gegenstände nur selten und mit großer Vorsicht auf sich wirken lässt. Manchen hat dieß die Natur schon gegeben.
Es gibt Menschen, die durch eine gewisse Anlage des Gemüths die Wirkung der äußeren Gegenstände auf sie ziemlich abhalten können.
Am meisten trägt hierzu Erziehung und Gewohnheit bei.
Wo aber bei einem von Natur reizbaren Gemüthe eine gewisse Ängstlichkeit gleichsam zur Grundlage der Erziehung gemacht worden ist, da hält es schwer, sich des äußern Eindrucks auf eine solche Weise zu entbinden, dass er nicht sehr oft die Ruhe unsers Innern störe.Dieses gilt vorzüglich in Betracht der Meinung, die Andere von uns hegen. Es ist ein sehr schwerer Punkt, bei Erziehung und Bildung eines Menschen, ihn vorüber ins richtige Gleichgewicht zu setzen.Vieles verändert sich auch hierhin nach der eigenen Art des Menschen und nach der Lage seiner Umstände.
Der Ärmere  muß mehr Rücksicht auf sich, der Reichere und Mächtigere mehr Rücksicht auf Andere nehmen; doch wenn jener emporzustreben wünscht, so ist der Fall wieder umgekehrt.
Dem Armen wird Alles schwer, sagt man. Man hat wohl recht; aber man bedenkt doch nicht immer, dass meist nur der Arme sich emporzuheben wünscht, und dass nur in diesem Betracht ihm viel schwerer wird.
Dieß Streben aber selbst, welches durch die Dürftigkeit angereizt wird, ist kein geringer Vortheil des Armen.
 Für ihn freilich wird es besonders schwer, sich im rechten Geleise zu erhalten, nicht zu viel und nicht zu wenig von den Gegenständen auf sich wirken lassen; so, dass sein gemüth zwar gereizt, aber nicht aus der Fassung gebracht werde.
Blätter Tag und Nacht in den Schriften der Weisen, und sucht das Wichtigste davon auf euer Leben anzuwenden. Sie sind zwar selbst oft im Streit mit einander; aber die Erkenntniß ist doch allgemein richtiger als die Ausführung.
Glaubt, dass keine wahre Erkenntniß  sei, die sich nicht auch auf eine wahre, d. h. der Erkenntniß angemessener Art ausführen lasse!

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

Wirkung und Gegenwirkung



Das Leben der Menschen ist eine gewisse Portion von Leiden und Freuden, activer und passiver Kraft.
Es scheint die Aufgabe für ein weiteres Gemüth zu sein, durch Erhöhung der beiden dem Leben Wirkung und Festigkeit zu geben.
Das Gleichgewicht ist Nothwendig. Wer nicht leiden kann, kann auch nicht thun. Jenes ist gleichsam der Hebel, der zur Wirksamkeit aufdrängt.

So finden wir, dass die größten Wirksamkeiten der Menschen durch vorherigen starken Druck entstanden – oder vielmehr emporgetreten sind.
So lehrt man den Kindern den Gehorsam, welches ein Druck auf ihre Willenskraft ist, um die ächte Kraft in richtigem Maße hervortreten zu machen. Wer gehorchsam auflegt, um die Kräfte zu unterdrücken, der ist – ein Unterdrücker.
Nichts hat in dem Leben, so wie in der Natur überhaupt, Werth als Kraft, denn das Leben selbst ist Kraft.
Wer also Gehorchsam fordert ohne Weisheit, d. h, ohne Erzielung einer vortheilhaften Anwendung der Kraft, der beraubt uns und tödtet einen Theil unseres Lebens. Man sieht hieraus, in welche Kategorie die Despoten kommen, und eigenmächtige Menschen. –

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

Hymnus an den Geist der Natur   

 



Höre mich, Geist des Guten, und wende zum Guten das Schicksal!
Nur aus dem Herzen kommt was Glück uns bringet und gut ist.
Gieb, dass ich ohne Verblendung und Wahn, nicht freveln noch thöricht,
Messe der Dinge Werth nach richtigem Maß und Verhältniß.

