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Seume Johann
Gottfried
1763 - 1810
Sämtliche
Werke
Vierte rechtmäßige Gesamtausgabe
in acht Bänden
Siebenter Band
Leipzig
Joh. Friedr. Hartknoch
1839
Zauber des Lebens
Wenn Tugend nicht, wenn nur die Eitelkeit
Der Weisen Forscherblick beseelet,
Er bleibt, auch wenn er alle Welten zählet,
Nur Tagelöhner seiner Zeit.
Wenn, ächt und wahr, und
gut und groß und rein,
Nicht heiliges den Mann begeistert,
Auch wenn er kühn in Kunst und Sprache meistert,
Nie wird er mehr, als Reimknecht seyn.
Des Künstlers Blick,
taucht er den Griffel nicht
Zur Schöpfung in des Himmels Flammen,
Schreibt Todtes nur aus der Natur zusammen,
Schroff, starr und ohne Lebenslicht.
Ein Hirtenlied, das durch
die Thäler quillt,
Hält magischer oft die Gefühle,
Als ein Koncert von bunten Tongewühle,
Das durch des Saales Wölbung schwillt.
Der Nektartrank ist
plötzlich ausgeleert,
Den Gott uns hier zu Troste reichet,
Und die Magie der Himmelsfreundschaft weichet,
Wenn Selbstsucht ihren Kelch entehrt.
Ein Wesen, das durch
Paradiese führt,
Ganz göttlich heut’ an Seel’ und Leibe,
Wird morgen zum gemeinem Weibe,
Wenn sie des Wüstlings Hauch berührt.
Der kühnste Held, den
Freiheit, Fug und Recht
Nicht auf der Bahn des Glanzes leitet,
Der nur für Ruhm und nicht für Ehre streitet,
Ist endlich nur ein Lanzenknecht.
Der kalte Geist des stolzen
Redners steht
Umsonst vor den gedrängten Schranken
Mit leuchtenden, mit göttlichen Gedanken,
Wenn aus ihm selbst nicht Seele weht.
In uns wird’ s Nacht, und
nur in uns wird’ s Tag:
Verlischt der Zauber dieses Lebens,
Der himmlische, so leben wir vergebens;
Gehenna wird, wo Eden lag.
Erhaltet uns, ihre Geister
beßrer Zeit,
Für bessre Zeiten diese Flammen,
So sinken wir nicht kalt und arm zusammen
Zur eisernen Alltäglichkeit.
Seume Johann
Gottfried
1763 - 1810
Sämmtliche
Werke
Vierte rechtmäßige Gesammtausgabe
in acht Bänden
Siebenter Band
Leipzig
Joh. Friedr. Hartknoch
1839
Die Gesänge
Wo
man singet, laß dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt:
Bösewichter haben keine Lieder.
Wenn die Seele tief in Gram
und Kummer,
Ohne Freunde, stumm, verlassen, liegt,
Weckt ein Ton, der sich elastisch wiegt,
Magisch sie aus ihrem Todesschlummer.
Wer sich nicht auf
Melodienwogen
Von dem Troste des Planeten hebt
Und hinüber zu den Geistern lebt,
Ist um seine Seligkeit betrogen.
Männer giebt’ es, die den
Geist verhöhnen,
Sich hinab zu den Polypen ziehn;
Und dort stehn sie, wenn sie nicht entglühn
In des Seelenliedes Silbertönen.
Göttliche Begeisterer,
Gesänge,
Weckt in eurem Labyrinthenlauf
Oft in mir mir meinen Himmel auf;
Gern verlier’ ich dann mich in der Menge.
Mit Gesange weiht dem
schönen Leben
Jede Mutter ihren Liebling ein,
Trägt ihn lächelnd durch den Maienhain,
Ihm das schönste Wiegenlied zu geben.
Mit Gesängen eilet in dem
Lenze
Rasch der Knabe von des Meisters Hand,
Und die Schwester flicht am Wiesenrand
Mit Gesang dem Gaukler Blumenkränze.
