ARLECCINO

 

 

Gebet an Pierrot

An Otto von Grote

Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!

Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!

O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
 

 

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Wolff Oscar Ludwig Bernhardt  (Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851

Leipzig
Verlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
1847

Eine andere Welt
von Plinius dem Jüngsten
( pseudonym von Wolff Oskar Ludwig Bernhardt )
Allgemeine deutsche Real -  Enzyklopädie für gebildete Stände)


Ein Märchen

 

Es war einmal ein Maler, ein fröhliches Blut, aber ein armer Schelm und zwar ein doppelter, denn er hatte zugleich den Schelm im Nacken; darum fehlte es ihm auch an Gönnern und Beschützern; die reichen Leute wollten sich nicht von ihm malen lassen, weil sie ihm nicht trauten und die armen Leute, nun, die lassen sich von Natur nicht malen; die sind jetzt schon sehr froh, wenn ihnen nur Nichts weiß gemacht wird und man sie nicht bei ihren Vorgesetzten oder Brodherren aufschwärzt; von bunten Farben ist also bei ihnen gar nicht die Rede, denn das Leben macht es ihnen oft bunt genug.

 Besagter Maler aber war sehr übel daran; er gehörte zu gar keiner Schule, weder zu der Münchener, noch zu der Düsseldorfer, weder zu der Dresdener, noch zu der Berliner, ja nicht einmal zum Filial in Leipzig, noch zu der großen Porzellanmalergilde auf dem Thüringer Walde  oder zur Dosendeckel – Akademie in Schmölln oder Braunschweig.
Daher bekam er auch von nirgends her Anfrage und hatte weder Fresken für eine Domkirche noch Mimilis für einen kunstsinnigen 
Fabrikanten auf  Papier - mache  zu liefern;  er malte nur für sich und war sein eigener Gönner, sein eigener Kunstverein und sein eigenes Publikum.

Reich wurde er dabei just nicht, auch nicht immer satt, die Farben gingen ihm zuletzt aus; er behielt nur etwas Weiß auf seiner Nase und Schwarz in seinem Geldbeutel, denn Schwarz entsteht bekanntlich aus Mangel an allen  anderen Farben und ferner aus Mangel an Licht und wo kein Geld ist, da kann es nicht leuchten, wo es aber nicht leuchten kann, wird es nie eine Finsterniß vertreiben.   

Kein Prediger auf der Welt predigt so nachdrücklich  und so eindringlich als der Ueberfluß an Geldmangel; diese Predigten aber bekam unser armer Maler so oft zu hören, daß er doch endlich auf den Gedanken fiel, er müsse einen neuen Adam anziehen. Der alte Adam, der im Paradiese nämlich, faullenzte, der  neue  aber, der außerhalb des Paradieses, musste im Schweiße seines Angesichtes sein Brot essen.

Diesen neuen Adam nun zog unser Künstler an und beschloß für Geld zu arbeiten und zwar weder Fresken noch Oelbilder, weder Stillleben, noch Portraits, sondern Karrikaturen zu liefern. Er hatte nämlich gehört, daß Karrikaturen, wenn sie recht zeitmäßig sind, abgehen wie warme Semmeln und da ihm die warmen Semmeln lange abgegangen waren, so dachte er, es sei doch besser seine Karrikaturen gingen ab und die warmen Semmeln kämen zu ihm.

 Es war damals gerade eine bewegte Zeit, das heißt, es war ein lange Friede und die Leute hatten eigentlich Nichts zu thun, sondern machten sich nun allerlei zu thun  und zwar meist allerlei Unnützes und dadurch entstand Hader und Streit, wodurch die ganze Welt wirklich zu thun bekam, freilich auch Unnützes.

Die Polizei musste spionieren, das Militair fusilieren, der Gerichtshof inquiriren, die Aerzte trepanieren, die Cenzur  damniren, die Zeitungen referieren, kurz das  - Irren spielte alle Variationen des Grundthema’ s und unser Maler glaubte nun sei die beste Zeit, die Zeit selbst zu karikiren.

Dabei ließ er sich aber vom Teufel verführen, seine Zeichnungen mit Worten zu illustrieren und nun ging es ihm schlecht, denn nun ging es an ein Confiscieren, Inquiriren, Juhibieren, Nichts half sein Protestieren, man drohte ihn zu exiliren, denn  er war kein Eingeborner  und am Ende fand er, es sei das Geratheufste sich zu skisiren.

Glücklicher Weise ließ sich das leicht bewerkstelligen; er hing seinen Stubenschlüssel an den Schlagbaum dich vor seinem Hause, schlug einen Purzelbaum und war im Nu über die grenze in eines anderen Herrn Land.

Aber was jetzt beginnen? – Hungrig war der arme Schelm immer noch, satt wollte er werden und ein anderes Mittel sich zu sättigen als seine Kunst hatte er nicht.

Die Kunst musste nach Brod gehn, und bei diesem Gehn ging es ihr, wie es ihr eben so oft geht, sie fand keins und wurde vor der Zeit so müde, so müde, daß sie am Ende vergaß, daß die Kunst nur um ihrer Selbst willen auf der Welt sei und meinte, sie sei eigentlich nur geschaffen um sich von anderen Leute mishandeln zu lassen oder zu hungern.