Laß mich verstehen dein Wort, und öffne das Herz und den Sinn mir,
Dass, vor eitlem Schall, ich vernehme die Stimme der Wahrheit.
Wann in dem ernsten Hain ich in früher Dämmerung wallte,
Sende den goldenen Strahl, der herzerquikend mich anlockt:

Führst du mich dann zurück in die enge Wohnung, so lass noch
Still durchschimmern den Tag, was du mir am Morgen verliehen.
Winde bewegen die Zweige, mit düsteren Rauschen sie beugend;
Aber der Stamm steht fest zu immer erneuetem Leben.

Oft hat uns Bittere selbst, ja selbst in die Stürme des Schicksals
Eingehüllt die Natur Erquikung und Heilung des Lebens.
Nur aus Nacht erhebt sich der Tag, aus Dunkel die Helle,
Und das liebliche Strahl aus einem  Kranze von Dornen.
Zügle die Leidenschaft durch höheres Maaß von mir selber,
Dass ich mich ihnen nicht gleich, noch unter die Dinge mich setze.

Oft entbrennt im Gemüthe, was an sich edel und gut ist,
Aber zu mächtig gereizt, durch Zauber oder durch Abscheu,
Bricht es die Schranken hindurch, und macht sich zum Bilde des Schreckens.
 Weiserer Sinn gedeut, sich selber vor allem zu ordnen;
Höher die Dinge nicht, als eigene Schicklichkeit achten.

Lass den lebendigen Hauch, der sich oft entzündet im Herzen,
Mich zu höherer Kraft, zum Gefühle des Schönen, erwecken.
Heile mich von dem Wahn, ein irrendes Leben zu suchen
Im Geräusche der Welt, in mannigfachen Geschäfte,
Wo die Seele sich leicht verwirrt in Dunkel und Ehrgeiz;

 Oder, umhergetrieben, sich selber verlieret und schwach wird.
Lenkerin meines Thuns sei du, o weise Natur, selbst!
Lass mich in jedem Menschen dein heiliges Wesen verehren,
Und um geringe Flecken nicht Freud’ noch Fremde verachten.
Rechten kann nicht der Mensch mit dem Menschen in seinem Gemüthe;

 Was der heute beging, begeht wohl morgen er selber,
Oder er hat es begangen: Geduld gebührt mir und Sandtmuth.
So wie die Bäum’ im Wald’, und so wie die Blumen auf Wiesen
Neben einander stehn, emporgeschossen in Freude,
Sich mittheilend die Blüthen, die süßen Gerüche des Lebens,

 Also stehen die Menschen, der süßen Nähe sich freuend.
Aber wie wilde Fluthen, von heftigen Sturme getrieben,
über einander stürzen: die Woge verschlinget die Woge,
Die sich am Felsen verspritzt, hinschäumt zuweilen an’s Ufer,
Also rasen die Menschen, und treiben sich einer den andern.
Reißt die Woge mich hin, und treiben sich einer den andern.

 Reißt die Woge mich hin, und soll mich verschlingen der Fluthschwall,
Wecke den Geist in mir, der aufrecht stehe dem Leben,
Und dem tobenden Sturm die ruhige heitre gebiete.
Heil’ ge Natur! Was dir ansteht, ist heilsam und recht mir,
Laß das Gute mich stets auf deinen Wegen nur finden:
Aus dir ist alles, und in dir, zu dir kehrt alles zurück.

