ARLECCINO
Gebet an Pierrot
An Otto von GrotePierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!
Das Bild des Glanzes
Zerfloß – Zerfloß!
Schwarz weht die Flagge
Mir nur vom Mast.
Pierrot! Mein Lachen
Hab ich verlernt!O gib mir wieder,
Rossarzt der Seele,
Schneemann der Lyrik,
Durchlaucht vom Monde,
Pierrot – mein Lachen.
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Wolff Oscar Ludwig Bernhardt
(Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851
Es war einmal ein Maler, ein fröhliches Blut, aber ein armer Schelm und zwar ein doppelter, denn er hatte zugleich den Schelm im Nacken; darum fehlte es ihm auch an Gönnern und Beschützern; die reichen Leute wollten sich nicht von ihm malen lassen, weil sie ihm nicht trauten und die armen Leute, nun, die lassen sich von Natur nicht malen; die sind jetzt schon sehr froh, wenn ihnen nur Nichts weiß gemacht wird und man sie nicht bei ihren Vorgesetzten oder Brodherren aufschwärzt; von bunten Farben ist also bei ihnen gar nicht die Rede, denn das Leben macht es ihnen oft bunt genug.
Besagter Maler aber war sehr übel daran; er gehörte zu gar keiner
Schule, weder zu der Münchener, noch zu der Düsseldorfer, weder zu der
Dresdener, noch zu der Berliner, ja nicht einmal zum Filial in Leipzig,
noch zu der großen Porzellanmalergilde auf dem Thüringer Walde oder zur
Dosendeckel – Akademie in Schmölln oder Braunschweig. Reich wurde er dabei just nicht, auch nicht immer satt, die Farben gingen ihm zuletzt aus; er behielt nur etwas Weiß auf seiner Nase und Schwarz in seinem Geldbeutel, denn Schwarz entsteht bekanntlich aus Mangel an allen anderen Farben und ferner aus Mangel an Licht und wo kein Geld ist, da kann es nicht leuchten, wo es aber nicht leuchten kann, wird es nie eine Finsterniß vertreiben. Kein Prediger auf der Welt predigt so nachdrücklich und so eindringlich als der Ueberfluß an Geldmangel; diese Predigten aber bekam unser armer Maler so oft zu hören, daß er doch endlich auf den Gedanken fiel, er müsse einen neuen Adam anziehen. Der alte Adam, der im Paradiese nämlich, faullenzte, der neue aber, der außerhalb des Paradieses, musste im Schweiße seines Angesichtes sein Brot essen. Diesen neuen Adam nun zog unser Künstler an und beschloß für Geld zu arbeiten und zwar weder Fresken noch Oelbilder, weder Stillleben, noch Portraits, sondern Karrikaturen zu liefern. Er hatte nämlich gehört, daß Karrikaturen, wenn sie recht zeitmäßig sind, abgehen wie warme Semmeln und da ihm die warmen Semmeln lange abgegangen waren, so dachte er, es sei doch besser seine Karrikaturen gingen ab und die warmen Semmeln kämen zu ihm. Es war damals gerade eine bewegte Zeit, das heißt, es war ein lange Friede und die Leute hatten eigentlich Nichts zu thun, sondern machten sich nun allerlei zu thun und zwar meist allerlei Unnützes und dadurch entstand Hader und Streit, wodurch die ganze Welt wirklich zu thun bekam, freilich auch Unnützes. Die Polizei musste spionieren, das Militair fusilieren, der Gerichtshof inquiriren, die Aerzte trepanieren, die Cenzur damniren, die Zeitungen referieren, kurz das - Irren spielte alle Variationen des Grundthema’ s und unser Maler glaubte nun sei die beste Zeit, die Zeit selbst zu karikiren. Dabei ließ er sich aber vom Teufel verführen, seine Zeichnungen mit Worten zu illustrieren und nun ging es ihm schlecht, denn nun ging es an ein Confiscieren, Inquiriren, Juhibieren, Nichts half sein Protestieren, man drohte ihn zu exiliren, denn er war kein Eingeborner und am Ende fand er, es sei das Geratheufste sich zu skisiren.
Glücklicher Weise ließ sich das leicht bewerkstelligen; er hing seinen
Stubenschlüssel an den Schlagbaum dich vor seinem Hause, schlug einen
Purzelbaum und war im Nu über die grenze in eines anderen Herrn Land.