Solche und ähnliche Gedanken gingen unserem Maler durch den Kopf, und verstimmen ihn immer mehr, je mehr er fühlte, daß   je voller er den Kopfhabe, desto leerer sei sein Magen.

  O! diese Welt, diese Welt rief er erbittert aus und wollte noch Allerlei hinzusetzten, als er plötzlich eine fremde Stimme vernahm, die zu ihm sagte: Thor!

 Wenn Dir diese Welt nicht behagt, warum machst Du Dir nicht eine andere?
Du hast ja die Mittel dazu von der Natur empfangen. –

Erstaunt blickte er auf und sah eine junge schlanke Dame vor sich stehen, die zwar nicht nach der neuesten Mode gekleidet, deren tracht aber stets neumodisch war, denn sie war hübsch und ihr ganzer Anzug erhöhte eben so sehr ihre Reize, wie ihre Reize ihren Anzug. -
“ Gehorsamer Diener! sagte der kleine Maler, mit wem habe ich die Ehre?“

- „ Du kennst mich nicht? erwiederte sie erstaunt – Du kennst mich nicht!
Nein, das geht ja über mich selbst hinaus!“

 - „ Ja, entgegnete er, - das mag wohl sein, aber damit weiß ich noch immer nicht, wer Sie sind und was Sie von mir wollen?
Sind Sie die Dame Cenzur?

Von der habe ich immer gehört, sie ginge in Sammet und in der Seide und schnitte sich selber ihre Gewänder zu, daß ja Alles recht genau auf ihren leib passe,“  -  „ Nicht doch!“ – „ Aber die Dame Pressfreiheit können Sie auch nicht sein, denn die ist eben keine Freundin von verhüllenden Gewändern.“  - „ Nein, auch nicht, doch sind wir Geschwisterkind, und soll ich mich frei bewegen, darf sie nicht fern seyn.


 - Ich bin die Phantasie.“ – „ Oh! Sagte der kleine Maler und schlug wieder einen Purzelbaum, das ist ja scharmant. Du willst mir  gewiß den abscheulichen prosaischen Hunger stillen, der mich schon so lange plagt, denn sonst wärst Du ja keine Göttin und am Wenigsten meine Göttin.“  - „ Stillen! so weit geht meine Macht nicht, aber Dir helfen ihn zu vergessen.“ – Ach Gott! Der Hunger hat ein gar zähes Gedächtniß; er ist wie ein Kettenhund, der im Hofe meines Magens liegt und wenigstens knurrt, wenn er nicht beißen kann.“ „Du wirst ihn vergessen, wenn Du Dir eine neue Welt schaffst.“ – „Wie soll ich das anfangen?“ – „ Wirft Dich in meine Arme!“ – O, mit dem größten Vergnügen!“

Gesagt, gethan!  Der kleine Maler schlug keck den Arm um sie und fasste sie „mit feurig schlauen Blicken wohl um die schlanke Hüfte frei“ und sie schwang nun ihren Zauberstab.
Sie war größer als er und er daher, um ihr gleich zu sein, auf einen kleinen Erdhaufen gestiegen, der unter seinen Füßen zerbröckelte.
Als er nun näher hinschaute, sah er, daß das kein, kleiner Erdhaufen, sondern die ganze alte Erde sei, der er einen tüchtigen Knacks gegeben.

 Den Nordpol hatte er eingedrückt, das Eismeer war übergelaufen und das Eis natürlich von der Friction geschmolzen;  den schlimmsten Riß hatte Europa bekommen.

 Das Menschengeschlecht war dabei untergegangen und nur einige vorsündfluthliche  Sparbüchsen und  Kunkelrüben hatten sich gerettet und wussten nicht, wohin.

 Ein dicker Blasenbalg sah sich die Sache von Weitem grämlich an und seine Frau die Feuerzange stand hinter ihm und schlug vor Verwunderung die Beine zusammen; sie waren Beide wie Philomen und Baucis, denen die Hütte abgebrannt ist.

Neben der Phantasie gestaltete sich aber unmittelbar unter ihrem Zauberstabe eine neue Welt und aus dem Wasser kamen schon allerlei Geschöpfe, noch ehe sie halb fertig war, um sie zu bevölkern. Ein himmellanger Tambourmajor hatte bereits von ihr Besitz genommen,  aber ein Bär mit einem Menschenkopfe kam und demonstrirte ihm, daß sein reich nicht von der Welt sei.

Hinter der alten Erde standen allerlei Mammuthe und Leviathans , die durch den Eindrückungsprozeß  wieder lebendig geworden und gern auf die neue Welt wollten, damit die künftigen Naturforscherversammlungen Futter hätten für ihre Forschungen.

Oben am Himmel ging es auch seltsam zu; Sonne, Mond und Wassermann, Zodiacallicht und einige halbgebildete Planeten guckten neugierig und theilnehmend  zu; Nur ein Komet zog hoch oben stolz seine Bahn  und der abgesetzte Schütz der Thierkreises spielte Fangeball mit den Sternen des großen Bären und einigen anderen Himmelskörpern,  ohne sich um die neue Erde zu kümmern, auf der er doch auch hätte einen Wirkungskreis finden können, der seinen Kräften und Fähigkeiten angemessen war.