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

Die Wege des Lebens

                                                                                         

Zwiefach zeigt sich der Berg, der hindurch und führt durch das Leben,
Und zu verschiedenem Loos öffnet sich doppelt die Bahn;
hier zu dauerndem Glück, und dort zu Noth und Gefahren;
Aber am Eingang täuscht irrend den Sucher die Wahl .
Schmal erhebet sich hier der Pfad, verwebet mit Dornen,
Auch manch zackiger Fels schrecket des Wanderers Blick;

    Aber hat einmal der Fuß die steile Höhe gewonnen,
Lächelt, mit Blumen geschmückt, himmlische Wonne dich an.
Nah und gemächlicher ist die breite Bahn, die sich aufthut,
Und sie schlinget sich hin, lockend zu süßem Genuß;
Doch es verwandeln sich bald die Blumen in stechende Dornen,

Unter Grauen und Nacht wachen Gefahren und Noth.
Glücklich, wer einmal den Pfad des Lebens, den wahren gefunden;

Seiner Seele vertraut, und ihn entschlossen verfolgt!
Immer leuchtet ihm hoch sein Stern am glänzenden Mittag,
Und verbirgt es sich auch, bricht er nur schöner hervor.
Suchst du jedoch mit Fleiß die richtige Weise des Lebens,
Nimm, was die Muse mir jüngst sorgsam und kundig vertraut. 

  „Auf unsicherer See schwimmt oft das Leben der Menschen,
Und der leiseste Hauch änderte die richtige Fahrt:
Darum lenke dein Schiff mit Sorgfalt, gerüstet mit Weisheit,
Und mit Erfahrung  gekrönt,  denn auch das Leben ist Kunst.
Treitt nun der Morgen hervor mit goldenen Gaben geschmücket,
Greife nach seinem Geschenk, doch mit geweihter Hand:
Rufe die Götter an; von den Ewigen kommt dir der Segen,
Und zu dem rechten Gebrauch stärken die Kräfte sie dir.

Munter schreite zum Werk, und verachte den emsigen Fleiß nicht;
Nur durch emsigen Fleiß schaffen die bienen ihr Gold.
Welcherlei Art des Geschäftes das ordnende Schicksal dir zutheilt,
Suche das Rechte! Nur das giebt dem Bemühen den Werth.
Sei dir selber der Mann; es kränkelt die Hülfe des Fremden;
Immer erhältst du nur halb, was du von Andern erhältst.
Liebe den Freund, doch suche dir den, der gütig und ernst ist;
Wen dein Fehler nicht kränkt, nimmer hat’ der dich geliebt.
Gieb dem Leben sein Recht, und erhalte den munteren Sinn dir,
Daß der Sturm nicht zu früh  beuge den kränkelnden Stamm,

Immer noch blüht ein Blümchen versteckt dem wackeren Manne,
Und sie blühen auch dir, wenn du sie duldend erhoffst.
Viel verändert der Tag, und viel die Bewegung der Menschen,
Und ein männlicher Sinn trotzet auch  naher Gefahr.
Selten erwächst in den Gärten der Menschen die edle Palme,
Aber des Hochmuths Dorn wuchert verwüstend umher:
Meide den widrigen Strauch, und pflege die edlere Pflanze,
Nimmer verwildert ihr Laub, immer mit Früchten gekrönt.

  Merke dir noch: in des Menschen Gemüth hat selbst die Natur
Eine Wage gelegt, Unrecht zu messen und Recht:
Was du an diesem gewinnst, erhebet dir leichter die Seele,
Und es verschwindet vor ihr drückender Sorge Gewicht;
Doch so gering du auch nur des Unrechts Schale beschwerest,
Hebt die Reue der Zeit kaum dir die Lasten hinweg.“
Also die Muse, die ernste, die Lehrerin. Unter des Felsen
hochgewölbeter Nacht lehrte die Worte sie mich.
Und ein lieblicher Strahl der früherwachenden Sonne
Fiel belebend herab auf den zerfressenden Fels.
 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

Die Zeit

Dieselbe Sonne, die dich am Morgen aufglänzt und erwachen macht, drückt dich am Abend nieder.
Sie herrscht und dauert fort, und hat am Ende auch ihren Abend und Morgen gehabt.

