ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Salus Hugo  1866 -1929

Das neue Buch
Neue Gedichte von Hugo Salus
Albert Langen München
1912

 

Des Greises Schönheitsfund

 
Ich bin mein Leben lang der Schönheit nachgegangen,
Zeus, Venus, Amor, klassische Skulptur,
Christus, Maria, Bild gewordene Natur:
Mein offenes Aug’ hat Weihe stets durch Kunst empfangen.

 

 Nun sitz’ ich hoch in einem Alpendorf und da,
Ich staun’ und staune stets bei Abendsonnengehen
Des Kirchleins Spitzturm an: hab’ Schöneres nie gesehen,
Als dieses Zifferblatt, so Schönes ich auch sah.

 

Ein schwarzes Umfangskreis, darauf im Sonnenschimmer
Goldig die Zahlen und die Zeiger sonnengold,
Doch blau, tiefselig blau, irdisch – unirdisch hold
Das innere Zifferblatt ernst ohne Flimmer.

 

Ich kam als Greis in dieses Dörfchen. Meinem Blick
Bot sich das Zifferblatt. Kunst meinem Alter ward’ s:
Dies Wunderblau, dies sonnengold und selbst dies schwarz,
O Farbenwohlklang, Farbentiefsinn – Greisenglück!

Salus Hugo  1866 -1929

Das neue Buch
Neue Gedichte von Hugo Salus
Albert Langen München
1912

 

Lebensdrama

 

Dies ist die Tragik meines irdischen Seins,
Daß meine Seele nach Vertiefung schreit,
Indes mein Leib sich sehnt nach Heiterkeit
Im spielerischen Glanz des Sonnenscheins.

 Für sie sind Wohlsein und Verflachung eins,
Vertieft wird meine Seele nur durch Leid,
Nur Nacht und Schmerz trifft sie empfangbereit,
Und was sie spricht, ist Echo wunden Schreins.

Mein Leib, du warst ein Dulder all dein Leben,
Siechtum und Elend sind dein Teil seit je,
Du zehrst dich auf in Wunden und im Weh

Und nur der Tod wird dir den Heiltrank geben.
Doch, Seele, sprich, wardst du in all dem Röcheln
Und Schrein vertieft?
Du kannst nur seufzend lächeln ….

Salus Hugo 1866 -1929

Das neue Buch
Neue Gedichte von Hugo Salus
Albert Langen München
1912

 

Schlichte Weisheit

 
Sie forschen nach der Weisheit. Dir mein Sohn,
Will ich der Weisheit tiefsten Satz vererben.
Dünkt er dich unklar, such ihn zu erwerben,
Die Kunst des Lächelnkönnens ist sein Lohn.

Die Menschen lähmt des Todes kalter Hohn;
Mein Weisheitssatz nimmt ihm den Schreck, den herben,
Irdisch ist nicht der Tod, ist nur das Sterben.
Du harrst der Weisheit? Dieses war sie schon.

  Nicht irdisch ist der Tod, nicht hold noch hart,
Nicht Lohn noch Strafe: das sind Menschenwerte,
Der Tod ist Ewigkeit, Zweck und Gebot.

  
I
ch leb’ mein irdisch Sein, weil es mir ward,
Ich leb’ als Mensch sein Glück und seine Härte
Und, bin ich reif, so sterb’ ich meinen Tod ….

Salus Hugo 1866 -1929

Das neue Buch
Neue Gedichte von Hugo Salus
Albert Langen München
1912

 Ergebnis

 
Seit Tag und Jahren
Hab’ ich nach klaren
Weltregeln gesucht,
In tausend Büchern
Fand ich die sichern

Gesetze gebucht,
Hab’ mich geschwungen
Aus Niederungen
In Himmels Näh’:
Aber die Sterne
Sind mir doch immer so ferne wie je …

 

 

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Autor:  / Salus Hugo  1866 -1929
Bildnachweis: / Kirchner Ludwig 1880 - 1938 /
1. Tower Kaffe Chantant 1929
2.Tower Room Fehmarn 1913


 


 

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