Der kleiner Maler war außer sich vor Vergnügen und wollte sich gleich an das Werk machen;  allein da er weder Farben noch Pinsel bei der Hand hatte, sondern nur Feder und Kreidestifte, so musste er sich mit bloßem Skizzieren begnügen, was seiner Freundin , der Phantasie, auch ganz recht war, die ihm versprach, ihm nachher zu Hause bei der Ausführung mit Farben zu helfen. – Aber was geschah nun?
Feder und Kreidestifte wurden lebendig, erhoben sich aus dem Futteral, in dem sie friedlich neben einem soliden Federmesser geschlummert, wuchsen zu menschlicher Größe an,  und fingen an sich ganz menschlich um den Vorrang zu streiten. -
“ Erst komme ich  - sagte die Feder – ich schildere und was ich geschildert habe, magst Du dann versinnlichen.“

„ Warum nicht gar, sagte der Kreidestift, der in einem messingenen Rocke mit langen Schößen steckte, Porte – Crayon genannt, - umgekehrt wird ein Schuh daraus. Erst zeichne ich, dann magst Du beschreiben.



Ich

- - will nicht länger Diener seyn,
Will nun selbst den Herren machen;

 

ich habe Deine Tirannei satt; Deine Inspiration genügen mir nicht mehr;  ich war zu bescheiden; ich will mich emancipiren, will meiner eigenen Nase nachgehn, mein eigener Führer sein! Verstanden! “

O Himmel!“ rief die Feder aus! – „ so ein Kreidestiftchen will Redner sein, so ein Stiel mit einem Styl prunken!  - Unverständiger Jüngling, weiß Du was Du beginnst?
Wer war Deine Bonne?  Wer hat Deine ersten Schritte in die Welt geleitet, wer Dir gezeigt, wie man Schatten und Licht gehörig zu vertheilen habe?  Wer führte Dich in das Heiligthum der Geister ein, sicherte Dich vor der Geißel der Kritik?
Ich war es, ich that es, ich ganz allein, und so dankst Du es mir?

Undankbarer und mögen Dir Gummi elasticum und altes Weißbrot gnädig sein.“
Als die Feder diese Rede geendet hatte, schluchzte sie wie eine junge erste Liebhaberin  in einem Trauerspiel. Der Kreidestift war aber ein zugespitzter Jüngling und die Jugend ist heutzutage aus Egoismus  und Eitelkeit zusammengesetzt;  er achtete daher der Klagen seiner früheren Gattin gar nicht – bisher hatten nämlich bei allen illustrirten Werken Feder und Kreidestift als ein treu verbundenes Ehepaar gemeinschaftlich gewirkt und die Feder als weibliche Hälfte, wie ganz natürlich das Regiment geführt, - und rief ihr zu: „ Ich will nicht  länger Dein Ehemann sein, ich will mich ehmancipiren, darum halte Deinen Schnabel!“

Ueber diese abscheulichen Wortspiele, die er unmöglich von ihr, der Feingeschnittenen, gelernt haben konnte, sondern  aus früherer unerlaubter Bekanntschaft mit gewissen leichsinnigen Federn sich bewahrt haben musste, gerieth die arme Feder außer sich und weinte so laut, daß das Federmesser davon erwachte.

Das Federmesser, von Amt – und Rechtswegen Beider Vormund, reckte und dehnte sich, klappte sich auseinander, richtete sich auf, stellte sich auf seinen Spalter und sah die Beiden verwundert und zürnend an.

Das Federmesser war ein solider Mann, hatte einen glänzenden Jabot und ein spitzes Toupé und trug einen Paletot von Schildpatt mit langer Taille und großen Knöpfen. Man  sah ihm an, daß es sich seines Ranges, seines Werthes und seines Einflusses wohl bewusst war.

Freilich hatte es im Dienste seines Monarchen, des Malers, nicht bloß die Feder, sondern zu Zeiten auch den Kreidestift corrigiren müssen und durch dessen Hartnäckigkeit am untern Theile seiner Klinge einigen Schaden gelitten, aber es war doch noch immer ein rüstiger Beamter, eine wackere Stütze der Bureaukratie und eine einflussreiche Person.

Im Gefühl seiner Würde fragte es daher streng:
“ Was   giebt es hier?
 Warum weinst Du, liebe Penna?“

„ Er will mich böslich verlassen!“ – schluchzte die Feder – „ will ohne mich eine Reise von Gott weiß wie vielen Lieferungen antreten; als ob es ihm ohne mich gelingen würde!“

 Das Federmesser runzelte die sonst so glatte Stirn; der Kreidestift ließ sich aber dadurch nicht einschüchtern und erwiederte: „ Ich brauche Dich nicht, doch bin ich gar nicht gesinnt, Dich, wie Du sagst, böslich zu verlassen; Du kannst mich in Apollo’ s Namen begleiten, jedoch unter gewissen Bedingungen.“
“ Und die wären?“ fragte die Feder bereits etwas beruhigt.