So herrscht immer das Gewaltigere, Dauernde über das Geringere, minder Dauernde.
Licht herrscht über Alles; und wo Größe ist, ist Licht; und wo Licht ist, ist Leben und Wärme.
 Nur die Zeit herrscht.
Und was ist die Zeit?

Die Art und Weise, wie von Ewigkeit zu Ewigkeit die Dinge sind und gegen einander stehen!

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

Hoffnung



Der Mensch kann Alles hoffen und alles fürchten, da der größte Theil seines Glücks nicht sowohl in den äußern Umständen, als in der Disposition seines Gemüthes liegt, die leicht zu verändern ist.
 Die Wenigsten glauben das, und suchen den Gegenstand ihrer Hoffnungen in dem auf, was der äußere Zufall darbietet; daher so viel getäuschte Hoffnungen.
Setze dem Kranken die leckersten Speisen vor, und er kann sie nicht genießen.
So dem Kranken am Gemüthe: was kann ihn ergötzen, da er selbst nicht ergötzbar ist?
Zu dem kommt noch die Veränderlichkeit unserer eigenen Gesinnungen; meist schmecken wir aus eines Andern Munde, wie Lukrez sagt; das heißt, wir halten für glücklich und gut, was insgemein  dafür gehalten wird, und der aufrichtigste Wunsch bei unsern Hoffnungen wäre wohl dieser, dass wir wünschten, es möge uns ein Glück werden, was wir uns als Glück wünschen.

 Wahre Hoffnung hat ihren Grund in der Energie des Gemüths.
Ein starkes Gemüth hofft immer, und hat immer Ursache zu hoffen, weil es die Beweglichkeit der Dinge kennt, und weiß, dass eine Sache durch leichtesten Umstand kann verändert werden.
Ein solches Gemüth ruht aber auf sich selbst, und versetzt sich nicht auf eine gewissen Ansicht, noch auf den bestimmten Gegenstand eines einzelnen Dinges; und wenn zu Ende Alles zu Grunde geht, hat es sich doch selbst gerettet, das heißt, den Werth seines eigenen Charakters.

Übrigens sind die Ansichten der menschlichen Dinge mancherlei. Oft ersetzt auch ein natürlich leichtes Gemüth, was Weisheit und Festigkeit allein nicht zu geben vermögen. Man hofft, weil man lebt; denn das Leben ist ja eine fortgesetzte Hoffnung.
 Ein gewohnter schneller Wechsel der Dinge lässt den Unglücklichen auch in den trübsten Zfällen hoffen; und wenn wir hungern im Schlafe, so ergötzt uns wenigstens das Traumbild aufgesetzten Speisen. Hoffnung erweckt den Muth; Muthlosigkeit aber ist das letzte aller Übel.
Es ist gleichsam das Entweichen vom Guten, der aufgegebene Kampf des Lebens mit dem todten Nichts.
Durch Streit entstehen Dinge, und zum Streiten gehört Muth.
 Wer Muth in die menschliche Seele zu pflanzen vermag, der ist der große Heilarzt derselben.
Wenn die jenigen, die über die Schicksale der Menschen zu gebieten haben, die Vorzüge ihres Standes zum wahren Wohl der Menschheit anzuwenden verständen, wie viel könnten sie nicht durch geringe Mittel bewirken!
 Statt dass sie ihre kargen Vorrathskammern verschließen, oder alle Hoffnungen nur für sich allein  verschlingen, könnten sie, wenn Edelmuth sie beseelte und ihnen die wahre Würde zeigte, der reiche Quell des Besten im Menschen, des Muthes und der Hoffnung werden.