Die Kunst musste nach Brod gehn, und bei diesem Gehn ging es ihr, wie es ihr eben so oft geht, sie fand keins und wurde vor der Zeit so müde, so müde, daß sie am Ende vergaß, daß die Kunst nur um ihrer Selbst willen auf der Welt sei und meinte, sie sei eigentlich nur geschaffen um sich von anderen Leute mishandeln zu lassen oder zu hungern. Solche und ähnliche Gedanken gingen unserem Maler durch den Kopf, und verstimmen ihn immer mehr, je mehr er fühlte, daß je voller er den Kopfhabe, desto leerer sei sein Magen. O! diese Welt, diese Welt rief er erbittert aus und wollte noch Allerlei hinzusetzten, als er plötzlich eine fremde Stimme vernahm, die zu ihm sagte: Thor!
Wenn
Dir diese Welt nicht behagt, warum machst Du Dir nicht eine andere?
Erstaunt blickte er auf und sah eine junge schlanke Dame vor sich
stehen, die zwar nicht nach der neuesten Mode gekleidet, deren tracht
aber stets neumodisch war, denn sie war hübsch und ihr ganzer Anzug
erhöhte eben so sehr ihre Reize, wie ihre Reize ihren Anzug. -
- „ Du
kennst mich nicht? erwiederte sie erstaunt – Du kennst mich nicht! - „ Ja, entgegnete er, -
das mag wohl sein, aber damit weiß ich noch immer nicht, wer Sie sind
und was Sie von mir wollen?
Den Nordpol hatte er eingedrückt, das Eismeer war übergelaufen und das Eis natürlich von der Friction geschmolzen; den schlimmsten Riß hatte Europa bekommen. Das Menschengeschlecht war dabei untergegangen und nur einige vorsündfluthliche Sparbüchsen und Kunkelrüben hatten sich gerettet und wussten nicht, wohin. Ein dicker Blasenbalg sah sich die Sache von Weitem grämlich an und seine Frau die Feuerzange stand hinter ihm und schlug vor Verwunderung die Beine zusammen; sie waren Beide wie Philomen und Baucis, denen die Hütte abgebrannt ist. Neben der Phantasie gestaltete sich aber unmittelbar unter ihrem Zauberstabe eine neue Welt und aus dem Wasser kamen schon allerlei Geschöpfe, noch ehe sie halb fertig war, um sie zu bevölkern. Ein himmellanger Tambourmajor hatte bereits von ihr Besitz genommen, aber ein Bär mit einem Menschenkopfe kam und demonstrirte ihm, daß sein reich nicht von der Welt sei. Hinter der alten Erde standen allerlei Mammuthe und Leviathans , die durch den Eindrückungsprozeß wieder lebendig geworden und gern auf die neue Welt wollten, damit die künftigen Naturforscherversammlungen Futter hätten für ihre Forschungen. Oben am Himmel ging es auch seltsam zu; Sonne, Mond und Wassermann, Zodiacallicht und einige halbgebildete Planeten guckten neugierig und theilnehmend zu; Nur ein Komet zog hoch oben stolz seine Bahn und der abgesetzte Schütz der Thierkreises spielte Fangeball mit den Sternen des großen Bären und einigen anderen Himmelskörpern, ohne sich um die neue Erde zu kümmern, auf der er doch auch hätte einen Wirkungskreis finden können, der seinen Kräften und Fähigkeiten angemessen war.
Der
kleiner Maler war außer sich vor Vergnügen und wollte sich gleich an das
Werk machen; allein da er weder Farben noch Pinsel bei der Hand hatte,
sondern nur Feder und Kreidestifte, so musste er sich mit bloßem
Skizzieren begnügen, was seiner Freundin , der Phantasie, auch ganz
recht war, die ihm versprach, ihm nachher zu Hause bei der Ausführung
mit Farben zu helfen. – Aber was geschah nun? „ Warum nicht gar, sagte der Kreidestift, der in einem messingenen Rocke mit langen Schößen steckte, Porte – Crayon genannt, - umgekehrt wird ein Schuh daraus. Erst zeichne ich, dann magst Du beschreiben.
- - will nicht länger Diener
seyn,
ich habe Deine Tirannei satt; Deine Inspiration genügen mir nicht mehr; ich war zu bescheiden; ich will mich emancipiren, will meiner eigenen Nase nachgehn, mein eigener Führer sein! Verstanden! “
O
Himmel!“ rief die Feder aus! – „ so ein Kreidestiftchen will Redner
sein, so ein Stiel mit einem Styl prunken! - Unverständiger Jüngling,
weiß Du was Du beginnst?