„ Du gewährst mir volle Freiheit, zu verweilen oder fortzureisen, wo, wie und wann ich es für gut finde.
– Ich habe eine neue Erde zu entdecken und darzustellen; ein zweiter Columbus werde ich von einem unbekannten Festlande Besitz nehmen. Ich will zuerst meine Fahne dort aufpflanzen und Niemand soll mir diesen Ruhm rauben.  
Du kannst meinen Geheimschreiben abgeben und meine ruhmreichen Züge schildern, jedes Mal wenn ich von ihnen zurückgekehrt bin.“

 „ Das darf ich doch auf meine Weise thun?“

„ behüte der Himmel. Ich werde Dir den Inhalt angeben und Du redigirst ihn ganz einfach, ohne fremde Gelehrsamkeit, ohne Citate, ohne überschwängliche Redensarten in gutem, ehrlichem und reinlichem Deutsch.“

„ Nun wohl, ich bin es zufrieden; ich will ja Nichts als Deine treueste Freundin und Rathgeberin sein. Arm in Arm mit Dir, so fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken!“

„ Lieber Engel, nur keine Citate, selbst nicht aus Schiller.
Eine Feder wie Du muß sich nicht mit fremden Federn schmücken wollen.“

„ Verzeih’“ – sagte die Feder – „ es ist eine alte pedantische Gewohnheit, ich will mich bemühen sie abzulegen.“

 „ Recht so, meine Kinder!“ – sprach nun das Federmesser. –

Als Eure Ehe beschlossen ward, als unsere Fürstin, die schöne Literatur, Euch ihren Segen gab, da rief sie mit Schiller, den sie vor Allem das Recht hat zu citiren: „ Seid einig! Einig! Einig!“  - Ihr  seid es jetzt. Umarmt Euch! Ich wünsche Euch glückliche Reise; ich werde in der Stille Euere glorreiche Rückkehr  erwarten; vielleicht bedürft Ihr dann Meiner. Also nochmals glückliche Reise und gute Nacht.“

 Und es geschah wie das Federmesser gesagt hatte. Unter dem Geräusch der  zärtlichen Umarmung des liebenden Paares schlummerte es ein.

 „ Nun mein Freund – sagte die Phantasie zu dem Maler – bist Du bereit?“
“ ja – erwiederte dieser – aber weder ich, noch das Volk da, das sich schon auf die Beine gemacht hat, - der Schlingel von Kreidestift läuft mit einer brennenden Cigarre im Munde wie toll voran und seine arme Feder kann kaum nach – wir drei dürfen unmöglich die Helden dieser allerneuesten Odyssee sein; wirklichen Personen schenkt die Welt nur mit Widerstreben Glauben.
Hast Du keine besseren Helden?“
Die Phantasie schwang  von Neuem ihren Stab und es erschien ein Kleeblatt von Herven, wie nur sie allein zu begeistern vermag. –

 „ Das sind sie, das sind die rechten! – jubelte der Maler – das sind die Könige der Welt; alle Zeitungen huldigen ihnen; alle  Leute schenken ihnen Glauben, Bauer und Bürger lassen sich die Zeiten für sie todtschlagen oder schlagen sich um ihrerwillen die Köpfe blutig.

Diese drei, sie sollen der Columbus, der Cortez, der Pizarro meiner neuen Welt und zusammen der Atlas derselben seyn. – Frisch an das Werk! Eilen wir, meine getreuen Diener einzuholen.“

 Und siehe, am Arm der Phantasie, von ihr geleitet, vergaß der kleine Maler Hunger und Durst und durchschritt, ein neuer Mensch, die neugeschaffene Erde. -
Hier endet das wahrhafteste aller Märchen und die Wirklichkeit beginnt.

 

Wolff Oscar Ludwig Bernhardt  (Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851

Leipzig
Verlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
1847

 Apotheose des Doctor Puff.

Die Götter kehren wieder.

  Puff erzählt seine Geschichte und beweist, daß die Welt einen neuen Glauben brauche.

 

Ich heiße PUFF: der Name sagt genug. Meine Ahnen sind Engländer, aber ihre Nachkommen haben sich über die ganze civilisirte Erde verbreitet.
Ich bin Stammhalter der künftigen deutschen Linie.

Ihr habt mich jung, schön, glänzend, alle Herzen erobernd gesehen; Schmeichler umgaben mich; man spannte die Pferde aus vor meinem Wagen und sich dafür ein. – „ Sel’ ge Zeit, wie schnell bist Du entschwunden!“  Aber reden wir nicht in poetischen Floskeln, reden wir verständlicher. – Poesie gilt nicht mehr, wenn sie nicht politisch ist, und ich bin zu politisch, im politische Poesie zu machen. Das überlasse ich jungen Leuten, die noch nichts sind, aber gern etwas sein möchten, und zwar so wohlfeil wie möglich. 

 

 Mein Schmerz ist ein Weltschmerz – denn ich habe keinen ganzen Rock mehr, mein Ellbogen sieht durch den Aermel in das kalte Leben; ich bin europamüde, denn das undankbare Europa bittet mich nicht zu Tische, sondern lässt mich hungern.