Wir haben in den neuesten Zeiten gesehen, was diese vermögen, selbst wo alle anderen Gefühle zu widersprechen scheinen .Aber alle Triebfedern im Menschen auf Furcht, oder Noth und Bedürfnis zurückzusetzen, ist eine unwürdige Vorstellungsart, und indem sie nur durch Feigheit zu herrschen glaubt, wird sie selbst zur Feigheit.
Darum folgt auch alle Welt dem Helden nach, unbekümmert um seine Endzwecke, und um den wahren Werth seiner Thaten.
Auch die Liebe begeistert zu Muth und Hoffnung, und ihr folgt Alles, und sie selbst wird dadurch zwiefach zur Geberin und Erhalterin des Lebens.
Was uns die mannichfaltigen Zweifel und Anfechtungen des Lebens muthvoll besiegen lehrt, das verdient unsere Krone.
Darauf sollte man auch vorzüglich bei der Erziehung achten; lehren, was wahrer Muth sei, sowohl in bürgerlichen und häuslichen, als in öffentlichen Geschäften, und wie man solchen erhalten könne.
Es hat große Beispiele gegeben, und es gibt ihrer noch in jeder Art.
Diese zu befolgen und nachzuahmen setzt ihrem Andenken und der Verehrung, die wir ihnen schuldig sind, den würdigsten Kranz auf, und wird uns in der Folge nicht minder auf die erwünschteste Weise bekrönen.

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

 Die Nacht.


Folgt dem Tage, und giebt uns, mit dem Morgen, ein schönes Bild des Entzündes und Verlöschend aller Dinge.
Wenn der Tag ein kleines Leben ist, so ist die Nacht ein kurzer Tod. 
Alles steigt und sinkt; Manches zur ewiger Vergessenheit; Manchem leuchtet ein ferner Schimmer nach, und verkündet ihm eine neue Morgenröthe. Aber derselbe Tag kommt niemals wieder: Alles ändert, wechselt und schwebt in ewigen Übergange. Auch die Sterne leuchten nicht umsonst. Sie bezeugen dass Alles ewig bleibt, ewig lebt.
Der Morgen geht auf, der Mittag kommt, der Abend sinkt, düster und mit ernsten Schatten umhüllt uns die Nacht; aber das ganze steht, und wird ewig stehen, und wird ewig neuen Tod und neue Geburten hervorbringen.
 Scheiden und Wiederkommen; ewiger Wechsel der Zeiten und Dinge: was lebt, lebt dem Ganzen.
 Zur Erhaltung und Beschützung unsers eigenen Lebens hat uns das Schicksal die holde Phantasie gegeben, gleichsam darin das zarte Leben einzuhüllen.

Wer kann ohne sie bestehen?
Wer möchte sie dem Menschen rauben?
Sie ist beinahe die Hälfte unsers Daseins; denn nichts geschieht ohne sie.
Jedes Bedürfnis des Lebens erfordert dieselbe. Sie beflügelt unser Verlangen, und lässt neue Blüthen und Blätter  dem Geist anschießen.
Ohne Phantasie ist jeder Baum blätterlos,  und der schönste Schmetterling ein Wurm, ein Rabe.

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

Die Stunden

 Stunden hat der Tag nicht allein; den Morgen, den Abend,
Und den heißen Mittag, und die verschwiegene Nacht:
Stunden hat auch das Jahr; das Leben selber hat Stunden,
Und mit der Stunde des Tages eilt es auf Flügeln davon.

 Als Aurora, die goldne, von ewigen Flammen entzündet,
Sie, die Unsterbliche, sich ihrem Gemale verlobt,
Bat sie die Götter, auch ihm unsterbliches Leben zu schenken;
Und sie gewährten den Wunsch, ewiges Leben ward ihm;
Aber nicht ewiges Glück; denn dieß vergaß sie zu bitten.

 Memnos Erzeuger, im Arm rosiger Liebe gepflegt,
Wird ein alternder Gott: Was nützt die Dauer der Jahre,
Ohne der Jahre Genuß? Ewig verzehrt er sich selbst.
Ähnlich ist unser Loos; der Zeit verheerende Sichel,
Was sie an Jahren lässt, mäht sie an Freuden uns ab.
Träume vergangener Zeit, wohin doch seid ihr entflohen?