Undankbarer und mögen Dir Gummi elasticum und altes Weißbrot gnädig
sein.“ Ueber diese abscheulichen Wortspiele, die er unmöglich von ihr, der Feingeschnittenen, gelernt haben konnte, sondern aus früherer unerlaubter Bekanntschaft mit gewissen leichsinnigen Federn sich bewahrt haben musste, gerieth die arme Feder außer sich und weinte so laut, daß das Federmesser davon erwachte. Das Federmesser, von Amt – und Rechtswegen Beider Vormund, reckte und dehnte sich, klappte sich auseinander, richtete sich auf, stellte sich auf seinen Spalter und sah die Beiden verwundert und zürnend an. Das Federmesser war ein solider Mann, hatte einen glänzenden Jabot und ein spitzes Toupé und trug einen Paletot von Schildpatt mit langer Taille und großen Knöpfen. Man sah ihm an, daß es sich seines Ranges, seines Werthes und seines Einflusses wohl bewusst war. Freilich hatte es im Dienste seines Monarchen, des Malers, nicht bloß die Feder, sondern zu Zeiten auch den Kreidestift corrigiren müssen und durch dessen Hartnäckigkeit am untern Theile seiner Klinge einigen Schaden gelitten, aber es war doch noch immer ein rüstiger Beamter, eine wackere Stütze der Bureaukratie und eine einflussreiche Person.
Im
Gefühl seiner Würde fragte es daher streng: „ Er will mich böslich verlassen!“ – schluchzte die Feder – „ will ohne mich eine Reise von Gott weiß wie vielen Lieferungen antreten; als ob es ihm ohne mich gelingen würde!“
Das
Federmesser runzelte die sonst so glatte Stirn; der Kreidestift ließ
sich aber dadurch nicht einschüchtern und erwiederte: „ Ich brauche Dich
nicht, doch bin ich gar nicht gesinnt, Dich, wie Du sagst, böslich zu
verlassen; Du kannst mich in Apollo’ s Namen begleiten, jedoch unter
gewissen Bedingungen.“
„ Du
gewährst mir volle Freiheit, zu verweilen oder fortzureisen, wo, wie und
wann ich es für gut finde. „ Das darf ich doch auf meine Weise thun?“ „ behüte der Himmel. Ich werde Dir den Inhalt angeben und Du redigirst ihn ganz einfach, ohne fremde Gelehrsamkeit, ohne Citate, ohne überschwängliche Redensarten in gutem, ehrlichem und reinlichem Deutsch.“ „ Nun wohl, ich bin es zufrieden; ich will ja Nichts als Deine treueste Freundin und Rathgeberin sein. Arm in Arm mit Dir, so fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken!“
„
Lieber Engel, nur keine Citate, selbst nicht aus Schiller. „ Recht so, meine Kinder!“ – sprach nun das Federmesser. – Als Eure Ehe beschlossen ward, als unsere Fürstin, die schöne Literatur, Euch ihren Segen gab, da rief sie mit Schiller, den sie vor Allem das Recht hat zu citiren: „ Seid einig! Einig! Einig!“ - Ihr seid es jetzt. Umarmt Euch! Ich wünsche Euch glückliche Reise; ich werde in der Stille Euere glorreiche Rückkehr erwarten; vielleicht bedürft Ihr dann Meiner. Also nochmals glückliche Reise und gute Nacht.“ Und es geschah wie das Federmesser gesagt hatte. Unter dem Geräusch der zärtlichen Umarmung des liebenden Paares schlummerte es ein.
„ Nun
mein Freund – sagte die Phantasie zu dem Maler – bist Du bereit?“ „ Das sind sie, das sind die rechten! – jubelte der Maler – das sind die Könige der Welt; alle Zeitungen huldigen ihnen; alle Leute schenken ihnen Glauben, Bauer und Bürger lassen sich die Zeiten für sie todtschlagen oder schlagen sich um ihrerwillen die Köpfe blutig. Diese drei, sie sollen der Columbus, der Cortez, der Pizarro meiner neuen Welt und zusammen der Atlas derselben seyn. – Frisch an das Werk! Eilen wir, meine getreuen Diener einzuholen.“ Und siehe, am Arm der
Phantasie, von ihr geleitet, vergaß der kleine Maler Hunger und Durst
und durchschritt, ein neuer Mensch, die neugeschaffene Erde. -
Wolff Oscar Ludwig Bernhardt
(Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851 Die Götter kehren wieder. Puff erzählt seine Geschichte und beweist, daß die Welt einen neuen Glauben brauche.