Mit Gesange spricht des
Jünglings Liebe,
Was in Worten unaussprechlich war;
Und der Freundin Herz wird offenbar
Im Gesange, den kein Dichter schriebe.
Männer hangen an der
Jungfrau Blicken;
Aber wenn ein himmlischer Gesang
Seelenvoll der Zauberin gelang,
Strömt aus ihrem Strahlenkreis Entzücken.
Orpheus alte Zauberlieder
machten
Wilde milde; durch Amphion’ s Laut
Wurden Kadmus Mauern aufgebaut;
Mit Gesang gewann Tyrtäus Schlachten.
Mit dem Liede, das die
Weisen sannen,
Sitzen Greise froh vor ihrer Thür,
Fürchten weder Bonzen noch Bezier;
Vor dem Liede beben die Tyrannen.
Mit dem Liede greift der
Mann zum Schwerte,
Wenn es Freiheit gilt, und Fug, und Recht,
Steht und trotzt dem eisernen Geschlecht,
Und begräbt sich dann im eignen Werthe.
Wenn der Becher mit dem
Traubenblute
Unter Rosen unsre Stunden kürzt,
Und die Weisheit unsre Freuden würzt,
Macht ein Lied den Wein zum Göttergute.
Harmonie ist aller Welten
Tugend;
Dem berauschten Weisheitsforscher heißt
Harmonie des Menschen hehrer Geist,
Harmonie dem Samier die Tugend.
Das Geheimnis, daß sie alle
Geister
Mächtig fort auf ihren Schwingen trägt
Und in Gottes Schoße niederlegt,
Löset nur die große Weltenmeister.
Stürmend fliegt der Blick
im hohen Liede
Durch der Orione Feuerbahn;
Sanfte Laute wehn uns lieblich an,
Und um unsre Stirne säuselt Friede.
Des Gesanges Seelenleitung
bringet
Jede Last der Arbeit schneller Heim,
Mächtig vorwärts jeder Tugend Keim:
Weh dem Lande, wo man nicht mehr singet.
Selbst die Rotte
schrecklicher Dämonen,
Die im Sturme von dem Himmel fiel,
Glaubt der Abadonnas Saitenspiel,
Fromm getäuscht, noch in dem Licht zu wohnen.
Männer des Gesanges, eure
Seelen
Ziehn den Himmel oft zu uns herab:
Wer, wem Gott nicht seinen Funken gab,
Kann den Segen eurer Schöpfung zählen?
Höher wird des Urgeist
Macht und Ehre,
Die den Welten ihre Bahnen schmückt,
In dem Endlichen nicht ausgedrückt,
Als in eurm Harmonienmeere.
Männer, nehmt den Dank; den
ihr erworben,
Für die Seligkeiten, die ihr schuft:
Wen nicht ihr zu seiner Würde ruft,
Ist für alle Tugenden erstorben.
Lieber spielen, wie mit
Wachs, mit Herzen;
Rührt der Sänger nur den rechten Ton,
Schnell ist alle Seelenangst entflohn,
Schweigen Stürme und entschlummen Schmerzen.
Lieder sind in jener
Strahlenwohnung,
Wo der Blick ins Empyreum taucht,
Und das Licht der Geister Leben haucht,
Der verklärten Heiligen Belohnung.
Wenn die Sprache stirbt von
meinem Munde
Und der Schauer mein Gebein durchläuft,
Und mit Eisenarm der Tod mich greift;
Singt ein Lied zu meiner schönen Stunde!
Mit geprüfter
Seelenweisheit haben
Unsere Väter längst für uns gedacht,
Lassen mit Gesang zur guten Nacht
Für den bessern Morgen uns begraben.
Täuscht uns nicht ein Ton
aus jenen Choren,
Werden wir dann unter Sphärentanz
Mit dem Lichtblick durch die Sonne ganz
Dort den großen Musageten hören.
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