 Die ihr den dürren Sand mir oft mit Blumen bedeckt;
Oft, in Wolken gemalt, mit süßen Bildern mich täuschet,
Wann ich, vergnügt mit dem Tag, froher den kommenden sah.
Ist es der Dinge wahre Gestalt, wenn nackt und entblättert

 Nur ein trauriger Dorn unserem Auge sich zeigt?
Nichts kann ewig bestehen; auch dies, was Leben wir nennen,
Ist ein wechselndes Rad immer erneuter Gestalt.
Unreif noch zur Geburt liegt tief im Schooße der Mutter
Eingeschlossen das Kind, fast einem Wurme noch gleich;
Drängt es sich dann hervor zum glänzenden Lichte des Tages,
Schmachtet und dämmert es auf unter Gewimmer und Schlaf.
Fröhlicher hüpft der Knab’ und führt sein gaukelndes Leben,
Von dem Momente beglückt, von dem Momente betrübt:

  Aber der rasche Jüngling vertauscht sein eigenes Dasein
Gegen fremdes Geschick, wenn ihn die Liebe bethört.
Ist nun das Alter des Mannes zur hohen Reife gestiegen,
Drücket des Geistes Spur tiefer den Dingen er ein;
Ehre täuscht ihn und Namen; ein immer wachsend Verlangen
Treibe ihn hin nach dem Ziel, welches er nimmer erreicht.

Nach und nach entblättert sich nun der Stamm, und die Zweige
Sinken; matt und entstellt endet der zitternde Greis.
Auch mir eilet die Stunde mit schnellerem Fittig vorüber;
Meinen Schläfen entsproßt  Blüthe des Alters bereits.

 Mit den Locken des Hauptes entfallen Freuden und Freunde;
Nur dem schattigen Baum eilet der Wanderer zu;
Geht an dem hohen Stamm der trockenen Fichte vorüber,
Die sich im goldenen Strahl wärmender Sonne noch letzt.

Sei mir indessen vergönnt, am steilen Hange des Felsen,
Fernhin horchend des Pans göttlichbezauberndem Lied,
Meine Seele zu weiden: wenn ringsum schweigen die Hügel,
Und mithorchend der Hain leise die Wipfel nur regt.

 Auch sei mir es vergönnt, zu besuchen  die lieblichen Gründe,
Wo der schellende Klang weidender Kinder mich lockt:
Dort am Falle des Stroms, der zwischen Blumen herabstürzt,
Schöpf’ ich das Leben aus ihm, wie er sich lebend ergießt.
Immer verjüngt wie er, von der Abendsonne vergoldet,
Fließe mein Leben noch hin unter der Büsche Gesang.

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

Die Liebe


Es ist eine sonderbare Erscheinung bei der Liebe, dass sie bei ihrem Ausbruche oft Menschen und Thiere gleichsam zu Narren macht.
Dem Gescheidtesten hängt sie ein Schellchen, oder wohl gar eine Kappe auf, und immer verdreht oder verrückt sie etwas an unserm  Verstande.  
An dem Einen wird es vorstechender und lächerlicher, an dem Andern zierlicher und gefälliger.

Dieses zeugte, dass die Liebe einen tiefen Grund in unserer Natur haben müsse, als es manchem Philosophen zu glauben beliebt: ja, wir möchten es wohl wagen, zu behaupten, sie gründet und erschöpft unsere ganze Natur.
Man nenne mir eine Leidenschaft, welche es auch sei, deren letzter Grund nicht in ihr aufzusuchen wäre?
Haß und Liebe entspringen nur aus Einer Wurzel, und der bittere Neid und der rosttreffende Geiz, er selbst entspringt  aus dem Gefühle der Wollust im Besitze.