Ich
heiße PUFF: der Name sagt genug. Meine Ahnen sind Engländer, aber ihre
Nachkommen haben sich über die ganze civilisirte Erde verbreitet. Ihr habt mich jung, schön, glänzend, alle Herzen erobernd gesehen; Schmeichler umgaben mich; man spannte die Pferde aus vor meinem Wagen und sich dafür ein. – „ Sel’ ge Zeit, wie schnell bist Du entschwunden!“ Aber reden wir nicht in poetischen Floskeln, reden wir verständlicher. – Poesie gilt nicht mehr, wenn sie nicht politisch ist, und ich bin zu politisch, im politische Poesie zu machen. Das überlasse ich jungen Leuten, die noch nichts sind, aber gern etwas sein möchten, und zwar so wohlfeil wie möglich.
Mein Schmerz ist ein Weltschmerz – denn ich habe keinen ganzen Rock mehr, mein Ellbogen sieht durch den Aermel in das kalte Leben; ich bin europamüde, denn das undankbare Europa bittet mich nicht zu Tische, sondern lässt mich hungern. O, hätte ich nicht meine Reichthümer so mit vollen Händen verstreut; jetzt könnte ich von meinen Einkünften auf dem Lande oder in der Provinz leben, Vereine stiften, Kleinkinderbewahranstalten errichten, Bürgerversammlungen leiten und Collecten für wohlthätige Zwecke machen, bei patriotischen Mahlzeiten den ersten Toast auf den gnädigsten Landesherrn ausbringen und zur rechten Zeit meine Schäfchen scheeren, um in der Wolle zu sitzen.
Jetzt
haben mir alle Leute mein Geheimnis abgesehen, besonders die
Zeitungsschreiber und die Buchhändler.
Aber
Puff stirbt nicht; er verwandelt sich nur. Wohlauf denn, wie
metemphychometamorphosire ich mich? Soll ich Mystiker werden, Homöv –
Hydropath oder Tenor? Diese drei Gewerbe tragen jetzt am Meisten ein.
Ich
werde ein absoluter, unpersönlicher Gott. Eine Theogonie ist ja
Kinderspiel in unserer Zeit; die meinige wird ein Meisterstück sein; sie
soll die heiteren Fictionen des hellenischen mit den unbegreiflichen des
indischen Mythos vermählen. Zeus und Wischnu durchdringen sich. Und der Neu – Gott Puff schuf die beiden anderen Neu – Götter nach seinem Bilde. Er verbot ihnen weder die Pfeife noch den Sackpaletot, ließ ihnen Orden und Bart und auch ihren alten Namen Schwadronarius und Krack, unter denen sie den kellnern, Marqueurs, Bierwirthen und anderen gelehrten Gesellschaften wohlbekannt waren.
Wolff Oscar Ludwig Bernhardt
(Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851 Das Reich der Marionetten
Im Lande der Marionetten ist
das Gliedermännchen König
Die Pirouette
erfordert den ganzen Menschen, vom Hirn bis zur Fußsohle. Die Erklärung dieses Capitels wird sich finden.
„ Wäre ich auf die Erde zurückgefunden?“ rief er erschreckt, die Blicke umherwerfend, aus. Was er gewahre, war auch eben nicht geschaffen ihn zu beruhigen, denn von der Höhe des Observatoriums, das ihm der Zufall angewiesen, erblickte er Straßen, Läden, Müßiggänge, Wagen, Karren, kurz alles, was eine Stadt charakterisirt. Er versuchte nun sich wieder empor zu schwingen, aber sein Ballon hatte einen Riß bekommen und musste erst wieder geflickt werden.
Für’ s
Erste war also Nichts zu thun, als vor Anker zu gehen; er faltete daher
seinen Luftballon zusammen, steckte ihn in die Tasche und stieg durch
ein Mansardenfenster, das zufällig offen stand, in das Haus hinein.
Schwadronarius kam bis zum ersten Stock ohne Jemanden anzutreffen. Er setzte seine Reise bis zu der Loge des Portier fort. Dort sah er einen Mann in einem Lehnstuhl sitzen und einen Glockenzug in der Hand halten.