  O, hätte ich nicht meine Reichthümer so mit vollen Händen verstreut; jetzt könnte ich von meinen Einkünften auf dem Lande  oder in der Provinz leben, Vereine stiften, Kleinkinderbewahranstalten errichten, Bürgerversammlungen leiten und Collecten für wohlthätige Zwecke machen, bei patriotischen Mahlzeiten den ersten Toast auf den gnädigsten Landesherrn ausbringen und zur rechten Zeit meine Schäfchen scheeren, um in  der Wolle zu sitzen.

 Jetzt haben mir alle Leute mein Geheimnis abgesehen, besonders die Zeitungsschreiber und die Buchhändler.
Jeder herumgastrollende Schauspieler weiß, was es kostet und wo er zugleich gut und wohlfeil bedient wird.
Alles hat einen festen Cours und an Ruhm – Maklern fehlt es nirgends.
Es geht mit mir zu Ende; ich merke es an den Sohlen meiner Schuhe; wie sie abgelaufen sind, ist es auch meine Existenz.

Aber Puff stirbt nicht; er verwandelt sich nur. Wohlauf denn, wie metemphychometamorphosire ich mich? Soll ich Mystiker werden, Homöv – Hydropath oder Tenor?  Diese drei Gewerbe tragen jetzt am Meisten ein.
Halt! Ich werde Mystiker und gründe einen Neuen Glauben. Ich stelle ein neues theopsychophilosophisches System  auf.
ich werde ein Neugott. – Die alten Götter hat die Welt längst zu Grabe getragen.
Atheismus ist eine Sünde, Neotheismus eine Tugend, eine Wohltat für das Menschengeschlecht, denn was ist der Mensch, wenn er keine Götter hat?!

 Ich werde ein absoluter, unpersönlicher Gott. Eine Theogonie ist ja Kinderspiel in unserer Zeit; die meinige wird ein Meisterstück sein; sie soll die heiteren Fictionen des hellenischen mit den unbegreiflichen des indischen Mythos vermählen. Zeus und Wischnu durchdringen sich.
Von letzterem leihe ich die Inkarnation.  Gedulden Sie sich einen Augenblick, meine Herren und Damen;
ich verschwinde durch diese Versenkung, ziehe mich um, incarnire mich und komme gleich wieder.
Berlick! Berlock! Der Neo – Paganismus ist fertig. Seine segensreiche Folgen wird die Folge zeigen.

 Und der Neu – Gott Puff schuf die beiden anderen Neu – Götter nach seinem Bilde. Er verbot ihnen weder die Pfeife noch den Sackpaletot, ließ ihnen Orden und Bart und auch ihren alten Namen Schwadronarius und Krack, unter denen sie den kellnern, Marqueurs, Bierwirthen und anderen gelehrten Gesellschaften wohlbekannt waren.


 

Wolff Oscar Ludwig Bernhardt  (Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851

Leipzig
Verlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
1847

 

Das Reich der Marionetten

Im Lande der Marionetten ist das Gliedermännchen König
(Hegel)

Die Pirouette erfordert den ganzen Menschen, vom Hirn bis zur Fußsohle.
(Aus Mäulchens Aestheitk)

Die Erklärung dieses Capitels wird sich finden.


Müde, die Vögel um ihre Ansicht vom Menschen zu befragen, war Schwadronarius eingeschlafen und hatte seinen Ballon  von den Luftströmungen forttreiben lassen. Nach einiger Zeit – so ungefähr in der Mitte zwischen einer Minute und einem Jahr – wachte er von einem starken Stoße, den sein Schiffchen erhalten, auf, uns saß nicht im unendlichen Raume, wie er geglaubt hatte, sondern auf dem Dache eines Hauses fest.

„ Wäre ich auf die Erde zurückgefunden?“ rief er erschreckt, die Blicke umherwerfend, aus. Was er gewahre, war auch eben nicht geschaffen ihn zu beruhigen, denn von der Höhe des Observatoriums, das ihm der Zufall angewiesen, erblickte er Straßen, Läden, Müßiggänge, Wagen, Karren, kurz alles, was eine Stadt charakterisirt. Er versuchte nun sich wieder empor zu schwingen, aber sein Ballon hatte einen Riß bekommen und musste erst wieder geflickt werden.

Für’ s Erste war also Nichts zu thun, als vor  Anker zu gehen; er faltete daher seinen Luftballon zusammen, steckte ihn in die Tasche und stieg durch ein Mansardenfenster, das zufällig offen stand, in das Haus hinein. 
 Es war eine Wohnung, wie eben alle Wohnungen sind.

 Schwadronarius kam bis zum ersten Stock ohne Jemanden anzutreffen. Er setzte seine  Reise bis zu der Loge des  Portier fort. Dort sah er einen Mann in einem Lehnstuhl sitzen und einen Glockenzug in der Hand  halten.