Bei allen handelt die Phantasie als übermächtige Wirkerin zu einem erträumten Genusse der Vollkommenheit.
 Indessen, wenn  alle die andern Leidenschaften dem Bau selbst der Natur des Menschen etwas zu benehmen scheinen, so setzt die Liebe vielmehr ihr etwas zu. Sie ist offenbar die Näherin und Erzieherin des Lebens, und hebt Thiere und Gewächse selbst zu ihrer höchsten Stufe.
In Einer Nacht steigt die zur Befruchtung eilende Aloä einen höhern Raum empor, als sie vorher vielleicht in dreißig Jahren nicht zurückgelegt hatte; und so verändert sich auch der ganze Zustand der thierischen Natur um eben dieselbe Zeit.
Jede Fähigkeit im Menschen hängt von dem Zuflusse dieser begeisternden Kraft ab, und sinkt auch wieder, sobald diese abnimmt.

Die lebendigste Äußerung thierischer Natur, die Stimme, ertheilt sie auch stummen Thieren, und Reiz und Gefälligkeit erweckt sie in jeder Natur.

Dem Menschen gibt und nimmt sie den Verstand, je nachdem sie es zu ihren Zwecken brauchbar findet; und doch ist sie die Vollenderin alles Thuns.  Nur in der Liebe erhält sich Geist und Gestalt, und was von ihrem Wesen übrig bleibt, umschimmert noch das Alter.
Sie wirket  in jedem guten und gedeihlichen Geschäfte des Lebens, sie unterhält den Denker und Schriftsteller, und blühet in dem Geiste des Dichters und Künstlers.

Liebe erweckt Reiz, wie Reiz Liebe.
Tugend und Tapferkeit erwachet und bewahrt sich durch dieselbe in der Brust, und jeder Funke des Edlen und Vortrefflichen entzündet sich aus ihr.

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

Der Bach

 


Wenn der Bach über die Kiesel rollt, so gibt er erst die angenehme Töne von sich, die das Ohr besänftigen oder erquiken; der künstlich gebrochene Lichtstrahl gibt die schönen Farben: so muß auch das Leben über die kleinen leicht zu befliegenden Hindernisse wegrollen, wenn es gefällig werden soll; der stete Fluß, wenn er nicht in Eile dahinzieht, wird träg und versumpft sich leicht.
Große Menschen haben meist  große Hindernisse gefunden.
Manche schaffen sich solche  selber, den meisten deut sie das Schicksal dar.
Der Strom, der gewaltsam fortrauscht, findet leicht die Gegenstände, seine Gewalt daran zu üben; aber Wiesen und Goldsand finden sich nicht so leicht für den ruhig fließenden Bach.

Laßt uns das Bild fortsetzen, dass es sich wieder zum Vortheil des Letzten gestalte.
Die kleine Flut des Baches setzt Mühlen in Bewegung, die der mächtige Strom fortreißen würde.
So wird er ein Gehülfe tausendfacher Bemühung und Kunst, die der Fleiß des Menschen durch ihn erzielt.
Laßt uns also das Geschäft des kleinen Baches loben, wenn es richtig angewendet wird.
Er wässert die Wiesen, er gibt dem Fleiße des Menschen Nahrung und Glück.
Mögen die wilden Wasser rauschen und mächtige Fluthen ins Meer tragen; der wohlbesorgte Gebrauch des kleinen Baches soll uns Nutzen und Nahrung verschaffen.

 

 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

Der Baum


Auf der festen Erde steht der biegsame Baum; am festern Stamme sitzt der regsame Ast; am Aste der Zeig; an diesem Sprosse und Laub.
So stützt immer das Festere, das Gebildete, Regsame, Weichere
 in der Natur.
Wo Gerechtigkeit, Ordnung, Willigkeit nicht ist, da ist kein Leichteres Talent der Einbildungskraft, des Witzes, der Artigkeit wendbar.
Die einzige feste Säule der Menschheit ist Ordnung und Recht.

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

 

Der Tag.