In
dieser Loge herrschte die bewundernswürdigste Ordnung und die
vollkommenste Unbeweglichkeit. Vor dem Kamine lag eine schlafende Katze,
die nicht einmal mit den Augen zwinkte oder ein haar ihres Felles
regte; brennende Kohlen glänzten auf dem Roste, wärmten aber nicht,
eine Uhr zeigte genau die Stunde, ohne daß sich der Perpendikel auch nur
leise schwang, geschweige denn tickte oder den Zeiger sichtlich
vorwärts trieb. Ungeduldig ging er nach der Hausthür, die einem Drucke seiner Hand nachgab und sich, nachdem sie ihn herausgelassen, hinter ihm sogleich von selbst wieder schloß. Er kam nun auf die Straße, an deren Ende er ein großes hölzernes Gebäude erblickte mit der Inschrift
Dort war aber weder Caffe, noch Controle, noch Garderobe, so daß er ohne Weiteres in einen leeren Saal trat und sich in einer Loge hinsetzte, in der sich niemand befand. Plötzlich brannten siebenzehntausend Gasflammen, wie durch Zauber angezündet. Da sah er in der Loge des Amphitheaters ein Gliedermännchen, das zwei Mal in die Hände klatschte und rief: Angefangen!
Der
Vorhang ging auf, und Schwadonarius sah an den Dekorationen, den
Anzügen, den Soffiten, daß ein ihm bekanntes Ballet „ Die Liebe der
Venus“ gegeben wurde. Schwadonarius that, was Jeder an seiner Stelle gethan haben würde; er ging hinaus, um frische Luft zu schöpfen und Erkundigungen einzuziehen. Als er auf den Markt kam, sah er das Gliedermännchen aus dem Amphitheater, welches die Gläser in einem großen Transparent wechselte; alsbald trat Mondlicht an die Stelle des Sonnenscheins. Zur selben Zeit erblickte der Excapellmeister einen Menschen, der auf ihn zukam, und dessen ganze Beschäftigung darin bestand, seine Lorguette vor die Augen zu halten und sie dann wieder auf die Brust fallen zu lassen. Alle Bewegungen dieses Individuums schienen durch einen inneren Mechanismus geregelt zu werden. „ Hätten Sie wohl die Gewogenheit, mein Herr, mir zu sagen, in welcher Stadt ich mich befinde?“ fragte ihn Schwadonarius sehr höflich. Jener setzte aber seinen Weg fort ohne auch nur die mindeste Notiz von ihm zu nehmen. Unserer reisender fand, daß die Einwohner dieser Stadt noch gewaltig in der Cultur zurück seien, und betrachtete nun die Gegenstände, die ihn umgaben, mit sorgfältiger Aufmerksamkeit. Der Markplatz war mit einem Brunnen geschmückt, aber das Wasser, das aus demselben floß, war von Glas nachgemacht und drehte sich um sich selbst, wie das künstliche Wasser einer Tischuhr mit Federn, die einen Brunnen darstellt. Wagen fuhren vorüber, jedoch nicht weiter als bis zu einer gewissen Stelle, wo sie umkehrten, wieder nach der entgegengesetzten Seite auch bis zu einer gewissen Stelle und so regelmäßig hin und her rollten. Der Herr mit der Lorguette ging in das Theater, Schwadronarius folgte ihm, weil er vermuthete, daß der Zwischenact zu Ende sei.
Dies
Mal fand er alle Plätze besetzt.
Ich ward im Geist entzückt
und sah ein Weib,
Vor jener Bühne unten waren
Sitze
Rings um die Bühne
schwangen sich empor
Kaum
war diese Vision - denn solche musste es sein – vorüber, als
Schwadronarius einen neue Tänzerin auftreten sah. Sie hatte einen Leib
von Fichtenholz, Arme von Steinpappe und Beine von Kork. Der
Zuschauerraum fühlte sich plötzlich mit Bärtigen und Schnurrbärtigen,
welche einstimmig schrieen: Brava! Vivat die Cachucha!
Hätte
ich nur Feuer, meine Cigarre anzuzünden; rauchen ist nachdenken.“ - In
diesem Augenblicke ging Jemand mit einer Laterne vorüber. -
Wolff Oscar Ludwig Bernhardt
(Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851 Die Erde in der Vogelperspektive
Gott! Wie klein ist der
Mensch!