In dieser Loge herrschte die bewundernswürdigste Ordnung und die vollkommenste Unbeweglichkeit. Vor dem Kamine lag eine schlafende Katze, die nicht einmal mit den Augen zwinkte oder ein haar ihres Felles regte;  brennende Kohlen glänzten auf dem Roste, wärmten aber nicht, eine Uhr zeigte genau die Stunde, ohne daß sich der Perpendikel auch nur leise schwang, geschweige denn tickte oder den  Zeiger sichtlich vorwärts trieb.
Der Excappelmeister näherte sich dem Portier um ihn zu fragen, wo er sich eigentlich befinde; der wachsamer Hüter nickte zwei Mal mit dem Kopfe, kurz und abgemessen, drehte die Augen erst rechts dann links und versank darauf wieder in seine alte Unbeweglichkeit, da daß Schwadronarius trotz allen Bemühungen ihm keine andere Antwort zu entlocken im Stande war.

Ungeduldig ging er nach  der Hausthür, die einem Drucke seiner Hand nachgab und sich, nachdem sie ihn herausgelassen, hinter ihm sogleich von selbst wieder schloß.  Er kam nun auf die Straße, an deren Ende er ein großes hölzernes Gebäude erblickte mit der Inschrift


T H E A T E R

Dort war aber weder Caffe, noch Controle, noch Garderobe, so daß er ohne Weiteres in einen leeren Saal trat  und sich in einer Loge hinsetzte, in der sich niemand befand.

Plötzlich brannten siebenzehntausend Gasflammen, wie durch Zauber angezündet. Da sah er in der Loge des Amphitheaters ein Gliedermännchen, das zwei Mal in die Hände klatschte und rief: Angefangen!

 Der Vorhang ging auf, und Schwadonarius sah an den Dekorationen, den Anzügen, den Soffiten, daß ein ihm bekanntes Ballet „ Die Liebe der Venus“ gegeben wurde. 
Es begann mit einem von Taschenkrebsen ausgeführten Pas de Trois; die Nymphen wurden von Mäusen, die Cyklopen  von Rosskäfern dargestellt, die den berühmten Ambosstanz tanzten, mit welchem der erste Act endigte.

 Schwadonarius that, was Jeder an seiner Stelle gethan haben würde; er ging hinaus, um frische Luft zu schöpfen und Erkundigungen einzuziehen. Als er auf den Markt kam, sah er das Gliedermännchen aus dem Amphitheater, welches die Gläser in einem großen Transparent wechselte; alsbald trat Mondlicht an die Stelle des Sonnenscheins.

 Zur selben Zeit erblickte der Excapellmeister einen Menschen, der auf ihn zukam, und dessen ganze Beschäftigung darin bestand, seine Lorguette vor die Augen zu halten und sie dann wieder auf die Brust fallen zu lassen.

Alle Bewegungen dieses Individuums schienen durch einen inneren Mechanismus geregelt zu werden. „ Hätten Sie wohl  die Gewogenheit, mein Herr, mir zu sagen, in welcher Stadt ich mich befinde?“ fragte ihn Schwadonarius sehr höflich. Jener setzte aber seinen Weg fort ohne auch nur die mindeste Notiz von ihm zu nehmen.

Unserer reisender fand, daß die Einwohner dieser Stadt  noch gewaltig in der Cultur zurück seien, und betrachtete nun die Gegenstände, die ihn umgaben, mit sorgfältiger Aufmerksamkeit.  Der Markplatz war mit einem Brunnen geschmückt, aber das Wasser, das aus demselben floß, war von Glas nachgemacht und drehte sich um sich selbst, wie das künstliche Wasser einer Tischuhr mit Federn, die einen Brunnen darstellt.

Wagen fuhren vorüber, jedoch nicht weiter als bis zu einer gewissen Stelle, wo sie umkehrten, wieder nach der entgegengesetzten   Seite auch  bis zu einer gewissen  Stelle und so regelmäßig hin und her rollten.  Der Herr mit der Lorguette ging in das Theater, Schwadronarius folgte ihm, weil er vermuthete, daß der Zwischenact zu Ende sei. 

Dies Mal fand er alle Plätze besetzt.
Elegante Damen ließen ihre Fächer spielen, Andere lächelten beständig, wieder Andere drehten abwechselnd den Kopf, rechts und links. Unter den Männern gähnten Einige, Andere legten den Kopf auf den Arm und schliefen, wieder Andere neigten sich zu ihren Nachbarn.  
Das seltsame bei Allem diesem bestand darin, daß Jeder stets dieselbe Bewegung machte und dieselbe Stellung fortwährend behauptete.
Das Gliedermännchen klatschte von neuem in die Hände und der zweite Act begann. Schwadronalius gerieth in einen wunderbaren Zustand und schrieb mit folgenden Worten die empfangenen Eindrücke in seinem Tagebuche auf.

  

Ich ward im Geist entzückt und sah ein Weib,
Das tanzte, ganz in Mousselin gekleidet,
Mit Gold und Silberflittern reich besetzt;
Es hatte Flügel an von Silberzindel
Und eine Krone auf von Similor.

