|
Sternberg Leo
1876 - 1937
Im Weltgesang
B. Behrs Verlag
Berlin und
Leipzig 1916
Du schöner Lärm des Lebens
Du schöner Lärm des
Lebens -
dich hör ich wieder!
Auf gepflasterten Straßen das Getrappel
sich eilig überholender Menschenfüße;
die Ketten der Uferkrahnen rasseln;
und sich kreuzende Schnellzüge rasen donnernd vorüber,
feurig gespiegelt im Strom…
Ich lebte auf Hochlandheiden,
wo kranichgraue Wolken
Über Tannenhürden der Friedhöfe schweben;
und ungestört die Toten sich
erheben,
auf Lavablöcken im Kreis
sich wärmend – im nebligen Licht….
Jetzt aber flieht das
Gespenst.
Von Wetterscheinen der Arbeit
ist das Gewölk überflammt,
und die Drachenhälse der Schornsteine
schießen zum Himmel zischend aus Bergwerktiefen herauf.
Siebenmal rollen die Lotsenböller zurück aus den Seitentälern
der Berge,
und die Kammhämmer der Brückenbauer,
die Pfeile stampfen in den Strom, pochen Tag und Nacht;
das Luftschiff aber zieht mit seinem Spiegelbild in rosigen Fluten
seiden dahin,
und aus einem wandelnden Wald von erhobenen Armen
mitwältzt sich beide Ufer entlang
Die Hymne der Welt….
O, wie lang war ich einsam,
nach Menschen hungernd;
ein ferne bellender Hund, eines Fuhrmanns Licht in der Nacht,
eine raschelnde Hecke war Leben!
Ungesehen mitflute ich nun
im tausenköpfig wogenden Straßenstrom;
und mitten in Lärmen und Tosen
kling schon ein waldeinsames Schmiedehämmern
ganz fein und fern,
wie eine Flamme singt,
weiter und weiter lockend, an mein Ohr.
Sternberg Leo
1876 - 1937
Im Weltgesang
B. Behrs Verlag
Berlin und
Leipzig 1916
Im Schlafe
Eine rote Flamme brennt in der Nacht
- - ich liege im Schlafe und weiß es nicht.
Mein Herzschlag pocht; es pocht mein Puls
- ich liege im Schlafe und weiß es nicht.
Es spricht die Flamme; sie spricht mit dem
Blut
- ich liege im Schlafe und weiß es nicht.
In den Weltraum fort tragen Schwingen ihr
Wort
- ich liege im Schlafe und weiß es nicht.
Sternberg Leo
1876 - 1937
Im Weltgesang
B. Behrs Verlag
Berlin und
Leipzig 1916
Die Wege
O, all ihr Wege, ihre vielen,
die über die Länder spielen!
Ihr Zeiger nach tausend Zielen!
„ Du suchender Wandrer! Es schweifen
die Sterne, die Bahnen schleifen.
Kein Mensch wird Gott begreifen.“
Ich gehe, gehe, gehe!
Daß Wege sind, ist mein Wehe;
und daß ernte, statt säe.
„ Gott wirft das Korn… Durchflogen
hast du das Licht! ... In die Wogen
gehen alle Wege, die zogen….“
Sternberg Leo
1876 - 1937
Im Weltgesang
B. Behrs Verlag
Berlin und
Leipzig 1916
Leben, in
Winde zerstreut
Drum
hängt meine Sehnsucht, die ich nicht nennen kann,
noch an jener Wolke;
Meine Trauer, die ich nicht sagen kann,
an jenem Tann;
und irgendwo in einer Welle
mein Schweifen, so uferlos…
Nun wird es aus der Wolke dort
einem andern entgegenseufzen;
aus dem Tann ihm weinen;
die Welle wird ihn fortziehn
und er weiß nicht, warum…
Sternberg Leo
1876 - 1937
Im Weltgesang
B. Behrs Verlag
Berlin und
Leipzig 1916
Dem Unsichtbaren
Du bist es, Unsichtbarer, der aus den
Kratern stammt
und Maienhauch über knospende Wipfel atmet.
Die Wolke ist Wolke geblieben trotz allen Wandels;
und als Meer erhalten hat sich das Meer, in du wogst.
Denn du, Substanz von allen Dingen, brauchst nicht von Körper
zu Körper die Stufenleiter höhrer Vollendungen zu gehen,
und gebietest dem Menschen nicht, der deine Vollendung ist wie
das pulsende Zellgrün schwimmender Algenbänder,
sich zu wandeln von Entwicklung zu Entwicklung – über das
Maß, das alles Erschaffene demanten
in sich trägt.
So wenig wie ich mehr bin als die graue Wolke,
wird der Nachfahre mich übertreffen an Göttlichkeit;
wie sollte ichumgeartet durch die Kette alles Samens näher
gelangen zu dir,
der nicht ferner war dem ersten Menschen wie du dem letzten bist!
Ich brauche nur zu horchen, wie ein Herz in mir Blutwellen pumpt;
zu ermessen, daß Weltsysteme und Wölbungen sich in das winzige
Pünktchen meines Auges drängen,
nur abzutun von mir des Oberflächenwissens stolzierenden Eintagsprunkt -
siehe, so strahlst du hindurch,
krystallen durchflossen bin ich,
in dein unendliches Leuchten übergegangen!
Sternberg Leo
1876 - 1937
Im Weltgesang
B. Behrs Verlag
Berlin und
Leipzig 1916
Im Menschenstrom
Da sah ich die Menge, verloren im Labyrinth
Der Kiesenstadt, sich wie einen Heerwurm schieben;
Gesichte wogen, auf denen die Angst geschrieben,
und die doch lächeln und schön im Schmerze sind.
Begegnen… Knixendes Vorüberwinden…
Ein freundlichkeitensagen mit Grübchenwangen…
Umdrehn im Plaudern.. Und immer dazwischen Bangen
der flackernden Augen, den Ausgang wiederzufinden.
O, Überschütten mit Worten, Sichkreuzen der Gespräche,
die das wunde Hirn herüber- , hinüberzerren…
Ein Liebesblick, ein Traumlaut – da versperren
Gesichter Gesichter; und weiter wirbelt der Tanz der Oberfläche.
Und jeder möchte die Flucht der fiebernden
Blicke,
die Blässe der Angesichte, die feuchte Röte
der Lippen vergessen und fühlt nur seine Nöte
über die Reden hinweg und Händedrücke.
Und hört gemartert rufen die Stimme der Seelen,
die draußen vor den Wällen zurückgelassen
trauern rings um den Irrgarten dieser Gassen
und zittern, Glück und Dasein zu verfehlen.
Nicht einem ist die Sehnsucht ganz
verglommen:
In Weite aufzuatmen, sich hinauszuretten
In Waldesstille, mit der Seele zu verketten
sich wieder, mit der Fülle des Weltraums selig verschwommen.
Und die zu entfliehn der Einsamkeit und Leere
- ein flüchtiger Aufglanz selber – sich gewöhnen,
zu schaukeln in diesen Wogen, sah ich am meisten stöhnen,
wie abgeschlagne Häupter treiben auf dem Meere.
|