Wie sich der Tag anfängt, endet er selten.
Wenige Tage sind ganz rein, wenige ganz trübe.
Der heiterste Morgen schließt sich oft mit Dunkel und Wolken, und frühe Morgen dauern selten lange.  
So bleibt dem Menschen bei allen Angelegenheiten des Lebens immer Furcht und Hoffnung; zwischen beiden schweben wir; das Leben erhält sich in stetem  Übergange. 

Diese Stellung  scheint nothwendig, um es anzuregen und zu erhalten.
Furcht gebietet Klugheit; Hoffnung Muth; beide leiten es fort.
Verzweiflung und Tollwahn sind die Extreme, und führen zum Abgrund.
Frei von beiden wandelt das holde Zutrauen, und führet, auch auf rauen Pfaden, freundlich und sicher.
 

 Knebel  Karl Ludwig  (1744 - 1834)

  Literarischer Nachlaß und Briefwechsel 
   Leipzig Gebrüder Reichenbach
   1835

Das Leben.


Wahr ist, in einem öffentlichen thätigen Leben vergisst der Mensch gleichsam die Bewegungen seiner Fortdauer, da er in einem zurückgezogenen einsamen solche zu oft , und zuweilen wie unter einem Mikroskop erblickt.   Beides hat Vortheil und Schaden.
Selten ist unsre Maschine so aufgezogen, dass sie dauernd unverrückt fortlaufen könnte; daher fleißige Ausgleichungen mit ihr vorzunehmen sind.
Aber das Leben des Einsiedlers versinkt in allzugenauer Nachforschung, und indem er die Theile zu sehr bemerkt, verschwindet unter seinem Blicke das Ganze.
Das Leben des wirkenden Geschäftsmannes ist leicht gefährlichen Abirrungen, unterworfen, und hat er vergessen, den ersten Grund richtig anzulegen, so mag er, bei großer Mühe und Anstrengung, oft ganz verkehrte Resultate aus seinen Arbeiten ziehen.
Davon belehrt uns alle Tage der Augenschein, und wir dürfen nur in unsern neuesten Zeiten die Gabinette der Großen und Kleinen durchgehen, um uns hinlänglich davon zu überzeugen.

Allzugroße Weisheit macht übersichtig; allzu große Sorgfalt verdirbt.
Das Wahre schwebt immer zwischen den Extremen, und der Alleseroberer stirbt an seinem Glück.
Kargheit ist gleichfalls schädlich, richtigt zu Grunde und vernichtet.
Scheue das Übermaß nicht, wo es nöthig sein sollte. Abbruch und Zwang sind nie  gehörig wieder zu ersetzen.
Wer Alles erhalten will, erhält meist nichts; wer nicht verlieren kann, gewinnt nichts.
Ein magerer Boden schwillt nicht von Früchten; man raubt ihm zuletzt noch, was sein ist.
Dem weisesten Staatsmann widerfährt es oft, wie in der Fabel dem Tadler Jupiters: er vergisst den Wind.

Beides gehört zusammen; frische Thätigkeit und ruhige Übersicht. Die größten Geschäftsmänner haben immer am meisten Zeit übrig gehabt, wie Friedrich der Große, wie Napoleon.
 Große Bewegung erfordert tiefe Ruhe; und dann bringt die Traube von Madera ihre Säfte schneller zur Reife, als unsre Berge ihre Herlinge.

 

 

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Autor:  / 
Knebel  Karl Ludwig  1744 - 1834
Bildnachweis: / Zak Eugeniusz 1884 - 1926
1. Mandolinista 1921
2. Młodzieniec z fajką 1924
3.Pierrot 1921
4. Kobieta z pajacem 1924
5. W winiarni
6. Marzyciel 1925
7. Żebrak 1921
8. Młodzieniec z mandoliną
9. Chłopiec palący fajkę 1925
10.  Zaduma 1918
11. Głowa młodzieńca 1922 - 1924
12. Głowa kobiety 1925
13. Chłopiec ze skrzypcami
 


 


 

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