 Vor jener Bühne unten waren Sitze
Mit rothem Wollensammet überzogen
Und auf den Sitzen thronten Händepaare,
Die sonder Augen, Geist und Kunstsinn waren.
Das erste Paar trug gelbe Handschuh zierlich.
Das zweite Paar glich Menschenpfoten ganz.
Das dritte war ein Paar von Krabbenscheeren,
Das vierte Schlägel nur von Fleisch und Bein,
Die andern leere Flaschen oder Gläser.

 Rings um die Bühne schwangen sich empor
Entflammte Greisenherzen, Schreibefedern
Und Weihrauchfässer. Unten waren auch
Gar sonderbare unsichtbare Thiere;
Das erste schrie gerade wie ein Esel,
Das zweite weinte wie ein saugend Kalb,
Das dritte endlich brüllte wie ein Löwe,
Der eine Cigarette raucht dazu.

  Kaum war diese Vision  - denn solche musste es sein – vorüber, als Schwadronarius einen neue Tänzerin auftreten sah. Sie hatte einen Leib von Fichtenholz, Arme von Steinpappe und Beine von Kork.  Der Zuschauerraum fühlte sich plötzlich mit Bärtigen und Schnurrbärtigen, welche einstimmig schrieen: Brava! Vivat die Cachucha!   
Das Gliedermännchen in der Loge ließ ein Brrrttt hören, was so viel heißen sollte wie: Sehr gut!
Nun trat ein Tänzer auf, dessen ganzer Körper aus Werg und Baumwolle gemacht war. Dieser wurde kalt aufgenommen; als aber gleich darauf zwei Tänzer mit Springfedern in den Gliedern erschienen, da kannte der Enthusiasmus keine Grenze. – das Gliedermännchen schwang sich, wie auf ein Pferd, auf den Rang seiner Loge und rief. „ Wunderschön! Genau wie drunten!“   Gleich nachher leerte sich das Schauspielhaus, die Gasflammen erloschen, und als Schwadronarius auf die Straße kam, war sie öde und verlassen. -  „ Ich gebe meinen Titel als  Neu - Gott darum“ – sagte er – „ wenn ich wüsste, wo ich bin und was die Uhr ist.

Hätte ich nur Feuer, meine Cigarre anzuzünden; rauchen ist nachdenken.“  - In diesem Augenblicke ging Jemand mit einer Laterne vorüber. -
Schwadonarius fragte, was es geschlagen habe; - keine Antwort. Nun wollte er die Cigarre anstecken, da sah er entsetzt, daß die Flamme in der Laterne keine wirkliche Flamme sei. -

 


 

Wolff Oscar Ludwig Bernhardt (Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851

Leipzig
Verlagsbuchhandlung von Carl B. Lorck
1847

 

Die Erde in der Vogelperspektive

 

Gott! Wie klein ist der Mensch!
Altes Volkslied

Schwadronarius, Neugott und Aerostograph beurteilt die Menschen aus der Vogelperspektive und empfindet tiefes Herzeleid 6000 Fuß hoch über dem Niveau des Straßenpflasters.

 

 

Die schönsten Verwünschungen  des Alterthums halten keinen Vergleich aus mit der  gedankenreichen Anrede, welche Schwadronarius’ Munde entströmte, als er die Erde verließ.
 

Die Schnelligkeit seines Aufsteigens fand nur in der Schnelligkeit seiner Worte einen würdigen Nebenbuhler. Die Gegenstände, welche  seine Blicke trafen, dienten allein dazu, die Fluth seiner lyrischen Improvisationen zu vermehren. Ueber einer Reitbahn ließ er den Ballon anhalten, aber nicht um den Raum, den er durchschnitten, zu messen, sondern nur um gegen die Menschen im Allgemeinen und die Kunstreiter im Besonderen neue Redensarten zu schleudern.

 „ Das sind Menschen, die ihr Leben damit verbringen, Wendungen und Verrenkungen auf der Kruppe eines Pferdes zu machen; Frauen, die ihren Ruhm darin suchen, durch einen mit Oelpapier beklebten Reif zu springen und in fleischfarbenem Tricot und flatternden kurzen Gewändern ihre Künste  hoch zu Roß zu produciren, Alles nach den Worten: Hopp! Hupp! Hupp! Oder Hopp! Hopp! Hopp! Mit Begleitung von türkischer Musik.“

Kaum war er damit fertig, so trieb ein Windstoß seinen Ballon nach der linken Seite und Schwadronarius schwebte jetzt über der Terrasse eines Gartens, dessen Beschreibung sehr viele, mehr oder minder interessante Romane enthalten.  Ein Jüngling und eine Jungfrau plauderten mit einander auf dieser Terrasse sehr leise, dicht an einander sich drängend.  Unten schlich ein Mann, Vater, Oheim oder Vormund vorsichtig auf dem Fußsteige längs der Gartenmauer näher.

 Schwadronarius lächelte über die vergeblichen Anstrengungen, die er ihn machen sah, um sie zu überraschen, als er plötzlich gerade in dem Augenblicke, wo die Jungfrau dem Jüngling den Scheidekuß zu geben im Begriff stand, in der Ersteren  sein Bäschen Gertrude erkannte, für die er die zärtlichsten Liebeslieder in Musik   gesetzt und ihr gewidmet hatte.   Da begriff er zum ersten Mal, daß ein Gott lieben und leiden könne, wie ein gemeiner Schäfer. 
Nun hätte er gern seinem Rächer Beigestanden und gesehen, wie dessen Zorn und Regenschirm den verhassten Nebenbuhler traf, aber er fühlte zu sehr das Bedürfniß, seine neue Würde zu retten, und stieg daher majestätisch wieder empor.