Die
schönsten Verwünschungen des Alterthums halten keinen Vergleich aus mit
der gedankenreichen Anrede, welche Schwadronarius’ Munde entströmte,
als er die Erde verließ. Die Schnelligkeit seines Aufsteigens fand nur in der Schnelligkeit seiner Worte einen würdigen Nebenbuhler. Die Gegenstände, welche seine Blicke trafen, dienten allein dazu, die Fluth seiner lyrischen Improvisationen zu vermehren. Ueber einer Reitbahn ließ er den Ballon anhalten, aber nicht um den Raum, den er durchschnitten, zu messen, sondern nur um gegen die Menschen im Allgemeinen und die Kunstreiter im Besonderen neue Redensarten zu schleudern. „ Das sind Menschen, die ihr Leben damit verbringen, Wendungen und Verrenkungen auf der Kruppe eines Pferdes zu machen; Frauen, die ihren Ruhm darin suchen, durch einen mit Oelpapier beklebten Reif zu springen und in fleischfarbenem Tricot und flatternden kurzen Gewändern ihre Künste hoch zu Roß zu produciren, Alles nach den Worten: Hopp! Hupp! Hupp! Oder Hopp! Hopp! Hopp! Mit Begleitung von türkischer Musik.“ Kaum war er damit fertig, so trieb ein Windstoß seinen Ballon nach der linken Seite und Schwadronarius schwebte jetzt über der Terrasse eines Gartens, dessen Beschreibung sehr viele, mehr oder minder interessante Romane enthalten. Ein Jüngling und eine Jungfrau plauderten mit einander auf dieser Terrasse sehr leise, dicht an einander sich drängend. Unten schlich ein Mann, Vater, Oheim oder Vormund vorsichtig auf dem Fußsteige längs der Gartenmauer näher.
Schwadronarius
lächelte über die vergeblichen Anstrengungen, die er ihn machen sah, um
sie zu überraschen, als er plötzlich gerade in dem Augenblicke, wo die
Jungfrau dem Jüngling den Scheidekuß zu geben im Begriff stand, in der
Ersteren sein Bäschen Gertrude erkannte, für die er die zärtlichsten
Liebeslieder in Musik gesetzt und ihr gewidmet hatte. Da
begriff er zum ersten Mal, daß ein Gott lieben und leiden könne, wie ein
gemeiner Schäfer.
Unserm
göttlichen Aeronauten bot sich, als er so hoch über den Straßen, den
Häusern und Vorstädten dahinschwebte, noch manches Schauspiel zwar
umsonst, aber nicht eben ergetzlich dar.
“
Unglückliche Kinder! Unglückliche Hunde!“ rief er; „ dazu verwendet der
Mensch Eure Jugend, Eure Anmuth, Eure Frische! Unschuld, Alter, Hunde,
Alles macht er seinem Vergnügen dienstbar.
- Der
Mensch“ - pfiff die Amsel – ist ein plattes Wesen. Er verabscheut uns
und beneidet uns sein ganzes Leben hindurch um die Fähigkeiten zu
fliegen.
Schwadronarius
that nun dieselbe Frage einem Kranich.
Eine
Lerche sang ihm auf dieselbe Frage folgende Antwort:
Nachdem
er diesen Gedanken in sein Album geschrieben, beschloß er ihn dem
ersten Zugvogel mitzutheilen, der ihm begegnen würde. Schwadronarius schwebte gerade über Paris und gewahrte tief unten auf dem Bendomeplatze die Napoleonsäule. „ Ich sehe - fuhr er fort – „ dieses großartige Denkmal menschlichen Ruhmes. Kutscher und Wasserträger, Herzoginnen und Höferinnen, vornehme Herren und gemeines Volk, kurz alle Welt umkreist das Monument; zwischen der hundert Fuß hohen Säule und den Menschen sehe ich keinen Unterschied; sie scheinen mir sämtlich gleich hoch zu sein.“
Von dem
Gesichtspunkte aus, auf dem ich mich befinde, ist der Ruhm gleich dem
Nichts.“
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Autor: / Wolff Oscar Ludwig Bernhardt (Pseudonym Plinius der Jüngere) 1799 – 1851
Bildnachweis: / Bildnachweis - Grandoille Jean Ignace Isidore Gérard 1803 - 1847
Illustration zum Buch Eine andere Welt
Von Wolff Oskar Ludwig Bernardt
(1799 - 1851)