Unserm göttlichen Aeronauten bot sich, als er so hoch über den Straßen, den Häusern und Vorstädten dahinschwebte, noch manches Schauspiel zwar umsonst, aber nicht eben ergetzlich dar.
Unwillkürlich richtete er den Blick auf ein Ballet unter offenem Himmel, das einige junge Savoyarden und einige junge Pudel aufführten.

“ Unglückliche Kinder! Unglückliche Hunde!“ rief er; „ dazu verwendet der Mensch Eure Jugend, Eure Anmuth, Eure Frische! Unschuld, Alter, Hunde, Alles macht er seinem Vergnügen dienstbar.
Wahrlich, ich werde mich nicht mehr um ihn kümmern!“
Dieser Entschluß hinderte  ihn jedoch nicht, eine vorüberfliegende Amsel zu fragen, was sie  von den  Menschen halte.

  - Der Mensch“   -  pfiff die Amsel – ist ein plattes Wesen. Er verabscheut uns und beneidet uns sein ganzes Leben hindurch um die Fähigkeiten zu fliegen.
Endlich stirbt er aus Verdruß darüber, daß die Flügel, die er sich macht, an der Sonne schmelzen. Das ist meine Meinung über die Menschen. “

 Schwadronarius that nun dieselbe Frage einem Kranich.
 - „ Der Mensch “  - entgegnete der Kranich – „ ist ein sehr plattes Wesen. Er versucht vergebens, uns nachzuahmen.
Auf Lokomotiven strebt er uns einzuholen und ist eifersüchtig, daß unsere Flügel uns weiter tragen als ihn seine Eisenbahnen.“

Eine Lerche sang ihm auf dieselbe Frage folgende Antwort:
“ Der Mensch ist ein außerordentlich plattes Wesen.
Die Vortrefflichkeit meines Gesanges bringt ihn zur Verzweiflung. Er versuchte es einmal, wie ich  einen Triller im Aufsteigen zu schlagen, seine Töne zwischen Himmel und Erde erschallen zu lassen und ein Solo, umgeben von den Strahlen der aufgehenden Sonne, zu singen.
Der Mensch ist neidisch und ohne Fähigkeiten. Das ist meine Meinung.“
Eine junge Nachtigall flötete ihm dieselbe Ansicht über den Menschen zu.
„ Die Vögel haben Recht;“ sagte Schwadronarius – „ ich theile ganz ihre  erhabene Ansicht und habe die Plattheit des Menschen nie besser begriffen als jetzt.“

Nachdem er diesen Gedanken in sein Album geschrieben, beschloß  er ihn dem ersten Zugvogel mitzutheilen, der ihm begegnen würde.
Eine wilde Ente, die nach Europa flog, um sich dort von einer Leberkrankheit  kuriren zu lassen, war so gefällig, das  Blatt mitzunehmen.

Schwadronarius schwebte gerade über Paris und gewahrte tief unten auf dem Bendomeplatze  die Napoleonsäule. „ Ich sehe  - fuhr er fort – „ dieses großartige Denkmal menschlichen Ruhmes. Kutscher und Wasserträger, Herzoginnen und Höferinnen, vornehme Herren und gemeines Volk, kurz alle Welt umkreist das Monument; zwischen der hundert Fuß hohen Säule und den Menschen sehe ich keinen Unterschied; sie scheinen mir sämtlich gleich hoch zu sein.“

Von dem Gesichtspunkte aus,  auf dem ich mich befinde, ist der Ruhm gleich dem Nichts.“  
Befriedigt von dieser Definition schwang sich Schwadronarius wieder zur Sonne empor.
 Als seine Blicke zum letzten Mal auf der Erde ruhten, sah er das Pflaster des Boulevard von Fiakern, Kutschen und Wagen voll Masken überschwemmt. Ein verwirrtes mistöniges Geschrei drang bis zu ihm. Er wollte sich von diesen für das Auge eines Philosophen so traurigen Scenen entfernen, aber eine Windstille hielt seinen Ballon fest. Diese Zeit benutzte er, um sein Tagebuch zu schreiben, hielt es jedoch für passend, seinen Obergott die Geschichte mit Gertrude zu verschweigen. Wir verdanken diese Episode der Schwatzhaftigkeit eines Häuflings; sie beweist, daß Alles, selbst von oben gesehen, seine Nachtseite haben kann.

 

 




 



 

 

 

 

 

 

 

   

 

 

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Autor:  / 
Wolff Oscar Ludwig Bernhardt  (Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851
Bildnachweis: / Bildnachweis  -  Grandoille Jean Ignace Isidore G
érard  1803 - 1847 
Illustration zum Buch Eine andere Welt
Von Wolff Oskar Ludwig Bernardt
(1799 - 1851)


 


 

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